Andreas Unterweger

Goldene Nordwest-Mitte (Stanglpass 11)

Posted in Stanglpass by andreasundschnurrendemia on 17. Juli 2009

Seit der WM 2006 habe ich die Ehre, Österreich-Korrespondent der Münchner Fachzeitschrift „Der tödliche Pass. Magazin zur näheren Betrachtung des Fußballspiels“ zu sein. Meine Kolumne betrachtet den österreichischen Fußball und heißt deshalb auch „Der Stanglpass“ (der ja, im Gegensatz zum deutschen „tödlichen Pass“, nicht zwangsläufig zum Tor führt …).
Unten stehend, als kleine Werbemaßnahme, der aktuelle Stanglpass aus dem Heft 53. Allen, die wissen wollen, was sich auch außerhalb von Grafenwörth fußballmäßig wirklich abspielt, empfehle ich, die Fachzeitschrift „Der tödliche Pass“ auf der Stelle zu ABONNIEREN!!!

Die Wahrheit liegt in der 1. Klasse Nordwest-Mitte
Fünf Erkenntnisse

Der Stanglpass
zugespielt von Andreas Unterweger aus Grafenwörth (Österreich)

Der Sportplatz liegt am südlichen Ende von Grafenwörth. Danach kommt nicht mehr viel: ein Erdwall, Teil des Hochwasserschutzes Tullnerfeld Nord, dahinter der Auwald, durch den die Flüsse Krems und Kamp fließen, ein altes Forsthaus, ein paar Biberburgen, dann das Ende der Welt: die Donau.
Vor ein und halb Jahren bin ich von Graz hierher, in die Donauauen zwischen Krems und Tulln, gezogen. Zwar hatte meine Übersiedlung aufs Land nichts mit Fußball zu tun (nein, sie war keine Reaktion auf den kurz davor erfolgten Zwangsabstieg des insolventen Grazer AK in die Regionalliga!); natürlich aber wirkte sie sich, zumal ich seitdem auch ohne Fernseher lebe, gehörig auf Quantität und Qualität meiner Wahrnehmung von Fußball aus.
Das 2:1 Österreichs gegen Rumänien, erstes Spiel des Teams unter dem neuen Trainer Didi Constantini, verfolgte etwa ich „nur“ im Radio, dass Red Bull Salzburg österreichischer Meister geworden ist, erfuhr ich aus der Zeitung, aufregendere Dinge als die österreichische Bundesliga (Champions League oder Regionalliga Mitte: da spielt jetzt der GAK …) beobachte ich, wenn möglich über Live-Ticker, im Internet.
Wie auch immer: bis vor einer Woche erschien mir Fußball als etwas, das von meinem Leben hier genau so weit entfernt ist wie etwa die Piratenangriffe vor dem Somalischen Horn, die ich auch nur vom Hörensagen kenne. Wäre ich nicht Österreich-Korrespondent der internationalen Fachzeitschrift Der tödliche Pass, ich wäre wohl kaum auf die Idee gekommen, mir ein Spiel des hiesigen Vereins anzusehen. Und hätte ich letzten Samstagabend nicht auf dem Grafenwörther Sportplatz, beim Match USC Grafenwörth gegen USV Kühnring verbracht, ich hätte es wohl nie bemerkt: so nah wie hier war ich dem Fußball, dem wahren Fußball, noch nie!

USC Grafenwörth gegen USV Kühnring, 16.05.2009

Nach einer durchwachsenen Saison, überschattet vom Tod des Trainers Jiri Bures bei einem Verkehrsunfall Anfang November, liegt der Union Sport-Club der 3.000 Einwohner zählenden Marktgemeinde Grafenwörth derzeit am letzten Tabellenplatz der 1. Klasse Nordwest-Mitte (das ist die siebenthöchste, andersrum ausgedrückt: die vorvorletzte Spielklasse im österreichischen Fußball). Vier Runden vor Schluss zählt im Kampf gegen den Abstieg jeder Punkt, jedes Tor: Konkurrent Mautern hält auch bei 16 Punkten aus 22 Spielen, hat allerdings die um vier Tore bessere Tordifferenz (minus 17). Mit dem USV Kühnring hat der USCG einen starken Gegner zu Gast: die Mannschaft aus dem 400 Seelen-Dorf im Waldviertel ist Fünfte (von 14), liegt somit kurz vor Saisonende in jener komfortablen Tabellenzone, in der es um nicht mehr viel geht.
So weit die nackten Zahlen, die sich problemlos im Internet recherchieren lassen. Die folgenden Erkenntnisse (sofern es Erkenntnisse sind: für mich, Passivfußballer und ehemaliger Dauerkartenbesitzer bei einem Großstadt-Bundesligaklub, waren sie jedenfalls bahnbrechend …) wurden jedoch vor Ort gewonnen – am Rande des Auwalds, auf dem Sportplatz von Grafenwörth …

Erste Erkenntnis: Fußball muss nicht teuer sein.
Die erste Erkenntnis auf dem Sportplatz ist – die wirtschaftliche Dauerkrise des Schriftstellerlebens schult den Blick für so was – ebenso trivial wie erfreulich: Fußball ist gar nicht so kostspielig, wie ich es von meinen Besuchen in der Grazer UPC-Arena (vormals: Arnold Schwarzenegger-Stadion) in Erinnerung habe.
Die Eintrittskarte macht drei Euro fünfzig, der weiße Spritzer, den ich mir in der Pause genehmige, einen Euro. Mein Ausflug auf den Sportplatz kostet mich, der ich überdies mit dem Fahrrad, nicht mit dem Auto, gekommen bin, insgesamt also nicht mehr als vier Euro fünfzig – wenn ich mich recht erinnere, war das in etwa der Preis (samt Becher-Pfand) für ein großes Bier oder eine Cola im Grazer Stadion.

Zweite Erkenntnis: Ich bin der zwölfte Mann!
Zwar war ich als Zuseher im Grazer Stadion, vor dem Fernseher, ja, sogar vor dem Live-Ticker, theoretisch betrachtet immer Teil des Spiels – doch was Teil-des-Spiels-Sein bedeuten kann, wusste ich nicht bis zu jenem Abend auf dem Grafenwörther Sportplatz, wo ich, auf meinem Stehplatz am Spielfeldrand, nur durch die Bande von den heftigen Zweikämpfen der Flügelspieler getrennt bin. Die Aufmerksamkeit ist einfach eine ganz andere, wenn man jeden Augenblick damit rechnen muss, einen Pressball auf sich zudonnern zu sehen!
Dass das Publikum tatsächlich auch aktiv zum Spiel beiträgt, zeigt sich dann in den hektischen Schlussminuten. Während die gegnerische Verteidigung die (nur in begrenzter Anzahl vorhandenen) Bälle keineswegs blindlings weg-, sondern zielgenau Richtung Auwalddickicht drischt, liegt es allein an den Grafenwörther Fans, diese (bzw. den Spielfluss ihrer Mannschaft) so rasch wie möglich zurückzubringen.
So gesehen ist der zwölfte Mann keine Legende, keine Metapher, keine leere Phrase aus dem Sportjournalistenjargon. Der zwölfte Mann ist der Mann da drüben, der den Ball holen gelaufen ist – der zwölfte Mann, das bin ich!

Dritte Erkenntnis: Fußball ist ein Sprachspiel.
Wie jedes Spiel ist Fußball ein „Sprachspiel“ im Wittgenstein´schen Sinn – wie wichtig die verbale Kommunikation auf dem Platz aber tatsächlich ist, weiß ich erst seit letztem Samstag. Nach den ersten Minuten am Spielfeldrand hatte ich sogar den Eindruck, die Worte, die zwischen den Spielern gewechselt werden, seien das eigentliche „Spielgerät“, nicht der Ball.
Dass mir das volle Ausmaß der Bedeutung des Sprechens beim Kicken bis dato nicht bewusst war, mag daran liegen, dass man – unter dem Stadiondach oder vor dem Bildschirm sitzend – die Kommunikation, die zwischen den Spielern da unten vonstatten geht, kaum mitbekommt. Außerdem schieben sich da noch die (allzu oft entbehrlichen) Kommentare der Sitznachbarn oder des Fernsehmoderators dazwischen.
Es ist aber auch möglich, dass just bei meinem USCG (schon nach ein paar Minuten ist es „meiner“!) außerordentlich viel gesprochen (bzw. geschrien) wird. Hauptredner der Mannschaft ist die Nummer 10, der im Winter als Verstärkung geholte Sergülen Aslan. Während Trainer Uwe Fallmann stoisch schweigt, kommentiert Regisseur Aslan nahezu jede Aktion, gibt Anweisungen, spendet Lob, Kritik, muntert auf – und das, wie mir scheint, in mehreren Sprachen.
Für einen sprachfixierten Menschen wie mich ist dieser direkt aus dem Spiel emergierende „Primärtext“ eine einzige Freude – andere sehen das vielleicht nicht so. In der zweiten Hälfte, als die Nerven bereits blank liegen, knurrt etwa meine ansonsten sehr stille Stehnachbarin plötzlich Richtung Libero: „Jetz red ned imma so gscheid – tua was!“

Vierte Erkenntnis: Fußball ist uuuuur spannend!
Vielleicht habe ich es in den letzten Monaten, allein mit dem Live-Ticker, vergessen – aber: Fußball ist ein unglaublich spannendes Spiel!
Anfangs verläuft alles noch in recht ruhigen Bahnen. Goalgetter Patrick „Pazi“ Fischer bringt den USC Grafenwörth in der 22. Minute mit seinem vierzehnten Saisontreffer in Front. Der USCG hat in der ersten Halbzeit leichte Vorteile: sein kampfbetont interpretiertes 3-4-3-System hält die technisch versierteren Einzelspieler vom USV Kühnring in Schach.
Doch in der zweiten Hälfte legen die Kühnringer einen Gang zu. Angetrieben vom ebenso überragenden wie -gewichtigen Spielmacher Jürgen Schönweis, der sicherlich auf den Spitznamen „Waldviertel-Maradonna“ hört, spielen sie eine Chance nach der anderen heraus. In der 60. Minute ist es schließlich so weit: nach Vorarbeit von Schönweis erzielt Stefan Attorf das 1:1. Danach drängt Kühnring auf die Entscheidung: in der 63. Minute rettet Grafenwörth auf der Linie, in der 64. und 65. Minute wird Tormann Wolfgang Rieger vom Waldviertel-Maradonna schwer geprüft.
Mit Glück und Kampfgeist übersteht der USCG diese Drangperiode ohne weiteren Gegentreffer – und setzt postwendend selbst zum Sturmlauf an. Erst knallt ein Kopfball Fischers an die Latte (69.), dann rettet Kühnring-Tormann Skalnik (72.), schlägt ein Verteidiger den Ball in höchster Not auf der Linie weg (82.). Überhaupt sieht es in dieser Phase ganz so aus, als sei Ballwegschlagen das einzig verbliebene Mittel der in den Seilen hängenden Waldviertler (s. o.). Grafenwörth hingegen wirft alles nach vorne: Aslan rückt ins offensive Mittelfeld, Kapitän Peter Leitenhuber übernimmt dessen Liberoposten.
Ausgerechnet diese eine taktische Verschiebung wird den Grafenwörthern bald darauf zum Verhängnis: in der 91. Minute, kurz nachdem der USCG einen weiteren Stangenschuss verzeichnen konnte, bleiben Aslan und Leitenhuber unmittelbar nacheinander bei Dribbelversuchen im dichten gegnerischen Abwehrriegel hängen. Damit ist der Weg zum Konter völlig frei: Schönweis leitet ihn ein und Harald Zechmeister erzielt das überraschende (und wirklich unverdiente!) 2:1.
Der Frust ist … übermenschlich. Ein Grafenwörther Spieler tritt brüllend gegen die Torstange („Glück hamma auch keins!“), ein anderer bricht schluchzend an der Outlinie zusammen, die Zuseher murren, ich nehme erstmals die Gelsenschwaden wahr, die aus den nahen Ausümpfen aufgestiegen sind …
Während ich wütend auf die Mücken einschlage, die es sich bereits auf mir gemütlich gemacht haben, bemerke ich aus den Augenwinkeln, dass ein paar meiner gelb-blauen Grafenwörther (darunter der Tormann!) mit letzter Kraft, im Zuge der letzten Aktion, in den gegnerischen Strafraum taumeln. Plötzlich kommt einer zu Fall, und Schiedsrichter Jürgen Becker, der bei einer ähnlichen Szene in der 88. Minute noch auf „Schwalbe“ entschieden hat, pfeift: Elfmeter!
Die Mücken verschwinden wieder, der Grafenwörther erhebt sich wieder, und ohne ein einziges Wort legt Sergülen Aslan den Ball auf den Elfmeterpunkt, tritt an und – lüpft ihn lässig über den Tormann hinweg ins Tor …

Fünfte Erkenntnis: So wunderschön kann Fußball sein!!!

3 Antworten

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  1. Laube said, on 17. Juli 2009 at 11:28 pm

    Ein wahrlich packender Bericht! Ole!

    • andreasundschnurrendemia said, on 21. Juli 2009 at 1:28 pm

      Danke. Im Übrigen hat sich der USC Grafenwörth, u.a. mit einem Auswärtsremis gegen Meister Rehberg in der letzten Runde, auf den 12., sprich: vorvorletzten Platz vorgeschoben und damit, dank Torverhältnis, den Abstieg verhindert – olé!

  2. […] (Weitere Stanglpässe: Weil einen sonst keiner fragt [10/09], Goldene Nordwest-Mitte [07/09]) […]


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