Andreas Unterweger

Die WM von Maria (Stanglpass 15)

Posted in Stanglpass by andreasundschnurrendemia on 18. August 2010

(Aus Heft 57 der Fußballfachzeitschrift Der tödliche Pass)

Für mich war es weder die WM von Iniesta noch die von Schweinsteiger, sondern die von Maria – und damit meine ich natürlich nicht: Di María, den wackeren argentinischen Flügelspieler, der das Waterloo der Seinen auch nicht verhindern konnte, sondern: die Maria, die meine Frau rund einen Monat vor dem Eröffnungsspiel zur Welt gebracht hat – sprich: unsere liebe kleine Tochter. Wie auch schon anderen Sportereignissen, denen Maria kurz nach ihrer Geburt via ihres Papas Aufregung beiwohnen durfte, hat sie auch der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika ihren Stempel aufgedrückt.

Woran sich das erkennen lässt? Nun, sagen wir so: Seitdem Maria da ist, gewinnt immer das Gute. Es gewinnt zwar nicht überlegen, es gewinnt nicht jedes einzelne Spiel, und oft sieht es schon so aus, als ob alles, einmal mehr, tragisch enden würde (wie die WM 2006 oder die Champions League 2009/2010 …) – aber, und das ist tatsächlich ganz neu, am Ende, wenn man schon fast alle Hoffnung fahren lassen hat, geht es dann doch noch gut aus.

Marias Einfluss zeigte sich bei der Schach-WM in Sofia (Viswanathan Anand holt sich in der letzten Partie auf ebenso glückliche wie spektakuläre Art und Weise den Sieg), er zeigte sich im Viertelfinale von Roland Garros (Jürgen Melzer dreht einen Zweisatzrückstand gegen Novak Djokovic und zieht ins Semifinale ein), und er beendete den schon viel zu lange währenden finanziellen Leidensweg des Grazer AK: nach dem dritten Zwangsausgleich in vier Jahren ist der Klub – dank des Engagements von Ex-Präsident Rudi Roth – nun einigermaßen saniert und kann sich auf die Zukunft (Aufstieg aus der Regionalliga) konzentrieren.

Bei der Fußball-WM aber verhielt sich Maria ähnlich wie der große Zinédine Zidane 1998. Über weite Strecken des Turniers unauffällig bzw. nicht gar nicht dabei, zeigte sie erst im Finale (beim Vereiteln mehrerer Robben´scher Großchancen und in der 116. Minute …), wozu sie fähig ist. Der tödliche Pass traf sie zum Exklusivinterview – auf dem Wickeltisch:

TP       Maria, du wurdest im Laufe des WM-Turniers oft erst kurz vor Schluss, und dann nur gemeinsam mit deinem schon etwas langsamen Papa, der es meist einfach nicht früher geschafft hat, sich zum Computer (ORF-Live-Stream) zu setzen, eingewechselt. Dennoch: Wie beurteilst du die spielerische Qualität dieser WM?

M        (runzelt die Stirn, gähnt, dann:) Buh!

TP       Das sehe ich ähnlich. Im Finale aber warst Du – mit Papa und Mama! – von Anfang an dabei. Was sagst du zu der – angeblich taktisch brillanten – Spielweise der Niederländer?

M        (strampelt mit den Beinen, fuchtelt mit den Armen, tritt ihrem Papa gegen die Brust)

TP       Ja, das meine ich. Wie findest du diese Art zu spielen?

M        (strampelt noch etwas, schielt und schnauft, wird ruhiger – aus ihrem [glücklicherweise noch verpackten] Windelpopo dringt ein gurgelndes Geräusch …)

TP       Du hast Recht, anders kann man es nicht sagen. Ich bin ganz deiner Meinung. Und deine Mama, für die das WM-Finale (wie sicherlich für viele andere) das erste Fußballspiel seit Langem bedeutete, war regelrecht entsetzt. Diese Spielweise war keine Werbung für den Fußball, des Anlasses nicht würdig und eine Schande für eine so traditionsreiche Fußballnation … Umso mehr haben wir – deine Mama und ich, du hast ja (zu Recht!) ab der fünfzehnten Minute geschlafen – uns über Iniestas Tor in der Verlängerung gefreut. – Und wie fühlst du dich mit Spanien als Weltmeister?

M        (lächelt) Heureux[1]

TP       Ganz der Papa! Danke für das Gespräch.


[1] Sprich: „öröh“, französisch für „glücklich“. Meine Tochter ist offenbar ausgesprochen frankophil – jedenfalls zählt „heureux“ zu ihren Lieblingswörtern. (Obwohl es korrekterweise ja „heureuSE“ heißen müsste. Aber was soll´s, für die grammatikalischen Feinheiten hat sie ja noch etwas Zeit …)

Foto: Reinfried Blaha

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Eine Antwort

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  1. Franz (= auch Papa) said, on 19. September 2010 at 1:24 am

    ich find den bussiturm voll liiiieb 🙂
    bussi, franz


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