Andreas Unterweger

Als das Wünschen noch geholfen hat

Posted in Grazer Glossen by andreasundschnurrendemia on 22. August 2010

Vorvorgestern auf der ORF-Hör- und Seebühne, heute in G7, dem Stadtmagazin der Kleinen Zeitung, und ein Leben lang aktuell:

ALS DAS WÜNSCHEN NOCH GEHOLFEN HAT

Meinem Opapa (1922 – 1994)

Lange Zeit dachte ich, das Leben sei SO. Da ich aber damals, als ich so dachte, in Graz gelebt habe, besteht Grund zu der Annahme, dass nicht das Leben im Allgemeinen, sondern nur das in Graz SO ist – wodurch das SO-Sein des Lebens glatt zum Thema für diese Kolumne wird… „Wie SO?“, fragen Sie jetzt vielleicht, „WIE ist das Leben denn?“ Nun, ich bitte um etwas Geduld: Wie die meisten Versuche, diese Frage zu beantworten, ist auch dieser hier eine Erzählung, keine Erklärung.

1

1983 zählte ich zu den Gewinnern eines Malwettbewerbs, den ein Grazer Kaufhaus ausgeschrieben hatte. Man sollte seinen größten Wunsch abbilden; als Belohnung winkte die Erfüllung desselben. Natürlich hatte ich weder Weltfrieden noch Literaturnobelpreis gezeichnet, sondern – mit fünf war ich noch Pragmatiker – ein Spielzeug-Piratenschiff. An meinem Schiff war alles dran: Segel, Totenkopfflagge, Kanonen – und noch heute, wenn ich vor dem Bild stehe (es hängt in der Privatgalerie meiner Omama), frage ich mich, wie um alles in der Welt man das dargestellte Objekt denn NICHT für ein Piratenschiff halten kann… Fakt ist: Mein Opapa, der den Gewinn abholen ging, brachte ein Raumschiff mit nach Hause.

2

Was mit dem Zeichnen nicht klappte, mochte mit dem Schreiben gelingen. Einer meiner ersten literarischen Versuche – Titel: „Brief an das Christkind“ – begann mit der krakeligen Evokation: „PIRATENSCHIFF!“ Man könnte meinen, eine so schlichte Wunschäußerung lasse keinerlei Deutungen zu. Aber entweder das Christkind litt an Leseschwäche oder, das war schon damals mein Verdacht, es hatte meinen Opapa mit der Besorgung beauftragt. Fakt ist: Als ich das Päckchen unter dem Christbaum öffnete, befand sich darin: das Modell eines Fischkutters.

3

Bald darauf war ich selbst ein Pirat – in meinen Träumen: Ich träumte davon, mit den „BMX-Piraten“ zu segeln, einigen älteren Buben, die mit ihren tolldreisten Manövern den Volksgarten-Spielplatz in Atem hielten – um dazuzugehören, fehlte mir aber das passende Schiff, äh, Fahrrad. Dem Osterhasen war das wohl zu Ohren gekommen, denn als ich den großelterlichen Garten nach Eiern absuchte, stand ich plötzlich vor – ich konnte es nicht fassen – wuchtigen gelben Reifen – einem silbernen Rahmen – kantigen Pedalen – und: was, nur einer Bremse?! Fakt ist: Ich besaß nun zwar das heiß ersehnte BMX, allerdings eines, das den Piratenappeal eines Dreiradlers versprühte – es war MIT RÜCKTRITT… („Das ist sicherer“, so Opapa.)

Fassen wir zusammen:

Statt Seeschlacht, Plünderung und Geiselnahme spielte der Fünfjährige, der ich war, Heringfang und Mondlandung. Und statt mit quietschenden Reifen Kleinkinder zu erschrecken, rollte er weiterhin neben seinem Opapa durch den Volksgarten, stellte ihm tausend Fragen und hörte aufmerksam zu.

Anders ausgedrückt: Statt karibischer Outlaws und frühpubertärer Parkrowdys waren meine ersten Role Models: heroische Raumfahrer, Helden der Arbeit und ein geduldiger, besonnener, weiser und sehr, sehr lieber alter Mann.

Oder sagen wir SO: Statt dem, was ich mir gewünscht hatte, bescherte mir Graz eine glückliche Kindheit.

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2 Antworten

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  1. Martina Jung said, on 2. September 2010 at 5:11 pm

    Einfach genial! 🙂
    Humorvoll, weise, berührend. Kurz: Alles, was eine Geschichte braucht …

    Erinnert mich an mein Playmobil-Piratenschiff, das ich in einem Anfall von „Kindheitsverleugnung“ verschenkt habe 😦

    • andreasundschnurrendemia said, on 21. September 2010 at 4:05 pm

      Danke Martina! 🙂
      Ich wünschte, Du hättest Dein Piratenschiff mir geschenkt … 😦


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