Andreas Unterweger

So regen wir die Ruder…

Posted in Grazer Glossen by andreasundschnurrendemia on 5. Oktober 2010

Vorgestern in G7, dem Grazer Stadtmagazin der Kleinen Zeitung, aber auch übermorgen noch aktuell:

SO REGEN WIR DIE RUDER …

 Meine erste Erinnerung ist ein Traum. Ich stehe auf dem Balkon unserer Wohnung in der Körösistraße, drei Stockwerke plus drei Käse hoch über dem Murkai, dessen Bäume im Wind rauschen, und mein Kuschelbär „Petzi“ ist, ich weiß nicht wie, oben hin auf den Handlauf des Balkongeländers geraten – von wo er jeden Moment abzustürzen droht – wenn ich ihn nicht rette.
Dass ich den Bären mit der Hand erreichen kann, ist wohl nur im Traum möglich. Nur im Traum (und im Mythos) aber führt auch jener Sadismus Regie, der mich das Stofftier zwar berühren, aber nicht und nicht zu fassen kriegen lässt. Wie Tantalos, dem die köstlichsten Früchte auf ewig unerreichbar vor der Nase hängen, strecke ich mich vergebens. Und da Petzi jedes Mal, wenn er mir entgleitet, ein Stückchen weiter rutscht, findet er sich bald schon jenseits des Geländers – gehalten nur noch von den Wäscheleinen, die vor den Balkon gespannt sind.
Mittlerweile hänge aber auch ich, der ich Petzi nachgeklettert bin, halb über dem Abgrund. Die Füße baumeln in der Luft, im Bauch spüre ich den Handlauf, in der linken Hand eine zum Zerreißen gespannte Wäscheleine – während die rechte immer weiter nach vorne greift…
Dann: unser Absturz. Der freie Fall (diese wilde Freude: wie eine Möwe, der aufs Meer hinab stößt!), gefolgt vom Aufprall, der, so hart er ist, den Flug davor nicht überschatten kann… Und außerdem: uns passiert nichts. Petzi bleibt zwar, offensichtlich benommen (doch nicht benommener als üblich…), liegen – ich aber stehe gleich wieder auf, nehme den Bären (problemlos!) an mich, gehe ins Haus hinein und hinauf in die Wohnung, raus auf den Küchenbalkon, wo Petzi plötzlich oben auf dem Geländer liegt – und das Spiel dieses Traums von Neuem beginnt…
„Eine Endlosschleife“, hatte ich bis vor Kurzem gedacht, „aus der ich irgendwann wieder erwacht bin“ – doch erst jetzt, beim Schreiben dieser Zeilen (genau hier, an dieser Stelle, an der ich, ratlos, wie es weitergehen solle, vom Laptop auf- und um mich geblickt habe), wurde mir klar, dass das nicht zwangsläufig der Fall ist. Denn: was ich sehe, ähnelt der Kulisse meines Traums auf geradezu unheimliche Weise!
300 Kilometer und 30 Jahre von jenem Balkon entfernt, rauschen vor dem Küchen(!)fenster, an dem ich sitze, auch die Bäume, liegt dahinter auch ein Fluss, steht da auch, nein, immer noch die große Tanne (in Graz längst gefällt), und selbst Freund Petzi ist da: braun-kuschelig wie eh und je und mit denselben gelben Augen, nur dass er heute schnurrt statt brummt und „Mia“ heißt – wobei ich ihn meist ohnehin nur „Schatzbär“ nenne (oder auch „Nervbär“, je nach Laune).
Und jetzt fällt mir auch auf, dass tatsächlich alle Orte, an denen ich jemals gewohnt habe (wo auch immer das war: in Lend, Wien, Frankreich…), meinem allerersten Zuhause, der Wohnung in der Grazer Körösistraße, in bestimmter Hinsicht sehr ähnlich waren. Meist lagen sie an einem Fluss, oft etwas erhöht, und überall rauschten draußen, vor dem Fenster, die Bäume…

„So regen wir die Ruder, stemmen uns gegen den Strom – und treiben doch stetig zurück, dem Vergangenen zu.“ (F. Scott Fitzgerald)

 

(In G7 erscheinen die Texte der Kolumne „Exit Graz“, die hier „Grazer Glossen“ genannt werden, mit schönen Illustrationen von Anna Maria Jung. Mangels eigenen zeichnerischen Talents behilft sich der Webmaster dieser Homepage neuerdings mit Fotos, die der Autor, leider beileibe kein Fotokünstler, selbst geschossen hat. Dies gilt übrigens auch für die älteren Grazer Glossen.   

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. andreasundschnurrendemia said, on 1. November 2015 at 10:27 pm

    „Eine solche das Früheste wiederherstellende Aufenthaltswahl, dieses Sichbergen im Ältest-Abgelebten, der Kindheit, oder wenigstens ihren äußeren Umständen, mag von Anhänglichkeit zeugen, sagt aber doch Beklemmendes aus über eines Mannes Seelenleben.“
    Usw.
    Thomas Mann


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.