Andreas Unterweger

Der letzte Dichter

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 18. März 2011

Heute (18.03. – St. Wolfi´s Day?) wäre Wolfgang Bauer 70 Jahre alt geworden.
Aus diesem Anlass habe ich im Auftrag der Kleinen Zeitung folgenden Text geschrieben (dort erschienen am 14.03.):

DER LETZTE DICHTER

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Als ich siebzehn war, waren alle Dichter schon tot. Für Rimbaud, Trakl oder Brinkmann ohnehin zu spät geboren, hatte ich es (knapp, aber doch) auch verpasst, Charles Bukowski und Kurt Cobain zu ihren Lebzeiten wahrzunehmen. Der einzige, der noch die Stellung hielt – und das in meiner allernächsten Nähe (zu der ich, mit siebzehn, freilich ein eher distanziertes Verhältnis hatte …) – war Wolfgang Bauer.

An manchen Morgen sah ich ihn, ein paar Schritte voraus, über den Tummelplatz trotten. Mein Weg führte in die Schule, seiner nach Hause, nach Singapur oder noch weiter. Der traumverlorene Gang und das zerzauste, nach Eigendefinition wie „verbogene Antennen“ hochstehende Haar ließen „Wolfi Bauer“, wie ihn alle Welt nannte, in der putzmunteren, glatt frisierten Stimmung eines Grazer Innenstadtmorgens geradezu außerirdisch fremd erscheinen – wie eines jener „grünen Männchen“, die durch manche seiner Stücke geistern.

Auch wenn ich von diesen damals noch nicht viel mehr mitbekommen hatte, als dass sie irgendwie „cool“ waren – dem unheilbar an Pubertät erkrankten Kind, das ich war, schien allein schon das Auftreten ihres Autors nobelpreiswürdig. Verbürgte mir doch Bauers bloßes Da-Sein, dass es so etwas wie „Dichter“, und damit: die Dichtung (sprich: das richtige Leben), nicht nur in den Büchern der Toten, sondern auch in Wirklichkeit gab.

2

Ein paar Jahre später erst wurde mir klar, dass Wolfgang Bauer nicht nur äußerlich meiner Vorstellung eines großen Dichters entsprach, sondern auch die entsprechenden Texte schrieb. Von Anfang an begeisterten mich v. a. einige seiner weniger bekannten Arbeiten: die beiden Gedichtbände, die Kurzprosa, Stücke wie Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir?, Das kurze Leben der Schneewolken oder Skizzenbuch.

Heute habe ich den Eindruck, dass Bauer – abgesehen von Magic Afternoon, mit dem er, womöglich aus einem Missverständnis heraus, den Zeitgeist der späten 60er genau getroffen hat – mit vielen seiner zahllosen Ideen „zu früh“ dran war. So nehmen etwa die absichtlich schlecht (!) geschriebenen Gedichte des Bands Das stille Schilf jenen Humor, der später durch Leute wie Helge Schneider oder Stermann und Grissemann populär wurde, (besser – nein: schlechter!) vorweg.

Und ihrer Zeit voraus waren wohl auch Bauers ab Mitte der 70er entstandene „Traumtheater“-Stücke. Einem konsequenteren Realismusbegriff als dem landläufigen verpflichtet, bringen diese die innere Wirklichkeit ihrer Hauptfiguren auf die Bühne: Sie zeigen ein und dasselbe Szenario aus dem doppelten Blickwinkel des Schizophrenen, bestehen aus den Erinnerungsfetzen eines Sterbenden, stellen ihren eigenen Entstehungsprozess im Kopf eines gewissen „Wolfi Bauer“ dar …

Leider wurden diese Meisterleistungen des dramatischen Schreibens bis heute nicht gebührend gewürdigt. Während die auf ähnlichen Plots und Verfahrensweisen basierenden Filme eines David Lynch oder Charly Kaufman ein Millionenpublikum erreichen, sind Bauers Stücke nicht einmal auf den österreichischen Bühnen zu sehen.

3

Dass Wolfgang Bauer gestorben war, erfuhr ich in Frombork, an der polnischen Ostsee. Die Notizen, die ich mir an jenem Morgen machte, sind geprägt von ungläubigem Staunen. Dem Tod, gerade wenn er in weiter Ferne eintritt, haftet ja immer etwas Unwirkliches an – wie oft ertappe ich mich bei dem Gedanken, dass es ihn gar nicht gibt …

Doch in die Bestürzung über den Verlust des lieben Bekannten (so ließe sich mein persönliches Verhältnis zu dem Dichter, über dessen Arbeit ich mittlerweile germanistische Texte verfasst hatte, umreißen), mischte sich noch etwas anderes – etwas, das mich dazu drängte, ausgerechnet die Tatsache, dass es mir die Sprache verschlagen hatte, in Worte zu fassen.

„Ich sitze“, so und so ähnlich notierte ich also, „hier ganz allein mit meinem Schreibblock – und kann über nichts anderes schreiben, als dass ich hier mit meinem Schreibblock sitze, ganz allein“ …

Aus dieser Verlorenheit heraus schrieb ich ein paar Tage später meine erste eigene Erzählung.

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Du bist mein Meer – neues Video!

Posted in Du bist mein Meer, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 17. März 2011

Nachtrag zum Termin: 13.03.2011, ab 10:00, „Neue Texte“, Lesefest bei den Minoriten: 11:00: Andreas Unterweger liest aus „Du bist mein Meer. Novelle (in 3 x 77 Bildern)“ (Vorstellung durch Erika Kronabitter). 12:00: Lesung Gertrude Grossegger, 13:00: Lesung Friederike Schwab (Vorstellung jeweils durch Andreas Unterweger). U. v. a. m. Mariahilferplatz 3, 8010 Graz.

Wieder ein Video, wieder dankenswerter vom engagierten Jungregisseur voiceinspiration alias Edwin Rainer zur Verfügung gestellt, und wieder sieht und hört man, wie ich aus „Du bist mein Meer“ lese, aber diesmal länger, von Bild 1 bis 22, ca. 8 Minuten.
Die sehr freundliche Einführung stammt von Erika Kronabitter – danke, Erika, dass ich mir das anhören durfte!

Die Einführungen, die der aus dem obigen Film bekannte Zappel- und Zottelbär (ich meine MICH!) an diesem sehr gemütlichen und gut besuchten Vormittag gehalten hat, kann man zwar nicht als Videos sehen/hören, aber hier nachlesen:

Er soll über ein Buch sprechen (15 Notizen zu Gertrude Maria Grossegger: Gedichte [In: Antje Senarclens de Grancy, Getrude Maria Grossegger und Petra Sterry: Bruchstücke. Jüdische Friedhöfe in der Steiermark])

und

Er soll über noch ein Buch sprechen* (15 Notizen zu Friederike Schwab: Die Insel im Maismeer)

*Wobei anzumerken ist, dass die erwähnte Co-Kuratorin tatsächlich nicht gewusst hat, dass das Buch 310 Seiten hat. Der Auftrag wurde in allerbester Absicht an mich vergeben: die Jungväter Schmitzer und Unterweger durften als einzige jeweils 2 Einführungen halten – und damit mehr Geld verdienen. Da denkt jemand nicht nur mit, sondern auch mit Herz!

Zeit aus den Fugen

Posted in Grazer Glossen, Im Auftrag des Herrn unterwegs by andreasundschnurrendemia on 6. März 2011

Geschrieben im November 2010, heute Morgen in G7, dem Grazer Stadtmagazin der Kleinen Zeitung, und auch heute Abend noch aktuell:

ZEIT AUS DEN FUGEN

Für Christian

Wer in die Stadt seiner Jugend zurückkehrt, reist immer auch durch die Zeit. Es ist wie in einer jener Filmszenen: Der (Anti-)Held, den man verkörpert, schaut oben aus dem Hotelfenster – und sieht sich selbst unten die Straße entlang stolpern: so viele Jahre jünger, so viele Erfahrungen ärmer, unterwegs im Labyrinth seiner Vergangenheit.
Wie verschlungen deren Wege auch gewesen sein mögen – diesem längst enteilt geglaubten Passanten heftet man sich gern an die Fersen. Zumindest mir ergeht es so. Wann immer ich nach Graz komme, folge ich freudig meinen alten Spuren – gegen den Strom (und oft leider auch gegen die Zeichen…) der Zeit.
„Schau, dort habe ich Zivildienst gemacht!“, rufe ich etwa meiner Frau zu, während wir durch die Münzgrabenstraße fahren. Sie seufzt, denn sie hat das schon 57 Mal gehört – hört es jedes Mal, wenn sie mit mir in Graz ist. Und dass ich, beidhändig deutend, das Auto fast in den Gegenverkehr lenke, kann ihre Begeisterung für meine autobiographische Schnitzeljagd auch nicht steigern…

Schon wahr: oft verstellt mir der „Nostalgiequatsch“, wie Element Of Crime so schön singen, den Blick auf das Graz der Gegenwart. Da dieses aber zweifellos auch viel zu bieten hat, begab ich mich jüngst, begleitet von einem lieben „alten“ Freund, auf Expedition. Ausgestattet mit einem ganzen Abend Freizeit (welch Luxus für uns Familienväter!), machten wir uns auf, den nostalgischen Schleier über unserem Stadtbild zu lüften – und uns als das zu präsentieren, was wir doch immer noch sind: radikal heutig, kompromisslos zeitgenössisch, Wellenreiter auf der Schaumkrone des ewig flüchtigen Jetzt!
Das erste Lokal, das uns (von früher) bestens vertraut war, bestätigte unsere Selbstwahrnehmung. An der Theke saßen (alte) Bekannte, auch den Kellner kannten wir (von früher), und dass uns selbst die Anekdoten, die er zum Besten gab, bekannt vorkamen, ließ unsere Vermutung, dass sich (seit damals) nichts, oder zumindest nicht viel, geändert hatte, fast Gewissheit werden.
Umso härter trifft uns der Lokalwechsel um Mitternacht. Ist die gewählte Kneipe „damals“, als wir noch studiert haben, von Gleichaltrigen frequentiert worden, so wimmelt es jetzt dort vor Halbwüchsigen. Selbst die Kellnerin ist noch ein Kind – kaum zu glauben, dass sie schon Vorlesungen besucht. Und doch: „Grüß Gott“, schmettert sie meinem Freund, der an der Uni lehrt, entgegen, ,,HERR PROFESSOR!!!“
An diesem Punkt des Abends gerät irgendetwas (die Zeit?) aus den Fugen. Es ist wie in einer jener Filmszenen: Die gesetzten „HERREN“, als die wir entlarvt worden sind, ergreifen umgehend die Flucht – werden jedoch von ihren jüngeren Doppelgängern, die eben hereinstolpern, zurückgehalten – ins Getümmel gezerrt – und auf Bier eingeladen…
Schnitt.
„Der gemeinsame Abend“, schrieb mir mein Freund am Tag danach, „war sehr gelungen. So alt und zugleich so jung, das ist schon etwas, worauf man stolz sein kann!“ – Ja, lieber Christian, das finde ich auch. Manches wird eben erst mit dem Alter zur Leistung. Und selbst wenn es, wie diesmal, Kopfschmerzen verursacht – die Gegenwart ist immer eine Zeitreise wert.

P.S.
Auf dem Kopf stehender Scan der Zeitungsseite mit der sehr schönen Illustration von Anna-Maria Jung (man beachte 1. die naturalistischen Porträts der beiden gertenschlanken Protagonisten und 2., dass sie lustigerweise Band-T-Shirts von Element Of Crime tragen) – hier klicken!

P.P.S.
Rätsel der Literatur:

Wer weiß, wie der Autor des Romans „Zeit aus den Fugen“ heißt, dessen Titel ich für meinen Artikel gezuguttenbergt habe?
Die erste richtige Antwort* gewinnt das Buch** aus meiner überquellenden Privatbibliothek!

* Googeln gilt nicht!
** Einmal gelesen, ohne Eselsohren und Klopapier-Lesezeichen, Neupreis: € 10,30.

Du bist mein Meer – Video

Posted in Du bist mein Meer, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 2. März 2011

Nachtrag zu dem Termin:
„07.02.2011, 20:00, Droschl-Verlagspräsentation: Andreas Unterweger liest aus „Du bist mein Meer. Novelle (in 3 x 77 Bildern)“, Yorck Kronenberg aus dem Roman „Ex voto“ (beide Bücher: Droschl 2011), Literaturhaus Graz, Elisabethstraße 30, 8010 Graz.“

Video von voiceinspiration alias Edwin Rainer:

Der ebenso gut aussehende wie gekleidete Herr, der am Anfang ins Bild kommt, ist leider nicht Andreas Unterweger (ich), sondern Dr. Rainer Götz, der Lektor des Literaturverlags Droschl.
Ich betrete erst nach der für mich sehr schmeichelhaften Vorrede des Dr. Götz die Bühne und halte – wenn ich mich richtig erinnere – auch eine Vorrede.
Die Videoaufzeichnung der Lesung beginnt erst etwas später (ca. bei 3:45?) – ich weiß das leider nicht so genau, weil mein Laptop seit dem missglückten Versuch, eine Soundkarte darauf zu installieren, keinen Mucks mehr von sich gibt -, ist dafür aber schon nach drei Minuten wieder vorbei.
Wer wissen will, wie sich die restlichen 20 Minuten angehört haben, dem empfehle ich, zu einem der rechts angeführten Termine (z.B. am 13.03. zum Lesefest in Graz [Lesedauer 8 Minuten] oder am 31.03. zur Wiener Buchpräsentation bei Thalia Mariahilferstraße [45 Minuten!]) zu kommen.
Bis dann!