Andreas Unterweger

Was ich weiß

Posted in Tingeltangel-Tour, Trauer by andreasundschnurrendemia on 29. April 2011

 WAS ICH WEISS

Geschrieben im Frühsommer 2009,
vor der Reise zur Buchmesse Lemberg.

Für Nazar Hončar (1964 – 2009)

 1

Das mit dem Tod habe ich nie verstanden. Wie das geschehen kann, dass einer nicht mehr ist.
Und wie das gehen soll: nicht sein. Jedes Mal wieder, wenn es heißt, dass er sie es gestorben
sei, befällt mich eine Art Verlegenheit. Betretenheit, als hätte ich mein Gegenüber bei einer
Lüge ertappt. Und zwar bei einer ziemlich dreisten. Denn schließlich kann es das ja gar nicht
geben, denke ich, dass jemand, der gerade noch da war, urplötzlich, einfach so, verschwindet.
Dass etwas so unfassbar Wichtiges, Lebensnotwendiges, wie es ein Mensch für seine Lieben
ist, verloren geht. Und zwar: für immer. Das, denke ich – nein: weiß ich –, kann: nicht sein.

Aber es scheint, als wäre es nicht wichtig, was ich weiß. Schon gar nicht, ob ich das, was da
wider (mein) besseres Wissen geschieht, verstehen kann – oder nicht. Und so heißt es eben
immer wieder, er sie es sei tot. Seit fünfzehn Jahren heißt es jetzt bereits, er (mein Großvater)
sei tot. Und sie (Judiths Großmutter) sei, heißt es, im April gestorben. Und es (mein Kind) sei
letztes Jahr gleich zweimal, einmal im März und einmal im Dezember, noch ungeboren schon
tot in Judiths Bauch gelegen. Und ob ich das begreifen kann (oder auch nicht), ist scheißegal
Ich weiß, dass es den Tod nicht gibt. Aber dem Tod geht was ich weiß am Arsch vorbei.

Und während man noch in die Löcher starrt, die sich da plötzlich neben einem auftun. Und
während man am Rande dieser in die Weizenfelder, die Rapsfelder des Lebens gesprengten
Krater steht. Und während man sich vorsichtig, scheu, widerwillig (Tag für Tag wieder wie in
Eiswasser), hinunter lässt. In jene Grotten aus gestocktem Blut. Und Tränen. Das Grab in dir,
die Gruft, die Höhle – mit deren Erforschung du, ob es dir passt oder nicht, dein Leben
zubringst. Während der täglichen Trauerarbeit also. Steigt draußen (irgendwo weit weg, im
Osten) jemand, den du noch viel zu wenig kennst, ins Wasser: um sich abzukühlen. Und kehrt

nie wieder.

2

Nazar, ich weiß viel zu wenig von Dir. Alles in allem sind wir uns wohl nur fünf, sechs Mal
begegnet, jedes Mal unter Umständen, die mich an einen Satz aus Notting Hill erinnern: „It
was nice to meet you – surreal, but nice.“ So ist etwa das erste, was ich von Dir erfahre, dass
du „Hofnarr des ukrainischen Königs“ bist. Zumindest erzählst du das (ohne zu lächeln!)
einem älteren Pärchen, das nach der „tieferen Bedeutung“ deiner extravaganten Kappe gefragt
hat … Damals, im November 2007, weiß ich zwar noch nicht einmal, wie Du heißt – aber
eins ist schon klar: der neue Stadtschreiber von Graz (das bist Du) hat jede Menge Humor!

Das zweite Mal trägst Du keine Kopfbedeckung. Wir sind in so etwas wie einer „literarischen
Gesellschaft“ – und während alles rund um Dich tratscht und kichert, sagst Du kein Wort.
„Nun sprecht doch mit dem neuen Stadtschreiber“, so und so ähnlich tönt es rings um die
Tafel, „kann denn niemand hier russisch? Oder polnisch? Oder was auch immer er spricht …“
Wenig später, als die Sitzordnungsrochaden Dich in meine Nähe spülen, setzt Du dann die
Pointe unter den hier gespielten Witz. „Andreas“, sagst Du plötzlich in sehr gutem Deutsch,
„ich habe im Internet deine Musik gehört …“ – Jetzt sprichst Du, und alle anderen sind still.

Von da an sind wir lose in Kontakt. Du bekommst ein Demo meiner Band ratlos, du bist die
einzige V.I.P. bei unserer CD-Präsentation. Trotz einzelner Kritikpunkte (1. zu wenig
„psychodelisch“, 2. die Frisur des Schlagzeugers …) erwähnst Du eine Auftrittsmöglichkeit in
der Ukraine … Danach vergeht viel Zeit, Du verlässt Graz, und als ich schon nicht mehr
damit rechne, erreicht mich tatsächlich eine Einladung nach Lemberg. Ich bedanke mich bei
Dir per Mail. In Lemberg, denke ich, werden wir alles besprechen können, in Lemberg, denke
ich – nein: weiß ich –, werde ich Dich, Nazar, dann endlich besser kennen lernen … Und da

bin ich nun.

P.S.

Dieser Text ist in dem Buch „Dichter noch dichter“ (Edition Thanhäuser 2011) enthalten, das am 05.05. um 20:00 im Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz präsentiert wird.

Dazu Luise Grinschgl von der Kulturvermittlung Steiermark in ihrer Einladung:

„Aus über 60 Einreichungen wurde 2007 der aus Lemberg/Ukraine stammende Dichter Nazar Hončar zum Stadtschreiber der Stadt Graz gewählt. Nazar Hončar nahm während seines Aufenthaltes in Graz an zahlreichen Projekten teil, gestaltete und organisierte ein ukrainsches Lesefest bei den Minoriten mit, im Leykam-Verlag erschien sein erstes Buch in deutscher Sprache („Lies dich) und vor allem hinterließ Nazar Hončar zahlreiche Freundschaften und Spuren. Chrystyna Nazarkewytsch, die nicht nur die Ehefrau von Nazar Hončar, sondern auch eine hervorragende Übersetzerin ist, hat für den Band „Dichter noch dichter“ eine feine Auswahl von Hončar’s Texten zusammengestellt und übersetzt. Im Frühjahr dieses Jahres erschien „Dichter noch dichter“ im Thanhäuser-Verlag mit diversen Texten von Nazar, aber auch mit Gedanken und Bekenntnissen einiger Persönlichkeiten. Die Präsentation der Publikation in Graz erfolgt anlässlich des zweiten Todestag von Nazar Hončar, der 2009 völlig unerwartet verstorben ist.

Über zahlreichen Besuch der Veranstaltung freuen sich die Künstlerinnen und Künstler sowie die Organisator/innen und Sponsor/innen und Luise Grinschgl für das Team der Kulturvermittlung Steiermark

Literatur im Kulturzentrum bei den Minoriten präsentiert:

DICHTER NOCH DICHTER

Nazar Hončar

Zweisprachige Lesung und Buchpräsentation Lesung der ukrainischen Texte: Chrystyna Nazarkewytsch Lesung der deutschen Übersetzung: Martin Horn Birgit Pölzl im Gespräch mit dem Verleger Christian Thanhäuser und der Übersetzerin Chrystyna Nazarkewytsch
Literarische Reaktionen von Jörg Albrecht / Stadtschreiber 2010/11 + Fiston Mwanza / Stadtschreiber 2009/10 Musik von Andriy Ivchenko / Gitarre + Josef Fürpaß / Bandoneon
Im postum zusammengestellten Band des ukrainischen Dichters Nazar Hončar, Grazer Stadtschreiber 2007/08, finden sich rund drei Dutzend seiner poetischen Texte sowie ein Essay, in dem der Autor durch die unterirdischen Höhlenlabyrinthe wandert und nach verwandten Seelen Ausschau hält. Gott und die Welt sind die Themen der nachdenklichen und melancholischen, schalkhaften und kuriosen Texte im neuen deutschsprachigen Buch Dichter noch dichter von Nazar Hončar. In Kooperation mit dem Internationalen Haus der Autoren und Autorinnen Graz, der Kulturvermittlung Steiermark, KulturKontakt Austria und der Edition Thanhäuser.“

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