Andreas Unterweger

Der dritte Pass (Stanglpass 19)

Posted in Stanglpass, Trauer by andreasundschnurrendemia on 15. Juni 2011

(Aus dem in Kürze erscheinenden Heft 61 der Fußballfachzeitschrift Der tödliche Pass)

Der dritte Pass

 St. Johann, 04.06.2011

Dies ist nicht der Stanglpass, den ich schreiben wollte.
Vor ein paar Tagen ist ein lieber Freund von mir gestorben, 33 Jahre alt, verheiratet, Vater einer einjährigen Tochter – seither sind alle Ideen, die ich für diesen Artikel hatte, nur noch eins: unsäglich.
Dass mein Lieblingsklub, der Grazer AK, wieder knapp nicht aus der Regionalliga aufsteigen konnte, ist – in Wirklichkeit – eben keine „Tragödie“; dass ausgerechnet der Lokalrivale Sturm Graz österreichischer Meister wurde, keine „Ironie des Schicksals“; und auch die diesjährigen Ergebnisse des ÖFB-Teams, so enttäuschend sie auch sein mögen, lassen sich nicht als „Katastrophe“ bezeichnen – wahre Katastrophen sehen anders aus.

Ein weiterer Stanglpass, den ich nicht schreiben möchte, ist jener, der – aus meiner jetzigen Trauer, meinem Zorn heraus – den Fußball, seinen Diskurs und die Emotionen all derer, die daran beteiligt sind, als „nichtig“ oder „eitel“ abtut.
Sicher, wenn man gerade dabei ist, Fotos anzuschauen, die einen mittlerweile Verstorbenen noch mit seinem Kind im Arm zeigen, kann die „Verzweiflung“ der Schlachtenbummler, die sich in der parallel geöffneten Registerkarte des Internetexplorers die rot-weiß-roten Perücken raufen (Deutschland ist 1:0 in Führung gegangen), gar nicht anders als lächerlich erscheinen.
Andererseits aber blitzt ausgerechnet darin auch der Trost auf, den das Spiel Fußball mit seiner Parallelwelt – einer besseren Welt als der unseren, einer, in der die „Verzweiflung“ keine Verzweiflung, eine „Katastrophe“ keine Katastrophe und ein „tödlicher“ Pass nichts ist, woran jemand tatsächlich stirbt – zu spenden vermag. Ich empfange ihn selbst, empfange die (ebenso falsche wie rettende) Hoffnung, die der Fußball bringt, wenig später, als – meine Tränen sind noch nicht getrocknet – die Österreicher den (zwischenzeitlichen) Ausgleich erzielen … 

Es ist also – und davon könnte ein dritter Stanglpass, der, den ich hier, so schlecht es auch geht, zu schreiben versuche, handeln – es ist also nicht, wie Thomas Bernhard einmal verkündet hat, „alles lächerlich, wenn man an den Tod denkt“. In Wirklichkeit (zumindest in meiner) ist es genau umgekehrt.
Gerade dann, wenn man den Tod, der – angeblich – alle erwartet, mit bedenkt, verlieren die als Bagatellen verschrienen Dinge, die uns, und sei es nur für Augenblicke, Freude (oder was auch immer) bereiten, ihre Belanglosigkeit. Ob Fußball, Shoppen oder Russisch Kegeln: sobald man es als das betrachtet, was es im Hinblick auf den Tod bedeutet – sein absolutes Gegenteil: das Leben! –, gewinnt es an Würde, an Tiefe, wird aus dem Spiel Ernst.
Zumindest rechtfertige ich so vor mir selbst, dass ich hier sitzen kann und über Fußball (über Fußball!) schreiben – wo doch mein lieber Freund gestorben ist.

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Keep on singing

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 15. Juni 2011

Aus der aktuellen Ausgabe des Grazer Straßenmagazins „MEGAPHON“:
ein Portät der MEGAPHON-Verkäuferin Rose Egbo.

 Keep on singing

Singen. Rose Egbo singt und tanzt – in der Sporgasse, auf dem Hauptplatz, vor der Uni – wo
immer sie das Megaphon verkauft. Schriftsteller Andreas Unterweger traf sie zum Gespräch.

Sprechen wir über das, was gut ist. Sprechen wir über die freundlichen, die lieben Menschen.
Sprechen wir nicht über das, was der Mann – du dachtest, es sei einer von den Guten, weil er
nahe herankommt, dich noch näher winkt – dir ins Ohr gezischt hat. Sprechen wir nicht über
Rassisten. Sprechen wir über das, was schön ist – an deinem neuen Leben, hier, in Österreich.

Sprechen wir über das Singen, das Schwimmen, das Fußballschauen – sprechen wir über die
Wohnung, die du dir mit einer Freundin teilst. Sprechen wir über die Schokolade, die dir
geschenkt wird, die Kärtchen, die CD, die Komplimente … Sprechen wir über die Bücher, die
du liest, die Messen, die du hörst, deinen Glauben … Sprechen wir über deine Arbeit hier.

Sprechen wir nicht zu viel, nicht zu lang – du, Rose, singst ohnehin viel lieber. Du bist die
Megaphon-Verkäuferin, die singt und tanzt. Bestimmt kenne ich dich vom Sehen. Ob ich dir
ein Heft abgekauft habe? Weiß ich nicht. Ja, es gibt viele Verkäufer, sehr viele … Aber reden
wir nicht davon – sprechen wir lieber darüber, dass du so das Geld für die Miete verdienst.

Sprechen wir über dich, Rose: Rose Egbo, geboren 1981 in Benin City, Nigeria – seit 2006 in
Österreich. Sprechen wir nur über dein Leben hier, dein „neues Leben“ – und nicht über dein
altes, in Nigeria. Oder gar über das, was dich daraus vertrieben hat. Wir sprechen über nichts,
worüber du nicht reden willst – versprochen. Sprechen wir nicht mehr über das, was war.

Sprechen wir lieber über das, was sein wird. Dein Bürojob etwa. Davor: Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung. Davor: Abschluss des Sprachkurses, den du dir selbst bezahlst.
Sprechen wir nur über dieses eine mögliche Zukunftsszenario, kein anderes. „I will NOT go
back“, sagst du – und hoffst dabei auf Gott. Sprechen wir über Hoffnung, nicht über Angst.

Sprechen wir über das, was gut ist: das Bad zur Sonne; ein Sieg von Arsenal; ein Gospel, den
du im Sonnenschein singst. Sprechen wir über die lieben Leute hier – nicht über das, was uns
die Angst ins Ohr zischt. Sprechen wir über deine Hoffnung, Rose, dein Lächeln. Man muss
stark sein, man muss immer lächeln, sagst du. Und (zu mir? zu dir selbst? zu uns beiden?):

„Keep on singing.“

P.S.
Die Veröffentlichung des Artikels an dieser Stelle will übrigens nichts weniger, als Sie, geneigte Userin/geneigter User, vom Kauf eines MEGAPHON-Heftes, womöglich aus den Händen von Rose Egbo, abhalten …

P.P.S.
Außerdem möchte ich Ihnen jene Veranstaltung ans Herz legen, zu der dieser Link (oder ein Blick nach rechts oben: „Termine“) führt.

Refractions of Bob Dylan – Fotos

Posted in Dylanologie, Tingeltangel-Tour, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 3. Juni 2011

Nachtrag zu dem Termin:
21.05.2011, 20:00, Andreas Unterweger liest im Rahmen des Symposions Refractions Of Bob Dylan. Cultural Appropriations of an American Icon aus „Wie im Siebenten“ und spielt ein paar Songs auf seiner schicken neuen Gitarre. Außerdem auf der Bühne: Doris Knecht und Bernd Moshammer. Anschließend Dylan-DJ (DJ Mushroom). Bunkerei, 1020 Wien.

Ich hatte selten ein so aufmerksames Publikum: vielen Dank für Eure offenen Herzen – und den schönen Abend!

Die ganze Fotostrecke (alle Bilder (c) lama.at) gibt es hier.