Andreas Unterweger

Keep on singing

Posted in Grazer Glossen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 15. Juni 2011

Aus der aktuellen Ausgabe des Grazer Straßenmagazins „MEGAPHON“:
ein Portät der MEGAPHON-Verkäuferin Rose Egbo.

 Keep on singing

Singen. Rose Egbo singt und tanzt – in der Sporgasse, auf dem Hauptplatz, vor der Uni – wo
immer sie das Megaphon verkauft. Schriftsteller Andreas Unterweger traf sie zum Gespräch.

Sprechen wir über das, was gut ist. Sprechen wir über die freundlichen, die lieben Menschen.
Sprechen wir nicht über das, was der Mann – du dachtest, es sei einer von den Guten, weil er
nahe herankommt, dich noch näher winkt – dir ins Ohr gezischt hat. Sprechen wir nicht über
Rassisten. Sprechen wir über das, was schön ist – an deinem neuen Leben, hier, in Österreich.

Sprechen wir über das Singen, das Schwimmen, das Fußballschauen – sprechen wir über die
Wohnung, die du dir mit einer Freundin teilst. Sprechen wir über die Schokolade, die dir
geschenkt wird, die Kärtchen, die CD, die Komplimente … Sprechen wir über die Bücher, die
du liest, die Messen, die du hörst, deinen Glauben … Sprechen wir über deine Arbeit hier.

Sprechen wir nicht zu viel, nicht zu lang – du, Rose, singst ohnehin viel lieber. Du bist die
Megaphon-Verkäuferin, die singt und tanzt. Bestimmt kenne ich dich vom Sehen. Ob ich dir
ein Heft abgekauft habe? Weiß ich nicht. Ja, es gibt viele Verkäufer, sehr viele … Aber reden
wir nicht davon – sprechen wir lieber darüber, dass du so das Geld für die Miete verdienst.

Sprechen wir über dich, Rose: Rose Egbo, geboren 1981 in Benin City, Nigeria – seit 2006 in
Österreich. Sprechen wir nur über dein Leben hier, dein „neues Leben“ – und nicht über dein
altes, in Nigeria. Oder gar über das, was dich daraus vertrieben hat. Wir sprechen über nichts,
worüber du nicht reden willst – versprochen. Sprechen wir nicht mehr über das, was war.

Sprechen wir lieber über das, was sein wird. Dein Bürojob etwa. Davor: Erteilung der
Aufenthaltsbewilligung. Davor: Abschluss des Sprachkurses, den du dir selbst bezahlst.
Sprechen wir nur über dieses eine mögliche Zukunftsszenario, kein anderes. „I will NOT go
back“, sagst du – und hoffst dabei auf Gott. Sprechen wir über Hoffnung, nicht über Angst.

Sprechen wir über das, was gut ist: das Bad zur Sonne; ein Sieg von Arsenal; ein Gospel, den
du im Sonnenschein singst. Sprechen wir über die lieben Leute hier – nicht über das, was uns
die Angst ins Ohr zischt. Sprechen wir über deine Hoffnung, Rose, dein Lächeln. Man muss
stark sein, man muss immer lächeln, sagst du. Und (zu mir? zu dir selbst? zu uns beiden?):

„Keep on singing.“

P.S.
Die Veröffentlichung des Artikels an dieser Stelle will übrigens nichts weniger, als Sie, geneigte Userin/geneigter User, vom Kauf eines MEGAPHON-Heftes, womöglich aus den Händen von Rose Egbo, abhalten …

P.P.S.
Außerdem möchte ich Ihnen jene Veranstaltung ans Herz legen, zu der dieser Link (oder ein Blick nach rechts oben: „Termine“) führt.

5 Antworten

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  1. andreasundschnurrendemia said, on 15. Juni 2011 at 8:00 pm

    Aus dem „Editorial“ des aktuellen MEGAPHONS von Eva Reithofer-Haidacher:

    „Die Fröhlichkeit, die viele MEGAPHON-VerkäuferInnen ausstrahlen, kontrastiert seltsam mit dem, was wir über die Schwere ihres Lebens wissen. Die Nigerianerin Rose Egbo etwa, die abwechselnd bei der Grazer Uni und in der Herrengasse das Magazin anbietet, tut das nicht selten singend und tanzend. Ausdruck von Lebensfreude, Verdrängung oder Ablenkung? Der Schriftsteller Andreas Unterweger hat sie getroffen, um für diese Ausgabe ein Porträt zu verfassen. Er hat das mit viel Einfühlungsvermögen getan und gibt im Begleittext auch eine Antwort auf diese Frage: „Ich habe versucht, die Stimmung des Gesprächs einzufangen: Roses Tapferkeit und Zuversicht – aber auch die Traurigkeit, die paradoxerweise daraus entspringt, wenn man sich NUR auf das Positive konzentriert.“ Es ist eine Art Sprechgesang daraus geworden, der Rose Egbos Persönlichkeit liebevoll einfängt. Die Verbundenheit des in Graz geborenen Autors mit dem MEGAPHON reicht übrigens lange zurück: Hier hat er 1995 sein erstes Gedicht veröffentlicht.“

    (Danke!)

  2. andrea said, on 17. Juni 2011 at 11:25 am

    wir wollen das erste gedicht! wir wollen das erste gedicht!

    • andreasundschnurrendemia said, on 18. Juni 2011 at 10:25 pm

      Ich finde es nicht! Ich finde es nicht!

  3. […] alle, die sich ein Bild von der lieben Rose machen möchten – hier mein Porträt von ihr zum Nachlesen. Und hier der (Foto-)Bericht über unseren gemeinsamen Auftritt am 07.07.2011 im […]

  4. […] Originaltext und 1. Nachtrag zum genannten Termin. Gefällt mir:Gefällt mirSei der Erste, dem dieser gefällt. […]


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