Andreas Unterweger

Zärtliches Pingpong

Posted in Unterweger & Stift by andreasundschnurrendemia on 27. Juli 2011

Aus der aktuellen Ausgabe der Literaturzeitschrift schreibkraft:

ZÄRTLICHES PINGPONG

Über den Gedichtband Konfrontationen von Maria Seisenbacher und Hermann Niklas

Andreas Unterweger
im Gespräch mit Andrea Stift

Warum arbeiten Andrea Stift und Andreas Unterweger in ihrer ersten gemeinsamen Rezension mit kommunizierender Kritik in Form von abwechselnden Wortmeldungen, die sich als spezielle kritische Dialogform verstehen?

Wie bitte?

Andrea, meine Frage ist eine Variation auf den ersten Satz des Buchs, das wir besprechen. Du sollst sagen: Weil auch „Hermann Niklas und Maria Seisenbacher […] in ihrem ersten gemeinsamen Gedichtband Konfrontationen mit kommunizierender Lyrik in Form von Antworten [arbeiten], die sich als spezielle lyrische Dialogform verstehen“. Verstehst du?

Aber das stimmt ja nicht.

Wie bitte?

Wir machen diese Rezension ja nicht deshalb gemeinsam, sondern weil wir immer wieder einmal Sachen zusammen machen. Und weil wir schon beim Viertelfestival 2008 „kommunizierende“ Prosatexte der beiden vortragen durften, die uns gut gefallen haben.

Na, ich habe eben gedacht, wenn wir so anfangen, wie ich gedacht habe, dann kommt die Rede gleich auf das Konzept des Gedichtbands – das ja sehr ungewöhnlich ist …

Allerdings. Niklas und Seisenbacher gehen so vor: ausgehend von einem gemeinsamen Erlebnis, schreibt einer der beiden ein Gedicht – auf das der andere, wieder in Form eines Gedichts, antwortet. Was dann wiederum eine lyrische Antwort zur Folge hat. Niklas´ Texte im Buch sind regulär gesetzt, Seisenbachers kursiv … Das Schöne daran ist, dass die beiden, ganz anders als wir zwei, ein Liebespaar sind.

Genau. Es handelt sich um kommunizierende Liebeslyrik. Etwas sehr Seltenes – in der Regel ist es ja so, dass einer (meist tatsächlich ein Mann) für den anderen (meist: die andere) schreibt. Dante für Beatrice. Petrarca für Laura. Klaus Theweleit hat herausgearbeitet, welch grausame Tendenzen einem solchen Verfahren zugrunde liegen können: der eine spricht/schreibt (lebt), weil die andere schweigt (wie ein Grab) … Dinge, über man sich, nebenbei bemerkt, im Klaren sein sollte, wenn man sich an etwas Ähnlichem versucht. – Für Liebeslyrik, in der beide Partner gleichberechtigt zu Wort kommen, fallen mir ad hoc jedoch kaum Beispiele ein. Vielleicht der Briefwechsel von Goethe und Marianne von Willemer – deren Gedichte dann freilich als „echte Goethes“ in den West-östlichen Divan eingegangen sind. Auch bei anderen schreibenden Paaren, wie etwa Celan und Bachmann, oder auch Rimbaud und Verlaine, dürfte es vergleichbare Ansätze gegeben haben. Aber als Konzept für ein ganzes Buch ist diese Idee – für mich zumindest – neu.

Und es ist eine wunderbare Idee! Wenn sich zwei für das Gleiche begeistern, das gemeinsam ausleben können und damit dann auch noch ihre Beziehung abbilden, das muss doch ein sehr schöner Prozess sein. Um dieses Hin und Her, dieses zärtliche Pingpongspiel, habe ich die beiden beim Lesen richtig beneidet …

Pingpongspiel trifft es gut. Tatsächlich spielen sich Niklas und Seisenbacher Bilder und Motive wie einen Ball zu – während der eine den Ball als Topspinn-Vorhand übers Netz kracht, spielt ihn die andere als Slice-Ballonball zurück … So wird etwa das zerbrechliche Straußenei aus dem einen Gedicht im nächsten zum aufschlagenden Kopf, dann zum Kopfloch, zum Krater, Spaltkopf usw. Ein beeindruckend dichtes Motivgeflecht – oder, um beim Bild zu bleiben: ein Match mit zahlreichen packenden Ballwechseln …

… oder „Konfrontationen“. Trotzdem ist mir der Titel etwas zu sehr auf Kontrast bedacht. Ich hätte dem Buch einen etwas liebevolleren Namen gegeben.

Die Betonung des „Gegeneinander“ fällt schon in den poetologischen Statements zu Beginn auf. Ich habe diese Art des Aufeinanderprallens jedoch nicht nur als lieblos empfunden – in den Gedichten scheint es auch erotisch konnotiert zu sein.

Und es handelt sich auch um das Aufeinanderprallen zweier Sprachen – seine: konkret im Benennen, sehr körperlich, fast pushy

… ihre: filigraner, unbestimmter, „lyrischer“ …

…– bis tatsächlich, wie anfangs als Ziel vorgegeben, „eine gemeinsam fremde Sprache“ entsteht. Tatsächlich werden die „Stimmen“ der beiden gegen Ende des Buchs einander immer ähnlicher – und die Texte immer kürzer: als ob es dann nicht mehr so vieler Worte und Erklärungen bedürfe, weil der andere mittlerweile beinahe schon dieselbe Sprache spricht. Dieser Prozess macht die Besonderheit dieses Gedichtbands aus. – Wenn man aber in das Buch hineinblättert, einmal hier und einmal dort ein Gedicht liest, wie man das mit Gedichtbänden eben so macht, erschließt sich diese Qualität nicht. Da habe ich mich eher über den unzugänglichen Charakter einzelner Texte gewundert – oder mich von der stellenweise gekünstelten Ausdrucksweise abgewiesen gefühlt. „Manchmal wünsche ich mir etwas mehr Einfachheit“, habe ich mir z. B. notiert.

Ich verstehe, was du meinst. Aber: das (lt. Vorwort wider Willen) „verschlüsselt oder geheimnisvoll“ Wirkende der gemeinsamen Sprache, die stellenweise wirklich an eine Art „Privatsprache“ erinnert, scheint mir eine fast notwendige Gegenbewegung zur Textform darzustellen: Die Kommunikation zweier Liebender ist ja per se etwas sehr Intimes. Und diese Intimität ist auch ganz deutlich spürbar – manchmal fast zu deutlich …

Mir ist es auch so gegangen! Das hab ich mir auch notiert!

Man fühlt sich wie ein Voyeur – ohne aber etwas sehen zu können. Während die Gedichte mich Leser vor das Fenster drängen, zieht die Sprache, in der sie gehalten sind, den Vorhang zu … Die Form enthüllt, der Ausdruck verschleiert. In diesem Schwebezustand scheinen mir diese Texte zu verharren – und das ist auch gut so.

Mag sein. Es ist ja auch jedes der Gedichte, für sich genommen, gut.

Widerspricht das nicht dem, was du vorher gesagt hast?

Nein. Ich habe gesagt, die Gedichte sind gut, ich habe nicht gesagt, dass sie schön sind.

Kannst du mir das bitte erklären?!

Ein gutes Gedicht ist eines, an dem ich nichts auszusetzen habe. Bei einem schönen Gedicht aber bleibt mir die Luft weg.

Und wenn du nun die einzelnen „guten“ Gedichte dieses Buchs im Kontext der „lyrischen Dialogform“, in der sie stehen, im Wissen um ihre Suche nach einer „gemeinsam fremden Sprache“ liest, werden sie dann für dich nicht „schön“?

Leider nein. Ich finde die Idee des Buchs zwar bezaubernd – doch mir fehlt eben der gewisse Zauber … Natürlich ist das ein rein subjektiver Eindruck.

Hm. Das heißt: wir verbleiben diesem Buch gegenüber …

… etwas ratlos …

… aber mit großer Sympathie.

Genau!

 

Maria Seisenbacher und Hermann Niklas: Konfrontationen. Gedichte 2005 – 2008. Artwork von Goto. St. Pölten: Literaturedition Niederösterreich 2009.

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Sodom und Gomorra

Posted in Grazer Glossen, Trauer by andreasundschnurrendemia on 11. Juli 2011

Gestern in G7, der Sonntagsbeilage der Kleinen Zeitung in Graz: 

SODOM UND GOMORRA

Die einzige WG, in der ich jemals gewohnt habe, war eine Utopie. Wobei der Ausdruck „Utopie“, also „Nicht-Ort“, irreführend ist. Schließlich gab es den Ort, die leerstehende Wohnung meiner Großeltern im Lendplatz-Hochhaus, ja tatsächlich – nur lebte darin eben nicht (NOCH nicht, wie ich damals dachte) jene Wohngemeinschaft, die die Welt verbessert hätte: mein Freund Tom Tom und ich.
Wir waren siebzehn Jahre alt. Morgen für Morgen schleppten wir uns zur Schule, um dort über imaginären Zahlen, toten Sprachen und anderen Scheinproblemen zu brüten. Das Leben war anderswo. Im Café Cäsaro etwa, wo wir in langen, von süßem Cider und starkem Tobak befeuerten Dialogen das Wesen des Glücks definierten – jenes WG-Glücks, das uns, wie wir hofften, schon bald („nach der Matura!“) erwarten würde.
Ich will hier nicht auf die Details unserer Vision eingehen – erstens sind es zu viele, zweitens kommt es darauf nicht an. Sagen wir einfach so: Wie alle (positiven) Utopisten seit Platon schafften auch wir jene Dinge ab, die uns auf die Nerven gingen, und erhoben die zum Gesetz, die Spaß machten, aber verboten waren. Freilich: Gegen das, was Tom Tom und mir vorschwebte, stank der platonische Ideal-Staat ab wie eine von da Vincis Flugmaschinen gegen Keith Richards´ Party-Jet.

Es versteht sich von selbst, dass die Verwirklichung unseres WG-topias letztlich verhindert wurde. Für eine so gute Idee wie diese wird die Welt (die immer eine von Eltern regierte sein wird) nie bereit sein. Was uns jedoch niemand nehmen konnte, war das Wissen, dass unser Traum in jenen Momenten, da wir ihn GEMEINSAM geträumt hatten, ohnehin bereits wahr geworden war …
Als wir uns (heimlich) den Schlüssel nachmachen ließen, z.B.: erst die Angst, von Mister Minit als Einbrecher entlarvt zu werden – dann: unsere diebische Freude … Oder, kurz darauf, die erste (inoffizielle) Wohnungsbesichtigung: Wir schlichen durch die Zimmer, flüsterten, machten nicht einmal Licht an – niemand war jemals so frei … Und natürlich – ein Jahr vor dem avisierten Bezugstermin (wann sonst?) – der Kauf des WG-Haustiers.
Ein Wellensittich sollte es sein – weil jemand erzählt hatte, dass er den seinen darauf dressiert habe, ihm Zigaretten zu bringen. Und da jemand anderes meinte, allein zu wohnen sei auch für ein Vogerl kein Glück, kauften wir – um unser ganzes Geld – zwei: ein quirliges, gelb-grün gezeichnetes Männchen und ein Albino-Weibchen, groß und stark. Es war Tom Tom, der ihnen ihre Namen gab – die coolsten Namen, zweifellos, die Wellensittiche jemals getragen haben (s. Titel).

Schon bald werden sie am Himmel unserer Künstler-WG fliegen, jeder eine Zigarette im Schnabel: eine für dich, eine für mich… Schon bald wirst du mein WG-Bruder sein, werden wir im gelobten Lend logieren, wird uns ganz Graz, diese verkappte Paradise City, where the grass is green and the girls are pretty, zu Füßen liegen …
Bis dahin aber bleiben die zwei Vögel noch bei den Eltern wohnen (meinen), zwitschern ein bisschen, fressen, dösen – und nur wenn sie, im Spiel, die Flügel öffnen, kommt Leben in ihren goldenen Käfig. 

Für Thomas Mossböck (1977 – 2011)

Auschlössl

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 9. Juli 2011

Nachtrag zu:
07.07.2011, 19:30; Lesung, Gespräch, Musik – mit Helwig Brunner, Rose Egbo, Emeka Agba Eleven und Andreas Unterweger. Moderation: Katharina Lanzmaier-Ugri. Auschlössl. Friedrichgasse 36, 8010 Graz.

 

(c) Christopher Mavric

Ich danke allen Beteiligten, insbesondere den Musikern (Rose Egbo, Emeka Agba Eleven, Godwin Azubuike) und Organisatorin Eva Reithofer-Haidacher vom Megaphon, für diesen sehr schönen Sommerabend!

(c) Jelena Popic

Nicht im Bild: das aufmerksame und gut gelaunte Publikum, alles V.I.P.s, darunter etwa Ex-Stadtschreiber Fiston Mwanza, Malerin/Schriftstellerin Friederike Schwab, Fotografin Jelena Popic, Luise Grinschgl (Kulturvermittlung Steiermark und Internationales Haus der Autorinnen und Autoren Graz), Karin Hohensinner (Literaturzeitschrift Lichtungen) und Aktionskünstler Ed Gfrerer, mit dessen Hilfe endlich die richtige Antwort auf eine seit Langem offene Frage gefunden werden konnte: Wer entscheidet eigentlich darüber, was gute Kunst ist und was nicht? „Wir!“

(c) Jelena Popic

Gute Kunst ist z. B. das hier: der Blog-Eintrag zu diesem Abend von Fotografin Jelena Popic aus Split, Kroatien, derzeit Artist in residence von CCN Graz. Unbedingt anschauen!

Man kann nicht alles wissen (manuskripte 192)

Posted in Du bist mein Meer, manuskripte by andreasundschnurrendemia on 9. Juli 2011

Nicht nur wegen seiner Rückseite …

… ist die neueste Ausgabe der manuskripte etwas Besonderes.

Ich empfehle sie außerdem wegen:

1. der Gedichte des französischen Lyrikers Guillaume Métayer (meine ersten Übersetzungen aus dem Französischen seit 10 Jahren –  hier nachzulesen!),

2. Hedwig Winglers sehr schöner und sehr freundlicher Rezension zu „Man kann nicht alles wissen“, äh, nein, „Du bist mein Meer“ (hier nachzulesen!),

3. jener Texte, die ich redaktionell (mit-)betreut habe (Radka Denemarkova: Kobold oder Überschuss an Zärtlichkeit, Silvia Wolkan: Das Innere der Wirtin, Doreen Daume: Die Optik, Marija Ivanovic: Letzter Satz, Marcin Orlinski: Zehn Gedichte, Cornelia Travnicek: Gehen mit Kant),

4. des Essays von Klaus Hoffer (wie immer ein Gedicht!),

5. aller anderen Texte im Heft 192 der manuskripte .

Viel Freude beim Lesen!