Andreas Unterweger

Das Gnu

Posted in Notizen by andreasundschnurrendemia on 29. Oktober 2011

Anlässlich seines 20-jährigen Bestehens hat das Gnu, die PatientInnenzeitschrift der LSF* Graz,
mehrere mit der Steiermark verbundene Schriftstellerinnen und Schriftsteller
(u. a. Michael Scharang, August Schmölzer, Andrea Stift)
um eine Geschichte/ein Gedicht gebeten.
Hier mein Beitrag zur „literarischen Sondernummer“:

 Die Stricherlliste

3 x 3 Notizen

für das Gnu
Zeitschrift der Patientinnen und Patienten der LSF Graz

1

 Unter den 177 Schriftstellern (meint auch: Schriftstellerinnen), deren Bücher ihm in seinem Arbeitszimmer den Rücken zuwenden, befinden sich – wie er, mit einer Tabelle (einer „Stricherlliste“, denkt er) die Regale abschreitend, feststellt – 23, die als Patienten in einem Krankenhaus wie der LSF gewesen sind – oder, in anderer Zeit, anderem Umfeld, dort gewesen sein hätten können.

 Dass es niemandem einfallen würde, die Bücher dieser 23 in ein separates Regal zu stellen – oder gar, sie wegzusperren, denkt er.

 (Das, denkt er, wäre wirklich verrückt.)

 *

 „17 Abhängigkeitssyndrome“, notiert er, „3 Depressionen, 3 Schizophrenien (ohne damit einhergehendes Drogenproblem)“ und: „4 Suizide“.

Dass diese Wörter nichts, aber auch rein gar nichts, denkt er, über das aussagen, was sie bedeuten.

(Wenn er irgendetwas über diese Dinge weiß, dann das.)

*

 Und: Dass nicht nur die Wörter auf seiner Liste, sondern auch die Zahlen, die sich aus all den Strichen ergeben, nichts („null“, denkt er) zu bedeuten haben.

 Denn – wie es in Berichten zu diesem Thema (und anderen) heißt: „Die statistische Erfassung erweist sich als ausgesprochen schwierig.“

 Oder: „Die Dunkelziffer liegt mit Sicherheit höher.“

 Oder: „Es fällt schwer, eine Grenze zu ziehen.“
(Um nicht zu sagen: Es gibt keine.)

2

 „23 von 177 – das macht: dreizehn Prozent“, rechnet er (mit dem Taschenrechner).

 Dass ihm diese Zahl – noch nicht die Dunkel- (aber auch alles andere als eine Hell-)Ziffer, denkt er – recht hoch erscheint.
Doch als Beweis für die (pseudo-)romantische These, dass sich Kreativität und Psychose („Genie und Wahnsinn“, denkt er) gegenseitig bedingen, ist sie wiederum viel zu niedrig.

(Gott sei Dank, denkt er.)

*

Dass ein Buch, z. B. Paris – ein Fest fürs Leben, nicht (noch) besser wird, nur weil man irgendwo gehört hat, dass manches darin auf die Probleme seines Verfassers (Alkoholismus, Depressionen, Paranoia usw.) zurückzuführen sei, denkt er.

 (Aber natürlich wird es dadurch auch nicht schlechter.)

 *

„Bücher, die von den psychischen Krankheiten ihrer Verfasser beeinflusst worden sind, beeinflussen mich – beeinflussen jeden Satz, den ich schreibe“, notiert er (am Rand der Liste).

(„Auch diesen.“)

3

 Dass er sich wohl nur deshalb für den (literatur-)wissenschaftlich-statistischen Ansatz (sprich: die Stricherlliste, denkt er) entschieden hat, damit er um das herum kommt, was er – lt. Einladungsbrief – eigentlich schreiben hätte sollen:
„eine Geschichte über persönliche Begegnungen mit einem Menschen, der auf die eine oder andere Weise in die weiten Krankheitsbilder der in der LSF behandelten Menschen passt“.

(Er will ja nicht immer nur über sich selbst schreiben, denkt er.)

*

 Außerdem:

„Die manisch-depressive Freundin, der alkoholkranke Bekannte, die demente Großmutter“ (es gibt sie tatsächlich alle!, denkt er) sollen nicht zu literarischen (Witz-)Figuren einer jener Anekdoten werden, die sein Ich-Erzähler so gerne erzählt.

(„Das steht mir nicht zu.“)

*

 Und:

 Dass für das Verhältnis zwischen den Patienten einer psychiatrischen Klinik und den angeblich normalen Menschen („uns“, denkt er) das gilt, was Jorge Luis Borges über das Verhältnis zwischen Dichter und Leser gesagt hat:

„Unsere Nichtigkeiten unterscheiden sich kaum; es ist ein bedeutungsloser und zufälliger Umstand, dass du der Leser dieser Übungen bist und ich ihr Verfasser.“

 

* Landesnervenklinik Sigmund Freud Graz

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