Andreas Unterweger

Alphabet der Kindheit

Posted in Das gelbe Buch, Nachrichten aus dem Guten Morgen-Land, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 30. August 2012

Mein Beitrag zu dem schönen Buch

Alphabet der Kindheit„.
50 Autorinnen und Autoren schreiben für 50 Jahre SOS-Kinderdorf in der Steiermark.
Hg. v. Agnes Altziebler und Silvana Cimenti.
Graz: Leykam 2012,

das am 12.09.12, um 19:00, im Meerscheinschlössl, Mozartgasse 3, 8010 Graz
mit einer Lesung des Schauspielers Wolfram Berger und Buffet
präsentiert wird
(Einladung zum Ausdrucken!):

Das gelbe Buch

(Auszüge)

(„)Alter Waschbär(“)

Lange blieb ungeklärt, was (oder wer) nachts auf dem Dachboden hauste.

Manche sagten: ein alter Waschbär.
Andere wiederum vermuteten, es sei der Geist eines (un-)toten Indianerhäuptlings namens: „Alter Waschbär“.

Für den alten Waschbären (den wirklichen) sprach, dass es in jener Ebene, in deren Mitte das gelbe Haus lag, viele, ja, sehr viele Waschbären gab – mehr sogar, als in dem großen Auwald und an den Böschungen der sieben Flüsse, die von Süden nach Norden durch die Ebene strömten, Platz hatten. Indianer hingegen (oder Indianerhäuptlinge) hatte man dort, in der Ebene der sieben Flüsse, deren kleinster und nördlichster durch den Garten des gelben Hauses floss, noch nie gesehen.
Andererseits aber sah die Ebene – vor allem westlich des gelben Hauses, dort, wo sie nicht mehr aus Flüssen und Auen, sondern aus weitem, lichtem Grasland bestand – tatsächlich aus wie eine jener Gegenden, die man aus den Indianerbüchern kennt. Und wenn es nachts, nach Mitternacht, mit einem Mal da oben auf dem Dachboden zu rumoren begann, wenn wir im Aufschrecken begriffen, dass zwei, drei Meter über uns etwas sehr Schweres, Pelziges über die strohbedeckten Bretter scharrte, war die Vorstellung eines untoten Indianerhäuptlings, der – schwer behangen mit Waschbärfellen und Waschbärzahnketten – auf ewig schlaflos durch unsere Träume schlurfte, einfach nur nahe, ja, am nächsten liegend – näher liegend jedenfalls als die Vorstellung von irgendetwas (oder -jemandem), das (oder den) es wirklich gab.

Das Problem – ob nun ein alter Waschbär oder „Alter Waschbär“ nachts auf dem Dachboden hauste – beschäftigte uns einen Herbst, einen Winter, einen Frühling und noch einen Herbst lang (im Sommer beschäftigte uns dieses Problem nicht, da hatten wir andere Sorgen, siehe Kapitel 3). Schließlich, im zweiten Herbst, nachdem die nächtlichen Dachbodengeräusche begonnen hatten, bot uns jemand (ein Nachbar? ein Besucher? ein Passant?) folgende Erklärung an:
„Was (oder wer) nachts auf dem Dachboden haust“, sagte er (oder sie?), „ist weder ein alter Waschbär (ein wirklicher) noch der Geist eines (un-)toten Indianerhäuptlings namens „Alter Waschbär“ – sondern: es ist der Geist eines (un-)toten Indianerhäuptlings namens „Alter Waschbär“, der Nacht für Nacht zurückkehrt in die ewigen Jagdgründe seiner Kindheit – und zwar in Gestalt eines alten Waschbären (eines wirklichen).“

Natürlich war auch das – das war uns klar – ein Märchen.
Trotzdem:

Seither schliefen wir ruhiger.

„Biber“

In jenem Sommer arbeitete er hart daran, ein richtiger Biber zu werden.

Morgen für Morgen, wenn wir anderen Kinder noch schliefen, lief er hinunter zum Fluss, der durch den Garten des gelben Hauses floss, riss sich den Pyjama vom Leib, sprang ins – je nach Wetterlage – baumkronengrüne oder morgensonnenrote Wasser und schwamm, das Köpfchen hoch-, die Schneidezähne rausgestreckt – wie ein richtiger Biber! –, flussaufwärts.
Morgen für Morgen tauchte er so – nackt und den Kopf voraus – im Wasser unter, Morgen für Morgen tauchte er so – die nassen Haare an den Kopf geklatscht, Kopf hoch – beim Frühstück auf. Kein Wunder, dass ihn alle Welt – oder zumindest wir (aber wir waren alle Welt in jenem Sommer) – in jenem Sommer nur noch „Biber“ nannte.

Nun konnte es aber natürlich so – nackt, nass und jeden Morgen Sommer – nicht weitergehen – zumindest nicht für immer: wie jedes Mal folgte auch dieses Mal auf den Sommer der Herbst. Bald lag der Fluss Morgen für Morgen gelb, gelb wie das gelbe Haus, im Morgennebel, bald trieben gelbe Blätterteppiche den morgennebelgrauen Fluss hinab.
Natürlich ging nun niemand mehr, nicht einmal er, am Morgen baden – und selbstverständlich war nun nicht nur das, sondern auch alles andere plötzlich ganz anders. Nun schlief er länger als wir anderen, ließ er, wenn er zu spät zum Frühstück kam, den Kopf hängen, hingen ihm noch, nicht uns, die Haare ins Gesicht. Tatsächlich war er nun, im Herbst, ein völlig anderer.

Und nur noch seiner Zähne wegen nannte ihn alle Welt (die, wie im Sommer, wir waren): „Biber“.

Erstes Leid
(„Tomatensauce“)

Damals, in unserer Kindheit – besser gesagt: im gelben Haus –, gab es nichts, was wir, die
Buben, die wir damals so gut wie nichts fürchteten, verabscheuten oder gar hassten, mehr
gefürchtet, ja verabscheut, wenn nicht gar gehasst hätten als das, was folgenden Namen trug:

„Tomatensauce“.

Wann immer Großvater, der vor dem Mittagessen mit dem großen Topf, in dem das
Mittagessen war, und mit dem Ausruf: „Mittagessen!“ vor das gelbe Haus trat, auf die von
allen Seiten an ihn gerichtete Frage „Was gibt´s zum Mittagessen?“ folgende Antwort gab:

„Tomatensauce“,

erhob sich ein großes Geheul – woraufhin die Katze, die bereits unter dem Tisch unter der
großen Tanne, die im Garten stand, auf für sie abfallende Leckereien wartete, auffauchte und,
über den Zaun hinweg, durchs hohe Gras des angrenzenden Apfelhains von dannen jagte.

„Tomatensauce!“,

brüllten wir, so laut wir nur konnten – und es schien tatsächlich so, als ob die Katze, die das,
was wir ihr sagten, ansonsten nie verstand (siehe Kapitel 12), nun ausgerechnet dieses eine
Wort, das wir am allerwenigsten von allen Wörtern leiden konnten, verstanden hätte.

„Tomatensauce“,

murmelte Großvater dann immer nur leise, Kopf schüttelnd und – nachdem der Topf am Tisch
unter der Tanne abgestellt war – sich mit der rechten Hand am Hinterkopf, da, wo sein graues
Haar, das überall sonst noch recht voll war, merklich schütter wurde, kratzend, „ach,

Tomatensauce …“

 „Paradeissauce“ hingegen – das war damals unsere Lieblingsspeise.

Ein Meister der Verkleidung

 1

 Einmal im Jahr, am sechsten Dezember, sprich: am Nikolaustag, kam der Nikolaus ins gelbe Haus.

Er, der Nikolaus, hatte Großvaters Stimme, er roch wie Großvater (nach Großvater und Zigaretten), und – das war das Allerverblüffendste! – er sah (bis auf den weißen Rauschebart, aber der war, das sah ein Blinder, ja nur angeklebt) auch ganz genauso wie Großvater aus.
Wie Großvater war auch der Nikolaus groß, schlank, gebeugt, mit noch recht vollem grauen Haar, das nur am Hinterkopf – da, wo der Nikolaus sich Jahr für Jahr heftig kratzte, während wir ihm erzählten, wie brav wir gewesen waren – merklich schütter wurde.

Tatsächlich unterschied die beiden – Großvater und den Nikolaus – so gut wie nichts: nichts,  außer eben jener (angeklebte) Rauschebart und ihre Namen – der eine hieß „Großvater“, der andere „Nikolaus“.
Hätten wir nicht gewusst, dass es einmal im Jahr, und zwar am sechsten Dezember, sprich: am Nikolaustag, der Nikolaus war, der ins gelbe Haus kam, und nicht Großvater, uns wäre der Unterschied, minimal wie er war, wohl gar nicht erst aufgefallen.

2

Schade nur, dass Großvater (dem, wie gesagt, der Nikolaus trotz seines weißen Rauschebarts jedes Jahr wieder zum Verwechseln ähnlich sah) ihn, seinen Doppelgänger, nie zu Gesicht bekam.

Er, der ansonsten stets zuhause war, der selbst an den heißesten Sommertagen nicht, und wenn, dann nur unter Protest, das gelbe Haus oder gar den zum gelben Haus gehörenden Garten verließ, war jedes Jahr wieder just dann, wenn wieder einmal der sechste Dezember, sprich: der Nikolaustag, gekommen war, außer Haus.

Und dabei hätten wir ihm ja den Nikolaus, diesen Meister der Verkleidung, dem Jahr für Jahr das Kunststück glückte, sich täuschend echt als „Großvater“ zu kostümieren, doch so gern einmal vorgestellt!

3

Leider vergeht die Zeit, und wie es eben so geht, mehrten sich mit der Zeit die Stimmen, die behaupteten, all das, was wir, die Buben, für wahr gehalten hatten, sei – in Wirklichkeit – ganz anders.
In Wirklichkeit, sagten die Stimmen etwa, sei keineswegs der Nikolaus derjenige, der sich als Großvater verkleide – im Gegenteil: in Wirklichkeit, hörten wir immer öfter, verkleide sich am Nikolaustag stets der Großvater, „der Großvater“, hieß es, „ist der Nikolaus.“

Nun stelle man sich aber unser Staunen vor, als wir erfuhren, dass der Nikolaus, dessen tatsächlich zu frappante Ähnlichkeit mit Großvater ja hier, bei uns, im gelben Haus, gar nicht zu leugnen war, nur ein Haus weiter, bei den Türmchens, dem Türmchen-Onkel, einem kleinen dicken Mann mit Glatze, der aussah wie ein Ei, wie ein Ei dem anderen geglichen haben sollte!
Diese Information (dass es Großvater möglich war, sich binnen kürzester Zeit in den Türmchen-Onkel zu verwandeln) steigerte unsere Bewunderung für jenen Mann, der hier bei uns, im gelben Haus, das ganze Jahr über brav den Großvater spielte, der aber – in Wirklichkeit – jener Meister der Verkleidung war, den wir hinter dem Nikolaus seit jeher schon vermutet hatten, ins Unermessliche …

Und so spielten auch wir, die Buben, weiterhin brav mit – und ließen seine, „Großvaters“, wahre Identität (sofern man denn bei jemandem wie ihm überhaupt von so etwas wie einer „wahren Identität“ sprechen konnte …) noch viele Jahre, viele Nikolaustage lang (vorgeblich) unentdeckt.

Die Zeiger von Großvaters Uhr

leuchteten im Dunklen. Das gab natürlich nur ein kleines Licht – nicht zu vergleichen mit den
Kerzenflammen, in deren Schein uns Großvater manchmal, am Abend, wenn wir schon in den
Betten lagen, aus Winnetou vorlas, dem Licht des Abendsterns oder gar dem des Monds. Aber

die Zeiger von Großvaters Uhr

leuchteten auch dann noch, wenn Großvater die Kerzen ausgeblasen hatte, sie leuchteten auch
dann, wenn Mond und Sterne hinter Wolken steckten, wenn sie sich, wie Biber sagte, „unter
ihrer Bettdecke verkrochen“ hatten, „vermutlich aus Angst vor der Dunkelheit – wie wir.“ Ja,

die Zeiger von Großvaters Uhr

leuchteten in jenen Nächten, in denen nicht nur wir, die Buben aus dem gelben Haus, sondern
das ganze gelbe Land, mit all seinen Häusern und Höfen, seinen Flüssen und Auen, seinen
Feldern und Wäldern, unter der Bettdecke versteckt den Atem anhielt, sogar besonders hell.

Die Zeiger von Großvaters Uhr

leuchteten, wenn man, von Schritten unterm Dach, von einem Rascheln aufgeschreckt, unter
der Decke hervorlugte – wenn man, die Lider aufgebäumt, das Herz wild ausschlagend, in
jenen Winkel Finsternis starrte, wo tagsüber Großvaters Bett gestanden war … Sagen wir so:

die Zeiger von Großvaters Uhr

leuchteten nicht nur, sondern sie sagten auch, mit Großvaters Stimme: „Ich bin da.“ Und das
machte wohl ihre Leuchtkraft aus, die, laut Biber, „wissenschaftlich nicht nachzuweisen“ war. –
Es war ein ganz ganz kleines Licht. Und doch nahm es der Dunkelheit all ihren Schrecken.