Andreas Unterweger

wortwerk

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 28. November 2012

Meine beiden Beiträge zu
wortwerk,
Zeitschrift für Lyrik, Nr 10_2/12,
Thema: boden_los:

AUTOPILOT

Das sich Zusammendrängende
in der Mais- der Wein- der Weizenweite
ist ein Zeichen

für menschliches Leben.

Sich von Zusammenballung
zu Zusammenballung
zu bewegen

ohne je richtig fort-
je wirklich an-
oder sonst irgendwie auf den Punkt zu kommen

ist auch ein Zeichen.

Aus der Vogelperspektive betrachtet
ergeben all diese Bewegungen
ganz bestimmt einen

Sinn.

Aber ich
bin
kein Vogel.

Der kleine
Punkt
da unten: das

bin ich.

SPRACHE DER WOLKEN

Je näher ich komme
desto verschwommener
sehen dich

meine Augen.

Vielleicht ist tatsächlich
deine Botschaft an mich
die des Cirrostratus-Schleiers

vielleicht soll ich wirklich
das
durch dich lernen:

Tränen.

Vielleicht aber
schließe ich einfach
die Augen

und folge dir blind

hinaus in den Regen.

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Alphabet der Kindheit 3

Posted in Das gelbe Buch, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 19. November 2012

Der Schauspieler Wolfram Berger liest aus der Anthologie “Alphabet der Kindheit”, u. a. auch das Kapitel „Ein Meister der Verkleidung“ aus „Das gelbe Buch“, an dem ich seit 2008 immer wieder begeistert arbeite, in Barbara Belics Literatursendung auf Radio Helsinki: hier nachzuhören (51:27 – 56:09)!
Hier die Bilder zum Ton.

Und hier zum Mitlesen:

Ein Meister der Verkleidung

 1

Einmal im Jahr, am sechsten Dezember, sprich: am Nikolaustag, kam der Nikolaus ins gelbe Haus.

Er, der Nikolaus, hatte Großvaters Stimme, er roch wie Großvater (nach Großvater und Zigaretten), und – das war das Allerverblüffendste! – er sah (bis auf den weißen Rauschebart, aber der war, das sah ein Blinder, ja nur angeklebt) auch ganz genauso wie Großvater aus.
Wie Großvater war auch der Nikolaus groß, schlank, gebeugt, mit noch recht vollem grauen Haar, das nur am Hinterkopf – da, wo der Nikolaus sich Jahr für Jahr heftig kratzte, während wir ihm erzählten, wie brav wir gewesen waren – merklich schütter wurde.

Tatsächlich unterschied die beiden – Großvater und den Nikolaus – so gut wie nichts: nichts,  außer eben jener (angeklebte) Rauschebart und ihre Namen – der eine hieß „Großvater“, der andere „Nikolaus“.
Hätten wir nicht gewusst, dass es einmal im Jahr, und zwar am sechsten Dezember, sprich: am Nikolaustag, der Nikolaus war, der ins gelbe Haus kam, und nicht Großvater, uns wäre der Unterschied, minimal wie er war, wohl gar nicht erst aufgefallen.

2

Schade nur, dass Großvater (dem, wie gesagt, der Nikolaus trotz seines weißen Rauschebarts jedes Jahr wieder zum Verwechseln ähnlich sah) ihn, seinen Doppelgänger, nie zu Gesicht bekam.

Er, der ansonsten stets zuhause war, der selbst an den heißesten Sommertagen nicht, und wenn, dann nur unter Protest, das gelbe Haus oder gar den zum gelben Haus gehörenden Garten verließ, war jedes Jahr wieder just dann, wenn wieder einmal der sechste Dezember, sprich: der Nikolaustag, gekommen war, außer Haus.

Und dabei hätten wir ihm ja den Nikolaus, diesen Meister der Verkleidung, dem Jahr für Jahr das Kunststück glückte, sich täuschend echt als „Großvater“ zu kostümieren, doch so gern einmal vorgestellt!

3

Leider vergeht die Zeit, und wie es eben so geht, mehrten sich mit der Zeit die Stimmen, die behaupteten, all das, was wir, die Buben, für wahr gehalten hatten, sei – in Wirklichkeit – ganz anders.
In Wirklichkeit, sagten die Stimmen etwa, sei keineswegs der Nikolaus derjenige, der sich als Großvater verkleide – im Gegenteil: in Wirklichkeit, hörten wir immer öfter, verkleide sich am Nikolaustag stets der Großvater, „der Großvater“, hieß es, „ist der Nikolaus.“

Nun stelle man sich aber unser Staunen vor, als wir erfuhren, dass der Nikolaus, dessen tatsächlich zu frappante Ähnlichkeit mit Großvater ja hier, bei uns, im gelben Haus, gar nicht zu leugnen war, nur ein Haus weiter, bei den Türmchens, dem Türmchen-Onkel, einem kleinen dicken Mann mit Glatze, der aussah wie ein Ei, wie ein Ei dem anderen geglichen haben sollte!
Diese Information (dass es Großvater möglich war, sich binnen kürzester Zeit in den Türmchen-Onkel zu verwandeln) steigerte unsere Bewunderung für jenen Mann, der hier bei uns, im gelben Haus, das ganze Jahr über brav den Großvater spielte, der aber – in Wirklichkeit – jener Meister der Verkleidung war, den wir hinter dem Nikolaus seit jeher schon vermutet hatten, ins Unermessliche …

Und so spielten auch wir, die Buben, weiterhin brav mit – und ließen seine, „Großvaters“, wahre Identität (sofern man denn bei jemandem wie ihm überhaupt von so etwas wie einer „wahren Identität“ sprechen konnte …) noch viele Jahre, viele Nikolaustage lang (vorgeblich) unentdeckt.

Mehr aus „Das gelbe Buch“:

5 Kapitel in Alphabet der Kindheit. 50 Autorinnen und Autoren schreiben für 50 Jahre SOS-Kinderdorf in der Steiermark. Hg. v. Agnes Altziebler und Silvana Cimenti. Graz: Leykam 2012, S. 201 -207.

10 Kapitel in wartholz V. Alle Texte zum Literaturwettbewerb 2012. Hg. v. Literatursalon Wartholz. Reichenau a. d. Rax: Edition Literatursalon Wartholz 2012, S. 76 – 87.

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