Andreas Unterweger

manuskripte 199 (12 Gedichte)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 6. März 2013

Mein Beitrag zu Heft 199 (!) der Literaturzeitschrift manuskripte:

Gedichte

Юдит

Und wenn man jeden Buchstaben in deinem Namen austauscht,
und wenn man ihm, wie jenem unverwüstlichen Waräger-Schiff, von dem Plutarch berichtet,
statt eines Bugsporns Stahlpuffer verpasste,
statt seines Kiels aus königlicher Eiche
acht kleine, rostig rote Räder
und statt des gelb und blau gestreiften Segels
einen zum nackten Würfel eingeknickten Stromabnehmer,
sodass wir zwei, dein Kopf auf meiner Schulter,
statt in dem Drachenboot von einst bis nach Byzanz
in dieser nicht viel weniger antiken Straßenbahn
über die Kopfsteinpflaster Lembergs schaukelten –
es bliebe doch dasselbe Schaukeln, bleibt doch der gleiche Klang: Gesang,
in dessen Takt ich mich, analphabetisch glücklich, wiege.

Львів, 12.09.09

*

Autopilot (Vol de nuit)

Was uns verbindet, ist schwarz wie Asphalt,
hart wie Asphalt, ebenso unverwüstlich,
glatt wie Asphalt in einer Regennacht
im Licht der Tankstellen, der Hafen-Silos –
was uns verbindet, glitzert in der Nacht

breit wie ein zweiter, zweispuriger Strom
hier in der Ebene, der reguliert
von Schallschutzmauern, Ödland, Pannenstreifen
gleich in zwei Richtungen zugleich fließt: Von mir
zu dir. Von dir zu mir. Hin – und zurück.

Manchmal, nachts, wenn ich nicht schlafen kann,
fahre ich im Geist die ganze Strecke ab,
fahre ich die sechsundvierzig Kurven ab
von mir zu dir – und dann wieder zurück.
Manchmal werde ich dabei zum Geisterfahrer,

wechsle ich, ohne zu blinken, die Fahrbahn,
ändert sich, mit einem Blinzeln, die Richtung,
komme ich mir, nach zwei Sekunden Schlaf,
urplötzlich selbst entgegen … Ungebremst
rase ich auf mich, schießt es mich auf mich zu –

bis ich, in deine Arme geschleudert, erwache.

*

Das Tonstudio, in dem wir schlafen,
nimmt jeden deiner Atemzüge auf.
Ich werde meine Ohropax
für Kopfhörer eintauschen –

später dann, allein in meinem Sarg.

*

Bestien
(Triptychon)

Die Maus

Ich hab die Maus mit jenem Beil erschlagen,
mit dem ich sonst immer Holz hacke.
Aber es war nicht wie Holz.

Beim ersten Schlag war ich zu zaghaft.
Beim zweiten quoll ihr eines Auge raus.
Und auch der dritte war nicht stark genug.

Schuld war die Katze. Die Katze ist verspielt.
Sie spielt mit jedem Grashalm, jedem welken Blatt –
Killerinstinkt hat sie keinen.

Und deshalb holte ich das Beil raus,
das stumpfe, schartige, rostige Beil,
mit dem ich sonst immer Holz hacke.

Ich wollte, dass die Maus nicht leidet.

*

Die Spinne

Wer konnte wissen, dass es mit IHR enden würde
wie im Horrorfilm, wo ja das Böse auch immer noch einmal
(will heißen: einmal öfter, als es einem lieb ist)
wiederkehrt? Nun gut, ich hätte etwas ahnen können,
zumal bei einem Tier von IHRER Größe. Wobei –
vielleicht war es gar nicht so sehr die Größe,
die einem dunkle Ahnungen bescherte,
als vielmehr die schon irgendwie perverse
Anzahl ihrer … nun ja … Tentakel? Denn: „Beine“
kann man ja wohl Glieder, die aus dem Rücken
wachsen und nach oben ragen (nach mir tasten)
kaum noch nennen. – Wie auch immer. Nicht immer
ist es, wie die Neurologen sagen: nicht immer
ist die Angst vor Dingen (beziehungsweise: Bestien)
dann am größten, wenn man sie nicht sieht … Und deshalb
war ich rechtschaffen erleichtert, als ich SIE
– mit einer Keule aus Boulevard-Sonntagsbeilagen –
zu einem unförmigen dunklen Klumpen
geprügelt hatte. – Wie gesagt: ich konnte ja nicht wissen,
was noch kommen würde, ich wusste nicht,
auf welche Art Mission ich mich begab, als ich,
mit Handbesen und Plastikschaufel grausam underarmed,
IHREM „Kadaver“ pfeifend näher rückte –
ganz so, als ob die Dreharbeiten zu dem Film,
in dem ich meiner größten Angst begegne,
tatsächlich ein für alle Mal beendet wären; ganz so,
als ob ein solches, fast zu gutes Ende
(zumal in einem Horrorfilm wie diesem)
nicht immer auch eine Art Anfang ist …

*

Die Schlange

Ich bin der Schlange nie begegnet. Die Frau war´s.
Die Frau hat sie gesehen, nicht ich. Ich weiß ja,
dass es keine Schlangen gibt. Es gibt keine Schlangen,
jedenfalls nicht bei uns, bei uns im Garten –
das habe ich der Frau weiß Gott wie oft gesagt.
In unserer Gegend gibt es eben so wenig
Schlangen, habe ich ihr gesagt, wie es Engel gibt.

Aber die Frau tickt anders. Die Frau sieht Schlangen.
Die Frau sitzt tagelang in ihrer dunklen Kammer –
und sieht Schlangen. Und ich, der ich doch täglich
draußen, unten am Fluss, die Bäume schneide, ich:
sehe nichts. Nichts außer etwas gelbem Laub und
schwarzen Zweigen,
AAAAAAAAAschwarzen, schlanken, glatten Zweigen,
die aussehen wie frisch geschnitten und

flussaufwärts treiben.

 *

Haus der Stille
W., 03. – 05.08.09

1

Wir wussten nicht, dass wir störten. Selbst verstört
waren wir, im Wald vor dem Haus, aus dem Auto
gestolpert. Die Nacht
AAAAAAAAAAAAAleuchtete uns, der Nebel
wies uns den Weg, der Regen begrüßte uns
wie ein betrunkener Freund – du

und, Überraschung!, auch sie, noch betrunkener, ihr
beide, unserer beider Freunde und selbst eng
befreundet, torkeltet
AAAAAAAAAAAAAunter ihm her – zwischen euch
Nebelschwaden, Schweigen, eine Art Sicherheits-
abstand, der noch nie nötig war … Und auch wir

fielen euch nicht in die Arme.

2

Wir wollten es gar nicht wissen. Wir gaben dir
unser Wort, niemandem etwas von deinem Hier-
sein zu sagen. Während er
AAAAAAAAAAAAAAAAeinfach still war, brütetest du
über deinem Notizbuch – sprachlos, als wäre das
eine Sünde wie Mord … Ob du mit deinem Ehemann

telefoniertest, fragten wir nicht. Wir hielten
unser Wort, den Mund, die vorgegebene Distanz
pedantisch ein. Und nur
AAAAAAAAAAAAAAAaus Verlegenheit, nicht, um dich
zu erlösen, stellte einer von uns (der dir am Morgen doch
noch in die Arme lief) die monsalvatische

Frage, wo du denn eigentlich schliefst.

3

Ihr störtet uns nicht. Wir wachten ganz von selbst
früh auf, wir weinten nur um uns, wir schliefen
miteinander und mit niemand
AAAAAAAAAAAAAAAAAAsonst, nicht einmal mit
dem zärtlich plätschernden Regen … Am Abend
luden wir, die Gäste, euch zu einem Fest – bei Sekt
verkündeten wir unsere baldige Hochzeit. – Die viel

zu vielen leeren Flaschen, die wir, im Morgengrauen
abreisend, entdeckten, die
AAAAAAAAAAAAAAAAum den Pool verstreuten
Kleider (Pyjamahose, Boxershort, B.H. …), die Grabes-
stille über diesen Dingen – all das: verkündete

eine Idylle, die sich verschweigen ließ, mehr nicht.

*

Bluten
(Frühlingsgedicht)

Wahrscheinlich muss man sich / auch das Erblühen
als einen schmerzhaften / Prozess vorstellen. Etwas, das
um seine Mitte gerollt, in sich gekrümmt / ruhte, wird
aufgezwängt & / fremdgespreizt & / in die Breite genagelt
öffnet sich noch sein / Verwundbarstes, klafft
AAAAAAzwischen gebrochenen Flügeln
das Glück.

*

GrossVaterSprache

Die Panzerwagen der Ernte-Division
sind gestern früh durch unser Dorf gerollt.

Vier Kilometer nördlich stand der Mais.
Sie mähten ihn, sie metzelten ihn nieder.

Erst gegen Abend herrschte auf dem Schlachtfeld
dann wieder Schweigen, sozusagen: Frieden

das Wort, für das der Weltsprache der Kriege,
in der ich schreiben muss, die Bilder fehlen.

*

Grönland, büschelweise. Unter dem Schnee
sprießt schon das bessere Leben. Aber noch
sind wir Schafe, nein: Schiffe, ja, Archen –
unentwegt auf der Suche:
AAAAAAAAAAAAAAAnach dieser kleinsten
größten Insel der Welt.

*

Pleistozän

Damals lebten wir noch wie die Glyptodonten / von nichts anderem als Gras / unter unsren
Schildpanzern aus Wolken / hüteten wir ein Skelett aus Glas / ein Patschuliherz & eine
Zukunft / die ich einmal aus der Asche las / als der Wind sie aus dem Fenster wehte … / Als

die Zeit uns Zigaretten drehte / deren Glut sich durch die Filter fraß / als dein Atem einen
Halm bewegte / der als Dolch an meiner Kehle saß / damals / war ich es noch: dein Fels in der
Brandung / & in deinen Augen lag das Meer / dessen Grün mich Tag & Nacht umspielte / das

ist vierzigtausend Jahre her.

*

Der Vogel

Der Vogel, den die Katze gestern / im Buschwerk fing, hat mich an dich / erinnert. Es war
wohl was mit seinen Augen. Jedenfalls / schloss ich die Katze drinnen / ein & hob den Vogel
hoch, setzte ihn auf den höchsten Zweig / des Apfelbaums. Da saß er / dann & sah mich an

mit deinen Augen. Von all den / Frauen, die ich früher / kannte, hast du mir am wenigsten
wehgetan, dachte ich, als ich / unter dem Apfelbaum stand, & / am meisten … Am Ende
brachte ich dem Vogel / einen Regenwurm. Dann ließ ich ihn / allein, ging wieder rein & ließ

die Katze raus.

*

Ich weiss, ich werde niemals aufhören, Liebesgedichte für dich zu schreiben

Damals war der Mond ein weißer Würfel / der bei Tag & Nacht im Fenster stand / & sich
langsam um sich selber drehte / seine eine Seite war ein Ziffernblatt / & die andern drei zierte
ein Bankenlogo / was nichts weiter zu bedeuten hat / ich weiß nur noch: plötzlich ist es drei &

war doch grade erst halb zwölf gewesen / grade eben hatte ich doch noch / Norbert Hummelt
oder so am Klo gelesen / morgens hörten wir dann die Akkordeons / litauischer Gaukler aus
dem Nebenzimmer / die sind sicher längst schon abgereist / doch der Würfel dort dreht sich

für immer.

Für Judith
Lend, 13.05.2009

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4 Antworten

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  1. andreasundschnurrendemia said, on 15. März 2013 at 2:26 pm

    Diese Gedichte sind zwischen 2008 (GroßVaterSprache) und 2010 (Das Tonstudio) geschrieben worden.

    „Glyptodonten“: http://commons.wikimedia.org/wiki/File:Glyptodon_%28Riha2000%29.jpg
    „der Mond“: https://andreasunterweger.files.wordpress.com/2010/06/dsc00622.jpg

  2. Andreas Unterweger said, on 4. Februar 2015 at 8:45 am

    […] ins Polnische übersetzt wurden. Wer will, kann sie hier („Realisten“) oder hier (alle anderen) in der deutschen Originalfassung […]

  3. […] Der Vogel […]

  4. […] wurde 2008 in St. Johann/Grafenwörth und 1030 Wien geschrieben. Erste Veröffentlichung in manuskripte 199, eine Übersetzung ins Polnische erschien in der „Anthologie österreichischer Gegenwartslyrik […]


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