Andreas Unterweger

poet

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. März 2013

Meine Beiträge zu Heft 14 der Literaturzeitschrift poet, die den von Katharina Bendixen zusammengestellten (und mit einem sehr lesenswerten Einleitungsessay versehenen!) Schwerpunkt „Prosaminiaturen“ eröffnen:

Über die Polen

Man unterscheidet vier Arten von Polen: Die Nordpolen, die Südpolen, die Pluspolen und die Minuspolen. Von den Pluspolen und Minuspolen ist bekannt, dass zwar einerseits Pluspolen Minuspolen und Minuspolen Pluspolen ungemein anziehend, andererseits aber Pluspolen Pluspolen und Minuspolen Minuspolen ungeheuerlich abstoßend finden. Deshalb trifft man niemals auf Pluspolen im Kreise von Pluspolen, und nirgendwo auf Minuspolen im Kreise von Minuspolen. Da hingegen vielmehr Pluspolen ausschließlich an der Seite von Minuspolen, und Minuspolen ausschließlich an der Seite von Pluspolen gesichtet werden, ist die Unterscheidung der Polen in Pluspolen einerseits und Minuspolen andererseits eigentlich hinfällig. Ähnliches gilt für Nordpolen und Südpolen. Es gibt überhaupt nur einen einzigen Nordpolen, doch niemand hat ihn jemals zu Gesicht bekommen. Es gibt auch nur einzigen Südpolen. Der lebt aber gar nicht in Polen, sondern in der Antarktis. Er wurde 1911 von Amundsen entdeckt.

Lieben

„Es gibt nicht: die Liebe. Es gibt: die Lieben.“ Es gibt so viele Lieben, wie es Menschen gibt. Es gibt für jeden Menschen nur: die eine. Sie bricht das erste Mal aus, wenn er sechzehn ist. Sie wird zu viel für ihn sein, schon das erste Mal. Erst viel zu leicht und dann: schon viel zu schwer. Er wird die Liebe einem auf die Schulter legen, der sie nicht haben will. Dann wird der Mensch sich wundern: ach, wie schwer das ist. So eine Liebe loszukriegen. So allein mit der Liebe. So allein mit sich. Der Mensch wird weiter nach dem suchen, der die Liebe trägt. Seine Liebe: erträgt. Und wird vielleicht, von Zeit zu Zeit: jemanden finden, der sie auf sich nimmt. Für eine Zeit und dann: wieder allein. Mit seiner Liebe und: allein mit sich. Und immer schwerer wird die Liebe werden, weil: die Liebe wächst. Sie wächst und wächst, wenn: keiner da ist, der: sie haben will. Sie halten und: für sich behalten will. Der Mensch wird mit der Liebe weitertaumeln, die: ihn fast erdrückt. Der Mensch wird schwer bewaffnet sein, mit seiner Liebe. Und so wird es geschehen, dass der Mensch: den Menschen, den er, lebenslang!, gesucht hat, trifft. Mit seiner Liebe. Und: ihn so erschlägt.

Ein Bild von dir

Du hast ein Bild von dir bei mir vergessen. Es ist ein ganz ganz kleines Bild von dir, mit einer Kerze und mit, hinter dir, einem ganz schwarzen Nachthimmel im Fenster. Einem noch ganz ganz schwarzen Morgenhimmel. Ein Bild vielleicht wie der Kaffee, den du am Bild gerade trinkst. Ganz schwarz, ganz stark, mit Honig drinnen und mit Kardamom. Mit ein paar Brösel Toast vielleicht, mit einem Brösel Schafskäse vielleicht, vielleicht mit einem Brösel noch einer Olive. Oder von dem, was sonst noch auf dem Tisch da steht, an dem du sitzt, da, auf dem Bild von dir. Dem Bild, das wie ein Song ist von, vielleicht, so einem wie Van Morrison. Oder vielleicht von so einem wie Townes Van Zandt. Aber es ist kein Song von einem von den beiden. Es ist ein Song, in dem es um ein Mädchen geht wie dich. Das schon am Küchentisch sitzt und Kaffee trinkt, schwarz, mit Honig, wenn es noch finster ist, wenn es im Fenster hinter ihm noch viel mehr Nacht ist als schon Morgen. Das Honigsüße dieser Nacht sei, heißt es in dem Song, die Hoffnung, die das Mädchen bringt. Die schon der Anblick vom Gesicht von diesem Mädchen da im Song, das so wie deines ist, dem einen bringt, der es besingt. Wenn er es denn nur sehen könnte, einmal noch, und sei es noch so früh am Morgen, wie es da, schlaflos schön, in seiner Wohnung sitzt, an seinem Küchentisch, und den Kaffee, den er gemacht hat, trinkt, ganz schwarz, mit Honig drin. Und von den Augen von dem Mädchen da im Song heißt es, sie seien außen grün und innen schwarz, wie Kardamom. „Grün wie die Hoffnung“, heißt es etwas kitschig, du weißt ja, wie die Songschreiber so sind, „tief wie der Ozean, schwarz wie die Nacht“. Ganz so wie deine Augen sind. Wie deine Augen auf dem Bild da sind, dem Bild von dir, das du vergessen hast. Ich kann die Melodie hören von dem Song über das Mädchen, das so ist wie du, und ich kann mitsingen, ja, ich kann mitsingend den Song über das Mädchen schreiben, das so ist wie du, wenn ich dich sehe, auf dem Bild von dir. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das Bild.

Für Judith

Der Winter dauerte nur einen Tag

Als ich die Augen aufmachte, fing es an zu schneien. In dicken Flocken fiel der Schnee von der Schimmelschutzdecke auf das Bett herab. Ich kratzte etwas Eis aus meinen Augenwinkeln. Dann stand ich auf. Es war nicht wirklich kalt. Ich ging zu Marie rüber, die beim Ofen kniete. Sie legte ihren Kopf gegen mein Knie und sagte: „Hallo Hans“. Dann kam der Kleine, und wir spielten Bauen. Wir bauten was aus Brennholz. Wir bauten eine Mauer rund um uns. Die Mauer schützte uns vor allem, was nicht so wie wir war. Drinnen, da waren wir – der Rest blieb draußen. Die Mauer schützte uns: den Kleinen und Marie und mich, Hans. Die Mauer schützte uns am Morgen, als wir, sie bauend, vor dem Ofen saßen – sie schützte uns am Abend, als wir, in ihrem warmen Schatten, tanzten. Wir tanzten durch den Schneefall, Hand in Hand, fingen die Flocken auf mit unseren Zungenspitzen. Der Schnee schmeckte wie Staubzucker in diesem Winter. Der Schnee war warm, das Holz brannte im Ofen, die Mauer rund ums hielt allem stand. Es war der schönste Winter meines Lebens. Aber er dauerte nur einen Tag. Nicht, dass es dann am nächsten Morgen nicht geschneit hätte. Im Gegenteil: dicker denn je fielen die Flocken auf das Bett herab. Der Schnee war da, als ich die Augen aufmachte, das Eis war da, in meinen Augenwinkeln, und auch die Mauer war noch da, höher noch, fester, viel fester, als gestern. Dahinter wusste ich Marie in Sicherheit. Beim Ofen kniend, mit dem Kleinen spielend. Ich kratzte etwas Eis aus meinen Augenwinkeln. Dann stand ich auf. Jetzt war es wirklich kalt. Ich ging, ganz müde noch, zur Mauer rüber. Dort fiel es mir dann ein: Ich bin nicht Hans.

3 Antworten

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  1. andreasundschnurrendemia said, on 26. März 2013 at 10:06 am

    Im Vorfeld hat mir Katharina Bendixen ein paar gute Fragen zum Thema „Prosaminiatur“ gestellt. Meine Antworten wurden in der Druckausgabe auf das kurze Zitat „Der herkömmliche klassische Roman zeigt nicht, wie unser Leben WIRKLICH ist“ verkürzt – hier das ganze Interview:

    POET: Welche Möglichkeit bietet die Miniatur, die andere Formen nicht bieten?

    ANDREAS: Sie bringt mich schneller und öfter zum Schreibtisch. Denn: Wenn ich weiß, dass ich „nur kurz“ schreiben werde, fällt mir das Anfangen leichter.
    (Dass „Kurzprosa schreiben“ gleichbedeutend ist mit „[nur] kurz Prosa schreiben“, ist natürlich ein Irrglaube – aber das muss ich VOR dem Schreiben ja nicht wissen.)

    POET: Ist der Eindruck berechtigt, dass Leser lieber Romane lesen als Miniaturen? Und wenn ja, warum ist das so?

    ANDREAS: Ich bin ja auch ein Leser – und kann diesen Eindruck nur bestätigen. Allerdings sind Lesen und Schreiben zwei grundverschiedene Dinge. Fast alles, was ich zurzeit lese (Fantasy, Science Fiction, Krimis u. Ä.), würde ich selbst SO nie und nimmer geschrieben haben (wollen): „Das sind doch keine WAHREN Sätze! Das ist Vorspiegelung falscher Tatsachen!“
    Anders gesagt: Der herkömmliche, „klassische“ Roman – mit seiner langen, geschlossenen und womöglich auch noch spannenden Handlung (in der noch das „zufälligste“ Ereignis am Ende Sinn macht), seinen Dialogen (voller Sätze, die niemand, den ich kenne, sagen würde) und all den Figuren (die um so vieles simpler gestrickt sind als wir Menschen) – zeigt ganz einfach nicht, wie unser Leben WIRKLICH ist (das ähnelt nämlich eher einer Sammlung von Miniaturen …). Wahrscheinlich liegt aber genau darin der Grund für seine Popularität.

    POET: Miniatur, lyrische Prosa, Kürzestgeschichte – welche Bezeichnung ist Dir am liebsten? Oder ist es überhaupt wichtig, dass das Genre einen Namen bekommt?

    ANDREAS: Welches Genre? Eine„Kürzestgeschichte“ ist doch etwas ganz anderes als eine „lyrische Prosa“ – oder sehe das etwa nur ich so? Insofern sind unverfängliche, nur auf den Umfang der Texte Bezug nehmende Ausdrücke wie „Miniaturen“ oder „Kurzprosa(-Stücke)“ wohl die brauchbarste Lösung – wenn es denn überhaupt ein zu lösendes Problem gibt …
    Am liebsten ist mir freilich: „Prosagedicht“. Das Wort allein ist schon pure Poesie!

  2. Claudia Paal said, on 1. April 2013 at 5:46 pm

    Hy, ich habe gerade deine Prosaminiaturen gelesen (wenngleich Prosagedicht auch viel her macht…). Jedenfalls war es ein Lesegenuss, ich werde den Poet sicher noch öfter zur Hand nehmen.

  3. […] “Ein Bild von dir” ist später, dank Katharina Bendixen, in “poet” erschienen – hier in Gänze nachzulesen. […]


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