Andreas Unterweger

Heidi W.

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. April 2013

Nachtrag zu:
18.04.2013, 19:00, Hewdig Wingler präsentiert „Erinnertes und nicht Erinnertes. Texte“ (edition keiper 2013), mit einer Einführung von Andreas Unterweger, Rathaus Köflach.

Hier mein Einführungstext:

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Es begann wie ein schlechter Krimi: im Büro eines mächtigen
Mannes, mit Weißwein am Vormittag und einem mörderisch
mysteriösen Auftrag, von dem, wie so oft, einiges mehr abhing
als nur meine Lizenz zum Baden im Fischteich von Grafenwörth.

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„Hier, anonyme Gedichte“ , sagte Fredy K., Boss der wichtigsten
Literaturzeitschrift der Stadt. Er schob ein Manuskript über den
Schreibtisch, weit genug, dass ich mich danach strecken musste.
Glücklicherweise war der Tisch kaum größer als ein Tennisplatz.

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„Sind sie per Mail eingetroffen?“, keuchte ich, während ich quer
über den Schreibtisch robbte. „Nein“, sagte Fredy, „per Heidi.
Von einer Freundin, sagt sie“ Ich erstarrte. „Heidi W.?“, fragte ich.
„Ja, Heidi W.“, sagte Fredy – und ich spürte, wie sich in mir

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etwas Kaltes, Eiskaltes, breit machte, das kein Weißwein war …

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Anonym eingereichte Gedichte sind für uns Redakteure das, was
der Polizei ein Bankräuber mit Clownsmaske, der sich in einen
Faschingsumzug mischt, bedeutet: Einerseits: Man kann nicht
jeden Maskierten erschießen. Andererseits: Einer war es ja doch.

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Was ich damit sagen will: Sobald bei einem unverlangt
eingesandten Manuskript Name und Kurzbiografie (= Liste der
Veröffentlichungen, Verlage, Preise …) einmal fehlen, lässt sich
seine rein literarische Qualität gleich viel schwerer bestimmen.

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Pubertäres Gejammer? Furor eines Geheimgenies? Oder gar eine
Falle, gestellt von Poetryweaks? In der Anonymität scheinen alle
Texte grau – und ich, Andy U., war Fredy K.s Mann für derlei
heikle Fälle. Diese Affäre hier war jedoch extra penibel,

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kamen diese Gedichte ja von niemand Geringerem als Heidi W.!

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Heidi W. alias Hedwig Wingler war eine der, nein: sie ist die
fleißigste Beiträgerin in Fredy K.s, sprich: Alfred Kolleritschs
Literaturzeitschrift, den manuskripten. Mit 73 Texten hält sie den
Rekord (vgl.: Peter Handke 42; Elfriede Jelinek 38; Andy U. 12).

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Sie war Teil des legendären Freundeskreises um Alois Hergouth,
Günter Waldorf und Alfred Kolleritsch, dem Graz das Forum
Stadtpark
und die manuskripte und somit seinen Aufstieg zur
unheimlichen Literatur- bzw. Kulturhauptstadt zu verdanken hat.

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Ihre literaturtheoretischen Aufsätze und Rezensionen waren es,
die die Poetik der sog. Grazer Gruppe nicht nur verteidigten,
sondern, gemeinsam mit Kolleritschs Marginalien, eigentlich
erst formulierten. – Übrigens nannte sich Heidi W. damals noch

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Hedwig T. (wie Tax) und dann, acht Jahre lang, auch Hedwig K.

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Heidi W. wuchs als Hedwig T. in Köflach auf und studierte in
Graz Altphilologie und Philosophie. Als Dozentin Hedwig K.
kannte man sie an der TH Darmstadt, als Hedwig W. am
Regional-Museum Charlottenburg, Berlin, wo sie ab 1973 lebte.

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Ihre Essays zu Literatur, Philosophie und Kunst erschienen in
Tageszeitungen und wissenschaftlichen Publikationen, ihre
Rezensionen (zu Büchern von Handke, Bachmann, Mayröcker,
Calasso, Eco, Andy U. sw. usf.) u. a. in manuskripte und Korso.

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Dass sie neben all diesen Aktivitäten auch noch Zeit fand, eine
glückliche Ehe zu führen (mit dem Kunsthistoriker Hans Maria
Wingler) und ihrem Sohn Johannes eine zweifellos nicht minder
glückliche Kindheit zu schenken, ist an ihrer Lebensgeschichte

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vielleicht das Erstaunlichste, ganz bestimmt aber das Wichtigste.

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Dies alles (s. 3 und 4) schoss mir durch den Kopf (bzw., eiskalt,
durch den Bauch), als ich, die anonymen Gedichte endlich in
Händen, in Fredy K.s Büro an Fredy K.s Schreibtisch Fredy K.
gegenüber saß. Fredy K. schwieg. Ich schwieg. Wir schwiegen.[1]

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Dann hörte ich auf (mit Schweigen): „Wo wohnt Heidi denn
jetzt?“, fragte ich. „Seit 2000 wieder in Köflach“, sagte Fredy.
„Dort hat sie die Texte für den Stadtrundgang verfasst. Und sie
schreibt tagebuchartige Texte, die sie Briefe vom Land nennt.“

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„Köflach, Köflach“, murmelte ich, nur um nicht wieder zu
schweigen. „Ja, Köflach“, murmelte Fredy. „Köflach!“, rief ich.
„Ja, Köflach!“, schrie Fredy, „Köflach!“, brüllten wir beide,
dann: schwiegen wir wieder, und da es nun keinen Grund mehr

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gab, es nicht zu tun, fing ich endlich an, die Gedichte zu lesen.

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Es waren gute Gedichte – aber von wem? Von einem Mädchen,
dachte ich. Einem Mädchen freilich mit reichlich
Lebenserfahrung. Einer wahren Philosophin. Literaturexpertin.
Womöglich Altphilologin. Und Mutter, dachte ich, ca. ein Kind.

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„Es sind gute Gedichte“, sagte ich. „Aber von wem?“, fragte
Fredy. „Von … Heidi W.“, sagte ich. „Unmöglich!“, rief Fredy
(etwas zu entrüstet), bevor er, mit jenem monalisaesken Lächeln,
das nur den großen Bossen glückt, hinzufügte: „Na, wer weiß?!“

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Er wusste, natürlich. Und nun wusste ich auch. Und heute Abend
erfahren auch Sie, werte Damen und Herren, wer Heidi W. alias
Hedwig Wingler, formerly known as Hedwig T. bzw. K.,
deren (trotz so vieler Veröffentlichungen!) erstes richtiges Buch wir

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hier präsentieren, in Wahrheit ist: ein mörderisch guter Dichter.

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[1] Vgl. dazu: Hedwig Wingler: „Schwer von ungesagten Worten“ – Sprachphilosophischer Versuch zum Schweigen. Aufsatz von 1980, der demnächst in englischer Übersetzung an der Universität von Vancouver erscheinen wird.

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