Andreas Unterweger

Straßenbahn der Hoffnung

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 2. Dezember 2013

Nachtrag zu dem Termin:
06.12.2013, Marion Mitterhammer liest Texte von Andreas Unterweger u. v. a. m. – beim Finale der Aktion „Zeig dein Gesicht gegen Diskriminierung“, Kulturzentrum bei den Minoriten, Mariahilferplatz 3, 8010 Graz.

Straßenbahn der Hoffnung

In der Straßenbahn, mit der meine Tochter Maria und ich täglich zur Schule fahren, habe ich noch keinen einzigen Fall von Diskriminierung beobachtet. Ja, ich behaupte sogar, dass in dieser Straßenbahn, ob wir nun an Bord waren oder nicht, überhaupt noch nie jemand diskriminiert worden ist.
Dies ist insofern erstaunlich, als es gerade in dieser Straßenbahn, wann immer ich einen Blick auf unsere zahlreichen Mitreisenden werfe, von „Diskriminierungsgründen lt. Grundcharta der Europäischen Kommission“ nur so wimmelt. Da sind einmal jede Menge Hautfarben vertreten (weiß, schwarz, gelb, lila …), da gibt es Einbeinige, Schielende, Fußlose, Kopflose, es gibt Dicke und Nackte, Zusammengeflickte und Vermummte, von den zwei Punks mit Pastell-Irokesen, die in pinkfarbenen Plüsch gehüllt zu uns herüberglitzern, ganz zu schweigen. Und natürlich sind fast alle, die hier mitfahren, „Ausländer“ (die meisten aus China).
Trotz dieser offensichtlichen Verschiedenheiten ist es, wie gesagt, unter den Fahrgästen unserer Straßenbahn noch nie zu Übergriffen irgendwelcher Art gekommen – was natürlich die Frage aufwirft, warum es anderswo, in anderen Straßenbahnen z. B., eigentlich anders sein muss.

Nun könnten findige Skeptiker (die sich ja überall finden …) vermutlich einwerfen, dass a) meine Tochter erst dreiundhalb Jahre alt ist; dass es sich b) bei der Schule, zu der wir fahren, folgerichtig um keine richtige Schule handelt, sondern nur um die sogenannte „Wohnzimmerschule“, sprich: unser Wohnzimmer; dass somit c) die Straßenbahn, mit der wir fahren, in Wirklichkeit gar nicht fährt (wie könnte denn ein mit vier Türen verschlossenes Vorzimmer, in dem ein dreieinhalbjähriges Mädchen die Fahrerin macht und ihr Papa die Haltestellendurchsagen, auch „in Wirklichkeit“ fahren?!); und dass d), zu guter Letzt, aber vor allen Dingen, die Mitreisenden, über die ich mich oben eben noch so lobend geäußert habe, ja überhaupt keine waschechten Menschen sind, sondern nichts weiter als mehr oder weniger frisch gewaschene Stofftiere, Puppen, Kuschelclowns, Plüschponys …
Diese Einwände aber lasse ich nicht gelten.
Ich frage mich trotzdem, warum es nicht in allen Straßenbahnen so zugeht wie hier, in unserer, unserem Vorzimmer, das vom Wohnzimmer zum Wohnzimmer zur Schule fährt.

 

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