Andreas Unterweger

Heimlich durch die unheimliche Literaturhauptstadt

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. Juni 2014

Nachtrag zu dem Termin:
14./15.06.2014, Andreas Unterweger führt die Lesegesellschaft Andere Bibliothek durch die unheimliche Literaturhauptstadt Graz. (Geschlossene Gesellschaft)

Der aufmerksamen Userin/dem aufmerksamen User wird es schon aufgefallen sein: in der Spalte „Termine“ zur Rechten finden sich in letzter Zeit nicht allzu viele Einträge. Hauptgrund dafür: Geheimtermine!
Zu den meisten dieser alles andere als öffentlichen Mega-Events werde ich von meinen beiden Töchtern eingeladen (bin ja, derzeit sogar hochoffiziell, in Papapause) – manchmal aber, besser gesagt: einmal, ist es auch die Lesegesellschaft Andere Bibliothek, die meine unheimlich heimlichen Dienste in Anspruch nimmt.
Dieser ehrenwerte Verein veranstaltet Gruppenreisen in Städte, um sie – man höre und freue sich! – als Literaturstädte kennenzulernen – dabei wird jedes Mal ein aus der Stadt stammender/dort wohnender Schriftsteller als Stadtführer verpflichtet.
In Triest, der letzten Station, war es Veit Heinichen, in Graz: io mio.

Warum Graz?

„Der Ruf als Literaturstadt verdankt sich […] dem Forum Stadtpark und der Literaturzeitschrift manuskripte, deren Bemühungen und Entdeckungen Graz in den 1960ern und 70ern tatsächlich zu so etwas wie der „unheimlichen Literaturhauptstadt“ (Reinhard P. Gruber) nicht nur Österreichs machten.
Hier ging damals etwa der Stern Peter Handkes auf. Auch Elfriede Jelinek, Urs Widmer oder Friederike Mayröcker nutzten (und nutzen) die Publikations- und Auftrittsmöglichkeiten begeistert. Grazer Dramatiker wie Wolfgang Bauer und Werner Schwab feierten internationale Bühnenerfolge. Und bei den Literaturkongressen des Forum Stadtpark lernten Größen der Weltliteratur, etwa Eugène Ionesco, Allen Ginsberg, Erich Fried oder auch Rolf Dieter Brinkmann, nicht nur die hiesige Dichtung, sondern auch die steirischen Schmankerln und Weine kennen – und lieben.
Kein Wunder, dass dtv diesem einzigartigen literarischen Boom 1979 eine Anthologie widmete, deren Titel für sich spricht: „Wie die Grazer auszogen, die Literatur zu erobern“.
Heute verfügt Graz – dank des Erfolgsmodells manuskripte – über eine blühende Literaturzeitschriftenlandschaft; wohl nirgendwo anders findet sich eine größere Dichte an einflussreichen Magazinen (Lichtungen, perspektiven, die schreibkaft …).
Dem Forum Stadtpark sind mit dem Literaturhaus Graz und dem Kulturzentrum bei den Minoriten weitere exzellent programmierte Veranstaltungszentren zur Seite getreten.
Und neben den etablierten Autoren der „Grazer Gruppe“, wie Alfred Kolleritsch, dem Herausgeber der mittlerweile seit 52 Jahren erscheinenden manuskripte, Gerhard Roth oder Barbara Frischmuth, ist mittlerweile eine junge Autorengeneration am Werk, deren bekanntester Vertreter wohl der 2011 mit dem Preis der Leipziger Buchmesse ausgezeichnete Clemens Setz ist.

Unser literarischer Führer ist der in Graz geborene Schriftsteller und manuskripte-Redakteur Andreas Unterweger. Seine Bücher erscheinen im ortsansässigen Droschl-Verlag (Verlagskollege von Iris Hanika, Olga Martynova, Ilma Rakusa …).
Auf mehreren beschaulichen Spaziergängen durch die Altstadt und ihre Parks zeigt er uns die offiziellen und heimlichen Sehenswürdigkeiten „seiner“ Stadt, liest Eigenes und viel mehr Anderes, berichtet vom Grazer „Literaturwunder“ der 60er/70er, ohne dabei die Altvorderen außer Acht zu lassen, und stellt uns den Protagonisten des heutigen Grazer Literaturlebens vor.“
(Aus dem Einladungsbrief.)

26 unerschrockene Damen und Herren aus Deutschland ließen sich von der oben betriebenen Literaturtourismuswerbung becircen – und erlebten folgendes Programm:

Tag 1:

„Am ersten Tag in einer bislang fremden Stadt lässt man sich am besten einfach einmal nur durch die Straßen treiben … Und so spazieren wir von unserem Hotel aus munter drauf los, durchqueren das in den letzten Jahren so hipp gewordene „Kunst-Viertel“ rund um den Lendplatz und gelangen, am „friendly alien“ (dem Kunsthaus) vorbei, in die berühmte Altstadt, zum Hauptplatz und in das rege Treiben der ihn umgebenden Gassen und Plätze.
Dass wir dabei dennoch auf jede Menge literarischer Hotspots stoßen, versteht sich von selbst. Schließlich wohnt in Graz, lt. Reinhard P. Gruber, „in jedem zweiten haus ein berühmter dichter“. Nun ja, „berühmt“ sind sie nicht alle, aber etwas Wahres ist da schon dran …
Tatsächlich kommen wir etwa am Wohnhaus von Clemens Setz vorbei – und dabei durch jene Gegend, in der angeblich die meisten seiner Geschichten spielen. Oder wir suchen die Stelle, an der Rolf-Dieter Brinkmann einst gestanden ist, und blicken (über seine Schulter?) in das von ihm so eindrucksvoll beschriebene wild rauschende, schwarze Wasser der Mur. Und im sog. „Bermuda-Dreieck“, in dem man abends schnell einmal verschollen geht, lassen wir das Flair der legendären Likörstube Haring, wo die Grazer Dichter (und weniger bekannte Zecher) mit Ionesco, Ginsberg, Widmer, Kippenberger & Co. feierten, mittels Wolfgang Bauers berauschender Schilderung wieder auferstehen …
Später […] werfen [wir] von der Dachterrasse jenes Großkaufhauses, in dessen Versandabteilung sich der Jura-Student Peter Handke einst beim Ferialjob die Augen verdarb, einen ersten Panoramablick auf „die herrlichsten Aussichten“, die Graz laut Seume zu bieten hat.“

Soweit das Vorhaben, hier ein paar Bilder aus der Umsetzung:

Hauptplatz: „Hier steht ein goldener Punk!“ – zumindest erzähle ich das gerade, aber es war wie immer: die Wirklichkeit überführte mich (genauer gesagt: die Erzählung [noch genauer: Wikipedia]) der Lüge – Punk futsch!
Der Herr rechts von mir ist übrigens der Reiseorganisator und treusorgende Reisegruppen-Hirte Lothar Ruske (von Lothar Ruske P.R.)

L1009703(c) Heinrich Käsgen

Zu Gast im Kulturzentrum bei den Minoriten: Kuratorin Birgit Pölzl sprüht vor Charme und Begeisterung.

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Birgit Pölzl liest einen ihrer schönen Texte (demnächst übrigens auch bei den Tagen der deutschsprachigen Literatur in Klagenfurt – endlich einmal jemand, dem man die Daumen drücken will!)

L1009688(c) Heinrich Käsgen

Auf dem Dach des Kaufhauses Kastner & Öhler: Hier (oder knapp darunter) hat Peter Handke während seines Studiums Versandwaren verpackt.

L1009706(c) Heinrich Käsgen

Und so sah Peter Handke aus, als das Kaufhaus und Graz mit ihm fertig waren – oder umgekehrt (ganz rechts):

L1009709(c) Heinrich Käsgen

Tag 2:

„Heute machen wir ernst. Schluss mit dem scheinbar ziellosen Umherstreunen – an diesem Vormittag bewegen wir uns konsequent durch die Literaturgeschichte der Stadt auf jenen Mann zu, der Graz – lt. Germanistik-Ikone Wendelin Schmidt-Dengler – zum „wichtigsten literarischen Zentrum Österreichs neben Wien“ gemacht hat: Alfred Kolleritsch.
Wir fahren mit dem Bus in den Stadtpark, spazieren durch die weitläufige englische Parkanlage (mit ein paar kurzen Stopps, etwa beim Waldlilien-Denkmal des Heimatdichters Peter Rosegger) und besichtigen dann das Forum Stadtpark, jenes bis heute höchst aktive Kunstzentrum, in dem 1959 alles begann.“
(Aus dem Programm)

Zu Gast im Forum Stadtpark: Leiterin Heidrun Primas, Literaturreferent Max Höfler und Io mio versuchen, zunehmend ratlos, die richtigen Namen zu den Gesichtern auf der historischen Fotowand zu finden.

L1009729(c) Heinrich Käsgen

Max Höfler. Guter Literaturreferent (und als solcher Nachfolger von Alfred Kolleritsch), guter Dichter, gute Frisur.

max höfler - domnick(c) Angelika Domnick-Gölnitz

Max Höfler liest – lustig!

L1009735

(c) Heinrich Käsgen

„Danach führt unser Weg unter den Baumkronen des Stadtparks zurück in die Altstadt, vorbei an den Künstlercafés Parkhouse und Promenade, vorbei an Schauspielhaus und Dom, vorbei auch an Alfred Kolleritschs Wohnhaus. Wir passieren seinen Lieblingsbuchladen, seinen Lieblingswürstelstand am Hauptplatz, erweisen kurz der „Königin“, wie Kolleritsch die Chefin seines Stammcafés (Café König) nennt, unsere Referenz und betreten dann das barocke Palais Attems, in dem sich das manuskripte-Büro befindet.
Bei einem Glas Wein wird uns Alfred Kolleritsch mit Fakten und Anekdoten aus der über 50jährigen Geschichte der wohl einflussreichsten Literaturzeitschrift im deutschen Sprachraum unterhalten.“
(Aus dem Programm)

Zu Gast bei den manuskripten, zu Gast bei Alfred Kolleritsch.
(Eine Rückmeldung, danach: „Jetzt verstehe ich, was Sie gemeint haben, als Sie sagten, ohne Kolleritsch wäre aus Graz nie und nimmer eine Literatur- oder Kulturhauptstadt geworden“):

L1009750 - Arbeitskopie 2(c) Heinrich Käsgen

„12:00 Mittagessen im Restaurant Aiola upstairs, Schlossberg 2, 8010 Graz [ausgezeichnet!]
13:30 Nach dem Essen bleiben wir erst einmal am Schlossberg. Wie es sich für eine Literaturhauptstadt gehört, wird selbstverständlich auch hier oben gedichtet! Im Cerrini-Schlössl aus dem 19. Jahrhundert z. B., wo drei Wohnungen als Arbeits- und Zufluchtsort für in ihren Heimatländern bedrohte Künstler zur Verfügung stehen. Luise Grinschgl vom „Internationalen Haus der Autoren“ erzählt mehr dazu und führt uns durch das idyllisch gelegene Gebäude.“

Zu Gast im „Internationalen Haus der Autoren“: der bosnische Autor Mirsad Sijaric sagt etwas ziemlich Erhebendes, das mich ziemlich cool dreinschauen lässt.

cerrini - domnick(c) Angelika Domnick-Gölnitz

Aus dem Programm:
„Der Bus bringt uns dann in das tatsächlich ziemlich grüne Wohnviertel Mariagrün, wo sich das architektonisch höchst interessante Verlagsgebäude des Droschl-Verlags befindet.
Bei Kaffee und Kuchen präsentiert Verlegerin Annette Knoch die Verlagsgeschichte und beantwortet unsere Fragen.
Abschließend liest Andreas Unterweger aus seinen Büchern und unveröffentlichten Texten.“

Nicht nur Kaffee und Kuchen waren großartig. Erst ein begeisternder Frontalvortrag von Annette Knoch (Mitte), dann zahlreiche und allesamt kluge, gut informierte Fragen aus dem Publikum, danach eine viel zu schmeichelhafte Einführung durch den sonst so gestrengen Dr. Rainer Götz (rechts) und abschließend drei kurze Lesungen aus meinen bisher erschienenen Büchern.
Nur auf die Frage, welches von meinen eigenen Büchern das beste sei, hätte ich, im Sinne eines ausgewogeneren Literaturreisenschlussverkaufs, wohl etwas weniger eindeutig und euphorisch antworten sollen …

L1009763(c) Heinrich Käsgen

Fazit:
Es war mir eine unheimliche (!) Freude, zwei Tage lang mit interessierten, gebildeten und freundlichen Menschen durch meine schöne Geburtsstadt zu spazieren! Alles war perfekt – nur mein Schuhlaschenmanagement ließ, wie man unten sieht, wieder einmal zu wünschen übrig.

L1009765(c) Heinrich Käsgen

Danke Lothar! Danke Gertraud! Danke Euch allen lieben Leuten auf dem obigen Foto!

P.S. Mein besonderer Dank gilt Heinrich Käsgen (natürlich nicht auf dem Bild …) und Angelika Domnick-Gölnitz für die schönen Fotos!
Frau Domnick-Gölnitz hat dankenswerterweise auch ein sehr gelungenes Fotobüchlein über die Reise gestaltet, das die Reise der Lesegesellschaft Andere Bibliothek viel umfassender darstellt als mein Bericht – schließlich waren die Damen und Herren noch ein paar Tage länger in Graz, um u.a. das Schloss Eggenberg zu besichtigen und von Lojze Wieser besichtigt, äh, besucht zu werden.

P.P.S. Auch bei meinen Grazer Freunden möchte ich mich bedanken. Ohne die Mitwirkung von Birgit Pölzl, Max Höfler, Waltraud König, Alfred Kolleritsch, Helga Höhn, Luise Grinschgl, Annette Knoch, Rainer Götz und Max Droschl (in der Reihenfolge ihres Auftretens) wäre das alles nix geworden … Ihr seid supsi!

P.P.P.S. Und für die zahllosen Andreasunterwegerologen da draußen gibt es hier noch eine Zusammenstellung meiner eigenen Texte über Graz. Als gebürtiger Grazer kann man es zwar leicht vergessen, aber: ja, Graz rockt.

Eine Antwort

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  1. Statistik 2014 | Andreas Unterweger said, on 30. Dezember 2014 at 9:19 am

    […] Heimlich durch die unheimliche Literaturhauptstadt Ausführliche Nachbetrachtung der schönen Reise durch meine Geburtsstadt Graz, die ich gemeinsam mit Lothar Ruske und den so freundlichen Leuten der Lesegesellschaft Andere Bibliothek unternehmen durfte. Mit vielen sehr gelungenen Fotos der Reiseteilnehmer Heinrich Käsgen und Angelika Domnick-Gölnitz. […]


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