Andreas Unterweger

September 2015

Posted in Das gelbe Buch by andreasundschnurrendemia on 28. Juni 2014

Aus gut nachvollziehbaren (markt-)strategischen Gründen wurde mein viertes Opus magnum, „Das gelbe Buch“, das im Frühling bei Droschl erscheinen hätte sollen, in die Herbstsaison 2015 verschoben. Denn: „Die Drohung ist stärker als ihre Ausführung“ (alte Schachweisheit, Aaron Nimzowitsch oder Savielly Tartakover zugeschrieben). Neues Erscheinungsdatum: September 2015.

Als kleine Kostprobe hier noch einmal:
Schauspieler Wolfram Berger liest das Kapitel “Ein Meister der Verkleidung” aus “Das gelbe Buch” in Barbara Belics Literatursendung auf Radio Helsinki: hier nachzuhören (51:27 – 56:09)!
(Aufzeichnung anlässlich der Präsentation von “Alphabet der Kindheit“. 50 Autorinnen und Autoren schreiben für 50 Jahre SOS-Kinderdorf in der Steiermark. Hg. v. Agnes Altziebler und Silvana Cimenti. Graz: Leykam 2012, 12.09.12, um 19:00, im Meerscheinschlössl, Mozartgasse 3, 8010 Graz)

Zum Mitlesen:

Ein Meister der Verkleidung

 1

Einmal im Jahr, am sechsten Dezember, sprich: am Nikolaustag, kam der Nikolaus ins gelbe Haus.

Er, der Nikolaus, hatte Großvaters Stimme, er roch wie Großvater (nach Großvater und Zigaretten), und – das war das Allerverblüffendste! – er sah (bis auf den weißen Rauschebart, aber der war, das sah ein Blinder, ja nur angeklebt) auch ganz genauso wie Großvater aus.
Wie Großvater war auch der Nikolaus groß, schlank, gebeugt, mit noch recht vollem grauen Haar, das nur am Hinterkopf – da, wo der Nikolaus sich Jahr für Jahr heftig kratzte, während wir ihm erzählten, wie brav wir gewesen waren – merklich schütter wurde.

Tatsächlich unterschied die beiden – Großvater und den Nikolaus – so gut wie nichts: nichts,  außer eben jener (angeklebte) Rauschebart und ihre Namen – der eine hieß „Großvater“, der andere „Nikolaus“.
Hätten wir nicht gewusst, dass es einmal im Jahr, und zwar am sechsten Dezember, sprich: am Nikolaustag, der Nikolaus war, der ins gelbe Haus kam, und nicht Großvater, uns wäre der Unterschied, minimal wie er war, wohl gar nicht erst aufgefallen.

2

Schade nur, dass Großvater (dem, wie gesagt, der Nikolaus trotz seines weißen Rauschebarts jedes Jahr wieder zum Verwechseln ähnlich sah) ihn, seinen Doppelgänger, nie zu Gesicht bekam.

Er, der ansonsten stets zuhause war, der selbst an den heißesten Sommertagen nicht, und wenn, dann nur unter Protest, das gelbe Haus oder gar den zum gelben Haus gehörenden Garten verließ, war jedes Jahr wieder just dann, wenn wieder einmal der sechste Dezember, sprich: der Nikolaustag, gekommen war, außer Haus.

Und dabei hätten wir ihm ja den Nikolaus, diesen Meister der Verkleidung, dem Jahr für Jahr das Kunststück glückte, sich täuschend echt als „Großvater“ zu kostümieren, doch so gern einmal vorgestellt!

3

Leider vergeht die Zeit, und wie es eben so geht, mehrten sich mit der Zeit die Stimmen, die behaupteten, all das, was wir, die Buben, für wahr gehalten hatten, sei – in Wirklichkeit – ganz anders.
In Wirklichkeit, sagten die Stimmen etwa, sei keineswegs der Nikolaus derjenige, der sich als Großvater verkleide – im Gegenteil: in Wirklichkeit, hörten wir immer öfter, verkleide sich am Nikolaustag stets der Großvater, „der Großvater“, hieß es, „ist der Nikolaus.“

Nun stelle man sich aber unser Staunen vor, als wir erfuhren, dass der Nikolaus, dessen tatsächlich zu frappante Ähnlichkeit mit Großvater ja hier, bei uns, im gelben Haus, gar nicht zu leugnen war, nur ein Haus weiter, bei den Türmchens, dem Türmchen-Onkel, einem kleinen dicken Mann mit Glatze, der aussah wie ein Ei, wie ein Ei dem anderen geglichen haben sollte!
Diese Information (dass es Großvater möglich war, sich binnen kürzester Zeit in den Türmchen-Onkel zu verwandeln) steigerte unsere Bewunderung für jenen Mann, der hier bei uns, im gelben Haus, das ganze Jahr über brav den Großvater spielte, der aber – in Wirklichkeit – jener Meister der Verkleidung war, den wir hinter dem Nikolaus seit jeher schon vermutet hatten, ins Unermessliche …

Und so spielten auch wir, die Buben, weiterhin brav mit – und ließen seine, „Großvaters“, wahre Identität (sofern man denn bei jemandem wie ihm überhaupt von so etwas wie einer „wahren Identität“ sprechen konnte …) noch viele Jahre, viele Nikolaustage lang (vorgeblich) unentdeckt.

2 Antworten

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  1. andreasundschnurrendemia said, on 28. Juni 2014 at 10:07 pm

    „Das gelbe Buch“ hier vorbestellen: http://www.droschl.com/verlag/kontakt.html

  2. Statistik 2014 | Andreas Unterweger said, on 30. Dezember 2014 at 9:19 am

    […] und wünsche allerseits ein ruhiges Silvester und viel Glück im neuen Jahr, das, u. a., auch ein neues Buch von mir bringen […]


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