Andreas Unterweger

9 Gedichte (manuskripte 205)

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, manuskripte by andreasundschnurrendemia on 29. September 2014

Mein Beitrag zu Heft 205 (!) der manuskripte:

 

DIE ELTERN

 

Ihr Schweiß / ist das Meer / der Eltern;

das Schleudern der Waschmaschine / ist die Brandung

aaaaaaader Eltern;

die Schluchzer der flohbefallenen Katze

aaaaaaadraußen, vor dem Fenster,

sind, in den Ohren der Eltern,

kreischende Möwen

aaaaaaa(„der Gesang des Meeres“).

 

Die Eltern: jeden Abend wieder

verbleiben sie / auf dem verlassenen Strand

(die Brösel auf der Holzplatte des Küchentischs

sind der Sandstrand der Eltern)

zwischen Spielzeug und Scherben

wie Treibgut

 

der jüngsten Flut.

 

Wer sie so sieht, wird kaum für möglich halten,

dass sich „die E.“

vor gar nicht allzu langer Zeit (in den 60ern),

an einer gar nicht so viel freundlicheren Küste (Desolation Island)

„gänzlich anders“ zeigten.

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaZitat:

„Sie schwimmen und tauchen vortrefflich, führen rasche Wendungen aus […], jagen eifrig

und geschickt […] und wissen selbst Wasservögel, Pinguine z. B., schwimmend zu erreichen.“

(Brehms Tierleben)

 

Nun ja. Nun schreiben wir ja nicht mehr

1866,

und fern, milchstraßenfern

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavom Sang der Silbergischt

aaaaaaaaaaaaaader Subantarktis

aaaaaaaliegt

das wüste Land

 

der Gegenwart. Hier aber

„sind [sie] unbeholfen […]

ermüden sie in hohem Grade […]

schlottert bei jeder ruckweisen Bewegung der Leib wie eine mit Gallerte angefüllte große

Blase […]

stoßen [nur dann und wann] die Männchen ihr eigenthümliches, dem eines Rindes ähnelndes,

aber mehr gezogenes, von einem sonderbaren, aus tiefster Brust kommenden Rasseln

begleitendes Gebrüll aus […]

schweigt [aber meistens]

aaaaaaaangsterfüllt

aaaaaaaaaaaaaadie ganze Gesellschaft

und läßt

 

das unvermeidliche Geschick

 

willenlos über sich ergehen.“

(Ebda.)

 

*

 

DER VATER

 

Er ist die Mutter mit den fünf Brustwarzen

an jeder Hand, von denen keine Milch gibt.

 

Keine Religion (nicht einmal der obskure

Todes-Ritus der Drogendealer von Mexico City)

verehrt ihn als Fruchtbarkeitsgöttin.

 

Sein Bildnis hängt nicht über Hausaltären,

er kniet nicht, wie Mutter und Tante,

an der Seite des Christbaums, nein:

 

er, der Vater, bleibt im Hintergrund

(im Seitenschiff oder sonst einer Nische)

des Bewusstseins des Kindes,

 

das in seinem der Mittelpunkt ist.

(Einer muss die Fotos ja machen.)

 

 

Wenn jeder in der Kleinfamilie

(Frau und Kinder zuerst,

dann der Hund, dann die Katze,

die Schildkröten, das Meerschweinchen,

der Exfreund, die Exfreundin des Exfreunds usw.)

längst im Rettungsboot sitzt,

 

findet man ihn, den Vater,

noch im Auto (auf dem Weg nach Hause)

oder im Wirtshaus (auf dem Weg nach Hause)

oder im Stiegenhaus (den Müll runterbringend)

oder seit Stunden (Tagen? [Wochen?!])

auf dem Klo (mit dem Sportteil der Zeitung)

 

oder vielleicht auch hier, am Fensterbrett –

wo er, mit neiderfülltem Blick

auf all die, die ihm leid tun

(die Kinderlosen da draußen),

ein Gebet an sich selbst spricht,

 

das ins Leere geht.

 

*

 

DIE MUTTER

 

Sie ist der Vater, der dich nie verlässt.

 

Wer sie verletzt (Vater, Geschwister, du selbst usw.),

dem wirst du nie verzeihen.

 

Jedes Gedicht an sie

bleibt ein Fragment,

in jedem Lied, das du ihr singst,

fehlt ihre Stimme.

 

 

Ihre Hand ist das Honigbrot,

das dich am Morgen aus den Federn lockt,

und sie lächelt dich an

– später, beim Frühstück –,

wenn du ihr Finger um Finger abbeißt.

 

Am Grunde ihres Bauchs

(in dem das kollektive

Urmeer rauscht)

wartet ein Bett auf dich –

 

dereinst, wenn dir (auch dir!),

der große Jäger Nibxiktuq

die Fackel in den Rachen drischt,

 

siehst du es wieder.

 

*

 

SEDNA

 

Wenn es – wie der Perian im Roten Buch behauptet – in Wirklichkeit nur eine Straße gibt,

nur eine einzige, die „wie ein großer Strom […] an allen Türschwellen [entspringt]“, dann

muss das Gleiche (Bildumkehr!) auch für die Wege des Wassers gelten: alle Gewässer

sind in Wirklichkeit eines, ein weltumfließendes –

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund an die Ränder des Abwaschbeckens,

in dessen Gischt du deine Hände tauchst, schlagen die Wellen des Meeres …

 

Schon ein Ikeaglas, durch den Spülmittelschaum gebohrt, gibt am Boden den Blick frei

auf die Wunder der Tiefsee: bizarre Kreaturen, Kalkkorallen, das kalte Leuchten

(Bioluminiszenz) der Teelöffel (lingua lingua?) unterm Tellerwrack …

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaUnd während du noch

nach dem Maiskolben tastest, der hier – mit Grannen und Griffeln – versunken sein soll,

während du dich, müde vom langen Stehen, immer und immer weiter nach vorne beugst,

und während deine Hand, im gummihandschuhgelben Tauchanzug, tiefer und tiefer wühlt

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(an Dunkles rührt … dich mit sich zieht …),

 

kämmst du bereits – in Trance wie nur je einer der Angakkuq-Schamanen –

Sedna, der Fingerlosen, Mutter aller Meeresanbeter (und ihr Untergang),

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas lange, wallende, aphotisch schwarze Haar.

 

*

 

KATZENGRAS (1)

 

Damals war die Ebene noch eine Katze / & ihr weizen-

weiches, weizenweißes Haar / streichelten die milden

Sommerwinde / so unendlich zart wie deine Hand / meine

 

kleine weiße Perserkatze / die auf meinen Beinen ein-

geschlafen war … / Nur dein Atem war zu hören & das

leise / Schnurren einer fernen Autobahn / als ich blinzelte

 

& erstmals / dieses eine so unendlich feine / weiße Haar

an deiner Lippe sah … / Als die Erde bebte; als dein Schoß-

hund bellte; / als ich aufwachte & dennoch: bei dir war …

 

*

 

DANN WURDEN ALLE FELDER KURZGESCHOREN / die ganze Ebene

musste zum Militär / „General Winter sammelt seine Truppen / im

Schutz des Morgenfrosts, des Nebelmeers“ / schrieb ich mit

Raureif auf ein Büschel Gras / das wenig später schon, kaum

überflogen / aus deinen kalten Händen Feuer fraß … / Ja, damals

 

arbeiteten wir noch beide / für beide Seiten, nicht jeder für sich / &

jeder Wetterwechsel war ein Zeichen / geheim für alle außer: dich

& mich … / Doch als der erste Pass geschlossen wurde / & als man

Flocken auf die Dörfer schmiss / & als das Kettenfahrzeug in der

Einfahrt parkte / sprachst du plötzlich von: „Frieden!“, aber ich …

 

*

 

KATZENGRAS (2)

 

Ist das ein Auto, das die ganze Nacht / näher & näher

kommt, langsam & niedertourig / die Straße rauf auf unser

Fenster zu / die Glasfassade, hinter der wir schlafen / zittert

 

das Gras im Traum denn wirklich immer so / was rauscht da

bloß, was pirscht sich, Halm für Halm, heran / die Katze

kann es wohl nicht sein, sie schläft ja dort / im Rückspiegel

 

auf deinem Schoß … Sie schnurrt / ich kriege keine Luft

unter dem Gurt & wann / den Fuß vom Gaspedal & meine

Augen auf … / Warte nur, balde – springe ich wieder an …

 

*

 

Ich weiß nicht, was die Lichter dort

bedeuten. Neun sind´s, die nachts

 

ein Straßenstück beleuchten, den

Teilabschnitt wahrscheinlich einer

 

Autobahn, die wir nicht kennen …

 

Ich schaue immer in das gar nicht

grelle, sterngelbe Licht, bis meine

 

Augen brennen. Doch niemals

fährt ein Auto durchs Gedicht.

 

*

 

Zitronenblätter, Apfelblütenfalter.

Verwehungen von Nahefliegendem

 

wie etwa „fliegen auf etwas/jemanden“

& „einen Abflug machen“ fliehen

 

in der Luft. Zwischen uns beiden

 

Schneepollen, Birkensturm: „April, April“

tut, was er kann … Und wir? Im Treiben.

 

Was mir denn vorschwebe, fragst du.

Ich weiß nicht. Alles schwebt vor mir.

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September (und Oktober) 2014

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 11. September 2014

Der aufmerksamen Userin/dem aufmerksamen User wird es schon aufgefallen sein – in der Spalte “Termine” zur Rechten finden sich diese beiden neuen Einträge:

18.09.2014, 20:00. Andreas Unterweger liest bei der Präsentation der neuen Ausgabe der Literaturzeitschrift manuskripte. Außerdem lesen: Franz Josef Czernin und Schauspielerin Ninja Reichert (einen Text von Elfriede Jelinek). Schauspielhaus Graz, ebene 3. Eintritt frei.

02.10.2014, 19:00, Andreas Unterweger liest im Rahmen des manuskripte-Abends in der Alten Schmiede, Schönlaterngasse 9, 1010 Wien. Außerdem lesen: Klaus Hoffer, Marija Ivanovic, Elke Laznia. Begrüßung: Alfred Kolleritsch.

Ad 18.09.: Ich werde klarerweise jene neun Gedichte lesen, die im Heft enthalten sind (kleine Abweichungen möglich). Sie wurden in den Jahren 2012 – 2014 beendet, sind damit die ersten Gedichte, die ich als Vater geschrieben oder zumindest veröffentlicht habe. Ihr gemeinsamer Nenner ließe sich vielleicht als „die neue Seltsamkeit“ umschreiben, um mit dem Titel eines großartigen Tocotronic-Songs zu sprechen.
Ad 02.10. In Wien lese ich dasselbe – oder etwas ganz, ganz anderes, aber womöglich um nichts weniger Seltsames, so viel steht fest.

manuskripte-Herausgeber Alfred Kolleritsch hat das Zusammenstellen (s)einer Literaturzeitschrift mehrfach mit der Arbeit eines Fußballtrainers verglichen. (Z. B.: „Der Fußballtrainer muss aus einer Fülle von herumkickenden Menschen, wir aus einer Fülle von schreibenden Menschen, eine  Auswahl treffen. Der Trainer trägt das Risiko. Manchmal greift er daneben, manchmal gelingt etwas.“ In: X-Rockz-Magazin.)
Da ich nun schon seit einigen Jahren bei den manuskripten den Job eines Assistenz- oder vielleicht eher Spartentrainers bekleide (der Scout? Der Taktikfuchs? Nein, der eiserne Konditionsschinder!), könnte man sagen, dass ich bei beiden Anlässen als Spielertrainer (oder, genauer: Spielerspartentrainer) fungiere. Sprich: ich mache jedes Mal, neben meiner eigenen Lesung, auch die Autorenvorstellungen am Anfang. Das heißt aber nicht, und das ist vielleicht wichtig zu bemerken, dass ich mich auch selbst aufgestellt habe.

Jedenfalls hoffe ich bei beiden Gelegenheiten auf ein zahlreiches Erscheinen meiner ebenso geschätzten wie beschwatzten User- und Leserschaft – wem es gelingt, zu beiden Lesungen zu kommen, dem widme ich mein nächstes Tor.