Andreas Unterweger

Der Elefant der Liebe (Zu: Wolfgang Bauer, „Der Rüssel“)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 21. Februar 2015

Hier mein Artikel über das wiedergefundene Stück von Wolfgang Bauer, der gestern, am 20.02.2015, in der Kleinen Zeitung zu lesen war – dort unter dem Titel „Der Elefant der Liebe bringt das Glück“.
 

Der Elefant der Liebe

 

Was für ein Glück! In Leibnitz wurde das verschollen geglaubte Theaterstück „Der Rüssel“ von Wolfgang Bauer gefunden. Die Geschichte des Typoskripts klingt abenteuerlich. Noch abenteuerlicher aber ist das Stück selbst.

 

Es sind gleich mehrere glückliche Zufälle, die zur Entdeckung von „Der Rüssel“ führten. Nicht zuletzt schien das Stück den richtigen Finder „gesucht“ zu haben. Schließlich kann man Klaus-Dieter Hartl, Kurator am Stadtmuseum Leibnitz, durchaus als „Bauer-Kenner“ bezeichnen – wenn auch, bis jetzt, auf einer eher persönlichen Ebene.

Hartl kannte nicht nur Wolfgangs Vater Rolf (als Lehrer), sondern auch den Autor selbst (als Nachbarn). Kein Wunder, dass er aufmerkte, als er im Nachlass des Komponisten Franz Koringer auf ein Typoskript stieß, das mit „Wolfgang Bauer / „Der Rüssel“ / Eine Tragödie in elf Bildern.“ betitelt war.

 

Bauer und Koringer – wo liegt da die Verbindung? Den Hinweis liefert die Widmung: „Lieber Lois, erlaube mir bitte, daß ich Deine Weihnachtswünsche mit einer meiner Schreibereien erwidere. Die herzlichsten Wünsche, Dein W Bauer“.

Offenbar schickte Bauer das Stück Alois Hergouth, der im Forum Stadtpark den Dichter-Nachwuchs betreute. Hergouth hingegen gab es Koringer, der schon einige seiner Gedichte vertont hatte. Danach geriet der Text des Jungautors in Vergessenheit …

 

Von den weiteren Kopien des Stücks blieb nur das Bild 4 erhalten. Es wurde 1970 in „Ver Sacrum“ und in der Droschl-Werkausgabe veröffentlicht. Der Rest galt als verloren.

Als Hartl klar wurde, dass er es mit einer Sensation zu tun hatte, wandte er sich an „manuskripte“-Herausgeber Alfred Kolleritsch. Und in dessen Büro, wo der Fund am 13.2. präsentiert wurde, lernte er mit Wolfgangs Sohn Jack auch noch die dritte Generation der Bauers kennen.

 

Ein richtiger Wolfi Bauer!

 

Wolfgang Bauer war wohl erst 21 Jahre jung, als er „Der Rüssel“ schrieb (1962). Und doch wirkt das Stück „wolfibaueresker“ als andere frühe Dramen. Wie in einer Keimzelle scheint vorgebildet, was das spätere Werk, jenseits des Hyperabsurden („Mikrodramen“) und des Hyperrealistischen („Magic Afternoon“), ausmacht.

 

In „Der Rüssel“ kommt es zum Clash zweier Realitäten. Jener eines Volksstücks mit seinen typischen, freilich grotesk überzeichneten Wilderern, Wildbächen und Generationenkonflikten. Und jener eines märchenhaften Afrikas, dessen Palmen und Riesenschnecken (!) die alpine Kulisse überwuchern.

Dies klingt verrückter, als es vielleicht ist. Denn wie in Bauers späterem „Traumtheater“ lässt sich auch hier das vorgeblich Absurde realistisch „entschlüsseln“.

 

Aus der Sicht des Protagonisten Florian Tilo nämlich, dem die Welt seiner Familie zunehmend monströs erscheint. Er flüchtet in eine Wahnvorstellung, ein imaginäres Afrika.

DAS Symbol für dieses Wunderland ist ein Elefant. Als dieser tatsächlich auftaucht, verkündet Florian: „das unendliche Glück kommt“! Dieses hängt für ihn v. a. an der Erfüllung seiner Liebe zu Anna, der auch sein dämonisch viriler Großvater nachstellt.

 

Die kurz, aber grotesk aufflackernde Utopie missglückt – auf alberne Weise (Bauers absichtlich schlechte Gedichte lassen grüßen!): der „liebe Elefant“ bleibt im Fenster des Tilo´schen Hauses stecken.

Was für ein Unglück! Das Tier wird erschossen, Florian, eben noch Dorfhäuptling im Lendenschurz, baumelt vom Gipfelkreuz – darunter gibt sich Anna dem Großvater hin – bevor diesen die Geier zerfleischen …

 

Was für ein Glück! „Der Rüssel“ ist nicht nur ein richtiger Wolfi Bauer, sondern auch ein richtig guter …
Und: Das Stück wird in der nächsten Ausgabe der „manuskripte“ zur Gänze abgedruckt.

 

Mit bestem Dank an Ute Baumhackl, Werner Krause und Julia Schafferhofer für die freundliche Betreuung.

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Wolfgang Bauer und die manuskripte

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 13. Februar 2015

Pressetext zur Pressekonferenz anlässlich der Wiederentdeckung des bislang verschollenen Wolfgang Bauer-Stücks „Der Rüssel“ am 13.02.2015, 11:00, im Redaktionsbüro der manuskripte, Sackstraße 17, 8010 Graz:

 

Wolfgang Bauer und die manuskripte

 

1962 klopfte ein „schlankes Bürschel“ an Alfred Kolleritschs Wohnungstür. Kolleritsch hatte eben die ersten Ausgaben der manuskripte herausgegeben und mit der Veröffentlichung von Texten der Wiener Gruppe im gefährlich verschlafenen Nachkriegs-Graz für einen Skandal gesorgt. Von den literarischen Versuchen, die der junge Mann mitgebracht hatte, war Kolleritsch nach eigenen Angaben „erheitert“. Noch im selben Jahr publizierte er in den manuskripten ein kurzes Gedicht – dem bald Prosastücke und erste Theaterstücke folgten.

Ein paar Jahre später war aus dem „Bürschel“ von damals „Magic Wolfi“ geworden, der Shooting-Star der deutschsprachigen Dramatik, der mit seiner sprichwörtlichen „Theaterpranke“ weltweit auf die Bühnen haute … Doch auch am Höhepunkt seines Erfolgs, als seine Stücke in New York, Paris oder Honolulu gespielt wurden, als er mit Ionesco und Dürrenmatt podiumsdiskutierte und mit seinen „schlechten Gedichten“ auf turbulente Deutschland-Tournee ging, hielt Wolfgang Bauer seinem Freund und Förderer Alfred Kolleritsch die Treue und lieferte weiterhin Beiträge für die manuskripte.

 

Seine Bestseller Magic Afternoon, Change und Gespenster sowie die meisten anderen Bauer-Stücke erschienen vorab in den manuskripten. Auch ein Auszug aus seinem einzigem Roman, Der Fieberkopf, mehrere Gedichte und Prosastücke finden sich unter seinen zahlreichen Beiträgen für die Zeitschrift (s. umseitige Liste).

Außerdem wurden hier Essays der bis heute wichtigsten Bauer-Forscher Gerhard Melzer, Herbert Gamper und Jörg Drews publiziert.

 

Zum zehnten Todestag Wolfgang Bauers planen die manuskripte, ihm einen Schwerpunkt zu widmen, der Texte von Wegbegleitern, Bewunderern und Wissenschaftlern in sich vereint.

Besonders aber freuen wir uns, dass es mit dem Vorabdruck des bislang verschollenen Stücks Der Rüssel auch zehn Jahre nach seinem viel zu frühen Tod zu einer weiteren, der 42. Veröffentlichung Wolfgang Bauers in seiner „Hausliteraturzeitschrift“ manuskripte kommt.

 

Ganze Datei mit Fotos von manuskripte-Covern mit Wolfgang Bauer-Bezug und einer Liste seiner Beiträge für die manuskripte

 

Andreas Unterweger über Wolfgang Bauer, u.a.:

Der letzte Dichter. Zum 70. Geburtstag von Wolfgang Bauer. In: Kleine Zeitung v. 14.03.2011.

What is this shit? Schlechte Kunst bei Wolfgang Bauer und Bob Dylan. Ein lockerer Essay. In: manuskripte. Zeitschrift für Literatur. Heft 186. Graz: 2009, S. 107 – 118.

Diese Sachen, von denen man glaubt, sie gehen nicht … Nachwort. In: Wolfgang Bauer: Ein schlimmes Kind bin ich. Dramen Prosa Lyrik aus vier Jahrzehnten. Hg. v. Gerhard Melzer und Andreas Unterweger. Wien: Sonderzahl 2007 (= edition graz 1) S. 223 – 238.

Mythos Lord Jim Loge. In: Sexy Mythos. Selbst- und Fremdbilder von Künstler/innen. Hg. v. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e. V. Berlin und Verein Forum Stadtpark Graz in Zusammenarbeit mit Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Berlin: 2006 (gemeinsam mit Daniela Jauk).

Nachwort. In: Wolfgang Bauer: Werke. Hg. v. Gerhard Melzer. Bd. 9. Foyer und andere Stücke. Graz u. Wien: Droschl 2004, S. 173 – 189.

Die Lyrik Wolfgang Bauers. Diplomarbeit. Betreuer: Ao.Univ.-Prof. Dr. Gerhard Melzer. Karl-Franzens-Universität Graz 2004.

 

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Liebesgedichte zum Valentinstag

Posted in ratlos, Tankstellenmorgen, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 12. Februar 2015

Nachtrag zum Termin:
14.02.2015, 09:00 – 10:00, Andreas Unterweger liest Liebesgedichte zum Valentinstag in Walter Langs „Werkskantine“, Radio Helsinki , Graz.

Ich habe, wie angekündigt, ausschließlich eigene Texte gelesen, die sich entlang folgender 3 Mottos von anderen bewegt haben – dreier wahrer Sätze über DIE LIEBE, falls man das überhaupt so, in einem Wort (plus Artikel), sagen kann:

Der erste Satz, von Stendhal, ist freilich gar kein Satz, sondern nur ein Gedanke, eine (von mir bewusst vage formulierte) These aus „De l ´amour“:
Es gibt nicht die Liebe, es gibt die Lieben (= mehrere Arten der Liebe).

Dazu wurde folgendes, schon 2005 geschriebene Kurzprosastück gelesen:

Lieben

„Es gibt nicht: die Liebe. Es gibt: die Lieben.“ Es gibt so viele Lieben, wie es Menschen gibt. Es gibt für jeden Menschen nur: die eine. Sie bricht das erste Mal aus, wenn er sechzehn ist. Sie wird zu viel für ihn sein, schon das erste Mal. Erst viel zu leicht und dann: schon viel zu schwer. Er wird die Liebe einem auf die Schulter legen, der sie nicht haben will. Dann wird der Mensch sich wundern: ach, wie schwer das ist. So eine Liebe loszukriegen. So allein mit der Liebe. So allein mit sich. Der Mensch wird weiter nach dem suchen, der die Liebe trägt. Seine Liebe: erträgt. Und wird vielleicht, von Zeit zu Zeit: jemanden finden, der sie auf sich nimmt. Für eine Zeit und dann: wieder allein. Mit seiner Liebe und: allein mit sich. Und immer schwerer wird die Liebe werden, weil: die Liebe wächst. Sie wächst und wächst, wenn: keiner da ist, der: sie haben will. Sie halten und: für sich behalten will. Der Mensch wird mit der Liebe weitertaumeln, die: ihn fast erdrückt. Der Mensch wird schwer bewaffnet sein, mit seiner Liebe. Und so wird es geschehen, dass der Mensch: den Menschen, den er, lebenslang!, gesucht hat, trifft. Mit seiner Liebe. Und: ihn so erschlägt.

Musik: ratlos: „… ich habe kalt“

*

Der zweite Satz: ein Vers aus einem Gedicht von Richard Brautigan:
„Mit Liebe behandelt man keinen Freund.“ (Das ganze Gedicht, übersetzt von Johannes Beilharz)

Dazu, u. a., dieses Gedicht:

Der Vogel

Der Vogel, den die Katze gestern / im Buschwerk fing, hat mich an dich / erinnert. Es war
wohl was mit seinen Augen. Jedenfalls / schloss ich die Katze drinnen / ein & hob den Vogel
hoch, setzte ihn auf den höchsten Zweig / des Apfelbaums. Da saß er / dann & sah mich an

mit deinen Augen. Von all den / Frauen, die ich früher / kannte, hast du mir am wenigsten
wehgetan, dachte ich, als ich / unter dem Apfelbaum stand, & / am meisten … Am Ende
brachte ich dem Vogel / einen Regenwurm. Dann ließ ich ihn / allein, ging wieder rein & ließ

die Katze raus.

Musik: ratlos: Morgen in Graz

*

Der dritte wahre Satz über die Liebe, verbunden mit meinem eigenen Valentinsgruß, steht in der Erzählung „Von der Liebe“ von Anton Tschechow:
„Bis heute ist über die Liebe nur ein einziger wahrer Satz gesprochen worden, nämlich: „Dies Geheimnis ist groß“, alles andere, was man über die Liebe geschrieben oder gesagt hat, war keine Lösung, sondern nur das Stellen von Fragen, die auch weiterhin ungelöst bleiben.“

Dazu habe ich das Kapitel „Viel weiter“ aus „Wie im Siebenten“ gelesen, dem Tschechows Satz als Motto voransteht.

Musik: Norb Payr und Andreas Unterweger: Bei dir

*

Danke fürs Zuhören!
Danke, Walter Lang, für Deine Gastfreundschaft!

pod język wkładam ci słowo

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Februar 2015

Neulich hingen meine Belegexemplare der schönen „Anthologie österreichischer Gegenwartslyrik in polnischer Sprache“ mit dem Titel „pod język wkładam ci słowo“ (Atut Verlag, Wrocław), gemeinsam mit dem Postkasterl, in dem sie drin steckten, vom Gartentor herunter.

Die Beiträge stammen von so exzellenten Lyrikern wie u. a. Bettina Bálaka, Franzobel, Bettina Galvagni, Wolfgang Hermann, Stefan Schmitzer, Clemens Setz, Verena Stauffer, Maria Seisenbacher, Erwin Uhrmann u. a. m.
All ihre Gedichte sehen sehr gut aus – gerne hätte ich sie auch auf Deutsch, und sei es in einer Übersetzung aus dem Polnischen.

Mein eigener Beitrag besteht aus sechs Gedichten, die auf Deutsch „Realisten“, „Autopilot (vol de nuit“), „Jetzt, hier“, „GroßVaterSprache“, „Die Spinne“ und „Die Schlange“ heißen und von Krzysztof Jachimczak, wahrscheinlich ganz ausgezeichnet, ins Polnische übersetzt wurden.
Wer will, kann sie hier („Realisten“) oder hier (alle anderen) in der deutschen Originalfassung nachlesen.

Ich danke Herausgeber Ryszard Wojnakowski für die so freundliche Betreuung, Hr. Jachimczak für die Übersetzung und Manfred Müller von der Österreichischen Gesellschaft für Literatur für das Herstellen des Kontakts.
Das Buch wird am 17.02.2015 in der ÖGL vorgestellt (s. Termine).