Andreas Unterweger

Metropolitane Menschenkinder (Zu: Iris Hanika, „Wie der Müll geordnet wird“

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. März 2015

Hier meine Rezension zu Iris Hanikas neuem Roman, deren kürzere Fassung am 22.03.15 unter der schönen Überschrift „Gänzlich unbeschützt im Weltenall“ in der Kleinen Zeitung erschienen ist.

 

METROPOLITANE MENSCHENKINDER

Iris Hanikas neuer Roman vereinigt Grant und Menschenliebe zu einem packenden Panorama, das weit über Berlin hinausreicht.

„Wie der Müll geordnet wird“ erinnert mich daran, wie es war, meinen Berliner Kollegen B. ebendort auf ein Eis zu treffen. Zur Begrüßung hieß es: „Ich hab gar keine Zeit!“, dann schimpfte er über sein Fahrrad, über „Kreuzkölln“, über Touristen (wie mich) …
B. grantelte aber auf so intelligente, witzige, ja, liebenswürdige Weise, dass wir drei Stunden immer noch eifrig plaudernd beisammen saßen. Im Freien. Im Herbst. Bei 0 Grad Celsius.

Mit Hanikas Buch mag es einem anfangs ähnlich ergehen: Antonius ist mit dem Leben fertig. Er will allein leben, „nur noch sinnlose Dinge tun“, also sortiert er den Müll in den Tonnen.
Das klingt grantig, ist aber – dank Hanikas kunstvollen Sprachspielen, die Essays über UDSSR-Literatur, Oden auf Windräder und barocke Reyen einbetten – höchst unterhaltsam!
Zudem zeigt sich bald, was den Antrieb des Suhlens im Sinnlosen ausmacht: eine in diesem Kontext erstaunliche, erstaunlich offen gezeigte Zuneigung, ja, Liebe zu den Menschen.

Erstaunlich auch die Wende in Teil zwei: Aus losen Handlungsfäden knüpft die Berliner Autorin eine packende Geschichte, Antonius´ Vorgeschichte, die mehrere Personen in ein wildes Beziehungsgeflecht stürzt.
Was wird das? Eine urbane Romanze wie ihr Bestseller „Treffen sich zwei“? Ein germanistischer Krimi, der um „das Eigentliche“, die deutsche Nazivergangenheit, kreist?
Beides – und doch etwas ganz anderes, Allgemeineres … Nachdem die Liebe, der alle zu Füßen liegen, alle kräftigst mit denselben getreten hat, senkt sich der Vorhang der Nacht über Hanikas großartiges Theatrum mundi: „und alle Menschenkinder liegen unbeschützt im Weltenall, wie sie das immer tun“.

Iris Hanika. Wie der Müll geordnet wird. Roman. Droschl 2015.

Eine Antwort

Subscribe to comments with RSS.

  1. andreasundschnurrendemia said, on 26. März 2015 at 8:21 am

    Die Begegnung mit dem „Kollegen B.“ ist in meinem letzten Buch, „Das kostbarste aller Geschenke“ (Droschl 2013), nachzulesen: https://andreasunterweger.wordpress.com/2733-2/


Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: