Andreas Unterweger

Soccer, subversiv

Posted in Stanglpass, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 22. April 2015

Mein Beitrag zu dem kürzlich erschienenen Heft 76 der Fußballfachzeitschrift Der tödliche Pass:

Soccer, subversiv

Kürzlich war ich das erste Mal in den USA, für ein paar Tage zwar nur, aber immerhin. Meine Lesung war in Washington, D.C., und ich habe den Tag davor und den Tag danach nichts anderes getan, als durch die Stadt zu wandern, vielleicht, weil ich – im Gegensatz zu den Rollbandmechanismen der ganzen Flugreise – so viel wie möglich aus eigener Kraft erreichen/mit eigenen Augen sehen wollte.

Was mich überraschte (hatte ich falsche Erwartungen?): auf und neben den Straßen von D.C. wird viel Fußball gespielt! Meine im Nachhinein (natürlich streng unwissenschaftlich) angelegte Straßensportstatistik, die die omnipräsenten Ausdauersportarten, etwa das Laufen mit allerlei Accessoires (u. a. Jonglierbällen), nicht berücksichtigt, listet auf: „dreimal Fußball“ – im Vergleich zu „dreimal American Football“ (nie mit Ausrüstung, nur einmal mit dem richtigen Ball, sonst mit Frisbees), „einmal Landhockey“ (Trockentraining fürs Eis?), „zweimal Rudern“, „einmal Schach“ – erstaunlich auch: „null mal Basketball, null mal Baseball“.

Ich weiß noch, wie verloren mir die Fußballspieler in den riesigen Football-Ovalen beim (Fern-)Sehen der WM 1994 vorkamen … Heute, vor Ort, gewann ich einen anderen Eindruck. Diese beiden, zwischen goal posts und gridirons des Sportplatzes der Georgetown University eifrig trainierenden Kicker, z. B. – wohnt ihnen nicht eher etwas Subversives, Unterwanderndes inne? In der Heimstätte der Georgetown Hoyas scheint alles auf American Football ausgerichtet, was aber in Wirklichkeit darin gespielt wird, ist Fußball.

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Was mache ich hier

Posted in Dylanologie, Im Auftrag des Herrn unterwegs, Tingeltangel-Tour, Unterweger & Stift by andreasundschnurrendemia on 15. April 2015

Nachtrag zum Termin:
16.04.2015, 20:00, Andreas Unterweger liest bei der Präsentation der Anthologie „Franziskus Unser. Literarische Positionen zum Papst“. Hg. v. Andrea Stift (Leykam 2015). ImCubus, Mariahilferplatz 3/I, 8010 Graz. Außerdem lesen: der gute Christoph Dolgan und Herausgeberin Andrea Stift.

Das war eine schöne und unterhaltsame Sache, die, u.a., so ausgesehen hat:

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Alle Fotos: (c) Leykam Buchverlag/E. Klöckl-Stadler

Und hier die ersetn 3/5 meines eigenen Beitrags zum Buch, den Andrea Stift, höchst eloquent, vorab so beschrieben hat:

„Bei Andreas Unterweger wird die Teilnahme an dieser Anthologie zur Glaubensfrage: „Was mache ich hier?“ Seine „fünf Botschaften“, deren autobiographische, belletristische und essayistische Elemente das Papstamt aus unerwarteten Perspektiven hinterfragen, bergen dann dennoch eine Art Glaubensbekenntnis: zum Schreiben.“

WAS MACHE ICH HIER
5 Botschaften

Die Glocken von St. J.

In dem Dorf, wo wir wohnen, nah bei unserem Haus, steht eine kleine Kapelle. Die Glocke des Turms, nein: Türmchens dieser Kapelle läutet dreimal am Tag: um sechs Uhr früh, zwölf Uhr mittags und sechs Uhr abends.
Wobei „läuten“ das falsche Wort ist. Es handelt sich eher um so etwas wie ein Schrillen, hysterisch, ja, aggressiv, eine Art metallisches Bellen – kein Wunder, dass der Hund unserer Nachbarn, ein ebenso diszipliniertes wie intelligentes Tier, jedes Mal wieder (also dreimal am Tag, dreimal dreihundertdreiundsechzig Komma fünfundsiebzig mal im Jahr [abzüglich Karfreitag und -samstag, unter Berücksichtigung von Schaltjahren], insgesamt somit tausendeinundneunzig Komma fünfundzwanzig mal pro Jahr [sprich: exakt siebentausendsechshundertachtundreißig Komma fünfundsiebzig mal in den sieben Jahren, die wir nun hier wohnen]) die Nerven komplett wegschmeißt, um in (nicht nur stimmlich) allerhöchster Verzweiflung in das Gejaule seines eisernen Artgenossen, der ihn aus dem hier sonst so heiteren, friedlichen Himmel heraus ankläfft, einzufallen.
Dieses Duett erreicht eine Lautstärke, gegen die sich selbst das gelegentliche Vorbeidonnern versprengter Motorrad-Nomaden molto amabile ausnimmt: Kinder schrecken aus dem Schlaf, Katzen flüchten auf Dachböden, Hasen jagen im panischen Zickzack übers Stoppelfeld, bis – nach jedes Mal aufs Neue mitgezählten einhundertvierundzwanzig Glockenhieben (das macht, nebenbei bemerkt, insgesamt neunhundertsiebenundvierzigtausendzweihundertfünf, seitdem wir hier wohnen) – der Lärmpegel abebbt, der Hund erschöpft ins Gras sinkt, der Himmel aufklart, wieder Frieden herrscht.
So viel zur Rolle der katholischen Kirche in meinem täglichen Leben.

The Chimes Of Bob Dylan

Bob Dylan liebt Glocken. Die Hinweise darauf reichen von The Chimes Of Freedom (1964) über „the sounds of those Methodist bells“ in Sara (1976) bis zu einer entsprechenden, sehr erhellenden Äußerung, von der ich leider vergessen habe, wo sie nachzulesen ist.
Jedenfalls – so meine privatdylanologische Radikalthese – ist es im Wesentlichen, sprich: in Wirklichkeit, Bob Dylans Liebe zum Klang von Kirchenglocken zu verdanken, dass dieser, geboren als Robert Allen Zimmermann, aufgewachsen in einer jüdischen Familie und danach weltweit bekannt geworden als Verfasser musikalischer Fundamentalkritik an jeglicher Art von Autorität, 1978 – aus heiterem Himmel, sozusagen – ein christliches Erweckungserlebnis erfuhr.

Die erste Botschaft, die Bob Dylan am Beginn seiner drei Alben währenden christlichen Phase verkündete, ist folgende: „Well, it may be the devil or it may be the Lord / But you’re gonna have to serve somebody“.
Dies erinnert an einen recht aktuellen Tweet von Papst Franziskus I., über den ich beim Recherchieren gestolpert bin (den Tweet, nicht den Papst): „Wenn man nicht Gott anbetet, dann wird etwas anderes angebetet. Geld und Macht sind Götzen, die oft Gottes Platz einnehmen.“ (@pontifex_de, 02.08.2014)

Zitiert der Papst etwa Bob Dylan? Nein, beide paraphrasieren das Neue Testament: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24 Lut)
Die Botschaft der drei Texte ist jedenfalls ziemlich die gleiche – mit dem Unterschied, dass für den frisch erweckten Gottesdiener Dylan noch eine Erkenntnis darstellt, was für die routinierteren Franziskus und Matthäus bereits außer Frage steht.

Als John Lennon Dylans Song „Gotta Serve Somebody“ erstmals im Fernsehen hörte/sah, antwortete er, fuchsteufelswild, mit dem Song „Serve Yourself“.
Aber selbst bei diesem Gebot bin ich mir, irgendwie, nicht ganz so sicher.

Die Päpstin

Das Grimm´sche Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ handelt, u. a., davon, wie man Papst wird bzw. was es bedeutet, Papst zu sein. Demzufolge geht es dabei um Reichtum, sprich: um Macht.
Ilsebill, die Frau des Fischers, der den verzauberten Butt aus dem Meer gezogen und wieder zurückgeworfen hat, wünscht sich vom Fisch immer schönere (teurere) Behausungen (statt des ursprünglichen „Topfs“ [im plattdeutschen Original: „Pisspott“] erst eine Hütte, dann ein Schloss), bevor sie auf Ämter verfällt: König, Kaiser und schließlich, auf ihrem Höhepunkt (vor dem Totalabsturz, der mit dem Satz „ick will warden, as de lewe Gott!“ beginnt), ist Ilsebill für einen Tag und eine Nacht sogar – „in lauter Gold gekleidet“, „drei grosse goldene Kronen auf“, umkniet von allen „Kaiser[n] und […] Könige[n]“, die ihr „den Pantoffel küssen“, und alles in allem strahlend wie „die helle Sonne“ selbst – Papst.

Diese Karriereleiter wirkt mittelalterlicher, als sie womöglich ist – schließlich führt das Forbes Magazin Papst Franziskus I.immer noch als viertmächtigsten Menschen der Welt. Und als Verfüger über ein Vermögen von bis zu 12 Milliarden Euro, das, u. a., in allerlei Unternehmungen angelegt ist, zählt er auch zu den Top 60, 70 der Allerreichsten.
Ich weiß schon, man darf Franziskus aka Jorge Mario Bergoglio, der sich mit seinem Kreuz aus Eisen wohl tatsächlich, und wahrscheinlich auch aufrichtig, darum bemüht, ein „Papst der Armen“ zu sein, nicht mit den anderen Gestalten auf den beiden Listen (Putin, Blatter, Google usw.) in einen Pisspott werfen … Andererseits:

„Es gibt keine saubere Methode, um zu hundert Millionen Eiern zu kommen […] Der Mann ganz oben glaubt vielleicht, daß seine Hände sauber sind, aber irgendwo auf dem Weg nach unten sind Leute an die Wand gedrückt worden, ist netten kleinen Geschäften der Boden unter den Füßen weggezogen worden, so daß sie für ein Butterbrot verkauft werden mussten, haben anständige Menschen ihre Stellung verloren, ist der Aktienmarkt manipuliert worden, hat man die Bevollmächtigten der Konkurrenz gekauft wie alten Ramsch, und die Lobby-Piraten und die großen Rechtsverdreher-Firmen haben Hunderte von Riesen dafür eingesteckt, dass sie ein Gesetz unter den Tisch brachten, das vom Volk zwar gewünscht wurde, von den Reichen aber nicht, weil es ihnen den Profit schmälerte. Geld ist Macht, und Macht wird mißbraucht. Das liegt im System. Vielleicht ist´s ja das beste System, das wir haben können, aber freuen tut´s mich trotzdem nicht.“
Raymond Chandler, Der lange Abschied

[…]

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The American Notebook

Posted in Adamsologie, Cobainologie, Dylanologie, manuskripte, Mikroessays, Notizen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 12. April 2015

Mein Beitrag zu Heft 207 der manuskripte:
„The American Notebook. Eine Art Hymne
Bordbuch meiner zweiten Reise nach Amerika, Washington, D.C., November 2014“

Der Text zum Lesen (PDF)

Der Text zum Hören: meine Lesung in „Das rote Mikro“ von Barbara Belic, mit Interview, Radio Helsinki, 13.04.15:

Fotos zum Text, in der Reihenfolge ihres Gemachtwerdens*:

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Und zum Ausklang empfehle ich diese Playlist:

Ryan Adams, Kim
Nirvana, Radio Friendly Unit Shifter
Bob Dylan, Sara
Ryan Adams, Oh My Sweet Carolina

* In der Ankündgung hieß es: “in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Text”, das war natürlich ein Blödsinn. Die Fotos erscheinen ja nicht im Text, die Bilder des Textes sind andere, und der Text, den die Fotos bilden, erst recht.

P.S. Alle weiteren Beiträge zu meiner zweiten Amerika-Reise, mit Danksagungen (an die manuskripte, das Austrian Cultural Forum in Washington, D.C. etc.), Fotos von der Lesung, vom Kaffeetrinken, vom Weintrinken, vom Inneren des Weißen Hauses etc.

Das rote Mikro – Vorschau

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 10. April 2015

Vorschau auf den Termin:
13.04.2015, 20:00, Andreas Unterweger zu Gast bei Barbara Belic in „Das rote Mikro“. Lesung aus „The American Notebook. Eine Art Hymne“ und Interview. Radio Helsinki.

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„Gesendet: Mittwoch, 08. April 2015 um 12:36 Uhr
Von: „Barbara Belic“
An: „‚Andreas Unterweger'“
Betreff: sendung über manuskripte

Am kommenden Montag um 20.00 Uhr auf Radio Helsinki:

Das rote Mikro: Die neuen manuskripte mit Texten von Andreas Unterweger und Günther Freitag

Ende März ist die jüngste Ausgabe der Literaturzeitschrift manuskripte erschienen. Wolfgang Bauers verschollen geglaubtes Stück „Der Rüssel“ nimmt fast die Hälfte des dicken Heftes ein. Die andere Hälfte enthält Texte von Elfriede Jelinek und Thomas Antonic zu Bauers Stück, Lyrik von vier Autoren, Prosatexte und Essays von zehn weiteren Autoren. Zwei der Prosatexte stellen wir vor: Andreas Unterweger liest aus dem „American Notebook“, einer Mischung aus Reisetagebuch, Essay und Gedicht, und Günther Freitag aus einem Roman, an dem er derzeit arbeitet.

Auch der kanadische Dichter und Sänger Leonard Cohen spielt in dieser Sendung eine Rolle.

Auf 92,6 (in Graz und Umgebung) oder im Netz: http://helsinki.at/livestream und nach der Erstausstrahlung in der Datenbank der freien Radios: http://cba.fro.at/series/das-rote-mikro-literatur

Den Text zum Mitlesen und mehrere Fotos, in Reihenfolge ihres „Erscheinens“ im Text, werden auf dieser Homepage bereitgestellt!