Andreas Unterweger

Katzensprache

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Mai 2015

Nachtrag zu dem Termin:
30.04.2015, 18:00. Buchpräsentation, „Literarische Verortungen. Neue Texte zu den Schauplätzen mittelalterlicher Literatur in der Steiermark und in Slowenien“ (Keiper 2015), Großer Lesesaal der Universitätsbibliothek Graz.

Die Verlagsinfo:
„Vereint in dieser Anthologie im bibliophilen Stil einer alten Sammelhandschrift und zugeordnet den mittelalterlichen Literaturschauplätzen Admont, Bruck/Mur, Neuberg/Mürz, Seckau, Stattegg, Unzmarkt-Rauenburg, Vorau, Wildon, Žice (Seitz) und Žovnek (Sanneck) bilden fein geschliffene Lyrik- und Prosa-Texte ein Ensemble tiefsinniger, dabei manchmal heiterer, aber immer nahe am Menschen und seiner inneren Topographie entlangwandernder Sprachkunstwerke.“
Hg. v. Wernfried Hofmeister.
Mit Beiträgen von Alfred Kolleritsch, Gerhard Roth, Fabjan Hafner, Andrea Wolfmayr, Andreas Unterweger u. v. a. m.

Herausgeber und Präsentationsmoderator Wernfried Hofmeister über meinen Beitrag:
„„Katzensprache“ hat Andreas Unterweger seine lyrische Annäherung an Herrands Katzenfabel genannt, und wie Irrlichter durchqueren Versatzstücke der historischen Novelle seinen neuen Text. Was dabei in oft humorvoller Auseinandersetzung mit dem Phänomen ‚Katze’ entstand, ist nichts weniger als der launige Versuch einer kleinen ‚Katzenpoetik’ (vgl. S.239, Z.5ff.)!“
(Danke für die netten Worte!)

Herrands „Die Katze“ ist eine Versnovelle, also ein langes, erzählendes Gedicht, das um 1260 geschrieben wurde und, u. a., auf diese Botschaft hinausläuft:

Herrand von Wildon (R. Wildonoff – Eigenes Werk. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons) auf Wikipedia:

Steirischen_Minnesängers_Herrand_II_von_Wildon

Mehr Informationen zu „Die Katze“ von der Uni Graz.

Ich habe mich für eine Auseinandersetzung mit Herrand von Wildon und seinem Text entschieden, weil ich 1. ein großer Fan des Wildoner Badesees bin und 2. die Katze ja ohnehin da ist, seit 2008 schon – warum also nicht über sie schreiben?

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Hier jedenfalls das lange, erzählende Gedicht des Andreas von Grafenwörth an der Raststation – geschrieben „um 2010“ (2008 begonnen, 2014, dank Herrand von Wildon und der Einladung zu der Keiper´schen Anthologie [danke], fertig gemacht):

KATZENSPRACHE

 Drei Variationen
auf
Herrand von Wildon: Die Katze

1

Du findest Autofahren zum Kotzen.
Das ist das Erste, was du mir erzählst
(kaum, dass wir erstmals losgefahren sind),

in Katzensprache – die, anders als meine
(die du bis heute nicht verstehen willst),
Taten sprechen lässt, keine Worte… Später,

auf deiner zweiten Fahrt (zur Kastration),
wirst du dann allegorisch: „Sieh mich an“,
sagst du, „wisse: das hier ist dein Leben!

Aus warmem, gelbem Gras ward ich gezerrt,
in diese dunkle Box gesteckt, entführt
auf einen Trip, der übel enden wird – sprich:

es ist scheiße!“ Sagst du. In deiner Sprache.
Damals denke ich erstmals darüber nach,
dich einzutauschen – für ein stummes Totem …

Die Sonne, vielleicht. Den Wind. Eine mûs.

 

2

„Die Katze ist mein Lebensmensch.
Wenn es um sie geht, werde ich zum Tier.“

Das ist das Erste, was ich über dich
(und deinen Futterdieb von Freund,

den Nachbarskater, diesen Schuft,
der wartet, bis ich um die Ecke bin,

bevor er sich auf deine Schüssel stürzt
[und du um „Nachschlag“ betteln kommst])

geschrieben habe – geblieben davon

ist nur eins: mein Zorn … Dich erstmals
vom Fensterbrett ins Dunkel raus zu stürzen,

tut noch weh (auch mir, meine ich).
Dass du mich hinterher anschnurrst, treibt mir

die Tränen in die Augen: „Das ist triuwe!“
Damals verstehe ich noch nicht: Dein Schnurren

ist auch (lt. von-den-seidentigern.de)
„durchaus ein Ausdruck höchster Not

(Angst, Schmerz …)“ – um sich selbst zu beruhigen.

 

3

Ich schätze, Gustafsson hat recht.
Wer eine Katze kennt, kennt alle.

Ach nein, das war ja Hamburger,
mein anderer dreisilbiger

Hero brauchbarer Katzenlyrik.
Wobei es, nebenbei bemerkt,

eigentlich jammerschade ist,
dass die beiden genannten hêrren

nicht einfach eine Silbe nur
im Wappen ihrer Namen führen:

die Wendung „einsilbiger Dichter“
hätte ja wirklich was für sich –

man denke etwa nur an Benn
(den einsilbigsten aller Dichter!):

„bis in die Träume: Silben –
doch schweigend gehst du hin.“

*

Du freilich, Katze, stehst (liegst, springst …)
für eine andere Poetik –

eine, die keine Silben zählt …
Nein, „du legst kein Gewicht auf Worte“,

so Hamburger in seiner maere,
und deshalb kümmert dich auch nicht,

dass es ihm, Hamburger, sprich: mir
(wer einen Dichter kennt, kennt alle!),

wie laut du auch besungen wirst,
in Wirklichkeit nicht unbedingt

um dich, sprich: deine Sprache geht –
sondern diese, die possessive

Laute nutzlos ins Dunkel schreit …
Ja, selbst für deinen Namen gilt:

„Nie weit weg und nie ganz nah
wird dich kein Lied von mir erreichen.“

*

Vielleicht sind Gustafsson ja deshalb
im Grunde „Hunde […] lieber“ … Aber

es sei doch „schön“, mit einer Katze
„zu schlafen“ – ohne Verpflichtungen,

versteht sich, ja „nicht allzu nah“
und wohl kaum immer mit derselben –

i wo, so ist das nicht gemeint …
Weißt du noch, jene eine Nacht,

in der es minus zwanzig hat
und Großmutter im Sterben liegt,

und ich dich vom Fensterbrett draußen
ins Zimmer, in mein Bett rein, hole?

Zumindest eine Nacht verbracht
mit dieser Dunkelheit – im Wissen,

daz ich die rehten frouwen mîn
hân funden, bî der ich sol sîn
.“

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