Andreas Unterweger

Jandl gab Rat, Jandl half

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 24. Juni 2015

Mein kleiner Artikel über Texte von Ernst Jandl in Heft 208 der manuskripte, der in der heutigen Kleinen Zeitung unter dem Titel „werch ein illtum“ zu lesen ist – dort mit dem Mehrwert eines feinen Begleittextes von Werner Krause:

 

Jandl gab Rat, Jandl half

 

Am 1.8. dieses Jahres wäre Ernst Jandl 90 Jahre alt geworden. Die Literaturzeitschrift manuskripte präsentiert unveröffentlichte Texte aus seinem Nachlass.

 

Ernst Jandl war ein experimenteller Dichter – und gilt doch als „Popstar der Literatur“. Seine bekanntesten Gedichte, „schtzngrmm“ oder „ottos mops“, zeichnen sich eben nicht nur durch radikale poetische Verfahren, sondern auch durch Ohrwurmqualitäten aus. Seine legendären Lesungen erinnerten in punkto Stimmung und Besucherzahl tatsächlich oft eher an Pop-Konzerte. Populär ist Jandl heute aber auch insofern, als sein Werk unsere Alltagssprache geprägt hat wie kaum ein anderes – man denke nur an Redewendungen wie „lechts und rinks““, „werch ein illtum!“ oder „laut und luise“.

Doch selbst bei einem modernen Klassiker wie dem 2000 verstorbenen Wiener gibt es noch viel zu entdecken. Sehr viel, sogar. 650 Archivboxen und mehr als 200 Großformatmappen füllt sein Nachlass im Literaturarchiv der Österreichischen Nationalbibliothek. Ein Teil dieses Schatzes wird nun in der Literaturzeitschrift manuskripte veröffentlicht.

 

Diese Texte, großteils Briefe aus den 1960ern, zeigen Jandl nicht nur als brillanten Autor, sondern auch als aktiven Netzwerker. Im kulturell zurückgebliebenen Nachkriegsösterreich löste seine Schreibweise ähnlichen Widerstand aus wie den, dem sich Alfred Kolleritsch mit seinen manuskripten gegenübersah. Ein Schulterschluss lag nahe.

Kolleritsch veröffentlichte den von ihm geschätzten Lehrerkollegen erstmals in Heft 9 – und dann immer wieder. Und Jandl? „Jandl war helfend“, erzählt Kolleritsch heute.

 

Wie diese Hilfe konkret aussah, lässt sich nun in den bislang unveröffentlichten Briefen nachlesen: Jandl stellte wichtige Kontakte her. Außerdem gab er seinen Grazer (Brief-)Freunden, darunter Gunter Falk und Wolfi Bauer, Ratschläge – Kolleritsch etwa den, die Leitung des Forum Stadtpark zu übernehmen, um gegen mediale Angriffe gewappnet zu sein. Und anfangs übernahm er es sogar höchstpersönlich, die manuskripte in Wien zu vertreiben.

Vor allem aber schlug Jandl neue Autoren vor. So setzte er sich für Oswald Wieners Roman die verbesserung mitteleuropas ein, dessen Veröffentlichung in den manuskripten für Aufregung sorgen sollte. Auch Peter Weibel und Elfriede Jelinek (!) wurden von ihm empfohlen.

Höhepunkt der freundschaftlichen Zusammenarbeit zwischen Kolleritsch, Jandl und dessen großer Liebe Friederike Mayröcker war zweifellos die 1973 erfolgte Gründung der Grazer Autorenversammlung. Damals eine progressive Alternative zum österreichischen PEN-Club ist die GAV heute die größte SchriftstellerInnenvereinigung des Landes.

 

Dass der Dichter Ernst Jandl nicht zu kurz kommt, dafür sorgt die in typischer Kunstsprache verfasste Prosa „die versuchung ernst jandls“. Der als Faksimile des Typoskripts abgedruckte Reisebericht ist, so Jandl-Forscherin Vanessa Hannesschläger in ihrem exzellenten Vorwort, „eine poetische Auseinandersetzung mit dem Leben im Literaturbetrieb“. Und: eine Liebesgeschichte. Und: ein literarischer Leckerbissen vom Feinsten.

Eine Antwort

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  1. […] Read Andreas Unterweger’s article about the Jandl texts in manuskripte 208/2015 Visit the manuskripte website […]


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