Andreas Unterweger

Fünf Freunde (manuskripte 211)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 23. März 2016

Mein Beitrag zu Heft 211 der manuskripte:

 

FÜNF FREUNDE

 

Love´s not the way you treat a friend.

Richard Brautigan

 

DAMALS

 

Vor dreizehn Jahren, sieben Monaten und siebzehn Tagen, oder vielleicht auch schon

vor vierzehn Jahren, einem Monat und sieben- oder gar neunundzwanzig Tagen, kurz:

damals, als ich kurz davorstand, die Stadt, die, damals noch, die meine war (& deine,

obwohl ich das, warum auch immer, immerzu zu vergessen pflege …), zu verlassen,

erzähltest du meinem ehemaligen engsten Freund (damals noch dein Kollege, oder?),

der – meinen alten Notizen zufolge – „verlässlich“ war (oder steht da: „vergesslich“?!),

was du von mir (mir, damals! [niemand, wirklich, an den man sich erinnern müsste …])

in Wirklichkeit, jetzt! (also damals), willst: zwei Kinder – & ein weißes Sommerkleid,

 

& heute – ist alles so geworden, wie du es dir vorgestellt hast: Das weiße Sommerkleid

ist da, & du bist da, & die zwei Kinder & ein Strohhut, & selbst ein Picknickkorb ist da

(fehlt nur ein Schirmchen auf den Renoir!) auf diesem Spielplatz, dieser Sommerwiese

im Park der Stadt, die immer deine war (& meine ist, auch wenn ich´s immerzu vergesse),

& dein Lachen ist da, wie immer, damals schon (stimmt: du warst die, die immer lachte),

& sogar ich: bin da, auch mich: sehe ich, auf diesem Bild (das keines ist, es ist ja wahr),

im weißen Licht über die Spielplatzwiese laufen – fangenspielend, mit dir –, & lachend

werde ich (von jemandem, der vergessen hat, dass wir uns kennen) mir selbst vorgestellt.

 

 

 

MANCHMAL

 

„Von mir aus könnte es immer so weiterregnen“, hätte ich damals denken können,

hätte ich damals vielleicht sogar denken sollen, denke ich heute manchmal, aber

in Wirklichkeit (das heißt: damals) dachte ich nicht an so was, dachte ich nur an –

ja, was eigentlich – eigentlich gab es damals wohl gar nicht so viel zu denken …

 

Wir saßen einfach da, auf deinem Sofa, du & ich, wir hatten immerhin ein Kind

zwischen uns sitzen – & bei dem kleinen Eisbären & bei Bob, dem Baumeister,

& bei dem warmen Regen, der da draußen: auf deinen Eisberg, meine Baustellen fiel,

fiel gar nicht auf, was mir nun manchmal einfällt – manchmal, wie gesagt, nicht oft.

 

 

 

NIE

 

Nie fällt mir ein, dass ich verliebt sein wollte

in eine Frau, die (damals) Frauen liebte: dich

 

z. B., & dennoch: denke ich an sie viel öfter

als an uns – das, was auch immer es nicht war

 

mit dir & mir … Bei ihr erinnere ich mich

gerade noch, dass es nicht viel war, was da

 

nie passierte – wenig, zumindest, zu wenig,

gewiss, um es jetzt immer noch nicht nicht

 

mehr zu verschweigen … Von dir jedoch

weiß ich nicht einmal das.

 

 

 

IMMER

 

Immer schaffte ich es dann am Ende doch nie,

dir zu sagen, was ich für dich nicht empfand –

aber etwas muss man doch auch nicht sagen

(hieße nichts nicht sagen denn nicht: sprechen?),

& so: brach ich also unser schönes Schweigen

erst, als die Straßenbahn in die Station einfuhr

& du wegen ihres Lärms nichts hören konntest.

 

Immer noch nicht stehe ich immer noch hier

an der Haltestelle, wo ich es immer noch nicht

nicht glauben kann, was ich dir damals sagte,

& immer noch nicht sehe ich dich immer noch

schön lächeln, & verständnislos, hinter der Scheibe –

damals, als die Straßenbahn dich wegbrachte

von mir, von uns, unserer Chance, für immer.

 

 

 

NICHT MEHR

 

Von deiner Stadt hab ich nicht mehr gesehen

als Paul Verlaine von Manchester, das heißt:

so gut wie nichts – wobei das „so gut wie“

dem Regen gilt, dem Schnee, dem Hagel

& all den andren 37 Arten des bekannten

terrestrischen meteorologischen Niederschlags.

 

Von deiner Stadt hab ich nicht mehr gesehen

als Regen, Hagel, Griesel, Graupel, Schnee

& Butter, die auf einem Crumpet schmilzt.

Am Morgen kamst du in mein Bett, & ich

las dir Verlaine vor, Souvenir de Manchester.

Es regnete noch immer, hinterher, als wir

 

im Nebel Richtung Busbahnhof spazierten.

 

 

 

 

.

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2 Antworten

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  1. manuskripte 211 | Andreas Unterweger said, on 25. März 2016 at 8:16 am

    […] junge[n] Autoren” und geht auf einige der Textbeiträge ein – zu meiner Freude auch auf meinen eigenen. […]

  2. andreasundschnurrendemia said, on 7. September 2016 at 2:02 pm

    Schöne, genaue Kritik von Timo Brandt zu den manuskripten 211 auf fixpoetry.com, auch zu diesen Gedichten – danke!

    „Andreas Unterweger bringt fünf starke Liebesgedichte; eine sich zu Sinnlichkeitsketten verknotende Zeichensetzungsdichte, einfache Sprache, dazu die Unwägbarkeit der Erinnerung und die doch darin enthaltenen, nahen und fernen, Gefühle – mehr braucht es nicht.“
    Timo Brandt, fixpoetry.com

     http://www.fixpoetry.com/feuilleton/kritiken/helmut-moysich-marica-bodrozic-thomas-poiss-theresia-prammer-michael-donhauser-michael-hammerschmid/kornelia


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