Andreas Unterweger

„Schreib den wahrsten Satz, den du weißt“ (Interview zum manuskripte-Preis)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 20. November 2016

Interview mit Christiane Kada, Graz, August 2016
(erschienen in: Landeskunst und -kulturpreise 2016. Hg. v. Land Steiermark, A9 Kultur Europa Außenbeziehungen. Graz: 2016).

„Schreib den wahrsten Satz, den du weißt“

Andreas Unterweger über Autobiografisches, slowenische Gedichte und das Leben mit 17
 

Herzliche Glückwünsche zum zugesprochenen manuskripte-Literaturpreis des Landes Steiermark. Was bedeutet dieser Preis für Sie?

 

Mehr als er für jeden anderen bedeuten hätte können, behaupte ich einmal. Die manuskripte waren für mich seit jeher, also, seitdem ich mich für Literatur interessiere, DIE Literaturzeitschrift schlechthin. Und ihre Protagonisten meine großen Helden. Wenn ich mir die Liste der bisherigen Preisträger so anschaue … Dass ich jetzt mit diesen Legenden in einer Reihe stehe, und sei es nur auf Wikipedia – also, wenn ich ein Sportler wäre, würde ich sagen: „Ich habe das noch gar nicht realisiert.“

 

Der Preis wird an AutorInnen aus dem Umfeld der manuskripte vergeben. Welche ist ihre Verbindung zu dieser Literaturzeitschrift?

 

Wie gesagt: Ich war immer ein Fan. Und auch Abonnent, seit Ewigkeiten! Als 2006 dann mein erster eingereichter Prosatext in den manuskripten erschienen ist, habe ich das ähnlich empfunden wie den Preis heute … Ich hatte ja immer gedacht, wenn man nur ein einziges Mal in den manuskripten veröffentlichen könnte, dann hätte man alles erreicht, was man als Schriftsteller erreichen kann … Das war vielleicht gar nicht so falsch!

Jedenfalls kann man sagen, dass ich von Alfred Kolleritsch „entdeckt“ wurde. 2007 hat er sich als Erster für Auszüge aus meinem ersten Roman, Wie im Siebenten, begeistert, und ich bekam den manuskripte-Förderungspreis. Und 2009, als Alfred Kolleritsch sehr krank war, habe ich begonnen, in der Redaktion mitzuarbeiten, um ihm und der Zeitschrift zu helfen. Lange Jahre aber leider nur äußerst geringfügig und sporadisch, weil ich ja bis vor kurzem in Niederösterreich gewohnt habe.

 

Liest man die Kritiken zu Ihren Büchern, so ist auffällig, dass sich die Rezensenten nicht genug darüber äußern können, dass Sie dem Leben so viel Positives abgewinnen können, so viel schönen Alltag beschreiben. Was ist das, was da so besonders ist und wie erleben Sie als Schreibender diese Einordnungen, Rezensionen überhaupt?

 

Offensichtlich herrscht in Teilen der Kritik – mit der ich (ich klopfe auf Holz!) bisher meistens Glück hatte – die Meinung vor, gute Kunst müsse zwangsläufig pessimistisch sein. Düster, zynisch, mit Unhappy End. Da geht es wohl um eine Abgrenzung vom so genannten Kitsch. Trotzdem denke ich, dass das gar nicht stimmt. Richtig große Kunst – also, sagen wir einmal, z. B., Goethe, van Gogh, die Beatles – ist ja fast immer prinzipiell lebensbejahend, nicht?

Andererseits empfinde ich meine Arbeiten gar nicht als übertrieben positiv. Mein Ziel beim Schreiben ist einfach nur: „Schreib den wahrsten Satz, den du weißt“ – wie Hemingway es so schön formuliert hat. Und da würde es, für mich, aus meiner Situation heraus, einfach nicht stimmen, mich ganz und gar auf die unerfreulichen, beängstigenden Seiten des Lebens zu konzentrieren.

 

Ihre Werke haben einen starken autobiographischen Bezug. Wie ist es für Sie, wenn die Arbeit fertig ist, das Buch gedruckt und freigegeben an eine Leserschaft? Entstehen da Gefühle?

 

Auch der „autobiografische Bezug“ ist eigentlich durch die Rezeption – Klappentexte, Rezensionen, auch meine eigenen Äußerungen – übertrieben worden. Ja, mein erstes und mein drittes Buch haben mit autobiografischen Formen gespielt – aber eben nur gespielt. Eigentlich berichten sie ja von der Unmöglichkeit, „autobiografisch“ zu schreiben …

Jeder, der schreibt, macht sich verwundbar. Meiner Erfahrung nach kann aus dieser Verwundbarkeit, die man freiwillig zulässt, sehr viel Schönes, viel Glück resultieren, das die unvermeidlichen Verletzungen mehr als aufwiegt. Aber wenn man autobiografisch schreibt – oder so tut, als ob! –, exponiert man nicht nur sich selbst, sondern auch seine Liebsten. Und da wird es kritisch. In Zukunft jedenfalls möchte ich meine Familie vor dem Glück, manchen Kritikern gegenüber verwundbar zu sein, bewahren!

 

Wie sind Sie Autor geworden? Wann hat Sie das Schreiben gepackt?

 

Mit 16, 17. Wobei: Es hat schon als Kind geheißen, dass ich Dichter werde, weil ich so gerne gereimt und gelesen habe. Einmal hat mir mein Vater, im Park am Kaiser-Franz-Josef-Kai, einen Mann auf einer Parkbank gezeigt, der in ein Notizbuch geschrieben hat: „Schau, ein Dichter!“ Ich habe diesen Dichter nicht besonders eindrucksvoll empfunden, damals, andererseits – na ja. Er hat immerhin einen Platz gehabt in der Welt. Einen Sitzplatz!

Zwischen meinen ersten Schreibversuchen in der Pubertät und den ersten Veröffentlichungen lagen dann freilich rund 10 Jahre. Es ist mir einfach nichts gelungen, was ich als gut empfunden habe. Da hatte ich immer schon ein recht genaues Gespür – leider. Über Seminararbeiten und Songs, die ich für meine Band ratlos geschrieben habe, habe ich dann langsam, aber sicher, zu den Sätzen, zu meiner Sprache gefunden.

 

War das Lesen für Sie als Kind, als Jugendlicher wichtig?

 

Ja, sehr. Ich war der, der immer ein Buch dabei hatte. Bei den Verwandten, in den Gasthäusern, beim Einkaufen … Meine Eltern haben mich da zum Glück bestärkt – und mir auch ständig Bücher gekauft. So wenig wie heute, da ich selbst Kinder habe, habe ich eigentlich noch nie gelesen.

 

Gibt es ein Buch, das Sie begleitet? Ein persönlicher literarischer Meilenstein?

 

Ja, mehrere … In den letzten 10 Jahren war das: „Paris – Ein Fest fürs Leben“ von Ernest Hemingway. Hemingway erzählt darin von seinem Leben im Paris der 20er Jahren – als junger, unbekannter Schriftsteller, mit Frau und Kind. In dem Buch stehen unglaublich richtige Dinge über das Schreiben. Und die Atmosphäre, die Welt, die es entstehen lässt, raubt mir jedes Mal wieder den Atem … Das Ganze ist natürlich eine Utopie. Wunderschön und tieftraurig zugleich. Es wird ja eine Vergangenheit verklärt, die für immer verloren ist – falls es sie so denn überhaupt je gegeben hat … „Autobiografisch“, könnte man sagen.

 

Welche Neuerscheinung können Sie empfehlen?

 

Franz Weinzettl, An der Erde Herz geschmiegt. Wenn man Weinzettl gelesen hat – oder ihm zugehört hat – sieht man alles „in einem anderen, weicheren Licht“ … Franz zweifelt an sich – sagt er –, weil es in seinen Büchern keine „Verwandlung“ gebe. Und Peter Handke gemeint hat, in einem guten Buch müsse zwangsläufig eine „Verwandlung“ passieren … Dabei passiert auch bei Weinzettl eine Verwandlung: Seine Bücher verwandeln den Leser!

 

Und was sollten Kinder unbedingt lesen?

 

Puh, „unbedingt“ – ich weiß nicht. Gedichte, vielleicht? Ich habe das Gefühl, dass die slowenischen Kindergedichte, die mir meine Mutter und meine „Babi“ aus Ljubljana vorgelesen und vorgesungen haben, als ich noch sehr, sehr klein gewesen bin, immer in mir drin geblieben sind – ganz tief, weitgehend unbewusst – so ein Grundrhythmus, trostspendend, ein Wiegenlied fürs Leben.

 

Ich möchte auch noch fragen, ob Sie Bücher lesen, oder mit dem E-Reader arbeiten? Wie schätzen Sie hier die Entwicklung ein?

 

Ich lese nur richtige Bücher – aus Papier. Dafür lese ich aber die Zeitungen alle am Handy! Vielleicht ändert sich das aber auch in den kommenden Jahren. Ich bin meistens recht langsam dabei, diese Entwicklungen mitzumachen – aus einer Scheu vor jeder Art Hype heraus. Vermutlich gibt es in den nächsten Jahren verstärkt ein Nebeneinander unterschiedlichster Medien, wie bei der Musik. In einer derart unübersichtlichen Marktsituation müsste eigentlich auch einem angeblich anachronistischen Medium wie einer Literaturzeitschrift, die den Lesern die Mühe der Selektion abnimmt, eine umso größere Bedeutung zukommen. Das stimmt mich zuversichtlich für die manuskripte.

 

Noch ein Ausblick? Arbeiten Sie an einem neuen Werk: worauf darf man sich freuen?

 

Ich schreibe an einem Buch mit Erzählungen. Formal sehr streng: je 17 x 17 Zeilen – denn es geht um 17-jährige. Genauer gesagt: Um das Lebensgefühl, das in ungefähr diesem Alter viele befällt: diese Wachstumsschmerzen, den komplizierten Bruch, den der Übergang vom Kind zum Erwachsenen bedeutet. Mit allem, was dazugehört: Musik, Drogen, Liebeskummer … Das Buch wird also eher düster. Und anti-autobiographisch. Mit einer gewissen Ironie, die einfach nicht umzubringen ist. Zum Glück.

*****

Und hier der Text im Original-Layout mit den gelungenen Fotos von Niki Lackner:

 

20161120_100543

20161120_100639

20161120_100708

Danke, Christiane Kada und Niki Lackner, für dieses schöne Porträt!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: