Andreas Unterweger

Peter Handke und die manuskripte

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 6. Dezember 2017

Aus aktuellem Anlass, eine Art Vorabdruck:
Mein Beitrag zum Ausstellungskatalog
Peter Handke. Dauerausstellung Stift Griffen, hg. von Katharina Pektor, Salzburg, Wien: Jung und Jung 2017.
Alles Gute zum Geburtstag, lieber Herr Handke!

 

Peter Handke und die manuskripte

»weil ich […] in den manuskripten am liebsten
veröffentliche und veröffentlicht sein möchte«
Peter Handke an Alfred Kolleritsch

Als Peter Handke 1961 in Graz mit dem Studium der Rechtswissenschaften beginnt, sind die manuskripte gerade einmal ein Jahr alt. Am 9. November 1960, anlässlich der Eröffnung des Forum Stadtpark, erstmals erschienen, macht sich die Literaturzeitschrift während Handkes ersten Semestern aber schnell einen Namen.
Ihr Herausgeber, der Gymnasiallehrer und Dichter Alfred Kolleritsch, setzt es sich zum Ziel, im gefährlich verschlafenen Nachkriegs-Graz »die Informationsdefizite [zu] beheben, auch Außenkontakte her[zu]stellen und den Bereich dessen aus[zu]loten, was die neuesten Tendenzen im Bereich der Gegenwartsliteratur« ausmacht. Tatsächlich veröffentlichen die frühen manuskripte nationale wie internationale Repräsentanten der mehr oder weniger »avantgardistischen« Literatur: H.C. Artmann, Konrad Bayer, Heimito von Doderer, Hans Magnus Enzensberger, Raoul Hausmann, Ernst Jandl, Karl Krolow, Gerhard Rühm … Gleichzeitig publiziert man heimische Talente wie Wolfgang Bauer, Gunter Falk oder Barbara Frischmuth.
Nicht zuletzt die hysterischen Reaktionen der lokalen Öffentlichkeit sorgen dafür, dass der Zeitschrift reichlich Aufmerksamkeit zuteil wird. So lässt etwa der Sponsor Steirische Raiffeisenkasse aus Protest gegen ein Gedicht Friedrich Achleitners sein Inserat in allen Exemplaren von Heft 2 (1961) überkleben – ein Vorgeschmack auf den Prozess wegen »Verbreitung der Pornographie«, der gegen Kolleritsch Mitte der 60er Jahre angestrengt wird. Auch die happeningartigen »Dunkelkammer-Lesungen« der manuskripte-Autoren im Forum Stadtpark, jenes Zentrums für »junge« Kunst, dessen Eröffnung erst nach jahrelanger Auseinandersetzung möglich war, lösen regelmäßig mediale Empörung aus.

Peter Handke besucht Veranstaltungen im Forum, wo er, laut Kolleritsch, »düster und mädchenhaft« in der Ecke steht. Das erste Mal fällt er bei einer Lesung Herbert Eisenreichs am 11.6.1963 auf, wo er den einer traditionellen Erzählweise verhafteten Autor heftig kritisiert. Auf Eisenreichs Frage, wer denn dann richtig erzähle, antwortet Handke: »Ich!« Kolleritsch bittet den selbstbewussten Jüngling daraufhin um Texte. Einer davon, das Kurzprosastück Die Überschwemmung, wird in manuskripte 10 (1964) publiziert – das literarische Debüt Peter Handkes.
Von da an sind seine Geschicke eng mit dem Forum und vor allem den manuskripten und ihrem Herausgeber verknüpft. Weitere Texte erscheinen in den folgenden Nummern, darunter, in Heft 12 (1964), ein Auszug aus dem Roman Die Hornissen, dessen Endfassung Handke im Keller des Forum abtippt. Auch das Anti-Drama Publikumsbeschimpfung sowie Das Ermordungskapitel aus Der Hausierer, gelesen bei der Tagung der Gruppe 47 in Princeton, werden in manuskripte 16 und 17 (1966), abgedruckt. Handke tritt mehrfach im Forum auf und vermittelt Klaus Hoffer und Wilhelm Hengstler als Debütanten zu den manuskripten.
Als Kolleritsch in seinen »Marginalien« zu Heft 18 und 19 (1966/67) den Terminus »Grazer Gruppe« in die Literaturgeschichte einführt, zählt er den eben nach Düsseldorf gezogenen Handke dazu. Gemeinsam verteidigen sie sich gegen den Vorwurf des »Ästhetizismus«, den Michael Scharang und Elfriede Jelinek in manuskripte 26 und 27 (1969) gegen sie erheben. Und als Handke 1971 in Graz mit einem Polizisten, der ihm wegen seines langen Haars den Zutritt zur eigenen Lesung verwehrt, in ein Handgemenge gerät, sagt Kolleritsch beim Prozess zu seinen Gunsten aus.
In den folgenden Jahrzehnten geben die beiden gemeinsam Lesungen und besuchen einander regelmäßig. Ihr Briefwechsel, der 2008 unter dem Titel Schönheit ist die erste Bürgerpflicht als Buch erscheint, kündet von ihrer lebenslangen, »kontinuierlich wachsende[n] Freundschaft« (Kolleritsch).

Von einzigartiger Dauer ist auch Handkes Verbindung zur Zeitschrift seines Freundes.
Peter Handke wurde von den manuskripten »entdeckt«. Umgekehrt sind es auch seine über 40 Beiträge in den bislang erschienenen 216 Ausgaben (Stand Juli 2017), die den Ruf der manuskripte als eine der wichtigsten Literaturzeitschriften im deutschen Sprachraum mitbegründet haben.

***

Heute, 6.12.17, in der Kleinen Zeitung: Handke-Wortgeschenke prominenter KollegInnen, darunter zahlreicher manuskripte-AutorInnen (Jelinek, Frischmuth, Stadler, Winkler, Hoffer, Rakusa…), die Werner Krause mit meiner bzw. manuskripte-Hilfe gesammelt hat:

Ich danke allen Beteiligten, insbes. Elfriede Jelinek, Ilma Rakusa, Olga Martynova, Arnold Stadler, Anna Baar, Antonio Fian, Alfred Kolleritsch und Werner Krause!

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