Andreas Unterweger

„My Heart´s in the Highlands“ (Neue Galerie)

Posted in Dylanologie, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 24. Mai 2018

Mein Beitrag zu:
Walter Titz: Die neue Galerie Graz in 99 Werken. Herausragende Kunst vom 19. bis ins 21. Jahrhundert mit Texten von Olga Flor, Valerie Fritsch und Andreas Unterweger. Hg. v. Peter Peer und dem Verein der Freunde der modernen und zeitgenössischen Kunst am Joanneum. Christian Brandstätter Verlag 2018.

Die Neue Galerie Graz

 

Andreas Unterweger

My Heart´s in the Highlands

1001 2-teilige Assoziationen zu Walter Niedermayrs „Dachstein“

 

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Wie alle Bilder ist auch „Dachstein“, eine „2-teilig[e] Farbfotografie auf Forex“ von Walter Niedermayr (1997), nicht nur ein Bild, sondern viele Bilder – und zwar, um in puncto Anzahl genau zu sein (so genau, wie man es als sogenannter Dichter in puncto Anzahl nur sein kann), exakt 1001 (in Worten: „a thousand and one“ – wie in dem Satz „His is a thousand and one voices yet singularly his own“ Bob Dylan über Jimmie Rodgers in den Liner Notes zu The Songs Of Jimmie Rodgers: A Tribute, AllRecords 1997).

 

Die 1001 Bilder, die dieses eine „2-teilige“ Bild in Wirklichkeit darstellt, teilen sich wiederum in (zumindest) drei Gruppen. Die erste, in puncto Anzahl kleinste (ca. 1001), besteht aus allen anderen Fotografien, die Niedermayrs Werkgruppe „Alpine Landschaften“ bilden. Die zweite, zweitgrößte (rund 1001): Alle anderen Werke der Kunstgeschichte, die sich mit „(alpinen) Landschaften“ befassen. Die dritte und mit Abstand größte (exakt 1001): All die Bilder, die das Bild im Betrachter (in mir) auslöst.

 

 

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„Die alpine Landschaft kenne ich seit meiner Kindheit“, schreibt Walter Niedermayr (geb. 1952) auf seiner Homepage. Seit 1987 arbeite er an „Alpine Landschaften“, einer Fotoserie über jene „von Menschen besetzte und gestaltete“ Region, die selbst wiederum aus (1001?) Fotoserien besteht. „Der ,serielle´ Aufbau entstammt zugleich einer Ablehnung des ,ikonographischen Bildes´ und der Tatsache, dass das, ,was wir auf der Retina sehen, niemals ein einzelnes Bild ist, sondern viele Blickpunkte´.“ (Zitat Niedermayr)

 

Die alpine Landschaft kenne ich (geb. 1978) seit meiner Kindheit, „Alpine Landschaften“ seit 2005. Ich weiß noch, dass ich „auf der Morgentoilette“ saß (Zitat meine Tochter [5]), als ich in der Zeitung das erste solche Bild sah. Und dass dieses, abgesehen von den auffällig verloren wirkenden Farbklecksmenschlein, vor allem eins war: weiß. Wie der Gips, den meine Tochter heute aufs Bein bekam. Oder ein bloßgelegter Knochen bei Durs Grünbein: „So gesehen das weißt du / nun prägen sich Farben / besonders fest ein.“

 

 

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Das Bild in der Zeitung war nicht das Bild mit dem Titel „Dachstein“. Aber als ich heute „Dachstein“ in dem Katalog „Moderne: Selbstmord der Kunst?“ sah, sah ich das Bild von damals wieder. Ein Bild Walter Niedermayrs erkennt man wieder – auch wenn es nicht dasselbe Bild ist, auch wenn es etwas anderes zeigt als alpine Landschaften (Architekturen, Industrien usw.). Ich erinnere mich, dass ich damals in die Ausstellung ging, die das Bild bewarb. Und heute, wenn ich „Dachstein“ ansehe, gehe ich wieder dorthin.

 

Heute, wenn ich die Zeitung ansehe, ist da ein Interview mit Robert Menasse: „ … die Wollust, mit der sich Österreich als Alpenrepublik bezeichnet. Ich bin Wiener, da gibt es keine Alpen.“ Aber wenn ich „Dachstein“ ansehe, bin ich wieder im MQ, und wenn ich die Fotos dort nur lange genug ansehe, sehe ich: Die Menschen vor den Fotos sind genauso „auffällig verloren“ wie die auf ihnen. Und auch draußen noch: überall Farbklecksmenschlein in einem selbstgestalteten weißen Void. Ich bin in Wien, da gibt es Alpen.

 

 

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Und heute bin ich auf Facebook und like Bilder von Bergen. Und das, wo ich für die alpinen Landschaften meiner Kindheit (die Ischgler Schipistenindustrie etwa) wenig Nostalgie hege. Wandertage schwänzte. Ins alpenlose Tullnerfeld verliebt war. Und nun grüßt mich Facebook mit: „Alter Bergkamerad!“ Kein Wunder also, dass ich in „Moderne: Selbstmord der Kunst?“ letztlich im Kapitel „Landschaft / Land Art“ hängenblieb? Es sind ja auch österreichische Landschaften. ¾ der Bilder zeigen Bilder von Bergen.

 

Was ich an „Dachstein“ am liebsten ansehe, ist der blaue Streifen oben (der wahre „Teil 2“): die Aussicht auf 1001 andere Berge – jenseits der Schipistenindustrie … „Dort ist mein Herz“, denke ich dann – als ob das weiße Void davor nichts mit mir zu tun hätte. Und dann höre ich wieder „Highlands“ von Bob Dylan (1997), höre, wie er singt, dass er eine Kellnerin zeichnet, und sie sagt: „That don’t look a thing like me“, und er: „Oh kind miss, it most certainly does“, und sie: „You must be joking“, er: „I wish I was.“

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Walter Niedermayrs Arbeit „Dachstein“, wie ich sie im Neue Galerie-Katalog „Moderne. Selbstmord der Kunst“ gesehen habe.

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Quellen:

 

Robert Burns: „My Heart´s in the Highlands” (1789).

„Moderne: Selbstmord der Kunst?“ Hg. v. Peter Weibel, Christa Steinle. Gudrun Danzer. Neue Galerie/Hatje Cantz 2011.

Heinrich Detering: „Tausendundeine Stimme.“ In: „Die Stimmen aus der Unterwelt. Bob Dylans Mysterienspiele.“ C. H. Beck 2016.

http://walterniedermayr.com

Durs Grünbein: „Farbenlehre“. In: „Grauzone morgens“. Suhrkamp 1988.

„Nach Rokytnik: Die Sammlung der EVN.“ Mumok Museum moderner Kunst Stiftung Ludwig Wien 03. 07.–18. 09. 2005.

Robert Menasse: „Ich bedaure die Rechten.“ Interview: Stephan Hilpold, Fotos: Rafaela Proell. In: Der Standard, 21. 12. 2017.

Bob Dylan, „Highlands”. Auf: „Time Out of Mind”, Columbia Records 1997.

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Das Buch, ab 28.5. im Handel, wurde gestern Abend, am 23.5., in der Neuen Galerie präsentiert. Leider konnte ich nicht teilnehmen.

 

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