Andreas Unterweger

„Kabul“ und weitere Gedichte (manuskripte 221, grazkunst)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 18. Oktober 2018

Während ich auf dem Weg nach Augsburg bin, um dort gemeinsam mit Michael Hammerschmid und Verena Stauffer Gedichte vorzulesen, ist in zwei Grazer Kunstzeitschriften folgende lyrische Parallelaktion zu beobachten:
Mein Gedicht „Kabul“ findet sich sowohl in manuskripte 221 (auf Wunsch von Alfred Kolleritsch) als auch in grazkunst, der Zeitschrift der Kunstuniversität Graz, deren aktuelle Ausgabe dem Thema „Begehren“ gewidmet ist (mit Beiträgen von Robert Menasse, Robert Pfaller, Beat Furrer u.a.m.).

„Kabul“ variiert ein bekanntes Übersetzungsproblem aus dem Koran – angeblich sind mit den „Huris“, die im Paradies auf Märtyrer und andere Gerechte warten, gar keine Jungfrauen gemeint, sondern Weintrauben …
In den manuskripten wird „Kabul“ von den Gedichten „Qikiqtaq“ und „An einen, den ich kannte“ begleitet – Reaktionen auf Berichte über die Franklin-Expedition und (ein Gedicht von) Charles Bukowski.

 

 

 

 

 

Kabul

 

1

 

Wenn der Frühling kam, war wieder Krieg,

und wir achteten darauf, dass wir die Sonne,

wie wir es gelernt hatten, immer im Rücken

 

hatten. Auf den Terrassen all der Teehäuser

auf den Kabuler Boulevards besetzten wir

immer dieselben Plätze (die mit dem Rücken

 

zur Sonne), so dass für all die Mädchen, die,

damals noch, täglich ins Teehaus kamen, nur

noch die anderen, die in der Sonne, blieben.

 

Während die Mädchen somit, um uns sehen

zu können, gegen das Licht blinzeln mussten,

konnten wir die Mädchen ansehen, ohne zu

 

blinzeln. Und während sie die Augen, wegen

der Sonne, bald ganz geschlossen hielten (so

dass es uns, in ihren Augen, eigentlich nicht

 

mehr gab), gab es für unsereins, wenn er auf

diese Weise (großäugig) ein Mädchen ansah,

nichts, was mehr da war (nichts mehr, was da

 

war?) als sie … Ihre Haut war so hell, dass

man das Mark in ihren Knochen sah … Ein

Tuch auf ihrem Haar war besser als die Welt.

 

 

 

 

 

2

 

Für sie zu sterben war das Mindeste. Doch

mindestens genauso gut war es, hier so, die

Sonne hinter uns, zu sitzen, und die Mädchen

 

anzusehen … Wie sie so dasaßen, die Sonne

im Gesicht, die Augen (schwarz umrandet)

zu, musste ich jedes Mal wieder – das weiß

 

ich noch – an Weintrauben denken … Nicht

an Korallen, Perlen und Rubine, sondern an

Trauben, Weißweintrauben, solche mit sehr,

 

sehr hellem Fleisch … Aber in Wirklichkeit,

schon klar, waren es keine Trauben (oder

Korallen, Perlen und Rubine), die wir sahen,

 

sondern nur: Mädchen – Mädchen mit sehr,

sehr weißen Lidern, Mädchen, weiß von dem

Sonnenlicht, in dem sie saßen, warm von der

 

Sonne, und die Augen zu … Es waren weiße,

kristallklare Trauben. Alles, vom Himmel

bis zum Boden, war von ihrem Duft erfüllt.

 

 

 

 

 

 

 

3

 

Von uns aus hätte es bis in alle Ewigkeit so

(Teehaus-Terrasse, Sonne, Mädchen in der

Sonne) weitergehen können, aber: so ging es

 

eben nicht, nicht hier bei uns, hier in Kabul,

schon gar nicht hier, bei uns, in Kabul, wenn

der Frühling kam … Wenn der Frühling kam,

 

war wieder Krieg, und im Krieg sah man

keine Mädchen, konnte das nicht, wie auch,

sondern starb für sie – das war (das wussten

 

wir, die wir damals dort saßen, auch) der

Krieg: Wir starben für Mädchen, die es gar

nicht gab … Es gab ja nur das Teehaus und,

 

in der Sonne dort, die Mädchen. Wir sahen

die Gesichter, hell und: unsagbar klar … Was

sich in ihnen spiegelte, erleuchtete die Welt.

 

 

 

 

 

Qikiqtaq

 

1

 

Damals hatten wir jede Menge Schnee –

damals gab es das noch: richtige Winter!

–, und es lief gut für uns, richtig gut (All

 

well), lief wie auf Kufen, nein, wirklich

auf Kufen: unser Beiboot nämlich, das

wir mit Seifen und mit Seidentüchern,

 

Haarbürsten, Bibeln und goldenen Uhren

bis über die Freibordkante hoch beladen

hatten. Damals gab es das noch: echtes

 

Gold, wir verwendeten Taschentücher

aus Naturseide, und jeder von uns besaß

seine eigene mechanische Uhr … Heute

 

noch finden sich (haufenweise!, alles

echtes Handwerk!) unsere Schiffsöfen,

Schaufeln, Eispickel und Ruder auf dem

 

Archipel. Von ihr, der Großen, unserer

Pyramide, die wir aus Konservendosen

(erst ausgelöffelt, dann mit Kies befüllt)

 

errichtet hatten, ganz zu schweigen. Die

Dosen waren aus echtem, englischem

Zinnblech. Verlötet mit: reinstem Blei.

 

 

 

 

 

2

 

Denn darum geht es doch, nicht? Spuren

zu hinterlassen. Und ich meine nicht die

des Schlittens im Schnee. Ich spreche

 

von etwas anderem, Größerem … Und

sei es nur eine Line Earl Grey, Type für

Type übers Eis verstreut, ein Formblatt

 

unter einem Stein: so was setzt doch auf

jeden Fall ein Zeichen – und wenn dieses

unleserlich ist wie das Tagebuch eines

 

Maats … Ihr, habgierig, hinterhältig und

grausam, mit eurer Vorliebe für Blut und

Walfischspeck, könnt das natürlich nicht

 

begreifen. Doch wahrlich, ich sage euch:

Wer nicht vergessen werden will, muss

Spuren legen … Schnitte setzen … Und

 

sei es mit einem Messer – aus echtem

Silber, versteht sich, mit Monogramm –

auf Johns Oberarmknochen … John,

 

der den Schlitten zog wie ein Ochse. Ein

waschechter englischer Fleischberg von

Ochse. Der trotz des Hungers gut schlief.

 

 

 

An einen, den ich kannte

 

 

Wie all meine autobiografischen Gedichte / ist auch dieses hier an

jemanden gerichtet / den ich in Wahrheit nie kennengelernt habe

 

Nur seine schiefgelatschten Schuhe / kannte ich, & wie es ist, mit

einem Koffer aus Papier / in eine Stadt zu kommen, wo es regnet

 

& nichts im Bauch zu haben als Sehnsucht / nach einem ruhigen

Zimmer, billigem Rotwein / Zigaretten, Sinfonien von Brahms &

 

einer Schreibmaschine, die noch durchhält / eine letzte Nacht …

Von allen Schreibmaschinen in der Hölle / war deine die heißeste

 

die, von der selbst einer wie du / immer wieder schnellstmöglich

die Finger lassen musste / wohl deshalb hacktest du so auf sie ein

 

Wenn deine Hinterhofboxerfäuste / die Tasten schlugen, schlugen

Flammen daraus / zumindest stellte ich mir das damals oft so vor

 

Du warst ein Dichter, ich / ein Junge, aber nicht zu jung für diese

Art Brand, noch heute / hüte ich seine Nester unter nassem Papier

 

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