Andreas Unterweger

„Von den Leibnitzer Elefanten“ (20 Jahre Galerie Marenzi)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 31. Oktober 2018

Nachtrag zum Termin:
28.10., 16:00, Lesung von Andreas Unterweger. Außerdem liest: Bodo Hell. Musik von Sir Oliver Mally u.a. Geburtstagsfest: 20 Jahre Galerie Marenzi, Altes Kino, Leibnitz.

(c) Klaus-Dieter Hartl

 

Hier mein Textbeitrag zum Geburtstagsfest der Galerie Marenzi:

Von den Leibnitzer Elefanten

oder

Das unendliche Glück: 20 Jahre Galerie Marenzi

1

Meine erste Lesung hatte ich in Leibnitz. Vor (ca.) 20 Jahren saß ich eines Vormittags neben Wolf-
gang Bauer im Café Elefant und las, ohne Vorwarnung, ins entspannte Cafétreiben hinein ein Kurz-
drama vor. Dieses handelte von einem Herrn, der eines Vormittags entspannt im Café Elefant sitzt,
wo ihm, ohne Vorwarnung, ein Kurzdrama vorgelesen wird, das von einem Herrn handelt, der
eines Vormittags entspannt im Café Elefant sitzt und so – weiter kam ich nicht. Der Herr, der
tatsächlich dort saß, verließ das Café, noch bevor der Vorhang fiel – und damit fiel der Vorhang.

 

Über dem Platz des Herrn aber, hängt (seit damals?) ein Elefantenkopf. Genauer gesagt: Er steckt.
Als sei der Elefant, durch Donner oder ein Schüler-Moped in Panik geraten, von Osten her über
den Hauptplatz getrampelt, um dort, nach Anstiftung zu allerlei Sanierungsmaßnahmen (s. Sailler-
hof) in der Kaffeehauswand, das Hinterteil noch in reginas hair room, steckenzubleiben. Immer,
wenn Klaus-Dieter Hartl und ich im Elefant zusammensitzen, sitzen wir unter seinem braunen
Rüssel. Immer, wenn wir so zusammensitzen, schauen wir zum Rüssel hoch, der (noch?) stillhält.

 

Anmerkung:

Beginn eines elefantophilen Textes für Klaus-Dieter Hartl und die Galerie Marenzi. Was wäre
Leibnitz schon ohne seine Elefanten? Sind sie nicht ein „unendliches Glück“ – wie der Elefant im
Stück
Der Rüssel von Wolfi Bauer, das 50 Jahre verschollen war, bevor es 2015 von Hartl in Leib-
nitz gefunden wurde? Ist es nicht auch seiner Galerie zu verdanken, dass es in Leibnitz überhaupt
Elefanten gibt? Diese wundersamen Wesen … Jeder hört sie trompeten, jeder, der eine Ausstellung
der Galerie Marenzi betritt und dort die Augen öffnet (oder das Hirn? Das Herz?!) – um zu sehen.

 

2

Soweit der Text, den ich im September bei Klaus-Dieter Hartl abgeben musste, damit er in der zum Geburtstag der Galerie erscheinenden Broschüre abgedruckt werden konnte. Heute erscheint mir
der darin skizzierte Plan, die Galerie Marenzi und die von ihr ausgehenden/zu ihr hinführenden
Kunsttrampelpfade mit Wesen wie dem Elefanten aus Bauers Stück Der Rüssel gleichzusetzen
– als sei auch die Galerie, wie der Elefant im Stück, die wahrgewordene Fantasie eines Einzelnen,
die das (Lebens-)Klima einer ganzen Ortschaft auf den Kopf stellt! – freilich als allzu gewagt …

 

1. wäre es etwa völlig falsch, Leibnitz mit jenem Kaff aus Der Rüssel gleichzusetzen, dessen Be-
völkerung durch seichte Zerstreuungen, Bigotterie und Geldgier eingeschränkt ist. (Ich will ja in
Frieden hier leben.) Und 2.: Während der Elefant in Der Rüssel, bald nachdem er sich in einer Wand
verkeilt hat, erschossen wird, steckt die Galerie Marenzi schon seit 20 Jahren im steinernen Fleisch
von Leibnitz – vitaler denn je! Jeder, der die Augen offen genug hat, um ab und an eines der Aus
stellungsplakate zu sehen, spürt den belebenden Hauch, der ihren Rüsseln entströmt, im Gesicht.

 

Anmerkung:

Hälfte des elefantophilen Textes für Klaus-Dieter Hartl und die Galerie Marenzi … Notiz an mich
selbst: Vorsicht, dass die Zuhörerinnen und Zuhörer (Notiz an mich selbst: der Einfachheit halber
in Zukunft immer von „Zuhör
enden“ sprechen), Vorsicht also, dass die Zuhörenden klare Bilder
vor Augen haben. Betonen 1.: Klaus-Dieter Hartl ist
kein Elefant. 2. Klaus sieht auch keine Ele-
fanten – schon gar nicht rosarote. 3. Auch für alle anderen LeibnitzerInnen gilt: In der Galerie
Marenzi gibt es keinerlei Elefanten zu sehen. Bis auf den aus dem Vergleich, um den ich hier ringe.

 

3

Als das Stück Der Rüssel gefunden wurde, schrieb die Kleine Zeitung: „Das Stück schien den
richtigen Finder ,gesucht´ zu haben. Schließlich kann man Klaus-Dieter Hartl, Kurator am Stadt-
museum Leibnitz [!], als ,Bauer-Kenner´ bezeichnen – wenn auch auf einer persönlichen Ebene.
Er kannte nicht nur Wolfis Vater Rolf (als Lehrer) sondern auch den Autor selbst (als Nachbarn).
Kein Wunder, dass er aufmerkte, als er im Nachlass des Komponisten Franz Koringer auf ein Ty-
poskript stieß, das mit ,Wolfgang Bauer / „Der Rüssel“ / Eine Tragödie in elf Bildern´ betitelt war.“

 

Bemerkenswert an diesem Artikel: 1. Sein Inhalt. 2. schien der Autor, wohl ein Ortsfremder
(Grazer …) und eher in der Literatur zuhause als in der bildenden Kunst, eingeschränkt von der Gat-
tung Zeitungsartikel die Erwähnung dessen, dass Klaus-Dieter Hartl auch (v. a.!) die Galerie Ma-
renzi leitet, glatt aus seinem Typoskript gekürzt zu haben. Ich bin sicher: Der Verfasser würde sich
heute zur Sühne gern selbst öffentlich in den Hintern treten. Aber diese Vorstellung (ein Zeitungs
schreiber, der so einen Fehler zugibt!) ist einfach zu schön, als dass sie Wirklichkeit werden könnte.

[tritt sich selbst in den Hintern]

Anmerkung:

3/4 des Textes für Klaus und die Galerie sind vorüber … Notiz an mich selbst: Ein heikler Moment.
Du kannst nur darauf vertrauen, dass die Zuhörenden und Zuhörendinnen … äh, nein (Notiz: lieber
einfach „Publikum“ sagen), vertraue also darauf, Andreas, dass das Publikum
versteht, dass dies
kein billiger Witz war, sondern ein
poetischer Act, der mit dem Sprachbild von der utopischen
Elefantenkraft der Galerie im Gleichschritt dahintrampelt. (Notiz an mich selbst: Dem Publikum
vertrauen: Was soll schon schiefgehen?
Ich habe mich immer auf die Güte von Fremden verlassen.)

 

4

Nun aber zum Wesentlichen. Und das ist, nicht nur heute, nicht der Fakt, dass Klaus-Dieter Hartl
den Rüssel wiedergefunden hat. Zwar hätte es ohne ihn keinen Abdruck des Stücks in den manu-
skripten
gegeben, keine Premiere im Akademietheater, keinen Regisseur, der dumme Kommentare
über das Stück schiebt, bevor er ein anderes, gleichnamiges aufführt, ohne ihn keine Grazer Kunst-
schickeria bei der Premiere in Wien und kein „Wolfi-Bauer-Revival“ (schon vorbei). Und das alles
ohne ihn – denn niemand dachte daran, Klaus auch nur eine einzige Premierenkarte anzubieten …

 

Nein, heute darf keine Gelegenheit verpasst werden, Klaus-Dieter Hartl danke zu sagen. Danke
nicht für den Holzelefanten, der im Akademietheater auf der Bühne stand, sondern für den 20 Jahre
alten, nein, jungen Weltkunstarbeitsdickhäuter namens Galerie Marenzi, den Klaus in regelmäßiger
Topform in Leibnitz aufstampfen lässt. Dass dieser hier im Marenzihaus quasi auf der Stelle tritt,
ist kein Manko – er soll ja auch nicht sich selbst vorwärtszubringen, sondern Leibnitz. Genauer
gesagt: die Art und Weise, wie man, in Leibnitz, sieht (hört, riecht usw. Sprich: wie man hier lebt).

 

Anmerkung:

Nun ist das Ende des Textes für Klaus bald erreicht. Mist – denn Wesentliches blieb noch ungesagt.
1. Dass ich erst seit zwei Jahren hier lebe und deshalb nicht auf die Ausstellungen 1998-2016
eingehen kann (obwohl ich viele gerne gesehen hätte). 2. Dass die Galerie Marenzi in den zwei
Jahren hier dennoch zu meiner Lieblingsgalerie wurde (Lieblingsausstellungen: David Reumüller
und Heinrich Kühn). 3. Das russische Wortspiel
slon (= Elefant)/son (= Traum)! Und 4: Dass der
letzte Satz unbedingt so lauten muss: „Danke, lieber Klaus-Dieter Hartl, für die Galerie Marenzi!“

***

Und hier noch einige Schnappschüsse von diesem ebenso gelungenen wie lustigen Fest – in chronologischer Reihenfolge:

Das neue Alte Kino in Leibnitz – mit von Paginnen bedienter Schiebetür, sehr nobel:

Ausstellungsplakate aus den 20 Jahren:

Der Saal füllt sich:

Der Star des Abends und Leiter der Galerie Marenzi, Klaus-Dieter Hartl:

Immer gut: Blues-Legende Sir Oliver Mally:

Das klassische Duo Kathrin Ully und Christina Hörmann, wow!

Herr Teissl (der Dichter des Bruders, nein, umgekehrt) spielt „Dear Prudence“:

Werner Reiterer mit seinem Grundsatzstatement:

Das Pop-Duo Unterweger und Teissl:

Bodo Hell mit seinem beeindruckenden Endlosgedicht:

Der große Götz Bury begeistert mit seiner Galamontur:

Der Büchertisch: Mit dem höchst anschauenswerten Geburtstagskatalog, „Ein trüber, zerkratzter Spiegel. Positionen aus einem Versuchslabor. mirnichtsdirnichtsquasiwievonselbst 20 Jahre Galerie Marenzi“ und anderen empfehlenswerten Publikationen:

Das Poesie-Duo Bodo Hell und Friederike Mayröcker:

Draußen vor dem Fenster in Leibnitz:

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