Andreas Unterweger

„Szenen aus der Leibnitzer Kultur“ (Kleine Zeitung v. 11.09.19)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 12. September 2019

Gestern in der Kleinen Zeitung, Beilage zum Jazzfestival Leibnitz, aber heute noch aktuell: Mein Artikel zum Thema „Auch in Leibnitz lebt man nicht vom Jazz allein …“

 

Szenen aus der Leibnitzer Kultur

Auch in Leibnitz lebt man nicht vom Jazz allein. Andreas Unterweger über die überraschend vitale Kulturszene der „Weinhauptstadt“ abseits des Festivals.

 

Meine erste Lesung hatte ich in Leibnitz. Im August 2001 saß ich eines Abends neben Wolfgang Bauer auf der Bühne des schon damals legendären Marenzikellers. Das Gewölbe war knallvoll, ein richtiger Hexenkessel, man feierte, lachte, die Jazz-Band rockte, und am Ende haute Wolfi dann auch noch höchstpersönlich ins Schlagzeug – der Abend ging mit einem Tusch zu Ende.

Damals dachte ich, alle Lesungen seien so. Heute – doppelt so alt, weiter gereist und seit drei Jahren selbst hier wohnhaft – weiß ich: Nein, so sind Lesungen nur in Leibnitz!

 

Ähnliches lässt sich etwa bei Erwin und Barbara Draxlers „Literatur im Werk“-Spektakeln erleben. Einmal im Jahr lädt das umtriebige Buchhändlerpaar aus der Schmiedgasse in die zur Feier des Abends leergeräumte Autowerkstatthalle der Firma Marko. In dieser urigen Atmosphäre trifft ebenso unterhaltsame wie niveauvolle Gegenwartsliteratur auf Musik vom selben Kaliber. Dazu reichen die Draxlers selbstzubereitete Köstlichkeiten und Wein aus dem so nahen Slowenien.

Hier lasen schon Reinhard P. Gruber, Radek Knapp oder Valerie Fritsch. Und 2018, zum bereits 15. Jubiläum, feierte Jazzlegende Sigi Feigl, der Urvater der hiesigen Kulturlandschaft, sein Bühnencomeback in Leibnitz. Die Halle erschepperte!

 

Doch es passt zu dieser „Weinhauptstadt“, die darüber hinaus (fast) jenen Philosophen im Namen trägt, der „die bestmögliche aller Welten“ postulierte, dass sie das Gleichgewicht zwischen überbordendem „Dionysischem“ und nüchternem „Appollinischem“ zu wahren weiß. Anders gesagt: Nach solch rauschenden Festen tut die Morgenstille, die Leibnitz eigen ist, besonders gut.

Der Samstagvormittag ist mir am liebsten. Statt mit dem Auto in einen der Gewerbeparks in der Peripherie fahre ich zum Einkaufen mit dem Rad in den Marenzi-Park. Am Bauernmarkt kaufe ich Gemüse, Obst und Karpfen, meinen Guten-Morgen-Kaffee trinke ich im Bio-Bistro „Spitzwegerich“.

 

Dies ist auch der ideale Zeitpunkt für einen Besuch in der Galerie Marenzi, die vom Fotografen Klaus-Dieter Hartl geleitet wird. In den letzten 20 Jahren stellte er Werke einer beeindruckenden Bandbreite großer und oft erst später groß gewordener Namen aus: Werner Reiterer etwa, Erwin Wurm, Stefanie Holler, Linda McCartney …

Zurzeit sind Gemälde von Hubert Schmalix zu sehen. Seine scheinbaren Idyllen atmen eine diffuse Abgründigkeit – und wieder einmal lerne ich in der Galerie Marenzi neu sehen …

Ja, allzu leicht ließe es sich in der malerischen Leibnitzer Landschaft, mit ihren Hügeln, Auen, Schlössern und Kirchlein, in eine bedenklich gedankenlose Wein- und Wellness-Seligkeit abdriften. Engagierte KunstvermittlerInnen wie Hartl oder die Draxlers sorgen jedoch dafür, dass man auch hier, bei aller Lebensfreude, einen klaren Blick bewahren kann.

 

Wer sein Gehör schärfen (und pflegen!) will, ist hingegen auf dem westlich der Stadt gelegenen Seggauberg richtig. In den „Fürstenzimmern“ und im Weinkeller des schmucken Schlosses Seggau gehen seit 2015 die Konzerte der „Schlossmatineen“ über die Bühne. Die Reihe wird von Rafael Catalá, als Gitarrist selbst ein Weltstar, gestaltet. Noch relativ jung, gilt sie bereits als würdiges klassisches Gegenstück zum Leibnitzer Jazzfestival.

In dieser Saison stehen noch mehrere originelle Streicherensembles und ein Solokonzert des Lautenisten Hopkinson Smith auf dem Programm.

 

Im Schloss Seggau fand übrigens damals das Uni-T-Schreibseminar mit Wolfi Bauer statt … Heute komme ich mit meinen Kindern hierher – sie spielen auf dem weitläufigen Schlossgelände, erkunden die Gärten und Winkel, dann jausnen wir in der Schlosstaverne.

Als es uns 2016 nach Leibnitz verschlug, waren wir auf der Suche nach einem kleinen Haus in ruhiger Umgebung, nicht allzu fern von Graz – das haben wir auch bekommen. Nie und nimmer aber hätte ich damit gerechnet, als Zugabe auch auf eine derart lebendige Kulturszene zu stoßen: Im Marenzikeller geht immer noch die Post ab, in Autohallen wird gelesen, dass es nur so scheppert, die Galerie Marenzi hält dem Zeitgeist den Spiegel vor, und über dem Seggauberg erstrahlt ein neuer, im Zeichen der Klassik stehender Stern des Südens …

Die Stadt Leibnitz mag ja nicht nach dem Philosophen Leibniz benannt sein. Aber in so mancher Hinsicht ist sie doch die bestmögliche aller Bezirkshauptstädte!

 

 

Andreas Unterweger, Schriftsteller, Mitherausgeber der Literaturzeitschrift „manuskripte“. Am 14.09. ist er mit seinem literarisch-musikalischen Roadmovie „Autobahnromantik“ bei „Literatur im Werk“ zu Gast.

 

Danke für den Auftrag, LeibnitzKult!

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