Andreas Unterweger

In Zeilen wie diesen #1 (feat. Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 1 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein in Zeiten des (eingebildeten) Lockdown-Müßiggangs übersetzter Song (Original von Conor Oberst, „Gossamer Thin“).

Produziert/kuratiert von Klaus-Dieter Hartl (Galerie Marenzi), gefilmt von Max Pratter in der Galerie Marenzi, wo eben die Ausstellung von Isa Riedl läuft, zu sehen auf dem YouTube-Kanal von Leibnitz Kult:

 

 

Der Ton ist noch nicht perfekt – hier zur leichteren Verständlichkeit bis zum Erscheinen der zweiten Folge der Text zum Mitlesen:

***

IN ZEILEN WIE DIESEN

In jenen Tagen aber sah ich ein Tier aus meiner Timeline steigen,
das hatte weder Häupter noch Hörner, trug dafür eine Art Krone –
aus Klopapier oder aus der Façon geratenem Haar. Und doch war
es zweifellos jenes, über das der sonst so unapokalyptische Dichter
Catull gemeint hatte, es habe schon könige und blühende länder

völlig vernichtet … Und auch Sie, geneigte/r Zeitzeuge/in, passen
ins Beuteschema des Tiers, auch Sie tragen womöglich schon sein
Malzeichen (auf der Stirn, in der Lunge?). Und gewiss hängt Ihnen
sein Name längst zum Ohr heraus. Er lautet: otium (= Müßiggang,
Ruhe, Lockdown: viel Zeit, um müßige [sinnlose] Dinge zu tun).

*

In Zeiten wie diesen posierten Betriebswirte in ihren Penthouses
als Der arme Poet, die Nachbarin strich ihre frisch gestrichenen
Fensterläden, und nur der Landtagsabgeordnete aus der party der
Fleißigen ging weiter aus, verließ seine Geheimfinca, wankte der
vorfahrenden Polizeistreife entgegen. Weil er das Auto für bestellte
Pizzen hielt? Ja, aber es schwebte doch auch etwas Gewichtigeres

in den Aerosolen … Ich verlachte diese Possen, neidete den Kunst-,
Kinder-, Homeofficelosen aber bald ihr Zuviel an Zeit. Und so
machte ich mich selbst an die „Arbeit“, spiegelte einen Song aus
glasklarem Amerikanisch in meinem trüben, zerkratzten Deutsch.

**

Es fuhren kaum Autos, aber wenn einen dann doch eines überholte
(in der Wagnastraße etwa, abends, beim Joggen), wurde wieder
klar, wie laut so ein Auto eigentlich ist. Und: wie sehr es stinkt.
Aber es fuhren ja kaum Autos, und wenn, dann waren es keine
echten Autos, sondern bestellte Pizzen. Pakete. Ein Taxi. Ein Igel

spazierte nachdenklich die Leitlinie entlang … Kaum Autos also,
und wenn doch eines vorbeidröhnte, überwog die Erleichterung.
Worüber? Über die alte Abnormalität: den Lärm, den Rauch! Nun
endlich konnte man (ohne dass Hunde und Lichter ansprangen:
Alarm!) zwang- und hemmungslos, vogelfrei (wie früher!) husten.

*

Nach außen hin hielten wir uns an die Vorschriften, insgeheim aber
bereiteten wir uns vor, wieder und wieder in Wasser zu ertrinken.
Dazu hatte das Mail eines berühmten Dichters geraten, das ein noch
berühmterer bald als Kettenbrief entlarvte. Ab da trugen die Wörter

Masken (Max Sessner) … Ich verstand in der Angstzeit statt: in der
Amtszeit
, tippte in der Stummung statt: in der Stimmung, las statt
ab Montag: ab Nontag. Was nun richtig war und was falsch, war,
wenn überhaupt, erkennbar nur noch beim Homeschooling. Wer
eine Maske trägt, hat Gold im Mund?
Falsch! Richtig: Wer eine
Maske trägt, kann
nicht erwarten, dass man seine Tränen sieht.

***

Ich danke für den Auftrag sowie Klaus-Dieter Hartl und Max Pratter für die gute Zusammenarbeit – bald mehr!

***

Ach ja, der Song!
Das Original stammt, wie gesagt, von Conor Oberst, heißt „Gossamer thin“ und findet sich auf den Alben „Ruminations“ und „Salutations“.
Ich habe mit 16 oder 17 erkannt, dass es völlig sinnlos ist, Songs aus dem Englischen, das ohnehin jeder versteht, 1:1 ins Deutsche zu übersetzen … In Zeiten wie diesen habe ich aber einmal eine Ausnahme gemacht.

 

SPINNWEBENDÜNN

 

Ringe um die Augen
Spuren am Arm
Seine Fans schlagen Schaum, seine Freunde Alarm
Seine Frau sagt kein Wort
Doch sie hasst´s, wenn er fort ist
Sie zählt jeden Rock in seiner neuen Gefolgschaft

Und die sind spinnwebendünn,
Alternativ, Bohèmiens
Und sie tanzen, walzen mit Stil
Sie wirbeln herum, knicksen und kichern viel
Lehnen an seinem Knie, lesen nur Poesie
Und sie widersprechen ihm nie

Sie glaubt an den Papst
Und nicht an den Teufel
Sie treffen sich in einem geheimen Hotel
Sie spielt mit seinem Haar
Und sie küsst seinen Hals
Wenn sie schreit, klingt es lustvoll, wenn sie stöhnt nur nach Angst

Und hej, was geht es mich an
Dass sie mehr als einen Mann lieben kann
Doch sie sind spinnwebendünn
vom Abgund entfernt, hängen am letzten Zwirn
Strapazieren ihr Glück, über Gebühr,
Weil man voll riskiert, wenn man liebt

Ist das eine Art Bewusstseinserweiterung
Dass mein Bier zittert in meiner Hand?
Bleibt das so? Nun, ich werd mich gewöhnen dran
Ein Blumenstrauß nur, den man neu arrangiert

Ich hab keinen Hunger, will nicht aus dem Haus
Ich denke an das, was man Therapeut weiß
Das höhere Selbst und das Es und das Ich
Und du bist wer du bist, und du bist es auch nicht

Aber ich bin spinnwebendünn
Wie der Delicate Arch, feingeschliffen vom Wind
Es steht eine Glas-Psyche am Spiel
Wirf rüber den Ziegel, mal sehen, was passiert
Denn das Hirn und der Geist sind ja nicht ganz das Gleiche
Doch sie wollen beide weg von hier

 

***

 

Fotos von den Dreharbeiten, (c) Klaus-Dieter Hartl, an der Wand Arbeiten von Isa Riedl:

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