Andreas Unterweger

In Zeilen wie diesen #3 (feat. Isa Riedl, Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen by andreasundschnurrendemia on 19. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 3 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein Gespräch mit der großartigen Grazer Künstlerin Isa Riedl, deren Arbeiten eben in der Galerie zu sehen sind. Wir sprechen über etwas, das uns verbindet: Nachtaufnahmen.

Als Leseprobe die ersten beiden der 4 vorgelesenen Texte – eine kleine Apokalypse, die in eine Utopie mündet – zum Mitlesen:

IN ZEILEN WIE DIESEN 3

*

In jenen Tagen sah ich eine Welt aus dem Meer steigen, die war
selbst wie das Meer: unvorstellbar kalt, unvorhersehbar, herzlos
rollte sie, Welle für Welle, auf uns zu. Zu Beginn der ersten Welle

schloss man zuerst die Kunst, dann die Wirtschaft – denn diese sei
systemrelevant, die Kunst nicht. So wurde die Wirtschaft, anders
als die Kunst, auch gleich wieder aufgesperrt, als die erste Welle

verflachte. Wir aus der Kunst empörten uns, jedoch vergebens.
Eingebunkert in unsere Bubbles simulierten wir noch immer mit
Bildschirmen Scheinwerferlicht, als draußen eine zweite Welle

noch einmal, härter, über die Welt und ihre Wirtschaft hereinbrach.

*

Und dies sah ich: Bei jeder neuen Welle hatte die Kunst noch zu
und die Wirtschaft schon offen, oder umgekehrt: die Wirtschaft
noch offen, die Kunst schon zu. Und dies: Nach der letzten Welle,

als die Bullaugen unseres Theatrons sich ganz ohne Erlass, ganz
zaghaft, wieder öffneten, waren alle Fabriken, Bazare, Parkgaragen
(und was sonst noch so zur Wirtschaft gehört hatte) menschenleer.

 

Und: Nur wir allein, die aus der Kunst, hatten die Sintflut überlebt.
Mag sein, dass uns auch Gott, wie die Welt, weil wir eben nicht
systemrelevant waren, einfach vergessen hatte. Wie auch immer.

An einem windstillen Strand nahmen wir die Masken ab, spielten.

 

 

Als Extra, zu Isa Riedls Nachtbildern der Serie „AEDON“, las ich folgendes titelloses Gedicht, das 2014 in den manuskripten erschienen ist:

 

Ich weiß nicht, was die Lichter dort

bedeuten. Neun sind´s, die nachts

 

ein Straßenstück beleuchten, den

Teilabschnitt wahrscheinlich einer

 

Autobahn, die wir nicht kennen …

 

Ich schaue immer in das gar nicht

grelle, sterngelbe Licht, bis meine

 

Augen brennen. Doch niemals

fährt ein Auto durchs Gedicht.

***

In Zeilen wie diesen #1

In Zeilen wie diesen #2

***

Ich danke Klaus-Dieter Hartl und Max Pratter für die gute Zusammenarbeit – bald geht es weiter!

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