Andreas Unterweger

In Zeilen wie diesen #5 (feat. Isa Riedl, Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen by andreasundschnurrendemia on 4. Juni 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – der 5. und letzte Teil meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi, kuratiert von Klaus-Dieter Hartl, gefilmt von Max Pratter.
Dazu ein Gespräch mit der großartigen Grazer Künstlerin Isa Riedl, deren Arbeiten eben in der Galerie zu sehen sind. Wir sprechen über etwas, das uns verbindet: Konzepte der Auflösung.

Am 06.06. lese ich bei der Finissage der Ausstellung zweimal die gesammelten Texte:

Hier Teil 5 zum Mitlesen:

***

Dies also war nun unser Krieg. Endlich konnte es uns gut gehen,
so gut, wie es eben nur dann geht, wenn das Befürchtete tatsächlich
eintritt. Pandemien sind besser als Montagmorgen, und wir sahen,
maskiert, die Azaleen vor dem Spar erstmals wirklich. Später, als
Risikogruppe, würden wir etwas zu erzählen haben. Und weißt du,

ich wusste es schon damals, noch während es geschah, noch vor
der zweiten, vor der dritten Welle, dem D-Day, wusste ich: Ich für
meinen Teil würde nur von dir erzählen. Von uns, meine ich. Und
welch ein Glück ich denn nicht hatte, dass du es warst, die damals
bei mir war … Ich schreibe dies hier auf nur für den Fall, dass –

*

Wir hatten einen gemeinsamen Feind. Sogar die Taliban waren nun
für Ver- statt Kampfhandlungen – in jenen Gebieten zumindest, die
sie bereits erobert hatten. Während die NATO, um keine Gefühle
zu verletzen, die Presse nicht mehr über Angriffe des Islamischen
Emirats
informierte, veranstaltete der Islamische Staat in Kabul,
drei Tage nach unserem Muttertag, eine systematische Hinrichtung
von Müttern
. Drei Männer erschossen in einer Geburtsklinik 24
Neugeborene, Mütter und Krankenschwestern. So die Agenturen.
Ein Arzt vor Ort meinte freilich: Was passiert ist, kann mit Worten
nicht beschrieben werden.
Wir hatten einen gemeinsamen Feind.

*

Also wurde das absurde Theater erfunden. Den Mitkonsumenten,
der im Supermarkt bei meinem Anblick noch in den nächsten Gang
geflüchtet war (obwohl ich doch, wie er, ein Horn auf der Nase
trug!), traf ich später auf dem Hauptplatz wieder. Verschwörerisch
stellten wir uns an einen Stehtisch (0 bis kein Meter Durchmesser),
steckten die Hörner zusammen, füllten sie mit Wein. Verleugnung,
Wut, Verhandlung, Depression: all das durchlebten wir zusammen.
Schließlich akzeptierten wir die neue Weltordnung, stießen drauf
an. Dass wir dabei die Gläschen vertauschten, WHO cares … Wir
hatten uns ja ohnehin, verordnungsgemäß, die Kehlen desinfiziert.

*

In jenen Tagen sah ich einen Berg aufsteigen über Kathmandu, der
hüllte sich nicht in Luftverschmutzung, und das zum ersten Mal
seit Jahrzehnten. Und weil dieser Gipfel als höchster der Welt galt,
gab es mir doch zu denken, dass darauf weder Zeus zu sehen war
noch Yeti, der ihm eingeborene Sohn. Hatte Gott uns verlassen?

Ratlos pilgerte ich nach Hause, wo Pascal, mein Zimmergenosse,
mich nachdenklich erwartete: Die Stoiker, sagte er, sagen: Haltet
Einkehr in euch selbst, dort werdet ihr eure Ruhe finden. Und das
ist nicht wahr. Die andern sagen: Geht nach draußen und sucht
das Glück, und das ist nicht wahr: Die Krankheiten kommen.

***

Geschrieben bis 24.5., aufgenommen am 30.5.2020. 😕

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