Andreas Unterweger

manuskripte 228 – Präsentation und Pressetext

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 24. Juli 2020

Nachtrag zum Termin:
23.07.2020, 19 Uhr: Präsentation der 228. Ausgabe der Literaturzeitschrift manuskripte.
Es lesen Katharina Ingrid Godler (Prosa) und Sophia Schnack (Lyrik). Schauspieler Felix Krauss liest das Monodrama Liebe Frau Krauss von Matthias Göritz.
Moderation: Andreas Unterweger, Begrüßung: Heidrun Primas
Forum Stadtpark, Stadtpark 1, 8010 Graz

 

Nichts für schwache Nerven: die Präsentation der manuskripte 228 am 23.7. im Forum Stadtpark:

Erste manuskripte-Präsentation seit dem Tod von Alfred Kolleritsch …
Erste manuskripte-Präsentation seit 25 Jahren im Forum Stadtpark …
Erste manuskripte-Präsentation unter strengen Corona-Bestimmungen …
Volles Haus (Leute mussten weggeschickt werden) …
Baumapokalypse vor den Glasfenstern (zum Glück wurde niemand verletzt) …
Hagelapokalypse …
Kurz: Ein Abend, den keine/r der Beteiligten so schnell vergessen wird!

 

In der richtigen Reihenfolge sah das so aus:

Heidrun Primas, Leiterin des Forum Stadtpark und Organisationsruhepol im Andrang unangemeldeter Gäste und in den weiteren Turbulenzen des Abends, begrüßte auf freundlichste Weise und erinnerte an Alfred Kolleritsch, den langjährigen Forum-Präsidenten.

Ich las die Marginalie zum Heft und stellte das Heft vor (s. Pressetext, ganz unten).

Katharina Ingrid Godler las aus ihrer Prosa „Die Gulaschlustigen“, einem Text, der auf konsumkritische Weise die Poetik der im Forum Stadtpark von Gunter Falk und Wolfgang Bauer erfundenen Happy Art and Attitude weiterführt.

Von dem vor den Fenstern des Forums ausbrechenden Tumult rund um einen abgebrochenen gewaltigen Ast ließ sie sich nicht aus der Ruhe bringen: Respekt!

Nach einer kurzen Pause mit Aufräumarbeiten …

… las Sophia Schnack drei ihrer Gedichte, in denen verschiedenste Stilmittel zu einem kohärenten, unaufgeregten Ganzen montiert sind:

Hier mussten wir schon während der Lesung eine kurze Pause einlegen … Nach dem Baum brach der Hagel über den Stadtpark herein.

Nach dem Gewitter trug Schauspieler Felix Krauss das Monodrama „Liebe Frau Krauss“ des anwesenden Autors Matthias Göritz vor. Großes Kino für alle, die je Auseinandersetzungen mit ihren Vermietern  hatten – obwohl sich Felix wegen der Corona-Auflagen nicht von seinem Sessel wegbewegen durfte.

Ich danke Heidrun Primas und ihrem Team für die Gastfreundschaft und die außerordentlichen Organisationsskills!

Ich habe mich sehr darüber gefreut, dass den widrigen Umständen zum Trotz so viele gekommen sind!

Neben dem zahlreichen jungen Publikum war es schön, so viele langjährige WegbegleiterInnen, FreundInnen, AutorInnen zu sehen- vielen Dank!

manuskripte 228 – Pressetext

 

Alfred Kolleritschs letztes manuskripte-Heft

 

Die manuskripte 228 sind die erste Ausgabe der legendären Grazer Literaturzeitschrift, die nach dem Ableben ihres Gründers und Herausgebers Alfred Kolleritsch erscheint.
Wenige Tage vor seinem Tod hielt er die Mappe mit den ausgewählten Texten noch in der Hand und gab seinen Segen dazu. Auch, dass die Präsentation im Forum stattfindet, wurde noch mit ihm vereinbart. Es hätte eine Art Besuch zuhause werden sollen, eine Rückkehr in jenes „Experiment eines Elternhauses ohne Eltern“, als das Alfred Kolleritsch, langjähriger Präsident des Forum Stadtpark, dieses einst bezeichnete.

Andreas Unterweger, seit 2016 Mitherausgeber und nun Kolleritschs Nachfolger, präsentierte eine manuskripte-Ausgabe, die sich in typischer Vielfalt zwischen den Texten arrivierter AutorInnen und zahlreicher Neuentdeckungen bewegt.

Zwei davon, die Klagenfurterin Katharina Ingrid Godler und die Wienerin Sophia Schnack, waren mit Lesungen aus ihren allerersten Veröffentlichungen zu erleben.

Zum Abschluss las Schauspieler Felix Krauss ein furioses Monodrama des deutschen Autors Matthias Göritz, das wohl vielen, die je mit „dämlichen Mietverträgen“ zu tun hatten, aus den notgedrungen verfinsterten Herzen sprach …

 

Heft 228 der manuskripte eröffnet mit den Texten eines dichten Corona-Kapitels, dessen Beiträgen gemeinsam ist, dass sie Augenblicksaufnahmen aus dieser für uns alle belastenden Phase in einen größeren Rahmen setzen: „Corona mit Hölderlin“ – der Titel von Ilma Rakusas Gedichtzyklus ist Programm.

Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Gedenken Hans Eichhorns, der Anfang 2020 viel zu früh verstorben ist. Umrahmt von einer persönlich-poetischen und einer germanistischen Widmung bilden vier seiner Gemäldepostkarten, die über rund 15 Jahre fast täglich in der Redaktion eintrafen, das bildnerische Herz des Heftes. Hunderte weitere warten bei uns im Büro darauf, von GaleristInnen entdeckt zu werden.

Das Erfreulichste zum Schluss: Neben einer Auswahl von exzellenten Texten arrivierterer AutorInnen (wie etwa Angelika Reitzer, Lydia Mischkulnig, Uroš Zupan, Wolfram Malte Fues, Matthias Göritz oder Anna Baar) finden sich in den manuskripten 228 gleich vier waschechte Debüts: Katharina Godler, Samira Lechner, Sandro Paul und Sophia Schnack erleben – in bester manuskripte-Tradition – ihre allererste Veröffentlichung.

 

Die manuskripte 228 sind im manuskripte-Webshop erhältlich.

Fotos der Lesenden: (c) manuskripte

„Ich kann Fredys Schutzmantel immer noch spüren“ (Kronen Zeitung v. 23.7.2020)

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 23. Juli 2020

Heute in der Kronen Zeitung:

Hier der Text auf krone.at unter dem Titel „Start in eine neue Ära für die manuskripte“.

Vielen Dank für den Artikel und die freundliche Unterhaltung im Büro, lieber Christoph Hartner!

Und willkommen im Team, liebe Silvana Cimenti!

manuskripte 228 – Marginalie (für Alfred Kolleritsch)

Posted in manuskripte, Trauer by andreasundschnurrendemia on 22. Juli 2020

Mein Marginalie zu Heft 228 der manuskripte, das morgen (Do, 23.7., 19 Uhr) im Forum Stadtpark präsentiert wird:

 

MARGINALIE

 

 

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Er, der die manuskripte 1960 erfunden und dann sechs Jahrzehnte lang Heft für Heft neu erfunden hat. Der für die von ihm herausgegebene Zeitschrift anfangs oft kritisiert, beleidigt, sogar angeklagt, bald aber zum Glück auch ausgiebig gefeiert wurde. Alfred Kolleritsch, Herz und Seele der manuskripte, oder, um Bilder aus seinen wunderbaren Gedichten zu verwenden: Wurzel und Stamm dieses „Herzbaums“ aus Papier, der auch im aktuellen Quartal wieder rund 150 „Herzblätter“ umfasst.

Wenige Tage vor seinem Tod Ende Mai hielt er die Mappe mit den für diese Ausgabe ausgewählten Texten noch in Händen, schaute sie gründlich durch und gab dem Konvolut seinen Segen. Abgesehen von einigen notwendigen Kürzungen und ein, zwei erst später eingetrudelten, aber schon davor bestellten Texten haben wir nichts mehr am Heft verändert.

 

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Was er nicht nur für die manuskripte, sondern auch für die ohne ihn unvorstellbare „Kulturhauptstadt“ Graz, ja, für die österreichische, die deutschsprachige, nein, für die Literatur überhaupt bedeutet hat, lässt sich in einer Marginalie nicht unterbringen.

Nachrufe wie die von Elfriede Jelinek (ORF), Klaus Kastberger (Falter), Paul Jandl (NZZ) oder Thomas Stangl (Die Furche) stellen erste Schritte dar, über die wir uns gefreut haben.

Weitere Versuche werden in der im Oktober erscheinenden Ausgabe 229 der manuskripte unternommen. Grabreden und Widmungsgedichte, Erinnerungen und Würdigungen, Nachrufe und Anekdoten von WeggefährtInnen sollen das vielschichtige Porträt seiner so vielseitigen Persönlichkeit ergeben.

 

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Dass mit seinem Leben, was naheliegend erscheinen könnte, auch die manuskripte enden sollen, war nicht seine Absicht. Im Gegenteil. Einer früh formulierten Poetik folgend betonte er immer wieder die „Offenheit“ seiner Zeitschrift. „Weiterschreiben“ war nicht nur der oft gegebene Ratschlag an junge Schreibende, sondern sein Leitspruch für alle Lebenslagen. So gesehen war es nur konsequent, sein Lebenswerk manuskripte auch vom eigenen Tod nicht beschließen zu lassen. Deshalb hat er mich Ende 2016 zum „Mitherausgeber“ bestellt. Unvergesslich sind mir seine Worte bei der Präsentation der manuskripte 213 (2016): „Es ist so, dass ich glücklich bin, dass ich nun, über 50 Jahre einsam, nicht mehr allein am Heft arbeiten muss. Ich habe einen gleichrangigen Begleiter bekommen – bis dorthin, wo dann er einsam wird.“

Dort bin ich nun also – leider, und früher als erwartet! – angekommen. Aber bin ich auch einsam? Nein, so fühle ich mich nicht. Tatsächlich scheint mir die Zeit, in der ich mit dir, lieber Fredy, die manuskripte mitherausgeben durfte, jenem märchenhaften Paris ähnlich, von dem Hemingway meinte: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst.“ Das Glück, dir begegnet zu sein und so eng mit dir arbeiten, dir so nah sein zu dürfen, ist mir ein moveable feast, ein beweglicher Feiertag, ein Fest fürs Leben.

 

Heft 228 der manuskripte eröffnet mit den Texten eines dichten Corona-Kapitels, dessen Beiträgen gemeinsam ist, dass sie Augenblicksaufnahmen aus dieser für uns alle belastenden Phase in einen größeren Rahmen setzen: „Corona mit Hölderlin“ – der Titel von Ilma Rakusas Gedichtzyklus ist Programm.

Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Gedenken Hans Eichhorns, der Anfang 2020 viel zu früh verstorben ist. Umrahmt von einer persönlich-poetischen und einer germanistischen Widmung bilden vier seiner Gemäldepostkarten, die über rund 15 Jahre fast täglich in der Redaktion eintrafen, das bildnerische Herz des Heftes. Hunderte weitere warten bei uns im Büro darauf, von GaleristInnen entdeckt zu werden.

Das Erfreulichste zum Schluss: Neben einer Auswahl von exzellenten Texten arrivierterer AutorInnen (wie etwa Angelika Reitzer, Lydia Mischkulnig, Uroš Zupan, Wolfram Malte Fues, Matthias Göritz oder Anna Baar) finden sich in den manuskripten 228 gleich vier waschechte Debüts: Katharina Godler, Samira Lechner, Sandro Paul und Sophia Schnack erleben ihre allererste Veröffentlichung. Auch sie werden, davon bin ich überzeugt, weiterschreiben.

 

 

Andreas Unterweger, Graz, Juli 2020.

 

***

 

Juni 2019

P.S.

Heft 228 der manuskripte wird am Donnerstag, den 23.07.2020, um 19 Uhr, im Forum Stadtpark in Graz präsentiert.

Es lesen Katharina Ingrid Godler (Prosa) und Sophia Schnack (Lyrik).
Schauspieler Felix Krauss liest das Monodrama Liebe Frau Krauss von Matthias Göritz.

Moderation: Andreas Unterweger, Begrüßung: Heidrun Primas

Aufgrund der Corona-Beschränkungen wird um Anmeldung unter office@forumstadtpark.at oder 0316/827734 (Di-Fr, 10-15 Uhr) gebeten.

ORF Hör- und Seebühne 2020

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 17. Juli 2020

Am 16.07. habe ich mit Ilse Amenitsch im ORF-Landesstudio Steiermark darüber gesprochen, wie es war, mit Alfred Kolleritsch zusammenzuarbeiten, und wie es nach seinem Tod mit den manuskripten weitergeht.

Das 04:13 Minuten lange Gespräch findet sich im abendfüllenden Mitschnitt der Veranstaltung ab Minute 10:27 – hier klicken!

Danach las Schauspieler (und manuskripte-Autor!) Franz Buchrieser aus Alfred Kolleritschs Werken: Auszüge aus dem Roman „Allemann“, „Es gibt den ungeheuren Anderen“, „Die Nacht des Sehens“, ein unveröffentlichtes Gedicht sowie einige Texte (von Friederike Mayröcker, Michael Krüger, Gert Jonke, Franz Weinzettl) aus dem zu Kolleritschs 80. Geburtstag erschienenen, von mir mitherausgegebenen Hommage-Band „Das schönste Fremde ist bei dir“ (Droschl 2011).

manuskripte-Förderpreisträger Florian Dietmaier las seine großartige Kurzgeschichte „Das Risiko der Maus, die im Käse wohnt“ (erscheint in manuskripte 230, 2.12.2020) …

Martin Moro steuerte wunderbare Gitarrenmusik bei.

Die Veranstaltung fand schlechtwetterbedingt im Studio und coronabedingt ohne Publikum statt, der vertraute Zauber der Hör- und Seebühne war aber ungebrochen wirksam!

 

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„Kdo naj gre v Frankfurt in kako“ (Pranger 2020)

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 14. Juli 2020

Am 8.7.2020 durfte ich beim Literaturkritikfestival Pranger im schönen Café Pritličje mitten im Zentrum von Ljubljana mit Nada Grošelj und Urška P. Černe, der Leiterin des Festivals, über die Wahrnehmung slowenischer Lyrik im deutschen Sprachraum sprechen: „Wer nach Frankfurt gehen soll und wie“ (Slowenien ist 2023 Gastland auf der Frankfurter Buchmesse). Ich hörte auf Slowenisch zu, antwortete auf Deutsch und wurde von Jens Sakelšek exzellent gedolmetscht.

Hier das Video der Veranstaltung:

 

Von links nach rechts: Nada Grošelj, Urška P. Černe, io mio, Jens Sakelsek.

Erfreulicherweise berichtete die slowenische Presse recht ausführlich, etwa die Tageszeitung „Delo“ oder die slowenische Nachrichtenagentur STA, die einige meiner Äußerungen festhielten:

Im Hinblick auf den Auftritt als Gastland bei der Frankfurter Buchmesse 2023 sollte das Hauptaugenmerk eher auf Qualität statt Quantität liegen, sprich: auf weithin sichtbaren Veröffentlichungen, etwa in größeren deutschen Verlagen (wie es Aleš Šteger, Uroš Zupan oder Anja Golob gelang), und weniger auf einer Vielzahl kleinerer.
In diesem Zusammenhang sei auch an Fabjan Hafner erinnert, der in Slowenien kaum als slowenischer Dichter wahrgenommen wird, obwohl seine slowenischen Gedichte jüngst bei Suhrkamp in der Übersetzung Peter Handkes erschienen sind (Rezension von Anna Baar in manuskripte 228, ab 23.7.20).

Einen großen Impact erwarte ich mir auch von der Veröffentlichung einer umfangreichen slowenischen Lyrik-Anthologie im Hanser-Verlag, betreut von Aleš Šteger, Amalija Macek und Matthias Göritz. Diesbezüglich soll es eine Kooperation mit manuskripte geben.

Außerdem wies ich – was die Verlagssuche im deutschsprachigen Raum betrifft – auf die wichtige Rolle der Übersetzerin/des Übersetzers hin. Der Name Fabjan Hafners etwa bürgte für literarische Qualität. Überspitzt gesagt: War das übersetzte Gedicht ausnahmsweise einmal nicht besonders gut, so sorgte allein Fabjans Name darunter dafür, dass es in der Übersetzung als gut wahrgenommen wurde.

Ein weiterer, allgemeinerer Punkt: Nur Lyrik, die gut/leicht übersetzbar ist, wird übersetzt. Klassische oder andere standardnahe Schreibweisen befinden sich z. B. im Vorteil gegenüber phonetischen, dialektalen, formal strengen, wortspielreichen. Die auf internationalen Festivals vertretene Lyrik ähnelt sich somit mitunter untereinander mehr als als die Lyrik auf nationalen, einsprachigen. Dies ist ebenso schade wie herausfordernd für jede/n, der/die Lyrik übersetzt – no risk no fun!

Usw.

Herzlichen Dank an alle Beteiligten für diesen schönen Tag, insbesondere Urška P. Černe für die Einladung und großartige Betreuung …

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(c) Nina Medved/Pranger

… sowie meinem Reisegefährten Jens Sakelšek, den ich als Dolmetscher nur dringendst weiterempfehlen kann!

Weitere Fotos von meinem schönen und lehrreichen Ausflug:

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(c) Nina Medved/Pranger

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(c) Nina Medved/Pranger

„Wo bist du?“ (Grabrede für Alfred Kolleritsch auf Radio ORF Steiermark, Literatur spezial)

Posted in manuskripte, Trauer by andreasundschnurrendemia on 6. Juli 2020

Meine Grabrede für Alfred Kolleritsch wurde von ORF Steiermark aufgenommen und am 5.7. in „Literatur spezial“ gesendet. Bis Samstag, den 11.07.2020, war die Sendung noch in der ORF Radiothek nachzuhören. Moderation: Ilse Amenitsch. Hier ein Bootleg der Aufnahme:

(c) Christian Jauschowetz

Der Text wird gemeinsam mit anderen Grabreden, Erinnerungen und Einordnungen, Anekdoten, Grüßen und Würdigungen in manuskripte 229 (Oktober 2020) veröffentlicht.

*

Weitere Berichte über die Verabschiedung in Mureck erschienen in

Steiermark heute, ORF Steiermark (TV), mit Interviews mit Barbara Frischmuth und mir (u.a. über Alfred Kolleritschs Vermächtnis), gestaltet von Ilse Amenitsch und Gernot Rath …

… in der Kleinen Zeitung (von Werner Krause)

und in der Kronen Zeitung (von Hannah Michaeler).

 

 

„Das Rennen meines Lebens“ (Kronen Zeitung v. 05.07.2020)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Juli 2020

Heute in der Reihe „Steirische Perspektiven“ der Kronen Zeitung erschienen:

Ich danke Christoph Hartner für die ebenso exzellente wie charmante redaktionelle Betreuung!

Hier der Text, zur leichteren Lesbarkeit, in der Originalfassung und mit dem Originaltitel:

 

 

 

Das Rennen meines Lebens

 

 

„Iiiijum … Iiijum … Iiiiiiijum …“

Es gibt kaum ein Geräusch, das mich in solche Aufregung versetzt wie das von Formel-1-Autos. Aber auch kaum eines, das mich derart entspannt.

Die Aufregung mag ja noch verständlich sein – schließlich gibt es dafür, neben dem Sportsgeist, gleich mehrere gute Gründe (Lärmbelästigung, Umweltschutz …). Was aber soll an Mensch-Maschinen, die mit 200, 300 km/h im Kreis herumjagen, entspannend sein?

Nun, der Auslöser dafür liegt einige Runden zurück. Kurz nach dem Start, in der Anfangsphase meines Rennens, äh, Lebens, nämlich. Schon damals wurden die Motoren sonntags, um 14 Uhr, gestartet: gleich nach dem Mittagsessen. Während die Frauen des Hauses beide Hälften des Abwaschs erledigten, schalteten wir drei Männer, erschöpft von den drei Gängen des Menüs, einen Gang herunter. Wir lagerten uns um das Flackern des Fernsehers.

Kurz darauf gingen die roten Lichter aus, heulten die Motoren auf, und Heinz Brüller prüllte: „Start zum Grand Prix von [exotisches Land]!“

Nach den ersten bangen Sekunden – hatte es „hinten“ gekracht? Mussten die Froschmänner wieder einen Fahrer aus dem Hafenbecken ziehen? – pendelten sich die Drehzahlen in jenem nervenzerfetzenden Bereich ein, der mich Buben in Ekstase versetzte. Während ich mich in die Kurven legte, als ob die g-Kräfte auf mich einwirkten, hatte die akustische Dauerklimax auf meine beiden routinierteren Teamkollegen eine ganz andere Wirkung. Spätestens in der dritten Runde fielen meinem Großvater im Lehnstuhl die Augen zu, und zur Boxenstoppphase bog auch mein Vater von der Couch ins Land der Träume ab. Bald nahm ihr Schnarchen es dezibelmäßig locker mit den Motoren der Turboära auf.

Noch heute höre ich, wann immer das „Iiijum … Iiiijum …“ ertönt, diese Geräuschkulisse mit, die gleichbedeutend ist mit den entspanntesten Momenten meiner Kindheit: Klimpern und Lachen aus der Küche, dazu das Schnarchen im Wohnzimmer, gelegentlich unterbrochen von einem matten „Wer führt?“

Oh, friedlicher Nachmittag!

 

Auf der Strecke herrschte derweil Krieg. Wie ein dada-futuristischer Lyriker besang Heinz Prüller die Schönheit der Geschwindigkeit mit Lautgedichten: „Senna! Prost! Piquet! Boutsen! Alboreto!“ Und natürlich: „Niki Lauda!“

Als dieser 1984 zum dritten Mal Weltmeister wurde, erfuhr ich als Erster davon. Bei uns zuhause, zumindest. Die anderen waren ja mit unbezahlter Haushaltsarbeit und Powernapping beschäftigt.

Ich weiß noch, ich war fassungslos vor Staunen. Hatte ich doch gerade etwas Wichtiges gelernt. Das nämlich, dass manchmal auch die unwahrscheinlichsten Hoffnungen erfüllt werden. Schließlich ging Lauda nur vom elften Startplatz ins Rennen. Selbst sein Team glaubte nicht mehr an den Sieg – es hatte schon Poster für einen anderen Weltmeister drucken lassen …

Später, viel später, wenn ich mich an den Start eines Buchprojekts begab, empfand ich die Situation oft als ähnlich aussichtslos. Aber, wie Niki Lauda mir gezeigt hatte: Trotz unzuverlässigen Turbos, knappem Sprit und berechtigter Zweifel in der eigenen Mannschaft – am Ende kann einem so was doch glücken!

 

Wenn ich heute SchriftstellerkollegInnen von meinem Faible für die Formel 1 erzähle, stoße ich meist auf Ablehnung. Vorbei die Zeiten Wolfgang Bauers, der selbst Straßenrennen gegen Gegner wie Jochen Rindt bestritten haben soll. Vorbei nun leider auch die meines Freundes Alfred Kolleritsch, der gerne erzählte, dass Fahr- und Dichtkunst sprachlich eng beieinanderliegen: Schließlich sei die von ihm mitbegründete Grazer Autorenversammlung im Telefonbuch anfangs als Grazer Autorennversammlung geführt worden …

Nein, wenn ich das F-Wort in den Mund nehme, muss ich mich gegen allerlei Vorwürfe wappnen – von der Umweltsünde bis zum Chauvinismus. Dabei teile ich die Kritikpunkte am Motorsport. Dementsprechend froh bin ich darüber, dass die Formel 1 zuletzt an sich arbeitete (Hybrid-Motoren, Abschaffung der Grid Girls, Kostenobergrenze …).

„Für mich“, erzählte ich jüngst einer Kollegin, „sind Autorennen überspitzte Metaphern für das ganze Leben – wie eine Tragödie, z. B. Das Theater meiner Kindheit war eben der Fernseher, die Stücke teilten sich nicht in Akte, sondern in Runden, und so geht mir Hamiltons Schicksal auch heute noch näher als das Hamlets.“

Ihre Antwort: „Deine arme Frau!“

 

Wie bitte?! Meine Frau ist doch nicht arm! Im Gegenteil: Niemand profitiert mehr von meiner Freude an den Spielzeugautos auf dem Handybildschirm. Schließlich gibt es kaum eine Hausarbeit, die ich nicht gerne verrichte – so lange ich dabei nur Formel 1 schauen kann.

Nach dem Essen, wenn meine Frau und die Kinder sich auf die Couch zurückziehen, räume ich in der Küche das Geschirr weg – und dröhne mich dabei, mangels Live-Übertragungen (Corona), mit den Rennen vergangener Saisonen zu.

Neulich studierte ich etwa den Österreich-Grand Prix von 1984, Niki Laudas einzigen Heimsieg. Ich muss zugeben, ich hatte das Rennen ereignisreicher in Erinnerung. Um sicherzugehen, dass ich nichts übersah, zog ich mich in Runde 35 auf den Lehnstuhl zurück …

Als ich erwachte, war das Rennen zu Ende. Dafür liefen die Kinder johlend um mich herum: „Iiijum! Iiiiijum! Iiiiiijum!“