Andreas Unterweger

„Das Rennen meines Lebens“ (Kronen Zeitung v. 05.07.2020)

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Juli 2020

Heute in der Reihe „Steirische Perspektiven“ der Kronen Zeitung erschienen:

Ich danke Christoph Hartner für die ebenso exzellente wie charmante redaktionelle Betreuung!

Hier der Text, zur leichteren Lesbarkeit, in der Originalfassung und mit dem Originaltitel:

 

 

 

Das Rennen meines Lebens

 

 

„Iiiijum … Iiijum … Iiiiiiijum …“

Es gibt kaum ein Geräusch, das mich in solche Aufregung versetzt wie das von Formel-1-Autos. Aber auch kaum eines, das mich derart entspannt.

Die Aufregung mag ja noch verständlich sein – schließlich gibt es dafür, neben dem Sportsgeist, gleich mehrere gute Gründe (Lärmbelästigung, Umweltschutz …). Was aber soll an Mensch-Maschinen, die mit 200, 300 km/h im Kreis herumjagen, entspannend sein?

Nun, der Auslöser dafür liegt einige Runden zurück. Kurz nach dem Start, in der Anfangsphase meines Rennens, äh, Lebens, nämlich. Schon damals wurden die Motoren sonntags, um 14 Uhr, gestartet: gleich nach dem Mittagsessen. Während die Frauen des Hauses beide Hälften des Abwaschs erledigten, schalteten wir drei Männer, erschöpft von den drei Gängen des Menüs, einen Gang herunter. Wir lagerten uns um das Flackern des Fernsehers.

Kurz darauf gingen die roten Lichter aus, heulten die Motoren auf, und Heinz Brüller prüllte: „Start zum Grand Prix von [exotisches Land]!“

Nach den ersten bangen Sekunden – hatte es „hinten“ gekracht? Mussten die Froschmänner wieder einen Fahrer aus dem Hafenbecken ziehen? – pendelten sich die Drehzahlen in jenem nervenzerfetzenden Bereich ein, der mich Buben in Ekstase versetzte. Während ich mich in die Kurven legte, als ob die g-Kräfte auf mich einwirkten, hatte die akustische Dauerklimax auf meine beiden routinierteren Teamkollegen eine ganz andere Wirkung. Spätestens in der dritten Runde fielen meinem Großvater im Lehnstuhl die Augen zu, und zur Boxenstoppphase bog auch mein Vater von der Couch ins Land der Träume ab. Bald nahm ihr Schnarchen es dezibelmäßig locker mit den Motoren der Turboära auf.

Noch heute höre ich, wann immer das „Iiijum … Iiiijum …“ ertönt, diese Geräuschkulisse mit, die gleichbedeutend ist mit den entspanntesten Momenten meiner Kindheit: Klimpern und Lachen aus der Küche, dazu das Schnarchen im Wohnzimmer, gelegentlich unterbrochen von einem matten „Wer führt?“

Oh, friedlicher Nachmittag!

 

Auf der Strecke herrschte derweil Krieg. Wie ein dada-futuristischer Lyriker besang Heinz Prüller die Schönheit der Geschwindigkeit mit Lautgedichten: „Senna! Prost! Piquet! Boutsen! Alboreto!“ Und natürlich: „Niki Lauda!“

Als dieser 1984 zum dritten Mal Weltmeister wurde, erfuhr ich als Erster davon. Bei uns zuhause, zumindest. Die anderen waren ja mit unbezahlter Haushaltsarbeit und Powernapping beschäftigt.

Ich weiß noch, ich war fassungslos vor Staunen. Hatte ich doch gerade etwas Wichtiges gelernt. Das nämlich, dass manchmal auch die unwahrscheinlichsten Hoffnungen erfüllt werden. Schließlich ging Lauda nur vom elften Startplatz ins Rennen. Selbst sein Team glaubte nicht mehr an den Sieg – es hatte schon Poster für einen anderen Weltmeister drucken lassen …

Später, viel später, wenn ich mich an den Start eines Buchprojekts begab, empfand ich die Situation oft als ähnlich aussichtslos. Aber, wie Niki Lauda mir gezeigt hatte: Trotz unzuverlässigen Turbos, knappem Sprit und berechtigter Zweifel in der eigenen Mannschaft – am Ende kann einem so was doch glücken!

 

Wenn ich heute SchriftstellerkollegInnen von meinem Faible für die Formel 1 erzähle, stoße ich meist auf Ablehnung. Vorbei die Zeiten Wolfgang Bauers, der selbst Straßenrennen gegen Gegner wie Jochen Rindt bestritten haben soll. Vorbei nun leider auch die meines Freundes Alfred Kolleritsch, der gerne erzählte, dass Fahr- und Dichtkunst sprachlich eng beieinanderliegen: Schließlich sei die von ihm mitbegründete Grazer Autorenversammlung im Telefonbuch anfangs als Grazer Autorennversammlung geführt worden …

Nein, wenn ich das F-Wort in den Mund nehme, muss ich mich gegen allerlei Vorwürfe wappnen – von der Umweltsünde bis zum Chauvinismus. Dabei teile ich die Kritikpunkte am Motorsport. Dementsprechend froh bin ich darüber, dass die Formel 1 zuletzt an sich arbeitete (Hybrid-Motoren, Abschaffung der Grid Girls, Kostenobergrenze …).

„Für mich“, erzählte ich jüngst einer Kollegin, „sind Autorennen überspitzte Metaphern für das ganze Leben – wie eine Tragödie, z. B. Das Theater meiner Kindheit war eben der Fernseher, die Stücke teilten sich nicht in Akte, sondern in Runden, und so geht mir Hamiltons Schicksal auch heute noch näher als das Hamlets.“

Ihre Antwort: „Deine arme Frau!“

 

Wie bitte?! Meine Frau ist doch nicht arm! Im Gegenteil: Niemand profitiert mehr von meiner Freude an den Spielzeugautos auf dem Handybildschirm. Schließlich gibt es kaum eine Hausarbeit, die ich nicht gerne verrichte – so lange ich dabei nur Formel 1 schauen kann.

Nach dem Essen, wenn meine Frau und die Kinder sich auf die Couch zurückziehen, räume ich in der Küche das Geschirr weg – und dröhne mich dabei, mangels Live-Übertragungen (Corona), mit den Rennen vergangener Saisonen zu.

Neulich studierte ich etwa den Österreich-Grand Prix von 1984, Niki Laudas einzigen Heimsieg. Ich muss zugeben, ich hatte das Rennen ereignisreicher in Erinnerung. Um sicherzugehen, dass ich nichts übersah, zog ich mich in Runde 35 auf den Lehnstuhl zurück …

Als ich erwachte, war das Rennen zu Ende. Dafür liefen die Kinder johlend um mich herum: „Iiijum! Iiiiijum! Iiiiiijum!“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.

%d Bloggern gefällt das: