Andreas Unterweger

manuskripte 228 – Marginalie (für Alfred Kolleritsch)

Posted in manuskripte, Trauer by andreasundschnurrendemia on 22. Juli 2020

Mein Marginalie zu Heft 228 der manuskripte, das morgen (Do, 23.7., 19 Uhr) im Forum Stadtpark präsentiert wird:

 

MARGINALIE

 

 

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Er, der die manuskripte 1960 erfunden und dann sechs Jahrzehnte lang Heft für Heft neu erfunden hat. Der für die von ihm herausgegebene Zeitschrift anfangs oft kritisiert, beleidigt, sogar angeklagt, bald aber zum Glück auch ausgiebig gefeiert wurde. Alfred Kolleritsch, Herz und Seele der manuskripte, oder, um Bilder aus seinen wunderbaren Gedichten zu verwenden: Wurzel und Stamm dieses „Herzbaums“ aus Papier, der auch im aktuellen Quartal wieder rund 150 „Herzblätter“ umfasst.

Wenige Tage vor seinem Tod Ende Mai hielt er die Mappe mit den für diese Ausgabe ausgewählten Texten noch in Händen, schaute sie gründlich durch und gab dem Konvolut seinen Segen. Abgesehen von einigen notwendigen Kürzungen und ein, zwei erst später eingetrudelten, aber schon davor bestellten Texten haben wir nichts mehr am Heft verändert.

 

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Was er nicht nur für die manuskripte, sondern auch für die ohne ihn unvorstellbare „Kulturhauptstadt“ Graz, ja, für die österreichische, die deutschsprachige, nein, für die Literatur überhaupt bedeutet hat, lässt sich in einer Marginalie nicht unterbringen.

Nachrufe wie die von Elfriede Jelinek (ORF), Klaus Kastberger (Falter), Paul Jandl (NZZ) oder Thomas Stangl (Die Furche) stellen erste Schritte dar, über die wir uns gefreut haben.

Weitere Versuche werden in der im Oktober erscheinenden Ausgabe 229 der manuskripte unternommen. Grabreden und Widmungsgedichte, Erinnerungen und Würdigungen, Nachrufe und Anekdoten von WeggefährtInnen sollen das vielschichtige Porträt seiner so vielseitigen Persönlichkeit ergeben.

 

Alfred Kolleritsch ist gestorben.

Dass mit seinem Leben, was naheliegend erscheinen könnte, auch die manuskripte enden sollen, war nicht seine Absicht. Im Gegenteil. Einer früh formulierten Poetik folgend betonte er immer wieder die „Offenheit“ seiner Zeitschrift. „Weiterschreiben“ war nicht nur der oft gegebene Ratschlag an junge Schreibende, sondern sein Leitspruch für alle Lebenslagen. So gesehen war es nur konsequent, sein Lebenswerk manuskripte auch vom eigenen Tod nicht beschließen zu lassen. Deshalb hat er mich Ende 2016 zum „Mitherausgeber“ bestellt. Unvergesslich sind mir seine Worte bei der Präsentation der manuskripte 213 (2016): „Es ist so, dass ich glücklich bin, dass ich nun, über 50 Jahre einsam, nicht mehr allein am Heft arbeiten muss. Ich habe einen gleichrangigen Begleiter bekommen – bis dorthin, wo dann er einsam wird.“

Dort bin ich nun also – leider, und früher als erwartet! – angekommen. Aber bin ich auch einsam? Nein, so fühle ich mich nicht. Tatsächlich scheint mir die Zeit, in der ich mit dir, lieber Fredy, die manuskripte mitherausgeben durfte, jenem märchenhaften Paris ähnlich, von dem Hemingway meinte: „Wenn du das Glück hattest, als junger Mensch in Paris zu leben, dann trägst du die Stadt für den Rest deines Lebens in dir, wohin du auch gehen magst.“ Das Glück, dir begegnet zu sein und so eng mit dir arbeiten, dir so nah sein zu dürfen, ist mir ein moveable feast, ein beweglicher Feiertag, ein Fest fürs Leben.

 

Heft 228 der manuskripte eröffnet mit den Texten eines dichten Corona-Kapitels, dessen Beiträgen gemeinsam ist, dass sie Augenblicksaufnahmen aus dieser für uns alle belastenden Phase in einen größeren Rahmen setzen: „Corona mit Hölderlin“ – der Titel von Ilma Rakusas Gedichtzyklus ist Programm.

Ein weiteres Kapitel widmet sich dem Gedenken Hans Eichhorns, der Anfang 2020 viel zu früh verstorben ist. Umrahmt von einer persönlich-poetischen und einer germanistischen Widmung bilden vier seiner Gemäldepostkarten, die über rund 15 Jahre fast täglich in der Redaktion eintrafen, das bildnerische Herz des Heftes. Hunderte weitere warten bei uns im Büro darauf, von GaleristInnen entdeckt zu werden.

Das Erfreulichste zum Schluss: Neben einer Auswahl von exzellenten Texten arrivierterer AutorInnen (wie etwa Angelika Reitzer, Lydia Mischkulnig, Uroš Zupan, Wolfram Malte Fues, Matthias Göritz oder Anna Baar) finden sich in den manuskripten 228 gleich vier waschechte Debüts: Katharina Godler, Samira Lechner, Sandro Paul und Sophia Schnack erleben ihre allererste Veröffentlichung. Auch sie werden, davon bin ich überzeugt, weiterschreiben.

 

 

Andreas Unterweger, Graz, Juli 2020.

 

***

 

Juni 2019

P.S.

Heft 228 der manuskripte wird am Donnerstag, den 23.07.2020, um 19 Uhr, im Forum Stadtpark in Graz präsentiert.

Es lesen Katharina Ingrid Godler (Prosa) und Sophia Schnack (Lyrik).
Schauspieler Felix Krauss liest das Monodrama Liebe Frau Krauss von Matthias Göritz.

Moderation: Andreas Unterweger, Begrüßung: Heidrun Primas

Aufgrund der Corona-Beschränkungen wird um Anmeldung unter office@forumstadtpark.at oder 0316/827734 (Di-Fr, 10-15 Uhr) gebeten.

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