Andreas Unterweger

In memoriam Mathias Grilj: Mythos Lord Jim Loge

Posted in Trauer by andreasundschnurrendemia on 21. September 2020

In memoriam Mathias Grilj (1954-2020).
Adieu, lieber Freund.

Kurzfristig online nachzulesen – ohne Abbildungen, aber mit allen 65 Fußnoten:

 

Daniela Jauk/Andreas Unterweger: Mythos Lord Jim Loge
Erschienen in: Sexy Mythos. Selbst- und Fremdbilder von Künstler/innen. Hg. v. Neue Gesellschaft für Bildende Kunst e. V. Berlin und Verein Forum Stadtpark Graz in Zusammenarbeit mit Hochschule für Grafik und Buchkunst Leipzig: Berlin: 2006.

 

Mythos Lord Jim Loge

von Daniela Jauk und Andreas Unterweger

 

Für Wolfgang Bauer (1941 – 2005),
Jörg Schlick (1951 – 2005)
und ihre Göttinnen

 

Schattenhaft“ … „wie unter einer Wolke verborgen“ … „nicht klar[1] … So sieht Marlow, der Ich-Erzähler in Joseph Conrads Roman „Lord Jim“, die gleichnamige Hauptfigur. Ähnliches ließe sich auch über die nach dem Roman benannte Künstlerloge sagen, die uns – statt durch Anfang, Ende, Programm und Hierarchie wohl strukturiert – als vielstimmige, widersprüchliche öffentliche Performance entgegentritt. Dennoch wollen wir – ähnlich hartnäckig wie Marlow – versuchen, uns ein Bild, uns zumindest unser Bild von der Lord Jim Loge zu machen. Und damit unseren Teil zum Mythos beizutragen. Schließlich besteht dieser – wie es bei Claude Lévi-Strauss heißt – „aus der Gesamtheit seiner Varianten[2], der Summe der Bilder, die man sich von ihm macht.

 

1          Der Gründungsmythos

 

„Es wird bald irrwitzige Geschichten geben, es wird bald Leute geben, die sagen werden,

ich war ja damals dabei, außerdem war das nicht in der Haring, sondern im Steirerhof“ …[3]

Mathias Grilj über die Gründung der Lord Jim Loge

 

Alles beginnt im Dunst einer Bar mit Gesprächen über den Dunst der Macht: An irgendeinem Abend Ende 1984 oder Anfang 1985[4] äußerte Wolfgang Bauer gegenüber Mathias Grilj und Bernd Fischerauer[5] in der Grazer Likörstube Haring die Idee, eine Art „Künstlermafia“ nach „Vorbild“ der italienischen P2-Loge[6] zu gründen. Spontan – „das war ein Gottesgeschenk“ – fiel Grilj die passende Parole für eine nur aus Künstlern bestehende Loge ein: „Keiner hilft keinem“. Den Namen dieser „gegenteilige[n] Idee“ einer Loge[7] steuerte wiederum Wolfgang Bauer bei: „Lord Jim Loge“.[8] Einige Zeit später[9] – wiederum in der Haring – entstand auch noch ein Logen-Signet, das fortan systematisch die Arbeiten der Mitglieder kennzeichnen sollte[10]: Martin Kippenberger und Albert Oehlen – die Jörg Schlick in einem Wiener Gasthaus kennen gelernt und nach Graz geholt hatte[11] – kritzelten eine Sonne und einen Hammer auf ein Papier[12], mit dem Hinweis „Entdramatisieren![13] malte Bauer der Sonne einen Busen. Eben dieses Zeichen setzte der anwesende Grazer Künstler Jörg Schlick am nächsten Morgen auf das Plakat der Gemeinschaftsausstellung der vier Letztgenannten in der Galerie Bleich-Rossi[14].

Jörg Schlick war es dann auch, der die Lord Jim Loge über den Rang eines bloßen Gags unter Künstlerfreunden hinaus hob, indem er sie von 1988 bis 1997 (dem Todesjahr Martin Kippenbergers) zu „seinem künstlerischen Konzept[15] machte – „Schlick ist die Loge, steht für die Loge, hat sie gemacht[16]. Größenwahnsinnig anmutende Vorhaben wie etwa jenes, das Logo der Loge als Gütesiegel „so berühmt […] wie Coca Cola[17] zu machen, konnten bzw. sollten gar nicht darüber hinwegtäuschen, das sich hinter den ebenso pathetisch wie tollpatschig anmutenden Logennamen und Logo sowie dem „doppeldeutigen Aufruf[18] „Keiner hilft keinem!“ im Grunde nicht allzu viel verbarg: „Das Geheimnis der Loge ist, daß sie kein Geheimnis hat“, konstatierte Walter Grond bereits im zweiten Heft des von Jörg Schlick herausgegebenen „Zentralorgans“ der Loge, der Zeitschrift „Sonne Busen Hammer“: „w e i l das Zeichen leer ist, schafft es Raum für Interpretation, fordert es zu Lesungen[19] und in weiterer Folge zur Mythenbildung heraus. Nur indem es ihr gelang, allerlei irrationale Vorstellungen rund um ihr so geheimnisvoll wirkendes Wesen zu evozieren, sorgte die Loge unter der Führung von „Lord Schlick[20] trotz ihrer Inhaltsleere mit provokanten, die Mechanismen der Konsum- und Warenwelt ironisierenden Aktionen[21] immer wieder für Aufsehen und heftige Reaktionen vonseiten des Publikums und der Medien. Dabei rekurrierten Schlick und Co. selbst auf zwei traditionelle mythische Felder: zum einen auf den männlich konnotierten „Mythos Loge“, zum anderen auf einen klassischen Künstlermythos, den „Mythos Bohemien“. Schließlich zieht sich neben Logo und Motto der Loge nur noch ein einziges Leitmotiv durch die Publikationen der Lords, und das sind die Lords selbst, die immer wieder hinter (bzw. vor/unter/über/neben …) den Logeninsignien in Erscheinung treten und für diese mit ihrem Leben (und Lebensstil)[22] einstehen. Es sind die Künstler selbst – oder, besser gesagt: ihr Habitus, die Verkörperung ihres künstlerischen Daseins und die Bilder, die sie von sich selbst vermitteln – welche die Aura des Mythos erzeugen sollen.

 

 

ABB. 1                                                            ABB. 2                                                ABB.3

(Kursiv = Bildunterschrift)

Abb.1: Heft 15/96: S. 2/3 (Martin Kippenberger mit Hochzeitsringen neben KEINER)

Abb.2: Heft 2: S. 4/5 (Jörg Schlick mit Cola Mütze neben HILFT) Doppelseite!!!

Abb.3: Heft 9/93: S. 6/7 (Jörg Schlick vor Schlickporträts + Zeichen KEINEM)
2          Mythos Loge

 

Ich weiß nicht, was die Leute geglaubt haben … Als wenn man

Beziehungen hätte, als hätte man Macht, als wäre man Freimaurer…“[23]

Mathias Grilj über den Nimbus der Lord Jim Loge

 

Die Loge“, postuliert Jörg Schlick,  ist kein Verein mit Statuten, Aufnahmezeremoniell und Mitgliederbeiträgen, sondern eine Gemeinschaft mehrerer Abenteurer und Individualanarchisten.“[24] Dennoch lassen sich klar definierte, unumstößliche Regeln der kollektiven Ein- und Ausgrenzung der Lord Jim Loge ausmachen:

1) Jedes Mitglied darf neue, lebende wie verstorbene Mitglieder aufnehmen, wobei keine wechselseitigen Vetorechte bei Neuaufnahmen bestehen.

2) Die Lord Jim Loge ist ein reiner Männerbund.

3) Wer fragt, ob er aufgenommen wird, wird nicht aufgenommen.

4) Niemand wird gefragt, ob er aufgenommen werden will.

5) Niemand, der aufgenommen wurde, darf wieder austreten.[25]

Auch vom übrig gebliebenen Rest der Menschheit konnte nur der Mitglied werden, der von einem Mitglied der Lord Jim Loge als „Lord“, als „einer von uns[26], erkannt wurde – was einen „Lord“ ausmacht, wurde allerdings „nie definiert“, so etwas, meint Grilj, spüre ein anderer Lord, „und wer es nicht spürt, der ist sowieso ein Trottel.[27] Was die Lord Jim Loge hauptsächlich von traditionellen Logen, wie etwa den Freimaurern, unterscheidet, ist somit weniger in der nur bedingten Statutenlosigkeit zu sehen, als vielmehr in der Tatsache, dass sich für ein neues Mitglied der Lord Jim Loge eigentlich nichts änderte: im Inneren der Lord Jim Loge wartete absolut nichts – kein geheimes Wissen, keine einflussreichen Beziehungen, ja, wie Griljs Parole vorgab, noch nicht einmal Hilfe von anderen Mitgliedern der Loge. Nur eines veränderte sich: war man zuvor „draußen“ gewesen, so war man jetzt „drinnen“, jetzt gehörte man dazu. Wie jede Loge teilte die Lord Jim Loge damit die Menschheit bewusst in eine Zweiklassengesellschaft: in Etablierte und Außenseiter. Dieser Ausgrenzungsmechanismus funktioniert auch bei der Lord Jim Loge als Attraktor. Ihr Nimbus lebt vom Aufnahmebegehr der Außenseiter und den daran geknüpften Vorstellungen und Mythen: „Die Sache war ein dermaßen kurioser Selbstläufer. Ich weiß nicht, was die Leute geglaubt haben … Als wenn man Beziehungen hätte, als hätte man Macht, als wäre man Freimaurer…“[28] Dabei bestand die ganze Macht eines Lords nur daraus, jemanden, der „draußen“ war, „hinein“ zu lassen oder eben auch nicht. Diese Macht, so gering sie angesichts eines inhaltsleeren Vereins wie der Lord Jim Loge auch erscheinen mag, war in manchen Fällen „ungeheuerlich“[29], groß genug, um die übliche soziale Ordnung auf den Kopf zu stellen, wie Mathias Grilj zu erzählen weiß: „Ein Grazer Millionär ist […] vor mir gekniet und hat gesagt: ,Bitte nimm mich auf.´ Zuerst wollte er mir Geld anbieten, und dann wollte er mir Demut anbieten. Dann habe ich ihn ausgelacht und gesagt: ,Aus, Herzi, jetzt bist du unten durch. Ein Lord kniet nur vor einer Frau nieder, aber nicht wegen so was …´“ Mit einem gewissen Stolz folgt dann eine andere Geschichte, die nicht nur an Robin Hood erinnert, sondern ihrerseits dazu beiträgt, den an dieser Stelle so sympathisch und greifbar wirkenden Mythos zu verstärken: „Einer kam aus dem Häfen wegen Rauschgift, und alle haben ihn geschnitten, keiner wollte mit ihm reden, es war in einem Lokal, und er war völlig fertig. Ich gehe hin und sage laut: ,Nur damit das klar ist: Du bist jetzt ein Lord.´ Die haben sich angeschissen vor Neid. Er hat geweint vor Glück. Also das hat es auch gegeben. [30]

Unter diesen Umständen erscheint es besonders prekär, Frauen den Zugang zur Loge a priori zu verwehren (s. o.). Diese Entscheidung schien den Lords nicht leicht gefallen zu sein – von den damaligen („wochenlangen[31]?!) Ungereimtheiten künden heute noch Ungereimtheiten in der Überlieferung:

So heißt es in Variante A (Wolfgang Bauer): „Lord Schlick hat jede Aufnahme von Frauen – auch von der Mutter Teresa, rein theoretisch – streng verboten und die neu aufgenommenen Lords gegen mich aufgehetzt. Ich bin niedergestimmt worden. Da ist mir eingefallen, es ist eigentlich einfacher, wenn die Frauen Göttinnen sind, die weit über den Lords stehen.“[32]

Gabriella Bleich-Rossi erzählt mit Variante B eine etwas andere Version, wie – bereits am Gründungsabend[33] – Frauen zwar zu Bedeutungsträgerinnen und Anbetungsobjekten gemacht, aber als gleichwertige Handlungspartnerinnen und eigenständige Subjekte aus der Loge verbannt wurden: „Bevor ich weggegangen bin, war auch Heidi Bauer dabei, und wir haben schon irgendwie bei dieser Loge mitmachen wollen. Wir Frauen. So irgendwie mitmachen. Wenn das alles Anarchisten und Individualisten sind und alles so emanzipiert ist, dann können sicher auch die Frauen dabei sein. Das war unser Wunsch. Niemand hat ,Nein´ gesagt. Nur Wolfi Bauer hat so charmant und diplomatisch geantwortet, er hat gesagt: ,Die Frauen sind die Göttinnen.´ Das werde ich nie vergessen. Damit war alles gesagt. Was willst Du mehr, als dass Frauen Göttinnen sind. Da war er sehr schlau und wir waren trotzdem glücklich.“[34]. Nun, wer auch immer die Idee durchsetzte, Frauen von der Loge auszuschließen, im Hinblick auf die Intensität des mythischen Nimbus der Lord Jim Loge erscheint es als „brillanter“ Schachzug, gleich einmal mehr als der Hälfte der Menschheit das Glück eines „Dazugehörens“ zu verwehren: „Wenn die Lord Jim Loge eine Angelegenheit gewesen wäre, wo man Frauen aufgenommen hätte – hätte sie diese mythische Kraft entwickelt? Ohne Verbot? Glaube ich nicht.“[35]

Bis zum Steirischen Herbst des Jahres 1992 bleibt die Loge somit – mit Ausnahme des Zentralorgans Nummer 5, „Die Damennummer“ (in der neben Frauenakten aus Männerhand einige deutsche Künstlerinnen genannt werden) – frauenfrei. Hier tritt Lena Braun aka Barbie Deinhoff aka Queen Barbie auf den Plan, die Jörg Schlick beim Heurigen im Gespräch über Kernöl und Rippchen kennen lernt.[36] 1993 wurde von Lena Braun mit der Queen Barbie Loge ein weibliches Pendant zur Lord Jim Loge gegründet – die erste Nummer des Zentralorgans dieser Loge (benannt nach dem adaptierten Logo: Mond tritt Schwanz) erschien 1993 in der Reihe „Sonne Busen Hammer als „Die Frauennummer“. Im Gegensatz zur relativ statutenlosen Lord Jim Loge existieren in der bis heute aktiven Queen Barbie Loge mehrere theoretische Schriftstücke zu den Zielen: Es gilt „gesellschaftsverändernde bittersüße Kunstfigur“ zu sein und nicht ein Lord[37]. Die Triebkraft des aktiven Logenpendants – inzwischen sind 29  Zentralorgane, „Outing Elements der Queen Barbie Loge“, entstanden[38] – soll jedenfalls trotzdem nicht (nur) Feminismus sein: Die Gründung einer Frauenloge ist für uns nicht ausschließlich Akt des Feminismus, sondern bedeutet hauptsächlich, dass die Loge für uns als Kunstprodukt und Kommunikationsmittel fungiert.“ [39]

In diesem Zusammenhang sei bemerkt, dass die Gründung der Lord Jim Loge Mitte der 1980er in eine Zeit der Institutionalisierung der „neuen“, zweiten Frauenbewegung in Graz fällt. Nebst mehreren sozialpolitischen Frauenprojekten, die sich in zunehmender Vernetzung, Spezialisierung und Dichte entwickeln, wird auch der Grazer Kunstraum mehr und mehr mit supraindividuellen feministischen Positionen konfrontiert (z. B. Eva & Co.[40]), im Lichte derer man die Gründung der Loge als „Reaktion“ zu lesen geneigt ist. Veronika Dreier erklärt: „Die Reaktionen auf unser ‚Künstlerinnenmeeting’ waren sehr bös allgemein … die haben gesagt: ‚Die Frauen organisieren sich, daher brauchen die Männer jetzt einen Bund.“39

 

 

ABB. 4                                                            ABB. 5                                                ABB.6

(Kursiv = Bildunterschrift)

Abb.4: Cover der Zeitschrift Eva & Co, Heft 1, 1982

Abb.5: Postkarte und Cover zur „Frauennummer“, Zentralorgan der Queen Barbie Loge

Heft 1/93

Abb.6: Cover des Zentralorgans der Queen Barbie Loge Heft 28/05, Die Wo geht’s hier nach Walhala Nummer

 

 

 

3          Mythos Bohemien

 

Wir sind eben barock, bacchantisch, versoffen, laut, grell, peinlich,

überbordend. Alles das. Das ist sozusagen Teil der Lebensstimmung.

Mathias Grilj über Künstler wie z. B. Wolfgang Bauer, Jörg Schlick und sich selbst

 

Jahrelang diente die Grazer Likörstube Haring nicht nur arbeitsscheuen Beamten[41] und Obdachlosen[42], sondern vor allem Künstlern als fixer Treffpunkt[43]. Wolfgang Bauer schrieb 1991 einen mittlerweile selbst legendären Nachruf auf die legendäre Kneipe, dessen Kern eine lange Aufzählung von „Bilder[n] mit Gästen[44] darstellt, ein Panoptikum aus sprachlichen Polaroids, dem man getrost auch den Titel „Scènes de la vie de bohème“[45] geben könnte: Eine Hauptrolle in diesem „shakespearehafte[n] Getriebe“ spielt neben Alkohol[46], asozialem Verhalten[47] und Sexualität[48] natürlich auch die Kunst bzw. kreative Akte[49], wie etwa die ungefähr in der Mitte dieser Passage verzeichnete Gründung der Lord Jim Loge.[50]

Der von Bauer in diesem Text eindringlich charakterisierte „vulkanische Cocktail“ des Bohème-Künstler-Milieus stellt eindeutig das Lebenselixier der Lord Jim Loge dar. Nicht nur, dass die ursprüngliche Idee aus eben solcher Ursuppe geschöpft wurde und die Treffen der Logenmitglieder stets in geselligen Runden stattfanden, auch neue Mitglieder wurden in ähnlichem Rahmen aufgenommen,[51] ja, es scheint sogar, dass die Trinkfreudigkeit und -festigkeit von potentiellen Lords neben dem männlichen Geschlecht eines der wenigen fassbaren Kriterien für die Aufnahme oder Nicht-Aufnahme in die Lord Jim Loge darstellten. So sei der ehemalige Formel 1-Weltmeister Niki Lauda deshalb zum Lord geworden, „weil er mit dem Wolfi [Bauer] gesoffen hat, das hat schon gereicht[52] (Bauer selbst sprach übrigens von der „abenteuerlichen Gesinnung“ des „waschechte[n] Lord[s]“ Lauda)[53]. Auch Jörg Schlicks Selbstinszenierung in manchen Heften von „Sonne Busen Hammer“ atmet den Geist der Haring:

 

Optional: Abb.10: Jörg Schlick in „Sonne Busen Hammer“, Heft 10 (S. 21)

 

Allerdings zeigt das Zentralorgan der Loge auch, wie bewusst das Image des Bohemiens angenommen wird. Besonders deutlich wird dies im von Albert Oehlen in Bravo-Manier gestalteten Heft 13: Die Posen, die Schlick (alias Popstar J. B. Slick) vor der Kamera Oehlens einnimmt, persiflieren nicht nur das Pop- und Rockbusiness, sondern sind wohl durchaus auch als augenzwinkernde Selbstentlarvung zu verstehen:

 

ABB. 7                                                            ABB. 8                                                ABB.9

(Kursiv = Bildunterschrift)

Images von Jörg Schlick, aus „Sonne Busen Hammer“, Heft 13/95 (keine Seitenzahlen)

Abb.7: Tokio Joes

Abb.8: Muschi Joe

Abb.9: Image ist alles

 

Den größten Effekt im Spiel mit dem Bohemien-Image der Lords erzielte Schlick zweifellos 1990, als er im Rahmen des Steirischen Herbstes vorhatte, gemeinsam mit dreizehn Freunden[54] das „Konzil der Lord Jim Loge in Singapur“ zu veranstalten: „Wir fliegen mit der besten Fluglinie nach Singapur, wohnen drei Tage im besten Hotel und geben ein Jahr danach eine Dokumentation mit dem Titel „Dank an den österreichischen Steuerzahler“ heraus.“[55]Die Parole war“, so Grilj, „,Mit schönen Frauen Geld verhauen´ – und Neid schüren. Das Konzept war Neid. Das war das Material, mit dem er [Schlick] gearbeitet hat.[56] Dieses Konzept löste einen bis dato in der Steiermark ungekannten Sturm der medialen Entrüstung aus[57], der Horst Gerhard Haberl, den damaligen Intendanten des Steirischen Herbstes, dazu bewog, den bereits unterzeichneten Vertrag mit Schlick zu brechen und das Konzil nicht zu finanzieren. Überdies kam es in der Folge dieses Skandals sogar zu einem tätlichen Angriff auf die führenden Logenmitglieder: Bei der Eröffnung von Wolfgang Bauers Ausstellung „Zahlnensistemowits“ im Forum Stadtpark am 4. Oktober 1990 attackierte „ein Verführter der Medienkampagne[58] Bauer, Grilj und Schlick mit einer ätzenden Entrosterflüssigkeit[59]. In den Medien kam es neben dem Tumult um das „Säureattentat“ indes zu einem „grotesken Streit“ über die Freiheit der Kunst, in dem das abgeblasene Konzil der Lord Jim Loge zwischen den Polen „hochkünstlerische[s] und tiefmoralische[s] Vorhaben“ (Jörg Schlick) und „Saufausflug ohne künstlerischen Auftrag“ (Horst Gerhard Haberl)[60] hin und her schwankte. Eine salomonische Lösung dieses heiklen Konflikts wird in einer Äußerung Wolfgang Bauers angedeutet, die dieser angesichts eines provokanten Vorwurfs der ganzen Lord Jim Loge gegenüber tätigte: „A b´soffene G´schicht? ,Na, des darf ma net sagen. Wir saufen, aber wir machen keine b´soffenen G´schichten.´“[61]

Heute scheint der Künstlertyp „Bohemien“ aus der Mode gekommen zu sein. In einem Nachruf auf Martin Kippenberger heißt es, Kippenberger sei „der letzte Bohemien [gewesen], bevor Ich-AG und Mineralwasser mehrheitsfähig wurden“, auch ein Nachruf auf Wolfgang Bauer konstatiert einen neuen Wind in der Kunstwelt: „Heute sind […] Labors nicht mehr duster und durchwölkt vom Grogdampf, sie sind nüchtern und kühl.[62] Doch macht gerade sein Anachronismus das von Bauer, Kippenberger und Schlick verkörperte romantische Künstlerbild so ungeheuer faszinierend – bzw. mythisch. Schließlich bezieht sich „ein Mythos […] immer auf vergangene Ereignisse: ,Vor der Erschaffung der Welt´ oder ,in ganz frühen Zeiten´ oder jedenfalls ,vor langer Zeit´“[63]

 

Optional: Abb.11 und 12: Postkarten zum Konzil der Lord Jim Loge und Postkarte mit Gorbatschow (auch ein Mitglied?)

 

 

 

 

 

Epilog: Der Mythos lebt

 

Medienecho, Empörung, Erzählungen, die Bewunderung des Publikums bis hin zu heftiger Ablehnung – kurz: diverse Mythen – bestätigen noch heute die Durchsetzungskraft einer Loge, von der niemand weiß, wer tatsächlich ihre Mitglieder sind. Allerdings gingen von der Loge seit dem Ableben Martin Kippenbergers im Jahre 1997 keine Aktionen mehr aus, 2005 sind auch noch Wolfgang Bauer und Jörg Schlick verstorben … Dennoch soll Lord Jim 2006 zu neuem Leben erwachen: „Im nächsten April kommt eine Überraschung“ kündigte Jörg Schlick in einem Telefonat wenige Tage vor seinem Tod an[64]. Was im April 2006 genau passieren wird, weiß niemand. Die Grazer Fama spricht von einer „feindlichen Übernahme“ des Logos „Sonne Busen Hammer“. Und von einer jungen Künstlergruppe. Es sind diesmal nicht die Lords, sondern eine „Göttin“, die involviert ist und in deren Galerie diese Überraschung stattfinden soll: „Das Logo lebt weiter, aber nicht mehr mit diesen drei, vier Begründern natürlich, sondern mit den anderen, das ist wie eine Globalisierung.“[65] Als Neider/innen, als Interessierte, als Außenseiter/innen, als Schreibende, als Kritiker/innen sind wir Teil dieser „Globalisierung“: Die Lord Jim Loge lebt.

 

Zitierte Literatur und Quellen:

 

Bauer, Wolfgang. 2002. „Das war die Haring“ in Europa erlesen. Graz, hg. v. Markus Jaroschka u. Gerhard Dienes. Klagenfurt: Wieser.

Braun, Lena. 1993. „Das Schweigen Der Lämmer“ in Barbie’s Queen Mary’s Doll House . Berlin: Boudoir.

———. 2005. „Lord Jim und Queen Barbie.“, unveröffentlichtes Manuskript

———. „Wer Ist Die Queen Barbie Loge?“ Undatiertes Manuskript.

Conrad, Joseph. 2002. Lord Jim. Eine Geschichte. Aus dem Engl. neu übersetzt, mit Quellentexten, Anmerkungen und einem Nachwort von Klaus Hoffer. München Zürich: Piper.

Die P2 Loge in Informationsdienst gegen Rechtsextremismus,
http://lexikon.idgr.de/p/p_2/p2/p2.php, v. 01.01.2006

 

Dusini, Mathias: Hier kommt der Eiermann, http://www.falter.at/print/F2003_23_2 v. 20.11.2005

 

Fiedler, Elisabeth. 1992. „Jörg Schlick oder ,Keiner Hilft Keinem´.“ Kontinuität und Identität. Festschrift Für Wilfried Skreiner., Hg. Peter Weibel, Christa Steinle, und Götz Pochat. Wien Köln Weimar: böhlau.

Fritzsche Bence. 1993. „Künstler als Logenbrüder.“ Atelier 6:14-17.

Grilj, Mathias. 2005. „Schizophren, aber locker. Der Dichter Wolfgang Bauer als Ikone.“ v. Falter Steiermark 35/05 vom 2.9.2005

I1 „Interview Mathias Grilj, 6.12.2005.“ Jauk Daniela; Unterweger Andreas.

I2 „Interview Gabriella Bleich-Rossi, 19.12.2005.“ Jauk Daniela, Unterweger, Andreas.

I3 „Interview Veronika Dreier, 27.12.2005.” Jauk Daniela.

Lévi-Strauss, Henri. 1967. Strukturale Antropologie. Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Programmfolder Forum Stadtpark Oktober 1990

Rigler, Christine Hg. 2002. Forum Stadtpark – Die Grazer Avantgarde von 1960 bis heute. Wien Köln Weimar: böhlau.

Schlick, Jörg. 1994. Sonne Busen Hammer. Zentralorgan der Lord Jim Loge, Heft 1/1991 – 15/1996, Übersicht in Fiedler, Elisabeth. 1992. S.

———.Lebenslauf auf http://www.camera-austria.at/ca_bio.cfm?id=1272207132, 20.10.2005

 

Trenkler, Thomas. 1996. „Kulturzone Künstler ,Mafia´.“ Pp. 193-95 in Styrian Window. Bildende Kunst in Der Steiermark 1970-1995, Hg. Christa Steinle and Alexandra Foitl. Graz: Droschl.

———. 2005. „Jörg Schlick 1951 – 2005“. Der Standard v. 30.12.2005. Wien.

Wieser, Ilse. 2004. „Eva & Co – Künstlerinnengemeinschaft Und Erste Feministische Kulturzeitschrift Europas.“ WOMENT! Eine Würdigung Der Grazer Frauenstadtgeschichte. Dokumentation Und Lesebuch., Hg. Bettina Behr and Ilse Wieser. Innsbruck: Studienverlag.

[1] Conrad 2002:219 u. 556.

[2] Lévi-Strauss 1967:239

[3] I1. Mathias Grilj alias Max Gad: Journalist, Dramatiker, Regisseur und bildender Künstler, lebt in Graz.

[4] Dies ist nach unserem Wissensstand die genauest mögliche Zeitangabe. Jörg Schlick spricht von 1984 (vgl. I2).

[5] Schlick erwähnt als Gründungsmitglieder auch sich selbst und den Künstler Claus Schöner (vgl. I2). Dieser wiederum wird auch von Veronika Dreier erwähnt, die auch bei einer begründenden Sitzung dabei war, die in der Wohnung Schöners in unmittelbarer Nähe zur Haring stattgefunden habe (vgl. I3). Nach anderen Varianten habe Bauer Schlick am nächsten Morgen getroffen (vgl. I1) bzw. Schlick und Schöner am nächsten Morgen angerufen (vgl. Trenkler 1996:193). Grilj erwähnt den Maler Franz Ringel als stillen Beobachter (vgl. I1), lt. Gabriella Bleich-Rossi waren auch noch sie selbst, ihr Mann Alexander Bleich-Rossi und Bauers Frau Heidi Bauer anwesend (vgl. I2).

[6] Die „Propaganda 2“-Loge wurde 1981 beginnend mit einer Hausdurchsuchung bei dem Finanzmagnaten und Gründer Licio Gelli in Italien ausgehoben. Die rund 2500 Mitglieder hatten die Jahre zuvor durch Skandale, Morde und Bombenattentate an einem Staatsstreich gearbeitet. Vgl. Informationsdienst gegen Rechtextremismus. 2005.

[7] Vgl. I2

[8] Österreich ist zu dieser Zeit vom „Rechberger-Skandal“ gebeutelt („jeder dem anderen etwas zugeschoben hat“, Grilj) und Bauer liest gerade den Roman „Lord Jim“ von Joseph Conrad, der übrigens auch der RAF als Identifikationsliteratur diente, vgl. I1. „Mir ist der Lord Jim eingefallen“, erklärt Bauer, „weil das eine leicht suspekte, aber doch idealistische Figur ist.“ (Trenkler 1996:193)

[9] Diese recht neutrale Zeitangabe stammt von Thomas Trenkler (Trenkler 1996:193). Grilj spricht allerdings vom „nächsten Tag“, und zwar Vormittag, Bauer habe, so Grilj, „durchgemacht“ und sei dabei auf Schlick, Oehlen und Kippenberger gestoßen, die ebenfalls durchgemacht hätten. (vgl. I1)

[10] Bildende Künstler wie Kippenberger und Schlick bauten das Logo in ihre Werke ein, schreibende wie etwa Bauer signierten ihre Manuskripte mit einem von Schlick gestalteten Logenstempel. Überdies ließ Schlick, wie Mathias Grilj mitteilt, in der Schweiz luxuriöse Krawatten produzieren – „das Stück teurer als ein Puch-Moped“ (ein Mofa).

[11] Vgl. I1

[12] Bei Grilj (I1) „ein Bierdeckel“, bei Trenkler (Trenkler1996:193) und Gabriella Bleich-Rossi (I2) „ein Zettel“.

[13]Das Menschliche im Logo hat gefehlt“ wird Bauer zitiert von Bleich-Rossi I2 und Trenkler 1996:193.

[14] Gruppenausstellung 14. Februar – 12. März 1985 „Kritische Orangen für Verdauungsdorf“ – Wolfgang Bauer, Martin Kippenberger, Albert Oehlen, Jörg Schlick, vgl. http://www.bleich-rossi.at v. 01.01.2006.

[15] Trenkler 1996:194

[16] I1. Zwei Interviewpartner sagen vorerst ein Interview ab, da es eine „Anmaßung“ sei, über die Lord Jim Loge zu sprechen, und weisen darauf hin, dass nur Jörg Schlick darüber sprechen könne. Dieser „autorisiert“ aus Krankheitsgründen nach zwei Telefonaten (28.11. und 5.12.2005) Gabriella Bleich Rossi, mit uns über die Loge zu sprechen. Jörg Schlick verstirbt während der Arbeit an diesem Artikel am 29.12.2005.

[17] Trenkler 1996:195, Fiedler 1992:121

[18] Wolfgang Bauer: „Die impressionistische Loge“ – der Text findet sich in „Sonne Busen Hammer Heft 1/1991“:22 Eine vollständige Bibliographie von „Sonne Busen Hammer. Das Zentralorgan der Lord Jim Loge“ findet sich in Rigler 2002:316f.

[19] Grond Walter: „Exzess des Paradoxen“, „Sonne Busen Hammer, Heft 2/1991, „Die Jubiläumsnummer“:35, Hervorhebung von den Autor/innen. Eine vollständige Bibliographie von „Sonne Busen Hammer. Das Zentralorgan der Lord Jim Loge“ findet sich in Rigler 2002:316f.

[20] Wolfgang Bauer in Trenkler 1996: 194.

[21] Trenkler 2005:26

[22] Siehe Abbildung: Das letzte Zentralorgan Heft 15/1996 – Die „Ex Junggesellennummer“ – ist allein der Hochzeit von Martin Kippenberger und Elfie Semotan gewidmet.

[23] I1

[24] Schlick zitiert von Bleich Rossi, I2.

[25] Vgl. u. a. I1, I2.

[26] Jim sei ja doch „einer von uns“, beteuert der Erzähler Marlow in Joseph Conrads Roman „Lord Jim“ seinen Zuhörern wieder und wieder (vgl. auch Fiedler 1992:115).

[27] Vgl. I1

[28] I1

[29] ebd.

[30] ebd.

[31] Dusini 2003

[32] Trenkler 1996:194

[33] Sic! Weder in einem der uns bekannten Texte noch in den Interviews mit männlichen Gründungsmitgliedern wird jemals die Anwesenheit von Frauen bei der Gründung erwähnt.

[34] I2, Hervorhebung von den Autor/innen.

[35] I1

[36] Vgl. Braun 2005.

[37] Vgl. Braun 1993:2

[38] Vgl.Braun undatiertes Manuskript

[39] Vgl.Wieser 2004:122-125

[40] Eva&Co, „die erste feministische Kulturzeitschrift Europas“ wird 1982 in Graz gegründet, gefolgt von der Gründung der Künstlerinnengemeinschaft Eva & Co 1986. 1992 wählt Eva&Co nach 24 Heften und vielen Aktionen mit einem Manifest von Veronika Dreier, Reni Hofmüller, Erika Thümmel und Eva Ursprung den „Freitod“.(vgl. Wieser 2004: 122-125 und I3).

 

[41] Vgl. I1 u. Bauer 2002:287

[42] Vgl. I1

[43]Ab Mittag hat man gewusst: wenn ich hineingehe, treffe ich Künstler.“ (I1)

[44] Bauer 2002:288.

[45] Henri Murgers im Vergleich zu Bauers Schilderungen geradezu bieder wirkender Roman „Scènes de la vie de bohème“ v. 1851, Vorbild für Giacomo Puccinis Oper „La Bohème“ (1896).

[46] Z. B.: „Artmann bestellte Branntwein für alle“, „Falk bestellt das Bier nur noch zehnfach“ … 288 f.

[47] Die Bandbreite reicht von Gesellschaftskritik („Gunter Falk entwickelt ebenso wie Oswald Wiener oder Hans Pögl Utopien“) über Blasphemie (Eugene Ionesco erklärte einen Dackel zu Gott) bis zur Gewalttätigkeit („Waldorf bringt einen Nierenschlag an“), vgl. Bauer 2002 288 f.

[48] „Allan Ginsberg […] lächelt den Buben zu, dazwischen oft aufregend schöne Frauen, die von dieser Höhle magisch angezogen werden, denn hier spielt sich´s ab, hier ist was los“, Bauer 2002:289

[49] „Bisinger schreibt ein Gedicht“, „Max Milo und Marin Petko intonieren eine Schreioper“, „Jörg Schlick weiß, wie´s in der Kultur langgeht“, Bauer 2002:289

[50]Fischerauer, Grilj und Bauer gründen die Lord Jim Loge, Kippenberger und Oehlen entwerfen den Stempel dafür“, Bauer 2002:289

[51] Vgl. I1

[52] Vgl. I1

[53] Trenkler 1996:195

[54] Wolfgang Bauer, Bernd Fischerauer, Günther Förg, Helmut Gansterer, Mathias Grilj, Martin Kippenberger, Michael Krebber, Christian Nagel, Albert Oehlen, Marin Petko, Jörg Schlick, Claus Schöner, Helmut Seiler, siehe Programm Forum Stadtpark Oktober 1990

[55] Vgl. I2: Vorgesehen war ein Band mit Fotos aus Wegwerfkameras.

[56] I1

[57]I1: „Erstmals haben Zeitungen gegen eine Kunstaktion Stellung bezogen.“ Jörg Schlick in: I2: „Die gesamte Presse war sich einig und reagierte mit einem Ton gegen uns, wie man vor fünfzig Jahren gegen die Kunst hetzte.“

[58] I1

[59] Vgl. Fritzsche Bence 1993:14, I2, Programmfolder Forum Stadtpark Oktober 1990

[60] Trenkler 1996:194.

[61] Trenkler 1996:193

[62] Grilj 2005:5

[63] Lévi-Strauss 1967:229

[64] Telefonat mit Jörg Schlick am 5.12.2005

[65] I3

 

 

 

„Poezije se veliko piše, a ne bere dosti“ (Delo v. 01.09.2020)

Posted in manuskripte, Poèmes, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 1. September 2020
Heute in Delo, der größten slowenischen Tageszeitung: Die Journalistin Špela Kuralt hat ein langes „intervju“ mit mir geführt:

 

Die Themen:

Meine holprige Zweisprachigkeit, was ich mit den Celjer Jungdichter*innen im Workshop gemacht habe, meine eigenen Erlebnisse als Jungdichter, meine Schreibroutine, ob das Erbe Alfred Kolleritschs eine Ehre oder Bürde darstellt, die Autor*innen der manuskripte, Trends in der Gegenwartsliteratur, Prosa vs. Lyrik, Wunsch nach einem slowenischen Gedichtband und und und.

Hier ein paar Zitate aus dem ungewöhnlich offenen* Gespräch:

„Mit 17 dachte ich, ich sei ein super Dichter, weil ich 17 Gedichte am Tag schrieb.“

„Später versteckte ich, dass ich schrieb. Ich hatte einen Kollegen, der seine Gedichte immer begeistert herzeigte. Mir erschienen sie freilich sehr schlecht, und ich habe nicht und nicht verstanden, warum es ihm nicht peinlich war, so was herzuzeigen. Ein paar Jahre später sind wir beim selben Verlag gelandet.“

„Es gibt nicht viel Prosa, die auf der sprachlichen Ebene interessant wäre.“

„Die Leute schreiben gerne Gedichte, und Dichter lesen andere Dichter, aber die Mehrheit liest kaum Gegenwartslyrik (…) wenn man immer nur Paulo Coelho liest, versteht man das auch gar nicht mehr.“

Und so weiter. 🙂

Ich danke Špela Kuralt für das äußerst unterhaltsame und lehrreiche Gespräch im Café Evropa, Celje, Marjeta Malus vom Österreichischen Kulturforum Ljubljana für die Vermittlung und Kristian Koželj für die Einladung zu Izrekanja – celjski pesniški festival und seine herrlich herzliche Betreuung!
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* Ich dachte immer, ich sei auf Slowenisch ein besserer Mensch (der weniger spricht, keine Schimpfwörter kennt etc.). Vielleicht bin ich wegen der fehlenden sprachlichen Möglichkeiten aber auch einfach nur direkter – ob das nun besser ist oder auch nicht.

P.S.

Sehr gefreut habe ich mich auch über die Reaktionen meiner slowenischen Freundinnen und Freunde auf Facebook:

Špela Kuralt publizierte u. a. mein Gedicht „Die Mutter“ in der Übersetzung von Aleš Šteger:

Und Kristian Koželj, Organisator des Lyrikfestivals Izrekanja, Celje, veröffentlichte ein weiteres Gedicht, „Kein Gedicht“, diesmal in der Übersetzung von Urška P. Černe.

 

„Das diesjährige, süße Andreas Unterweger“ – die automatischen Übersetzungen von Facebook sind aber auch ein Hit! Vor allem auch der Gedichte! :-))

Die Originalfassung von „Die Mutter“ findet sich übrigens hier. Beide Gedichte sind Teil meines kleinen, dreisprachigen Gedichtbands „Poèmes“, ermöglicht von der slowenischen, europaweiten Lyrikplattform Versopolis:

© Lea Remic Valenti, Robi Valenti

Der lässt sich übrigens direkt bei mir bestellen. Kosten 5 Euro, no matter what Porto. Bei einer Auflage von 4000 Stück kein Problem. 🙂