Andreas Unterweger

„Schutzmäntel aus Lesestoff“ (manuskripte 230 – Marginalie)

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 22. Dezember 2020

Meine Marginalie zu Heft 230 der manuskripte*. Sie eignet sich womöglich auch aus als Weihnachts- und/oder Neujahrsgruß.





Dorothee Golz: Madonna in der blauen Bluse (2011), C-Print, Diasec, 90×67 cm. © Bildrecht Wien

Marginalie

Dorothee Golz‘ „digital gemalte“ Madonna in der blauen Bluse auf unserem Titelbild mag manche/n an ein Gedicht von Alfred Kolleritsch erinnern:

Sie stand neben ihm,
das blaue Kleid
sagte Dunkles voraus,
den Schutzmantel,
den rauen Fetzen Verbergung.

Um geschützt zu sein,
fielen sie ineinander.**

Nach einem solchen Schutz, dem Gegenteil des gebotenen Sich-Einschließens und Einander-Fernleibens, sehnen sich in diesem so dunklen Corona-Winter wohl viele von uns. Ich hoffe, dass sich Ihnen auf den folgenden Seiten zumindest eine Ahnung davon auftut, versammeln diese doch auch eine Art geistiger Schutzausrüstung. Schutzmäntel aus Lesestoff sozusagen, deren Wirkung darin besteht, dass sie den Abstand, den wir im Außen wahren müssen, im Inneren überbrücken.

Die 230. Ausgabe der manuskripte erscheint im Quartal des 60. Geburtstages der Zeitschrift. Ohne, dass wir es bewusst angestrebt hätten, spannen die Beitragenden einen Bogen über sechs Jahrzehnte Literaturgeschichte: von Barbara Frischmuth, einer von Alfred Kolleritschs ersten Mitstreiterinnen (sie kannte ihn schon, als er noch nicht manuskripte-Herausgeber war!), über seinen langjährigen Wegbegleiter Franz Weinzettl, dessen um Berührungen kreisenden Gesamtwerk ein Schwerpunkt gewidmet ist, bis hin zu den jüngsten manuskripte-Förderpreisträger*innen Florian Dietmaier (2019) und Freda Fiala (2020).

Zum Jubiläum erscheint parallel zu diesem Heft eine manuskripte-Sonderpublikation, die sich großteils aus den germanistischen Beiträgen eines für April 2020 geplanten und dann wegen der Pandemie abgesagten Symposiums im Literaturhaus Graz (in Kooperation mit dem Franz-Nabl-Institut) zusammensetzt.

Darin werden so vielfältige Themen wie die Verflechtungen zwischen der Beat-Generation und der Grazer Gruppe, Elfriede Jelineks alles andere als marginale Rolle im manuskripte-Kontext, Peter Handkes mehrsprachige Wortspiele in und um die Zeitschrift oder die jüngere Geschichte der manuskripte (ab 1995) detailliert betrachtet, zugleich werden aber auch Ausblicke auf die Zukunft gewagt. Ihr Titel: Wie es mit der Literatur weitergeht.

Wie es mit den manuskripten im Detail weitergeht, daran arbeiten wir eifrig, dass es weitergeht, steht jedenfalls außer Frage.

Wir freuen uns auf das nächste Jahr. Am 11.1.2021 präsentieren wir dieses Heft mit leichter, coronabedingter Verspätung im Literaturhaus Graz, im Frühling folgt dann die erste, schon prall gefüllte Ausgabe nach einer behutsamen grafischen Neuausrichtung.

2020 war wohl für alle ein besonderes Jahr, und auch für uns von den manuskripten alles andere als ein besonders schönes. Den Einschränkungen durch die Corona-Pandemie zu begegnen, war und ist nicht einfach, vor allem in einer Zeit, in der bedingt durch den Abschied von Alfred Kolleritsch vieles neu organisiert, gedacht werden muss. Markiert doch sein Tod einen tiefen Schnitt in dem von ihm gepflanzten Baum.

Bei der anhaltenden Traurigkeit über seinen Verlust bin ich aber froh über und stolz auf mein Team – Helga Höhn, Julian Kolleritsch, Silvana Cimenti: Ihr habt den doppelt erschwerten Bedingungen getrotzt und seit Sommer praktisch Sonderheft um Sonderheft fabriziert – bravissimo!

Ein herzliches Dankeschön gebührt auch unseren Partner*innen aus Kultur und Politik sowie selbstverständlich unseren Abonnent*innen, die den manuskripten die Treue gehalten oder gar neu hinzugestoßen sind.

Die blaue Bluse sagt Lichtes voraus.

A.U., 19.11.2020

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* Allen Lockdowns zum Trotz haben wir im manuskripte-Büro in den letzten Wochen des Jahres zwei Hefte fertiggestellt: Erster Teil dieses Doppelpacks sind die manuskripte 230, das vierte reguläre Heft 2020. Es ist auch das letzte Heft vor einem grafischen Relaunch.

Das wunderschöne Titelbild von Dorothee Golz wurde uns von Klaus-Dieter Hartl von der Leibnitzer Galerie Marenzi vermittelt, wo es in der Ausstellung Konzept und Kunst noch bis 27.02.2021 zu sehen ist (derzeit online: https://galeriemarenzi.at/).

Die Präsentation im Literaturhaus Graz von 2.12.20 auf 11.01.21 verschoben, wird nun online über die Kanäle des Literaturhauses stattfinden: 11.01.2021, 19 Uhr.
(Zu den technischen Details bald mehr.)

Online-Doppelpräsentation:
Wie es mit der Literatur weitergeht
manuskripte 230 + Sonderpublikation zum 60. Geburtstag der manuskripte.

Freda Fiala (manuskripte-Förderpreis 2020) und Franz Weinzettl lesen aus manuskripte 230.
Vanessa Hannesschläger, Stefan Maurer und Harald Miesbacher diskutieren 60 Jahre manuskripte anhand der manuskripte-Sondernummer Wie es mit der Literatur weitergeht, die auf einem für April 2020 geplanten Symposium des Franz-Nabl-Instituts basiert.
Moderation: Andreas Unterweger.

Wer die manuskripte 230 noch zu Weihnachten verschenken will, kann das Heft bereits in den Grazer Buchhandlungen Bücherstube Schimunek, Moser Morawa, Büchersegler oder in Draxlers Büchertheke in Leibnitz besorgen.
Und selbstverständlich kann man das Heft auch schon über den Webshop bestellen: www.manuskripte.at/webshop

Das Inhaltsverzeichnis der manuskripte 230:

** Alfred Kolleritsch: Es gibt den ungeheuren Anderen. Gedichte. Droschl 2013.

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