Andreas Unterweger

„Wie es mit der Literatur weitergeht“ (Marginalie)

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 11. Januar 2021

Meine Marginalie zur Sonderpublikation der manuskripte, die heute um 19 Uhr online präsentiert wird:

Marginalie

Alfred Kolleritsch hat seine Tätigkeit als Herausgeber einer Literaturzeitschrift oft mit der eines Fußballtrainers verglichen. Insofern ist das zum Fußballdress umgestaltete manuskripte-T-Shirt auf dem Umschlag weniger fehl am Platz, als man vermuten möchte. Bestimmt hätte es ihm, dem ehemaligen Vorstopper der GAK-Jugend, ein Lächeln entlockt.

Beispiellose 60 Jahre „trainierte“ Alfred Kolleritsch die manuskripte – von der am 4. November 1960 erschienenen ersten Ausgabe bis zu seinem immer noch viel zu frühen Tod Ende Mai 2020. In diesen sechs Jahrzehnten führte er sozusagen einen Provinzklub in die Champions League des Literaturbetriebs. Aus seinen Heft für Heft neu formierten Mannschaften gingen internationale Stars hervor, darunter Weltfußball-, nein, Weltschriftsteller*innen wie Elfriede Jelinek, Peter Handke, Friederike Mayröcker u.a.m.

Das vorliegende Buch hat es sich zum Ziel gesetzt, die Parameter und Begleitumstände dieser Erfolgsgeschichte, in deren Sog selbst einem damals gefährlich verschlafenen Pensionopolis wie Graz der Aufstieg zur Literatur-, ja, angeblich sogar zur „Kulturhauptstadt“ gelingen konnte, wissenschaftlich aufzuarbeiten. Es ist ein Kernstück der österreichischen, deutschsprachigen, ja, der europäischen Literaturgeschichte, das hier ebenso intensiven wie unterhaltsamen Analysen unterzogen wird.

Dabei geht es nicht nur um die Ausleuchtung historischer Errungenschaften, sondern auch um eine Bestandsaufnahme der gegenwärtigen Rolle der manuskripte sowie eine Betrachtung des auf den ersten Blick anachronistisch anmutenden Mediums Literaturzeitschrift im Allgemeinen. Gleichzeitig werden Ausblicke auf die Literatur(-vermittlung) der Zukunft gewagt. Nicht umsonst liegt der inhaltliche Fokus auf den Jahren 1995 bis 2020, einem Abschnitt der manuskripte-Geschichte, der im Gegensatz zu den skandalumwitterten Anfangsjahren bislang wenig erforscht wurde.

Ausgangspunkt dieser Unterfangen bildete ein germanistisches Symposium, das die manuskripte, noch mit Zustimmung Alfred Kolleritschs, in enger (und ausgezeichneter!) Zusammenarbeit mit dem Franz-Nabl-Institut für Literaturforschung der Universität Graz konzipierten. Es hätte im April 2020 unter dem Titel Wie es mit der Literatur weitergeht im Literaturhaus Graz stattfinden sollen, musste dann aber wegen des ersten Corona-Lockdowns abgesagt werden.

Alle Beiträge, die für das Symposium vorgesehen waren, wurden dennoch geschrieben und finden sich nun auf den folgenden Seiten – wie übrigens auch, frei zugänglich für Wissenschaftler*innen aus aller Welt, auf der Internetplattform Dossieronline des Franz-Nabl-Instituts.

Der Mehrwert unseres Printprodukts: Es beinhaltet mehr Texte, einige different und/oder extended versions sowie zahlreiche bislang meist unveröffentlichte Abbildungen, die Protagonist*innen des behandelten Geschehens und einzelne Raritäten aus unserem Archiv zeigen.

Ein Programmpunkt des Symposiums, der leider nicht mehr nachgestellt werden konnte, ist das zum Auftakt geplant gewesene Gespräch Klaus Kastbergers mit Alfred Kolleritsch. Einige der wichtigsten Marginalien Kolleritschs aus den letzten 25 Jahren, Nachdrucke von Interviews aus jüngerer Zeit und Ausschnitte aus dem ihm gewidmeten Hommage-Abend, der am 24.10.2020 im Schauspielhaus Graz über die Bühne ging, versuchen, darüber hinwegzutrösten.

Das Jahr 2020 bedeutet zweifellos einen Einschnitt für die manuskripte – ich wünschte, es handelte sich um einen weniger tiefen, weniger schmerzhaften.

Fredy und ich hatten uns noch darauf gefreut, den 60. Geburtstag der Zeitschrift im Stil vergangener runder Jubiläen zu begehen – im fröhlichen Beisammensein mit unseren „Mitarbeitern“, wie er die manuskripte-Autorinnen und Autoren gerne nannte. Trauerfeiern mit Abstandsregeln und Maskierten waren nicht vorgesehen.

Was auch nie vorgesehen war: Dass mit Alfred Kolleritschs Leben auch die manuskripte enden. Es hätte der von ihm zelebrierten Poetik des Offenen auch eklatant widersprochen, wenn er seine Literaturzeitschrift auf die Dimension eines Lebenswerks begrenzt hätte – und sei es so gewaltig wie seines. Nein, Alfred Kolleritsch hat diese Zeitschrift bewusst über seine Person hinaus konzipiert, seine Nachfolge geregelt und dem Team, mit dem ich nun am Werk sein darf, ein Vermächtnis hinterlassen, das uns als Basis und Vorbild zugleich dient.

So gesehen starten die manuskripte, dem schmerzlichen Verlust zum Trotz, zuversichtlich in die Verlängerung. Oder auch in mehr als das, wer weiß.

AU, 03.12.2020

P.S. Es gibt noch ein Postskriptum, das aber erst am 25.1.2021 veröffentlicht wird. Wer dieses schon davor lesen möchte, möchte sich bitte Wie es mit der Literatur weitergeht im manuskripte-Wehshop bestellen. Kostenpunkt: 15 Euro. Hier weitere Infos (Inhaltsverzeichnis etc.) zum Produkt.

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