Andreas Unterweger

„In Zeilen wie diesen“ – Pressekonferenz, Vorwort, Textprobe

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 17. März 2021

Am 16.03.2021, dem Jahrestag des ersten Lockdowns, fand in Klaus-Dieter Hartls Galerie Marenzi in Leibnitz eine Pressekonferenz zur Präsentation des Buchs „In Zeilen wie diesen . magic spell“ statt.

Manche erinnern sich vielleicht: vor rund elf Monaten habe ich – im Auftrag der Galerie Marenzi – wöchentlich prosagedichtähnliche Texte verfasst und dann in der Galerie eingelesen, um das tägliche Leben während des ersten Lockdowns zu dokumentieren. Kein Corona-Tagebuch, keine Glossen, sondern eher eine poetische Chronik (unten stehend mein Vorwort mit allen Details).

Meine Texte reagierten nicht zuletzt auf die Bilder Isa Riedls, die damals in der Galerie im Rahmen der Ausstellung „magic spell“ zu sehen waren. In dem Buch, das sehr schön geworden ist, kommen Bilder und Texte nun endlich endgültig zusammen.

Ich danke allen Beteiligten, insbesondere Klaus-Dieter Hartl und Vize-Bürgermeisterin Helga Sams (Leibnitz Kult), für die nette kleine Veranstaltung gestern, in deren Rahmen ich sogar ein kurzes Stück vorlesen konnte – meine erste echte Lesung seit wie langer Zeit!

Bezug nehmend auf die gerade wieder hochkochende Kritik daran, wie die Regierung mit den kulturellen Einrichtungen in der Pandemie umspringt, war es dieser Auszug, den ich gelesen habe:

„In jenen Tagen sah ich eine Welt aus dem Meer steigen, die war
selbst wie das Meer: unvorstellbar kalt, unvorhersehbar, herzlos
rollte sie, Welle für Welle, auf uns zu. Zu Beginn der ersten Welle

schloss man zuerst die Kunst, dann die Wirtschaft – denn diese sei
systemrelevant, die Kunst nicht. So wurde die Wirtschaft, anders
als die Kunst, auch gleich wieder aufgesperrt, als die erste Welle

verflachte. Wir aus der Kunst empörten uns, jedoch vergebens.
Eingebunkert in unsere Bubbles simulierten wir noch immer mit
Bildschirmen Scheinwerferlicht, als draußen eine zweite Welle

noch einmal, härter, über die Welt und ihre Wirtschaft hereinbrach.

 

Und dies sah ich: Bei jeder neuen Welle hatte die Kunst noch zu
und die Wirtschaft schon offen, oder umgekehrt: die Wirtschaft
noch offen, die Kunst schon zu. Und dies: Nach der letzten Welle,

als die Bullaugen unseres Theatrons sich ganz ohne Erlass, ganz
zaghaft, wieder öffneten, waren alle Fabriken, Bazare, Parkgaragen
(und was sonst noch so zur Wirtschaft gehört hatte) menschenleer.

Und: Nur wir allein, die aus der Kunst, hatten die Sintflut überlebt.
Mag sein, dass uns auch Gott, wie die Welt, weil wir eben nicht
systemrelevant waren, einfach vergessen hatte. Wie auch immer.

An einem windstillen Strand nahmen wir die Masken ab, spielten.“

*

Die ersten Presseberichte:

Bettina Kuzmicki in der Kleinen Zeitung v. 17.03.2021:

Heribert Kindermann in Leibnitz Aktuell v. 16.03.2021:

Waltraud Fischer in Mein Bezirk v. 16.03.2021:

 

*

Mein Vorwort zu „In Zeilen wie diesen . magic spell“ ist der einzige Text, der im letzten Jahr deutlich gealtert ist. Im Juni schien Corona schon weit weg, und ich dachte, man müsse zukünftigen Leser*innen zumindest zwischen den Zeilen erklären, wie das Leben im Lockdown mit „Homeschooling“, Maskentragen usw. denn so abgelaufen ist … Wie wir heute wissen, war das gar nicht notwendig. Die Leser*innen in 50, 60 Jahren werden es mir vielleicht dafür danken. Dann sind wir hoffentlich auch alle schon geimpft.

„VORBEMERKUNG

Diese 20 Texte sind das Ergebnis eines Schreibauftrags, den ich im April 2020 von Klaus-Dieter Hartl erhalten habe. Die Aufgabe bestand ganz einfach darin, literarisch auf das, was rund um mich geschah – die Gegenwart! –, zu reagieren.

Meine Gegenwart war damals, wie die der meisten Menschen in Österreich und darüber hinaus, massiv geprägt von den Auswirkungen all der gegen das Corona-Virus getroffenen Maßnahmen. Wie die meisten Leute verbrachte ich die meiste Zeit zuhause, arbeitete im „Homeoffice“, versuchte mich als Lehrer meiner eigenen Kinder beim „Homeschooling“, ging mit Maske und erhöhtem Puls in den Supermarkt, joggte regelmäßig und schaute in der Zwischenzeit oft auf mein Smartphone, auf dessen Bildschirm sich tatsächliche und befürchtete Horrorszenarien sowie WhatsApp-Witze und -Botschaften von in die Ferne gerückten Nächsten die digitale Klinke in die Hand gaben.

In der Sprache des Alltags/der Medien wurde dieser Zeitabschnitt meist so genannt: „in Zeiten von Corona“, „in diesen Zeiten“ oder „in Zeiten wie diesen“.

So kam ich auf den Titel In Zeilen wie diesen und lieferte fünf Wochen lang jeweils, passend zur Jahreszahl, 20+20 Zeilen, geteilt in vier Kapitel à zehn, die ich – meist samstags – in der Galerie Marenzi vor Max Pratters Kamera las. Max‘ Videos wurden anschließend auf dem YouTube-Kanal von Leibnitz Kult veröffentlicht.

Klaus-Dieter und ich waren uns von Anfang an darin einig, dass In Zeilen wie diesen weder in der gerade boomenden Gattung (Corona-)Tagebuch noch im humoristisch-polemischen Fahrwasser von Zeitungskolumnen angesiedelt werden sollten. Stattdessen versuchte ich eine flexible, prosagedichtähnliche Form zu entwickeln, die sich am Niveau und teils auch an der Motivik der in diesen Zeiten, von März bis Juni, in der Galerie gezeigten bildnerischen Arbeiten Isa Riedls orientierte.

Im Gegensatz zur strengen äußeren Gestalt der Texte ist ihr Inhalt breit gestreut. Vergleichbar der kubistischen Ästhetik einiger Werke Isas werden die verschiedensten Perspektiven, Stimmen, Zitate, Splitter aus dem privaten, dem Leibnitzer und dem Weltgeschehen sowie nicht zuletzt ein Call and Response-Spiel mit Aspekten aus der Ausstellung Magic Spell zu einem formal kompakten Ganzen montiert.

 

Ich danke Klaus-Dieter Hartl, Max Pratter und dem Team von Leibnitz Kult herzlich für die kompetente Unterstützung und Isa Riedl für die inspirierenden Gespräche!

Andreas Unterweger, Juni 2020″

*

Direktlinks zu den 2020 aufgenommen Videos mit Lesungen und Gesprächen:

In Zeilen wie diesen 1 (mit Bonus-Song)
In Zeilen wie diesen 2 (mit einem Gespräch mit Isa Riedl)
In Zeilen wie diesen 3 (mit einem Gespräch mit Isa Riedl und Bonus Gedicht)
In Zeilen wie diesen 4 (mit einem Gespräch mit Isa Riedl)
In Zeilen wie diesen 5 (mit einem Gespräch mit Isa Riedl)

*

Das Buch ist in der Galerie Marenzi, in Draxlers Büchertheke in Leibnitz oder auch bei mir um 10 Euro erhältlich.

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