Andreas Unterweger

Salz 184 (5 Gedichte)

Posted in gedichte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 27. Juli 2021

Hier ist vor einem Jahr das Gedicht „Passabfahrt“ entstanden, das nun, gemeinsam mit vier anderen Gedichten, in Ausgabe 184 der Salzburger Literaturzeitschrift Salz veröffentlicht wurde.

Kuratiert von der Dichterin und manuskripte-Förderpreisträgerin Verena Stauffer versammelt Salz 184 unter dem Titel „Show“ Gegenwartslyrik (u.a. von Ann Cotten, Jana Volkmann, Verena Gotthardt, Franziska Füchsl, Hannah Bründl, Lukas Meschik, Sandra Gugić, Cvetka Lipuš, Paul Schömann und Caca Savic).

Sehr gelungen das Ganze und bislang eindeutig die zweitschönste österreichische Literaturzeitschriftenausgabe des Jahres! 🙂

Hier mehr über das Heft.
Danke für die Einladung, liebe Verena!

Drei meiner Gedichte aus dem Heft:

Flug LH2344

Hast du gesehen? Im frischen Schnee
der Wolkendecke unter uns
sind welche, die ein Sturz nicht schreckt,
in weiten Bögen, enger Spur,
über den ganzen Himmel kreuz und quer

Schi gefahren … Das also treibt sie um
hier oben – wo all das Geschrei
von unten, aus dem Tal („der Tiefe“?)
nach nichts anderem klingen mag als
„Hopp! Hopp! Hopp! Hopp! Hopp!“

*

Passabfahrt

Deine Engel auf den Motorhauben
kann ich nicht sehen, wohl aber die Libellen
jetzt, hier, am Teich, fern von der Passabfahrt
von damals. Siehst du, da ist eine

immer an deiner Seite, die steht in der Luft
Wache, wendet den Blick nicht ab, blinzelt
auch nie und hat ein, nein bis zu 30.000
Einzelaugen auf die verdammten Bremsen.

*

Jedes Mal beim Rasenmähen
träumt er davon auszusteigen
in Richtung einer Mietskaserne,
eines Gemeinde- oder Plattenbaus,
wo einer nicht daran gemessen
wird, denkt er, den Mäher fluchend
wendend, wie kurz sein Rasen ist.

Wie privilegiert sie doch sind,
denkt er dann auch immer und
meint damit, bei jedem Wenden
wieder, die – wie er sie nennt –
„so genannten Unterprivilegierten“.
Er stellt sie sich vor vor dem Fernseher
dösend oder mit einem Bier im Bett.

Dieselbe Sonne, die ihn quält, malt
dort, in seinem Tagtraum nämlich,
in die gewiss verrauchte Luft hinter
einem gewiss schmutzigen Fenster
Illusionen aus einem sehr, sehr milden
Gelb, das noch schöner ist als das des
Biers oder das Gelb der Sonne selbst.

Sie lieben sich, denkt er, in diesem
Gelb, lieben sich neben einem Foto
von Paris und einer offenen Packung
Chesterfield – nichts ist ihnen so fremd
wie das Herumschlagen mit Trimm-
und Fallhöhen oder womöglich Wörtern
wie Vertikutieren, Ironie, Gedicht.



Mein großer Freund Walter

Posted in Trauer by andreasundschnurrendemia on 8. Juli 2021

Mein lieber Freund Walter Lang ist gestorben.

Walter war Maler, Grafiker, Kurator, Radiomoderator, Rocksänger und viel mehr, ein richtiger Künstler.

Wir kannten uns seit 2005, als wir für Jutta Skokans und Franz Schuhs Kultursymposium „Oberösterreichische Kultur Vermerke“ in Gmunden das Programmheft gestalteten, er die Grafik, ich die Texte.
In seiner Gelassenheit wurde er mir zum Vorbild.

Danach waren wir gemeinsam als Verein kunst@werk aktiv und kuratierten, unterstützt von Ilse Weber, Ausstellungen wie „Vera Eikon. Reliquien“ (2006) oder „Weil das Schwarze immer gegen das Gelbe kämpft (2007)“, in denen neben Arbeiten zahlreicher junger Künstler*innen, die er immer aus ganzem Herzen unterstützte, auch seine eigenen Arbeiten gezeigt wurden.
Im Rahmen des von ihm initiierten kleinen Kunstfestivals „süße früchtchen“ (mit, u.a., Mark Scheibe und deep inc) …

deepinc.at/ in Walter Langs ehemaliger Galerie kunst.werk

… hatte ich 2006 meine erste Lesung im Café Kaiserfeld.
Diese Aktionen wurden in der Kleinen Zeitung, Kronen Zeitung und im Falter besprochen.

Walter gestaltete auch das Artwork für die EP „Morgen in Graz“ meiner Band ratlos im Stil seiner geliebten Graphic Novels …

Artwork von Walter Lang, Logo von Reinfried Blaha

… und stand uns bei der Präsentation der EP im Rahmen eines kleinen Mehrsparten-Festivals im ESC medien kunst labor mit vollem Einsatz zur Seite (in Matthias Jägers Video taucht er ca. bei 04:00, ein typisches Lächeln im Gesicht, in der Jakominigasse auf).


Mehrfach war ich in seiner Radio Helsinki-Samstagsmorgen-Sendung „Werkskantine“ zu Gast, wo er wöchentlich, unter Abspielen des ratlos-Songs „Brennnesseln“, die „Brennnessel der Woche“ für die größte Dummheit aus Politik oder Kultur verlieh. Er hatte immer recht mit seinem Urteil.
Beim Geburtstagsfest „10 Jahre Radio Helsinki“ haben wir den Song auch gemeinsam gesungen.

In seiner Sendung las er – freundlich, wie er war – regelmäßig auch aus den manuskripten.

2017 veröffentlichten wir, gemeinsam mit dem Grafiker Geko, auf seine Anregung hin das satirische, religionskritische Kunstbuch „Erlöstenresidenz Messias“

Walter und ich spielen „Erwachet“ im Durchgang zum Gastgarten des Café König. Auch er war oft ein großes Kind.

… das wir in der Galerie Roter Keil präsentierten.

Zeichnung von Walter Lang für „Erlöstenresidenz Messias“

Mit Walter zusammenzuarbeiten, war immer eine Freude. Wir hatten die angenehmsten Besprechungen aller Zeiten – immer in schönen Cafés, nie ohne Süßes. Auch wenn Förderungen ausblieben, auch wenn oft die Zeit fehlte, unsere Ideen in die Tat umzusetzen und auch dann, als ihn eine schwere Krankheit, der er mit der ihm eigenen Ruhe tapfer begegnete, zunehmend einzubremsen begann: wir hatten es immer lustig, es war immer ein Fest, mit ihm zusammenzusein.
Ich wünschte nur, ich hätte Zeit gefunden, ihn zumindest noch einmal auf eine heiße Schokolade und einen Apfelkuchen mit Schlag im Café König zu treffen.

Dieses Bild hat ein leeres alt-Attribut; sein Dateiname ist walter-lang.jpg.

Meine Gedanken sind bei seiner Familie, seinen Lieben.

Gute Reise, mein großer Freund.

rotahorn-Preis-Verleihung 2020

Posted in manuskripte, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Juli 2021

Herzlichen Glückwunsch zum rotahorn-Preis 2020, liebe Nava Ebrahimi und liebe Franziska Füchsl!

Hans Roth, Nava Ebrahimi, Franziska Füchsl, AU
(c) Saubermacher

Andreas Unterweger: „Rede zum rotahorn-Preis 2020“

Alfred Kolleritsch hat sich selten wiederholt, aber wenn er sich wiederholte, dann war das, was da wiederholt wurde, besonders wichtig – genauer gesagt: besonders richtig.

Zu diesen besonderen Wahrheiten gehörten Aphorismen wie „Man merkt die Absicht und ist verstimmt“ (angesichts von allzu durchsichtigen Texten oder Geschenken von Autor*innen)

oder

„Ich bin dankbar für jeden, der schlecht schreibt“ (angesichts der Textberge auf seinem Schreibtisch).

Eine weitere Wahrheit, die er mehrmals im Jahr, und nicht nur in den Tagen um die rotahorn-Jurysitzung und die rotahorn-Preisverleihung wiederholte, war folgende:

„Das ist wirklich ein lieber Kerl, der Roth.“

Wobei der Wortlaut variieren konnte:

„Der Roth ist wirklich ein Lieber.“

Obwohl sie in völlig verschiedenen Lebensbereichen reüssierten, hatten Alfred Kolleritsch und Hans Roth viele Dinge und Eigenschaften gemeinsam – und damit meine ich nicht nur das, was man als „südoststeirischen Sinn für feinen Humor“ oder „südoststeirische Lebenslust“ nennen könnte. Im rotahorn-Preis verschmilzt das Beste aus ihrer beiden Welten, um aus unserer Welt eine bessere zu machen.

Der rotahorn-Preis war das Geschenk Hans Roths zu Alfred Kolleritschs 80. Geburtstag. Ein Geschenk, das es Kolleritsch erlaubte, damit andere zu beschenken. Als jemand, der es zu einem Teil seines gewaltigen Lebenswerks gemacht hatte, Schreibende zu unterstützen, war ein medienwirksamer Förderpreis für Autor*innen, die noch eher am Anfang ihres Weges stehen oder zu Unrecht unterschätzt geblieben sind, ein wunderbares, geniales, ja, das richtigste Geschenk.

Ich bin sehr glücklich, dass der rotahorn weiterhin ein fixer Bestandteil im Jahreskreis der manuskripte bleiben kann. Wie die Bücher, die er geschrieben hat, wie die manuskripte, die Zeitschrift, die er mir anvertraut hat, reicht auch der rotahorn-Preis über die Lebensdaten Alfred Kolleritschs hinaus – er ist Teil seines ihn selbst überdauernden Lebenswerks, Teil seines Vermächtnisses.

Neulich habe ich mich im Büro dabei ertappt, wie ich die Wiederholung AKs selbst wiederholt habe: „Sehr lieb, der Hans Roth“. Das wiederhole ich gerne auch hier: „Es ist wirklich sehr lieb von Hans Roth, dass er weiterhin die Literatur, die Autor*innen und die manuskripte unterstützt“. Dankeschön!“

(c) Saubermacher

Offizielle Presseinformation mit Jury-Begründungen:

Die Preisträger des Hans Roth Literaturpreises „rotahornstehen fest. Den Hauptpreis

erhielt Nava Ebrahimi, mit dem zweiten Preis wurde Franziska Füchsl geehrt. Die beiden Autorinnen überzeugten die Fachjury mit ihrem literarischen Können. Kulturlandesrat Mag. Christopher Drexler und der Grazer Kulturstadtrat Dr. Günter Riegler überreichten die Prämierungen im Theater im Lend in Graz.

Nava Ebrahimi und Franziska Füchsl wurden aus einer hochklassigen Shortlist talentierter Lyrik und Prosa-Autor*innen ermittelt, die ein Naheverhältnis zu den „manuskripten“ pflegen.

Die Fachjury, bestehend aus den Autor*innen Barbara Frischmuth, Valerie Fritsch und Andreas Unterweger, dem Germanisten Julian Kolleritsch sowie den Kulturjournalisten Werner Krause, Christoph Hartner und Heinz Sichrovsky, lobte in ihrer Begründung die literarischen Leistungen:

Begründung für Nava Ebrahimi

Nava Ebrahimi schreibt sorgfältig konstruierte Erzählungen auf exakt formulierter sprachlicher Basis, die jeden ihrer Protagonisten mit seinem eigenen Akzent zu Wort kommen lässt. Ihre Plots und Figuren kreisen um die brandaktuellen Themen Herkunft und Identität, die sie in ihrer globalen Tragweite auszuleuchten weiß. Dabei gelingt der in Teheran geborenen Grazerin das Kunststück, Romane zu schreiben, die der Komplexität und Widersprüchlichkeit unserer Gegenwart gerecht werden und dennoch ein Lesevergnügen darstellen.

Begründung für Franziska Füchsl

Franziska Füchsl ist eine sprachliche Feinmechanikerin, die im Grenzbereich von Lyrik und Prosa poetisches Neuland erschließt. Geschult an den Arbeiten von Oswald Egger und Peter Waterhouse verwebt die Oberösterreicherin rares Vokabular, grafisch-formale Elemente und rhythmische Hypersensibilität zu höchst eigenständigen sprachlichen Gebilden. Dinge werden zu Worten, und aus den Worten entsteht eine neue Welt – selbst wenn man die Worte nicht immer auf Anhieb versteht. Kurz: Eine belebende Abwechslung im Einheitsbrei der Gegenwartsbelletristik!

Der als Förderpreis konzipierte „rotahorn“ wird mit 5.000 Euro dotiert – 3.000 Euro für den ersten und 2.000 Euro für den zweiten Preis. Die Jury nominiert Preisträger*innen aus dem Pool der Autor*innen, die in den „manuskripten“ publizieren bzw. sich für eine Publikation bewerben.

Für eine lebenswerte Umwelt – für eine lesenswerte Literatur

Die Saubermacher Dienstleistungs AG setzt sich im Rahmen ihrer Kernaufgaben seit 40 Jahren nachhaltig für eine lebenswerte Umwelt ein. Für Hans Roth, Gründer des Unternehmens, gehört zu einer lebenswerten Umwelt auch eine lesenswerte Literatur.

Mit dem „rotahorn“ bereichert seit 2011 ein Literaturpreis, initiiert von Hans Roth, die

österreichische Kulturlandschaft. Die Auswahl der Preisträger*innen erfolgte in enger

Zusammenarbeit der Literaturzeitschrift „manuskripte“.

Hans Roth, Aufsichtsratsvorsitzender der Saubermacher Dienstleistungs AG: „In der

Steiermark und ganz Österreich gibt es viele Nachwuchstalente, die im Verborgenen

schöpferisch tätig sind. Mit dem rotahorn möchten wir diesen Literaturschaffenden eine

gesellschaftliche Blatt-Form bieten.“

manuskripte: Die Literaturzeitschrift im 61. Lebensjahr, gegründet von Alfred Kolleritsch (†) und nun herausgegeben von Andreas Unterweger, erscheint vierteljährlich. Publiziert werden ausschließlich unveröffentlichte Texte.

Mit Stadtrat Günter Riegler und Landesrat Christopher Drexler
(c) Saubermacher