Andreas Unterweger

manuskripte 232 – Marginalie

Posted in manuskripte by andreasundschnurrendemia on 16. August 2021

Marginalie

Zu den eindringlichsten Momenten meiner Zusammenarbeit mit Alfred Kolleritsch zählten seine Telefonate mit Friederike Mayröcker. Meist war sie es, die anrief.

„Fredy!“, wisperte sie – deutlich hörbar, denn das Telefon war immer laut gestellt. „Fritzi!“, antwortete er. „„Fredy …“ „Fritzi …“ „Fredy …“ „Schreibst du wohl noch?“ „Ja, ich schreibe. Und du, schreibst du?“

Es hat mich jedes Mal tief berührt, wie sich diese beiden literarischen Allzeitgrößen, über die im Alter unüberwindlich gewordene Distanz zwischen Graz und Wien hinweg, ihres Weiterlebens versicherten, das für sie immer gleichbedeutend mit Weiterschreiben war.

Alfred Kolleritschs Tod war ein schwerer Schlag für Friederike Mayröcker. Das gab sie mir am selben Telefon, in einem langen, dennoch wortarmen Gespräch, zu verstehen. Als sich Anfang Juni die traurige Nachricht verbreitete, dass sie ihrem Fredy ins Unerreichbare gefolgt war, fiel mir eines ihrer Gedichte aus manuskripte 221 ein. Laut ihrer Datierung hatte sie es fast auf den Tag genau drei Jahre zuvor geschrieben.

„I’ll charm the air“, heißt es darin – ein Zitatsplitter aus Macbeth, den sie, verschmitzt oberflächenübersetzend, in die unmittelbare Umgebung ihres Gedichts, „duftende Lindenbäume“, transponiert hatte: „ich werde die Lüfte umschwärmen“.

Shakespeares Vers („I’ll charm the air to give a sound“) lässt sich freilich vor allem als poetische Kurzdefinition von Dichtung (und nicht zuletzt der ihren!) verstehen: mit (Atem-)Luft der banalen Umwelt ihre Zauber entlocken, der Materie eine Stimme verleihen, dem Leben selbst Leben einhauchen …

Auf den folgenden Seiten finden sich „luftge Weisen“ (so lautet die Stelle in der klassischen Übersetzung von Dorothea Tieck) in der ganzen, faszinierenden Vielfalt der Gegenwartsliteratur. Die Bandbreite reicht von der zauberhaften Mayröcker-Hommage des Büchner-Preisträgers Clemens Setz über Ulrike Draesners spracharchäologisches Meisterwerk Doggerland bis hin zu Michael Donhausers Poetik des Schlamms; die „komisch-logisch-ikonische“ Rede im Debüt von AMOS+YPE findet darin ebenso Platz wie Sandra Gugićs „Enthusiastin des Gewöhnlichen“.

Christian Thanhäusers grafische Interventionen kreisen kongenial um zwei der vielen Pole: die in Doggerland aufbrechenden (Ge-)Schichten zum einen und seine Erinnerung an die Herbarien des Jahrhundertdichters H.C. Artmann zum anderen.

Im Zentrum des Heftes gratulieren wir Barbara Frischmuth, der Grande Dame der manuskripte-Geschichte, zu ihrem runden Geburtstag. Beschenkt hat freilich sie uns: mit neuen Gedichten. Charming!

Andreas Unterweger

Einen Teil der Marginalie habe ich bei der Präsentation der manuskripte 232 am 13.08.21 auf den Schlossbergterrassen der Hotels Kai 36 und Schlossberghotel vorgelesen. Bericht dazu folgt in Kürze.
Cover der manuskripte 232 von Christian Thanhäuser, Doggerland. Dreifarbiger Föhrenholzschnitt, Handpressendruck auf Büttenpapier, 2021

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