Andreas Unterweger

Laure Gauthier „kaspar aus stein“ (Edition Thanhäuser 2021)

Posted in kaspar aus stein by andreasundschnurrendemia on 12. September 2021

Große Freude, da dieser Tage in der immerschönen Edition Thanhäuser Laure Gauthiers poetische Erzählung „kaspar aus stein“ erscheint.

Ein toller, aufregender Text, grafisch (kon-)genial illustriert durch Holzschnitte von Christian Thanhäuser, und von mir mit Freude, Herzblut und einem ÜbersetzerInnen-Stipendium der Literar Mechana übersetzt.

Lesungen daraus gibt es demnächst:

Am 1.10. lesen Laure Gauthier und ich im Kultum, Graz (gemeinsam mit Emily Artmann),
am 7.10. bei der Poesiegalerie Wien aus dem Buch (s. Termine, rechts).

Eine Leseprobe fand sich vorabgedruckt in manuskripte 222.

Die Reaktion der Autorin im Original – und in der immer wieder lustigen Übersetzung von Facebook:

Vielen Dank, liebe Laure!

Hier mein „Postgesicht„, neben dem von Laure Gauthier (Mid-May in Paris, 2019):

Und hier mein Nachwort:

Nachbemerkung des Übersetzers

kaspar de pierre, 2017 bei La lettre volée erschienen, ist gemäß seiner Autorin „eine poetische Erzählung, die Kaspar Hauser, dem nach 17 Jahren Gefangenschaft, 1828 vor den Toren Nürnbergs rätselhaft aufgetauchten Findling, eine Stimme verleiht“.

Der Text arbeitet die historischen Grundlagen auf und wendet sich gegen Auswüchse des Kaspar-Hauser-Mythos – die Autorin sieht darin Merkmale der „spätmodernen Gesellschaft“ vorweggenommen: „den Hunger nach Schlagzeilen, die Faszination vor dem Missbrauch und der Ikonisierung des Individuums“. Anders als in den meisten bisherigen Darstellungen Kaspar Hausers wird die Hauptfigur weder als kognitiv eingeschränkt noch als ideale Projektion für Poeten dargestellt, sondern als „normales“, aber misshandeltes Kind.

Zudem unternimmt der Monolog den paradoxalen Versuch, das sprachliche Porträt der Sprach- und Subjektlosigkeit einer Figur wie Kaspar Hauser abzubilden. In den Ich-Sätzen kaspars finden sich an jenen Stellen, wo das grammatikalische Subjekt stehen sollte, Leerstellen, und wenn sich der Sprecher ab und an doch zu einem Wort für sich selbst durchringt, so artikuliert er verfremdete Störlaute (etwa „erch“ statt „ich“; frz.: „jll“ statt „je“). Damit wird (kaspars) Spracherwerb, sprich: Sozialisierung und Konditionierung, nicht zuletzt in der Beschaffenheit der Sprache, in der kaspar davon berichtet, abgebildet.

Hinter kaspars Leerstellen und Nonsenslauten könnte man die utopische Möglichkeit einer Wahrnehmung, die nicht durch Systeme wie Sprache und Gesellschaftsordnung vorge- und dadurch verformt ist, vermuten. Die Autorin spricht freilich lieber von einem „Raum der Wachsamkeit“, der sich durch die Diskrepanz zwischen der subjektiven Perspektive und anderen, „unpersönlichen“ Blickwinkeln (wie jenem der Wolke oder der Steine) auftue. Diesem wohne nicht zuletzt eine politische Dimension inne.

Damit wird in kaspar de pierre eine ähnliche Stoßrichtung sichtbar, die schon Gauthiers Bücher Je neige (entre les mots de villon) (Ich schneie [zwischen den wörtern villons], LansKine 2018), La cité dolente (Die leidende Stadt, Chatelet-Voltaire 2015)und marie weiss rot / marie blanc rouge (Delatour-France, 2013) prägte. In letzterem, von Gauthier in der Fremdsprache Deutsch verfasst und von Übersetzer Laurent Cassagnau, einem Französisch-Muttersprachler, zurück ins Französische übersetzt, zeichnet sich der utopische Raum, der auch in kaspar aufblitzt, in der herbeigesehnten „Sprache III“, einerdirekten Kommunikationsform, die keiner Übersetzung bedarf, ab.

Tatsächlich bildet kaspar de pierre laut seiner Autorin gemeinsam mit La cité dolente und marie weiss rot / marie blanc rouge einen Zyklus, den sie „Trilogie der Transparenz“ nennt.

Laure Gauthiers wortsezierende Sprachskepsis, ihre Abneigung gegen verbale Vorfabrikate und ihre beständige, die Grenzen zur Verständlichkeit bewusst überschreitende Suche nach frischen, unverbrauchten Formulierungen und Bildern machen klar, dass einige ihre wesentlichsten Vorbilder in der deutschsprachigen, insbesondere der österreichischen Literatur zu finden sind.

Neben Elfriede Jelinek, mit deren Werk sich Gauthier auch wissenschaftlich intensiv auseinandergesetzt hat, drängt sich der Gedanke an Peter Handkes Frühwerk auf, etwa das Drama kaspar, das Wittgensteins Sprachphilosophie und den ihr innewohnenden Zweifel systematisch durchexerziert. Auf sprachlich-stilistischer Ebene mag man Friederike Mayröcker, H.C. Artmann oder auch Thomas Kling als mögliche Bezugspunkte ausmachen.

„Komplexe Überlagerungen“ also, die – laut dem Pariser Literaturwissenschaftler Bernard Banoun – „das Anbrechen eines intermedialen und experimentellen europäischen Schreibens“ bedeuten könnten.

Andreas Unterweger

*

„kaspar aus stein“ ist im Buchhandel und bei der Edition Thanhäuser erhältlich.

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