Andreas Unterweger

„aus fischhaut, aus stein“. Mit Laure Gauthier und Emily Artmann im Kultum Graz, 1.10.21

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 30. September 2021

Auf Einladung von Barbara Rauchenberger gestalteten Christian Thanhäuser und ich den ersten „LITERATUR HOTEL“-Abend im Kultum, dem Kulturzentrum bei den Minoriten in Graz: 1.10.2021, 19 Uhr.
Laure Gauthier las aus der von mir übersetzten poetischen Erzählung „kaspar aus stein“ (Edition Thanhäuser 2021), Emily Artmann aus ihrem ersten Gedichtband „ein mantel aus fischhaut“ (ebenfalls Edition Thanhäuser 2021).
Über die Gemeinsamkeiten, die die Protagonisten dieses Abends verbanden, habe ich einen Essay für die Programmzeitung des Kultum geschrieben (s. ganz unten), zuvor aber der Abend als Stummfilm mit stehenden Bildern (abgesehen vom ersten Foto: (c) Kultum Graz via Instagram mit bestem Dank an Andrea Hopper).

Rezeption des Literaturhotels im Kultum Graz
Barbara Rauchenberger begrüßt mit einem schönen Text:
„Herd und Hotel sind wortgeschichtlich miteinander verwandt.
Die Wortwurzel reicht tief und stillt den alten Nährboden der Poesie. Es liegt also nahe, Hotel und Poesie gemeinsam in den Mund zu nehmen, auch wenn der Herd im Hotel meist nur mehr in Gestalt eines Heizkörpers in den diversen Zimmern angebracht ist und allein das Fünf-Sterne-Hotel eventuell über ein Zimmer mit Kamin verfügt.
Die Zahl der Sterne, die am Hoteleingang angebracht sind und die wir mühelos am helllichten Tag und ohne nach oben
blicken zu müssen, erfassen können, hat vielleicht noch etwas mit dem Rauch zu tun, der ursprünglich aufstieg beim
Entzünden des Herdfeuers und wohl auch beim Herstellen einer Verbindung von Erde und Himmel.
Das also wären die groben Eckbilder, die mich zum Titel und zum Format dieser Reihe bewegten. Ein Versuch also, der
Poesie auf die Sprünge, die Reise zu helfen mit den Mitteln, die diesem Haus eben zur Verfügung stehen, wie RAUM und ZEIT und halbwegs Flüssiges (Was auch immer Sie sich jetzt darunter vorstellen…)
Daher: Meine Freude ist wirklich groß, dass der erste Abend in dieser jung „gebauten“ Reihe bereits zwei STERNBILDER in Aussicht stellt, die 1. NEUERSCHEINUNGEN sind und 2. „auf den ersten Blick wenig, auf den zweiten umso mehr gemeinsam haben“, wie es Andreas Unterweger einleitend formuliert, den ich herzlich willkommen heiße gemeinsam mit Christian Thanhäuser und den zwei Autorinnen Laure Gauthier und
Emily Artmann.“
Ich stelle Emily Artmann vor und zeige dabei die erste Veröffentlichung ihres Vaters H.C. Artmann in den manuskripte Nr. 2 (1961).
Der Künstler und Verleger Christian Thanhäuser, Star des Abends, später unterhaltsamer Erzähler, hier noch still strahlend.
Laure Gauthier liest aus „kaspar aus stein“.
Ich lese aus „kaspar aus stein“.
Podium …
… und Diskussion.
Noch nicht im Bild: die rege Teilnahme Publikums, das den Run auf Büchertisch sowie Wein- und Brezelbuffet erfreulich lange hinauszögerte.

Zur Ankündigung der Lesung habe ich folgenden Essay für die Programmzeitung der Minoriten geschrieben:

aus fischhaut, aus stein

So versammelt Ein mantel aus fischhaut, der erste Gedichtband der Wiener Cutterin und Filmemacherin Emily Artmann, an die 130 meist kurze Gedichte, kaspar aus stein, das erste ins Deutsche übersetzte Buch der Pariser Autorin und Germanistin Laure Gauthier, stellt hingegen eine in sich geschlossene „poetische Erzählung“ dar. Ein weiterer Unterschied: Gauthiers Arbeit kreist um eine einzige Figur, Kaspar Hauser, während sich Artmann Gedicht für Gedicht einer anderen Persönlichkeit widmet, von Meister Eckhart bis Madonna Luigina.

Andererseits handelt es sich bei beiden Büchern um Spielarten des literarischen Porträts. Auch wurzeln sie gleichermaßen in akribischer Recherche. Und bei wiederholter Lektüre entpuppt sich Gauthiers Einzelporträt als Wirbel verschiedener Stimmen, während Artmanns Gruppenporträt in seiner homogenen Tonalität zunehmend an ein durchgehendes langes Gedicht erinnert.

Die auffälligste Gemeinsamkeit der beiden wunderschön gestalteten Bücher sind freilich die Illustrationen des Künstler-Verlegers Christian Thanhäuser. Diese stammen unverkennbar aus einer Hand, obwohl sie höchst unterschiedlich ausfallen. Während die kaspar aus stein begleitenden Holzschnitte, ausgehend von einem ersten, gesichtslosen Bruststück, in immer tiefgründigere Details zu drängen scheinen (bevor sich der Kreis in einem Bruststück mit Gesicht wieder schließt), atmen die Kopf- und Schulterstücke aus in einem mantel aus fischhaut eine gewisse Leichtigkeit – kein Wunder, sind sie doch mit feinen Strichen auf die Rückseiten alter Briefmarken gezeichnet.

Stimme(n) des Findlings

Laure Gauthiers kaspar de pierre erschien 2017 – als drittes ihrer mittlerweile fünf Bücher. Sie habe „Kaspar Hauser, dem nach 17 Jahren Gefangenschaft, 1828 vor den Toren Nürnbergs rätselhaft aufgetauchten Findling, eine Stimme“ verleihen wollen, meint die Autorin.

In ihrem Buch wendet sich die 1972 in Courbevoie geborene Dichterin gegen Auswüchse des Kaspar-Hauser-Mythos, in denen sie Merkmale der „spätmodernen Gesellschaft“ wie den „den Hunger nach Schlagzeilen“ oder „die Faszination vor dem Missbrauch“ vorweggenommen sieht. Anders als in den meisten Darstellungen wird die Hauptfigur weder als kognitiv eingeschränkt noch als Projektion für Poeten dargestellt, sondern als „normales“, aber misshandeltes Kind.

Zudem unternimmt der Text, eine hypnotisierende Abfolge von Vers- und Prosa-Passagen, den paradoxalen Versuch, das sprachliche Porträt der Sprach- und Subjektlosigkeit seiner Hauptfigur abzubilden. In den Ich-Sätzen kaspars finden sich statt des grammatikalischen Subjekts Leerstellen, und wenn sich der Sprecher doch zu einem Wort für sich durchringt, so artikuliert er Störlaute wie „erch“ statt „ich“. Damit wird (kaspars) Spracherwerb, sprich: Sozialisierung und Konditionierung, nicht zuletzt in der Beschaffenheit der Sprache, in der davon berichtet wird, abgebildet.

Laure Gauthiers wortsezierende Sprachskepsis, ihre Abneigung gegen verbale Vorfabrikate und ihre Suche nach unverbrauchten Formulierungen machen klar, dass einige ihrer Vorbilder in der deutschsprachigen, v. a. österreichischen Literatur zu finden sind.

Neben Elfriede Jelinek, mit deren Werk sich Gauthier auch wissenschaftlich auseinandergesetzt hat, drängt sich der Gedanke an Peter Handkes Frühwerk auf, etwa das Drama kaspar, das Wittgensteins Sprachphilosophie systematisch durchexerziert. Auf sprachlich-stilistischer Ebene lässt sich Friederike Mayröcker als Bezugspunkt ausmachen – und auch Österreichs Jahrhundertdichter H.C. Artmann mag Pate gestanden sein.

Schillern der Schuppen

Dessen 1975 in Salzburg geborene Tochter Emily war bislang im Medium Film zu Hause – man denke nur an ihre Doku Der Wackelatlas – Sammeln und Jagen mit H.C. Artmann (2001).

In ihrem literarischen Debüt versammelt die Wienerin kurze lyrische Porträts von Persönlichkeiten aus der Kulturgeschichte, die formal einem klaren Konzept folgen: Der Titel setzt sich jeweils aus Namen und Lebensdaten zusammen, also etwa Meister Eckhart / 1260-1326. Die Titelfigur wird im Gedicht vom lyrischen „ich“ mit „du“ angesprochen. Auswahl und Reihenfolge vermengen, einer Art Traumlogik folgend, Hoch- und Trivialkultur, Gegenwart und Historisches: der Apatschenhäuptling Geronimo steht neben Nikolaus von Mira, Neil Young neben der romantischen Schriftstellerin Sophie Mereau. „Sympathisch“ mussten ihr die Figuren sein, so die Autorin, außerdem habe sie auf ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis geachtet.

Obwohl es Artmann versteht, ihre Held*innen durch Zitate und konkrete biografische Elemente plastisch hervortreten zu lassen, gewinnt man ab und an den Eindruck, nicht sie allein würden angesprochen. Die Gestalten scheinen zu verschwimmen, stellenweise ist man verführt, dahinter dem lyrischen Ich näherstehende Personen zu erahnen. Dies bringt die Gedichte auch im Einzelnen, abgesehen von ihrer vielfältigen Summe, zum Schillern.

Der Vergleich mit der Poetik des Vaters Artmann ist allzu naheliegend, aber wohl nicht ganz falsch. Tatsächlich erinnert das Konzept an dessen Band gedichte von der wollust des dichtens in worte gefaßt (1989), in dem vordergründig Orte porträtiert werden und Ortsnamen die Gedichttitel bilden.

Handelt es sich bei in einem mantel aus fischhaut also um eine Hommage an den Vater? Bestimmt nicht nur. Aber es ist wohl auch kein Zufall, dass der Titel des Erstlings seiner Tochter aus dem Gedicht namens H. C. Artmann / 1921-2000 entlehnt ist.

So ist es also nicht zuletzt das Werk des mehrfachen Thanhäuser-Autors H.C. Artmann, das die verbindende Klammer dieses Abends darstellt. Ihn Ende der 90er in den Minoriten live erlebt zu haben, ist eine meiner liebsten Erinnerungen an Lesungen. Wenn ich mich nur lange genug durchs Fossilienkabinett meines Gedächtnisses träume, fällt mir womöglich noch ein, dass er auch ein Gedicht über einen Stein, auf dem sich eine Fischhaut abzeichnet, vortrug.

Andreas Unterweger

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