Andreas Unterweger

manuskripte 235 – Marginalie

Posted in #standwithukraine, manuskripte by andreasundschnurrendemia on 1. April 2022

Meine Marginalie zu Heft 235 der manuskripte, das am 31.03. im Forum Stadtpark präsentiert wurde:

Marginalie

Angesichts des Krieges in der Ukraine wird alles andere zur Marginalie. Die Literatur – zumal solche, wie wir sie in den manuskripten präsentieren – ist es freilich gewohnt, vom Rand her zu sprechen, und selbst wenn sie in Krisenzeiten noch weiter aus dem Zentrum der allgemeinen Aufmerksamkeit rückt, so mag sie der/dem einzelnen Lesenden doch umso mehr bedeuten.
Ich denke dabei an die Verse des ukrainischen Romantikers Taras Schewtschenko, die laut Serhij Zhadan, manuskripte-Autor der Ausgaben 210 und 217, unter den Menschen, die mit ihm gemeinsam in der belagerten Stadt Charkiw ausharren, allgegenwärtig sind.
Oder an die Gedichte, die sich ein politischer Häftling in Belarus ins Gefängnis schicken ließ. Eigentlich sei er gar kein Freund von Poesie gewesen, schreibt Volha Hapeyeva in ihrem jüngst mit dem Wortmeldungen-Preis ausgezeichneten Essay, aber: „Das half ihm, dort zu überleben.“
So gesehen ist die Frage, was unsereins, der doch „nur“ mit und für die Literatur arbeitet, denn schon tun könne, nur scheinbar eine rhetorische: Ja, wir können etwas tun, und wie so vieles, das nicht genug ist, bleibt „weiterschreiben“ eine valide Antwort.

Aber auch „weiterlesen“ ist eine solche, etwa im Rahmen von Benefiz-Veranstaltungen.
Nur wenige Tage nach dem Ausbruch des Krieges wurde die Online-Lesung Unter freiem Himmel gemeinsam von Hermes Baby, einer Plattform für junge Journalist*innen, und manuskripte veranstaltet. Dabei kamen Autorinnen aus der Ukraine, Belarus, Russland und deutschsprachige Kolleg*innen mit Bezug zu diesen Ländern zu Wort. Ein Zusammenlesen und -halten, über die Grenzen sich bekämpfender Staaten hinweg.
Bei unserer Online-Lesung wurde zu Spenden für die Volkshilfe und n-ost – border crossing journalism aufgerufen. Die entsprechenden Kontonummern sowie eine Videoaufzeichnung der Veranstaltung finden sich auf dem YouTube-Kanal der manuskripte.

Einige der gelesenen Texte, darunter ein unmittelbar nach Kriegsbeginn von der ukrainischen Lyrikerin Halyna Kruk geschriebenes und von Chrystyna Nazarkewytsch (Literaturstipendium des Landes Steiermark 2022) übersetztes Gedicht, bilden den Auftakt der vorliegenden Ausgabe.
Auch die Dankesreden der Gewinnerinnen des rotahorn-Preises 2021 fügen sich in dieses Kapitel ein, war doch auch die Preisverleihung von Friedensappellen und Solidaritätsbekundungen mit der Ukraine geprägt.
Im weiteren Heftverlauf springen neue Kooperationen ins Auge, über die wir uns sehr freuen: mit dem Institut für Sprachkunst der Universität für angewandte Kunst Wien, mit dem Forum Stadtpark, der Online-Plattform Poesiegalerie und dem Schweizer Literaturpreis Textstreich.
Auf ihre Weise zeugen auch diese Partnerschaften vom friedlichen, oft genug fröhlichen Mit- und auch Durcheinander der Menschen, getragen von der Idee des Dialogs, der weder hier noch in größerem Rahmen je enden darf.

Andreas Unterweger, 13.03.2022

Cover: Stefanie Moshammer/Gabriel Proedl

Die manuskripte 235 mit Beiträgen von Anna Baar, Hannah Bründl, Eva Brunner, Tadeusz Dąbrowski, Florian Dietmaier, Jennifer Eckert, Freda Fiala, Matthias Göritz, Christian von der Goltz, Volha Hapeyeva, Wolfgang Hermann, André Hille, Jürgen Hosemann, Kornelia Koepsell, Halyna Kruk, Sarah Kuratle, Vasyl Lozynsky, Gerhard Melzer, Thea Mengeler, Regina Menke, Guillaume Métayer, Alexander Micheuz, Lydia Mischkulnig, Fiston Mwanza Mujila, Johanna Öttl, Gabriel Proedl, Mario Schlembach, Nora Schramm, Peter Semolič, Cordula Simon, Lisa Spalt, Tabea Steiner, Andreas Unterweger, Janin Wölke sind im manuskripte-Webshop erhältlich – erstmals auch als E-Paper!

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*Bericht folgt.

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