Andreas Unterweger

„Gute Kunst ist immer selbst ein Ausweg“ – Interview literaturoutdoors.com

Posted in So long, Annemarie, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. August 2022

Walter Pobaschnig hat mir 5 Fragen gestellt und samt Antworten auf seinem Blog literaturoutdoors.com veröffentlicht – vielen herzlichen Dank!

Das Interview ist hier in der Originalfassung oder unten nachzulesen.

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5 Fragen an KünstlerInnen zur Gegenwart

Lieber Andreas, wie sieht jetzt Dein Tagesablauf aus?

Es ist ein ständiges Hin und Her. Oder eigentlich nur ein Hin. Viele verschiedene Aufgaben, nein, Hingaben. Mit der Katze zum Frühstück, mit den Kindern in die Schule, mit dem Zug nach Graz, mit dem Fahrrad in die Innenstadt. Schreibkaffee im Café Ducks, Arbeitskaffee in der manuskripte-Redaktion, Besprechungskaffee im Café König. Selten mittags, meist nachmittags, manchmal nachts mit dem Zug nach Hause, nach Leibnitz. Wann immer es möglich ist, abends die Kopfhörer auf und zum Laufen hinaus, in die Felder.

Früher, in Niederösterreich, habe ich über mehrere Jahre hinweg außer der engsten Familie und meinem Laptop eigentlich kaum jemanden gesehen, jetzt begegnen mir täglich viele Menschen: meine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in der Redaktion, manuskripte-Autorinnen und -Autoren, Styria-Artists-in-Residence des Landes Steiermark, die ich während ihres Aufenthaltstipendiums in Graz betreuen darf, Kolleginnen und -kollegen aus diversen Jurys, Journalisten, Kuratorinnen, Kulturamtsdirektoren, Galeristen, Schuldirektorinnen, Lehrerinnen, alte Schulfreundinnen und -freunde, neue Schulfreundinnen und Freunde (die der Kinder nämlich), deren Eltern usw. usf.

Sobald ich einmal allein bin, schreibe ich einen Gedichtanfang auf einen Einkaufszettel oder ein paar Satzfetzen auf ein Kuvert. Mein Roman „So long, Annemarie“, der eben bei Droschl erschienen ist, hat 2017 so begonnen und mich dann jahrelang in jeder freien Minute begleitet. Interessanterweise hat mir das Schreiben in dieser Zeit eher Kraft gespendet als geraubt. Vermutlich habe ich die anderen Dinge mit diesem Ziel vor Augen einfach schneller und effizienter machen können.

Was ist jetzt für uns alle besonders wichtig?

Viel trinken, Abstand halten, Energie sparen? Vor allem aber wird – weiterhin und wie immer – jede und jeder wieder und wieder herausfinden müssen, was für sie/ihn selbst gerade besonders wichtig ist.

Vor einem Aufbruch und Neubeginn werden wir jetzt alle gesellschaftlich und persönlich stehen. Was wird dabei wesentlich sein und welche Rolle kommt dabei der Literatur, der Kunst an sich zu?

Ich spreche ungern für „uns alle“, schließlich bin ich kein Politiker, auch kein selbsternannter. Vielleicht wäre schon das wesentlich: wenn nicht alle immer für andere, schon gar nicht für alle anderen, sprechen zu müssen glaubten.

Es fällt mir auch schwer, der Kunst in ihrer galaktischen Vielfalt eine bestimmte Rolle zuzuweisen. Nach meinen Erfahrungen scheint mir die Aufgabe oder der Sinn von Kunstwerken jedenfalls nicht unbedingt nur darin zu liegen, Auswege aus konkreten Notlagen aufzeigen. Gute Kunst ist aber immer selbst ein Ausweg.

Was liest Du derzeit?

Ich hatte gerade eine Woche Urlaub. Statt der 18 zeitgenössischen Romane für kommende Jurysitzungen, die ich eingepackt hatte, habe ich mir ein älteres Sachbuch aus dem Bücherschrank der Berghütte geholt: Reinhold Messner, Antarktis. Himmel und Hölle zugleich. Auch ein Ausweg.

Welches Zitat, welchen Textimpuls möchtest Du uns mitgeben?

Das Verspaar „Sag mir etwas, / das nicht verschwindet“ von Alfred Kolleritsch. Es kommt mir in letzter Zeit immer häufiger in den Sinn, ob ich nun anderen zuhöre oder mir selbst.

Verschwinden des Schattens in der Sonne, August 2022

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