Andreas Unterweger

Micropoetica (zu Peter Handke, Olga Tokarczuk u. a.)

Posted in Das gelbe Buch, manuskripte, Mikroessays, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 11. Oktober 2019

Mehr als nur ein Zufall, nämlich zwei Zufälle: In einem Vortrag über das (und mein) Schreiben von kurzen Prosaformen, den ich vor 8 Jahren im Literaturhaus Lettrétage in Berlin-Kreuzberg gehalten habe (erstveröffentlicht in manuskripte 194) tauchen gleich beide Nobelgepriesene von gestern auf.

Wenn ich meinen Aufzeichnungen trauen kann, habe ich von Olga Tokarczuk gelernt, wie ein Roman auch aussehen kann (wichtig etwa für Das gelbe Buch). Und Peter Handke hat mich davor bewahrt, Germanist zu werden.

HIER ZUR GÄNZE NACHZULESEN!

Für Klick- und Downloadfaule habe ich die Stellen mit Handke und Tokarczuk hier herausfotografiert:

Printemps des poètes – Hors saison

Posted in gedichte, Poèmes, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 14. Juli 2019

Spät, dafür aber am französischen Nationalfeiertag – Nachtrag zu den Terminen:

  1. 23.05.19, 19 Uhr, Andreas Unterweger liest beim Poesiefestival Printemps des poètes aus seinem in Kooperation mit Versopolis erscheinenden dreisprachigen Gedichtband. Guillaume Métayer liest die Übersetzungen ins Französische. Außerdem lesen:  Luljeta Lleshanaku (Albanien), Eleanor Rees (GB), Ivan Hristov (Bulgarien). Centre national du livre, 53 Rue de Verneuil, 75007 Paris, und
  2. 24.05.19, 19 Uhr, 23.05.19, 19 Uhr, Andreas Unterweger liest beim Poesiefestival Printemps des poètes aus seinem in Kooperation mit Versopolis erscheinenden dreisprachigen Gedichtband. Yekta liest die Übersetzungen ins Französische. Außerdem lesen: Luljeta Lleshanaku (Albanien), Eleanor Rees (GB), Ivan Hristov (Bulgarien). Café La Pomme d´Eve, 1 Rue Laplace, 75005 Paris.

Paris, bekanntlich ein Fest fürs Leben, hat auch für zwei Leben ausreichend Feste zu bieten. Und so durfte Ende Mai nicht nur der Prosaschriftsteller meines Namens jubilieren (bei der Nuit de la littérature: wir berichteten), sondern auch sein Gedichte schreibendes Alter Ego – wurde doch im Rahmen meiner Teilnahme an der Sonderschiene „Hors saison“ des Lyrikfestivals „Printemps des poètes“ mein erster Gedichtband veröffentlicht:

Die Einladung nach Paris und das im Verlag La Traductière erschienene Büchlein verdanke ich meiner  virtuellen Präsenz auf der internationalen Lyrikplattform Versopolis, die vom Verlag Beletrina in Ljubljana organisiert wird und zu der ich vom Unabhängigen Literaturhaus Niederösterreich eingeladen wurde. Vielen Dank, liebe Sylvia Treudl und Michael Stiller! God save the E.U.!

Die erste Lesung fand im renommierten Centre national du livre statt.
Von l.n.r.: Ivan Hristov, io, Luljeta Lleshanaku, Eleanor Rees:

Hier sieht man, wie der Dichter dreinschaut, wenn das Flugzeug der AUA zwischen Graz und Wien so viel Verspätung aufreißt, dass es den AUA-Anschlussflug nach Paris verpasst und der Lesereisende trotz Dauerlaufs vom Flughafen über die RER- und Métro-Bahnsteige (auch solche in die falsche Richtung) erst 15 Minuten nach programmiertem Beginn der Veranstaltung auftaucht:

(c) Printemps des poètes

Ich las drei Gedichte („An einen, den ich kannte“, „Großvatersprache“, „Die Schlange“, glaube ich), alle drei übersetzt von Guillaume Métayer, der auch die französischen Fassungen vortrug.

Anschließend eine lange Diskussion über „die neue europäische Lyrikwelle“, die von einigen ihrer Protagonisten im schönen Garten des CNL fortgesetzt wurde.
Hier unterhalten sich Ivan Hristov, Guillaume Métayer und die bulgarisch-französische Dichterin Velina Minkoff

… hier Luljeta Lleshanaku mit Leserinnen …

… hier zitiert ein AUA-Geprüfter wieder einmal Arthur Rimbaud: Ich ist ein anderer:

Die Vorbereitungen auf die Lesung am Abend darauf lassen sich auf Facebook trefflich nacherleben, dort so geschildert:

„Paris – Stadt der Dichterinnen und Dichter!
Erst Rimbaud und Verlaine gesucht und gefunden …

… dann zufällig (!), einen Tag vor den vereinbarten Treffpunkt, Laure Gauthier getroffen (kein Wunder, dass wir doublecheesen) …

… danach geplantes Posen mit dem designierten Styrian Artist In Residence Guillaume Métayer vor der Buchhandlung Tchann, wo er demnächst seine über 1000-seitige Nietzsche-Lyrik-Gesamtübersetzung (in Reimen!) präsentiert …

Guillaume und ich besuchten auch das Café La Pomme d’Eve im Quartier latin, in dessen mittelalterlichem Kellergewölbe am Abend die zweite Lesung des Festivals stattfand – schon die Klingel war ein Gedicht …

Am Abend wurde wieder Gutes von Luljeta Lleshanaku (Albanien), Mystisches von Eleanor Rees (GB) und Witziges von Ivan Hristov (Bulgarien) geboten.
Ich las das lange Gedicht „Kabul“, das der ebenfalls anwesende Laurent Cassagnau, bekannt als brillanter Übersetzer von „Das gelbe Buch“ („Le livre jaune“), ins Französische übertragen hatte.

 

(c) Laurent Cassagnau

(c) Printemps des poètes

Musikalischer Höhepunkt des Abends war zweifelsohne Ivan Hristovs Flötenperformance.

Danke Österreichisches Kulturforum in Paris

… danke Versopolis, danke Linda Maria Barros und Louise Champiré von Printemps des poètes!
Danke auch für die netten Unterhaltungen auf diversen Flughäfen, lieber Paris-Flug- und Verspätungsgenosse Christoph Urban!

*

Zum Gedichtbuch:

Es enthält folgende Gedichte im deutschen Original und ihre Übersetzungen ins Französische und Englische:

Donauebene (Dezember), frz. v. Laurent Cassagnau, engl. v. Greg Nissan.
An einen, den ich kannte, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Greg Nissan.
Kabul, frz. v. Laurent Cassagnau, engl. v. Greg Nissan.
Großvatersprache, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Greg Nissan.
Die Sonnenblumen, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Greg Nissan.
Klimatologen, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Greg Nissan.
Das Tonstudio, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Greg Nissan.
Юдит, frz. v. Laurent Cassagnau, engl. v. Greg Nissan.
Die Maus, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Gertraud Dayé.
Die Spinne, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Gertraud Dayé.
Die Schlange, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Gertraud Dayé.
Kein Gedicht, frz. v. Guillaume Métayer, engl. v. Gertraud Dayé.

(Herzlichen Dank auch den ÜbersetzerInnen!)

Das Buch ist in den Buchhandlungen Bücherstube, Prokopigasse 16, 8010 Graz …

… und Büchertheke Draxler, Schmiedgasse 12, 8430 Leibnitz, erhältlich.
Veranstalter*innen/Journalist*innen beschicke ich gerne selbst.

 

Nächste Lesungen aus dem Buch:

Podujatie, Slowakei.

24.07.2019, 17:00, Guillaume Métayer und Andreas Unterweger lesen Gedichte von Friedrich Nietzsche und eigene Texte. Special guest: Kinga Tóth. Anschließend Prosecco und Knabberei. Bücherstube, Prokopig. 16, 8010 Graz.

 

„Hölle Kitty“ (Poetin 25)

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 13. September 2018
Mein Beitrag zur Leipziger Literaturzeitschrift „poetin“ (vormals: „poet“), Nr. 25, Thema „Autorschaft und Elternschaft“ sind mehrere Notizen aus einer losen „Kindergeschichtengeschichten“-Sammlung mit dem Arbeitstitel Hölle Kitty.
Angesichts des Themas erinnern sich manche vielleicht auch an mein Buch Das kostbarste aller Geschenke (Droschl 2013) oder die Anthologie Mein Kind ist ein Vogerl (Edition Yara 2014), die ich gemeinsam mit Bernadette Schiefer herausgegeben habe (bzw. mein Vorwort dazu: Vaterbücher).
*
Leseprobe aus „Hölle Kitty“ in der „Poetin“:
(…)
DIE KUNST, AUF JEDEM BILD ZUALLERERST DIE KATZE ZU ENTDECKEN
(und es gibt sie, tatsächlich, auf jedem Bild: nicht nur bei Picasso, Dora
Maar au chat, sondern auch auf dem Rahmen des Fensters, das man
durch das Klofenster des Zahnarzts sieht, in einer Ecke des Wand –
teppichs, den Jeanne in Une vie von Maupassant betrachtet, und sogar,
zu mehrt!, auf dem Foto, das der Lektor von seiner »Bücherwand
Rushmore« schickt), habe ich von meinen Kindern erlernt.
(…)
AUCH DER BUB IM AUTOSCOOTER,
der – das Gesicht verzerrt und »Ich schießen euch alle nieder!« kreischend
– auf die Kinder in den anderen Autoscootern losschießt, wird
von seinen Eltern, die, wie wir, mit ihren Smartphones hinter der Bande
stehen, verzückt fotografiert.
(…)
»ICH SEH, ICH SEH, WAS DU NICHT SIEHST,
und das ist hellblau und sehr, sehr klein!«
Das Kind, wie aus der Pistole geschossen: »Österreich!«
Der Vater: lacht.
Das Kind, beleidigt: »Da, auf dem Globus!«
(…)
*
Mit bestem Dank an Katharina Bendixen für die freundliche redaktionelle Betreuung!
*
poetin nr. 25
Literaturmagazin
Herausgeber: Andreas Heidtmann
Konzept: Carolin Callies
Prosaredaktion: Katharine Bendixen
poetenladen, Herbst 2018
272 Seiten, 9.80 Euro
Beiträge von Andreas Heidtmann, Andreas Unterweger, Björn Kuhligk, Michelle Steinbeck, Ulrike Almut Sandig, Dagmara Kraus, Daniela Seel, Arne Rautenberg, Jan Volker Röhnert, Janin Wölke, Carl-Christian Elze, Ron Winkler, Nora Nora-Eugenie Gomringer, Hendrik Jackson, Christian Filips, Timo Berger, Kathrin Schadt, Walle Sayer, Francis Nenik, Soulemane Diamanka, Hiromi Ito, Elo Viiding, Kerstin Preiwuß, Nancy Hünger, Sünje Lewejohann, Max Wallenhorst, Thomas Kunst, Sophie Sumburane, Anke Stelling, Melanie Katz, Simone Scharbert, Markus Orths, Isabelle Lehn, Kathrin Bach, Mithu Melanie Sanyal, Christiane Rösinger, Christina Mohr, Hauke Hückstädt.


*

Weitere Texte aus „Hölle Kitty“ finden sich in der Anthologie „Verführung zum Staunen“ (hg. v. Friederike Schwab, Leykam 2016).

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poet

Posted in Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. März 2013

Meine Beiträge zu Heft 14 der Literaturzeitschrift poet, die den von Katharina Bendixen zusammengestellten (und mit einem sehr lesenswerten Einleitungsessay versehenen!) Schwerpunkt „Prosaminiaturen“ eröffnen:

Über die Polen

Man unterscheidet vier Arten von Polen: Die Nordpolen, die Südpolen, die Pluspolen und die Minuspolen. Von den Pluspolen und Minuspolen ist bekannt, dass zwar einerseits Pluspolen Minuspolen und Minuspolen Pluspolen ungemein anziehend, andererseits aber Pluspolen Pluspolen und Minuspolen Minuspolen ungeheuerlich abstoßend finden. Deshalb trifft man niemals auf Pluspolen im Kreise von Pluspolen, und nirgendwo auf Minuspolen im Kreise von Minuspolen. Da hingegen vielmehr Pluspolen ausschließlich an der Seite von Minuspolen, und Minuspolen ausschließlich an der Seite von Pluspolen gesichtet werden, ist die Unterscheidung der Polen in Pluspolen einerseits und Minuspolen andererseits eigentlich hinfällig. Ähnliches gilt für Nordpolen und Südpolen. Es gibt überhaupt nur einen einzigen Nordpolen, doch niemand hat ihn jemals zu Gesicht bekommen. Es gibt auch nur einzigen Südpolen. Der lebt aber gar nicht in Polen, sondern in der Antarktis. Er wurde 1911 von Amundsen entdeckt.

Lieben

„Es gibt nicht: die Liebe. Es gibt: die Lieben.“ Es gibt so viele Lieben, wie es Menschen gibt. Es gibt für jeden Menschen nur: die eine. Sie bricht das erste Mal aus, wenn er sechzehn ist. Sie wird zu viel für ihn sein, schon das erste Mal. Erst viel zu leicht und dann: schon viel zu schwer. Er wird die Liebe einem auf die Schulter legen, der sie nicht haben will. Dann wird der Mensch sich wundern: ach, wie schwer das ist. So eine Liebe loszukriegen. So allein mit der Liebe. So allein mit sich. Der Mensch wird weiter nach dem suchen, der die Liebe trägt. Seine Liebe: erträgt. Und wird vielleicht, von Zeit zu Zeit: jemanden finden, der sie auf sich nimmt. Für eine Zeit und dann: wieder allein. Mit seiner Liebe und: allein mit sich. Und immer schwerer wird die Liebe werden, weil: die Liebe wächst. Sie wächst und wächst, wenn: keiner da ist, der: sie haben will. Sie halten und: für sich behalten will. Der Mensch wird mit der Liebe weitertaumeln, die: ihn fast erdrückt. Der Mensch wird schwer bewaffnet sein, mit seiner Liebe. Und so wird es geschehen, dass der Mensch: den Menschen, den er, lebenslang!, gesucht hat, trifft. Mit seiner Liebe. Und: ihn so erschlägt.

Ein Bild von dir

Du hast ein Bild von dir bei mir vergessen. Es ist ein ganz ganz kleines Bild von dir, mit einer Kerze und mit, hinter dir, einem ganz schwarzen Nachthimmel im Fenster. Einem noch ganz ganz schwarzen Morgenhimmel. Ein Bild vielleicht wie der Kaffee, den du am Bild gerade trinkst. Ganz schwarz, ganz stark, mit Honig drinnen und mit Kardamom. Mit ein paar Brösel Toast vielleicht, mit einem Brösel Schafskäse vielleicht, vielleicht mit einem Brösel noch einer Olive. Oder von dem, was sonst noch auf dem Tisch da steht, an dem du sitzt, da, auf dem Bild von dir. Dem Bild, das wie ein Song ist von, vielleicht, so einem wie Van Morrison. Oder vielleicht von so einem wie Townes Van Zandt. Aber es ist kein Song von einem von den beiden. Es ist ein Song, in dem es um ein Mädchen geht wie dich. Das schon am Küchentisch sitzt und Kaffee trinkt, schwarz, mit Honig, wenn es noch finster ist, wenn es im Fenster hinter ihm noch viel mehr Nacht ist als schon Morgen. Das Honigsüße dieser Nacht sei, heißt es in dem Song, die Hoffnung, die das Mädchen bringt. Die schon der Anblick vom Gesicht von diesem Mädchen da im Song, das so wie deines ist, dem einen bringt, der es besingt. Wenn er es denn nur sehen könnte, einmal noch, und sei es noch so früh am Morgen, wie es da, schlaflos schön, in seiner Wohnung sitzt, an seinem Küchentisch, und den Kaffee, den er gemacht hat, trinkt, ganz schwarz, mit Honig drin. Und von den Augen von dem Mädchen da im Song heißt es, sie seien außen grün und innen schwarz, wie Kardamom. „Grün wie die Hoffnung“, heißt es etwas kitschig, du weißt ja, wie die Songschreiber so sind, „tief wie der Ozean, schwarz wie die Nacht“. Ganz so wie deine Augen sind. Wie deine Augen auf dem Bild da sind, dem Bild von dir, das du vergessen hast. Ich kann die Melodie hören von dem Song über das Mädchen, das so ist wie du, und ich kann mitsingen, ja, ich kann mitsingend den Song über das Mädchen schreiben, das so ist wie du, wenn ich dich sehe, auf dem Bild von dir. Wenn ich die Augen schließe, sehe ich das Bild.

Für Judith

Der Winter dauerte nur einen Tag

Als ich die Augen aufmachte, fing es an zu schneien. In dicken Flocken fiel der Schnee von der Schimmelschutzdecke auf das Bett herab. Ich kratzte etwas Eis aus meinen Augenwinkeln. Dann stand ich auf. Es war nicht wirklich kalt. Ich ging zu Marie rüber, die beim Ofen kniete. Sie legte ihren Kopf gegen mein Knie und sagte: „Hallo Hans“. Dann kam der Kleine, und wir spielten Bauen. Wir bauten was aus Brennholz. Wir bauten eine Mauer rund um uns. Die Mauer schützte uns vor allem, was nicht so wie wir war. Drinnen, da waren wir – der Rest blieb draußen. Die Mauer schützte uns: den Kleinen und Marie und mich, Hans. Die Mauer schützte uns am Morgen, als wir, sie bauend, vor dem Ofen saßen – sie schützte uns am Abend, als wir, in ihrem warmen Schatten, tanzten. Wir tanzten durch den Schneefall, Hand in Hand, fingen die Flocken auf mit unseren Zungenspitzen. Der Schnee schmeckte wie Staubzucker in diesem Winter. Der Schnee war warm, das Holz brannte im Ofen, die Mauer rund ums hielt allem stand. Es war der schönste Winter meines Lebens. Aber er dauerte nur einen Tag. Nicht, dass es dann am nächsten Morgen nicht geschneit hätte. Im Gegenteil: dicker denn je fielen die Flocken auf das Bett herab. Der Schnee war da, als ich die Augen aufmachte, das Eis war da, in meinen Augenwinkeln, und auch die Mauer war noch da, höher noch, fester, viel fester, als gestern. Dahinter wusste ich Marie in Sicherheit. Beim Ofen kniend, mit dem Kleinen spielend. Ich kratzte etwas Eis aus meinen Augenwinkeln. Dann stand ich auf. Jetzt war es wirklich kalt. Ich ging, ganz müde noch, zur Mauer rüber. Dort fiel es mir dann ein: Ich bin nicht Hans.

Poetisches Daumenkino …

Posted in Du bist mein Meer by andreasundschnurrendemia on 23. Februar 2011

… oder „Auf der Suche nach dem verlorenen Meer“ …

Unter diesem schönen Titel ist auf literaturhaus.at, der Website des Literaturhauses Wien, eine sehr genaue, sehr aufmerksame, sehr gut geschriebene und glücklicherweise auch noch sehr freundliche Rezension zu „Du bist mein Meer“ von Michaela Schmitz erschienen.

Hier nachzulesen!

Ach, wie ich mich freue, wenn ich den Eindruck haben darf, eine Rezensentin/ein Rezensent nimmt ihren/seinen Job genau so ernst wie ich den meinen!

Viel Freude beim Lesen!

In Zeilen wie diesen #2 (feat. Isa Riedl, Galerie Marenzi)

Posted in Tingeltangel-Tour, In Zeilen wie diesen by andreasundschnurrendemia on 15. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 2 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein Gespräch mit der großartigen Grazer Künstlerin Isa Riedl, deren Arbeiten eben in der Galerie zu sehen sind. Wir sprechen über etwas, das uns verbindet: (Bilder von) Einfamilienhäuser(n).

Zur leichteren Verständlichkeit der gelesenen Passagen (allem, was in der Galerie Marenzi passiert, widerfährt gewaltiger Nachhall!), hier der Text zum Mitlesen:

***

IN ZEILEN WIE DIESEN 2

*

In jenen Tagen boomte die Gattung Tagebuch. Das verschärfte
natürlich die Krise, zumal bei Schriftstellern wie mir, deren Bücher
schon davor Tagebücher gewesen waren. Bald würde man wohl
einen Roman schreiben müssen, um als formal originell zu gelten!
Vorerst aber käuten wir alle täglich dieselben Schlagzeilen wieder.

Gemeinsam entdeckten wir etwa Banksys neues Bild. Es zeigte
einen Superhero, der war weder Bat- noch Gürteltierman, sondern
eine anonyme Krankenschwester in Supermanpose. Alle auf der
Station jubelten. Erst als einer rief, auch Banksy habe damit einfach
nur sich selbst dargestellt, löste die Polizei die Versammlung auf.

*

Nein, es war nicht die Zeit, Verschwörungstheorien zu verbreiten.
Aber wirkte es denn nicht suspekt, dass just jener Kanzler, von dem
ein späterer Literaturnobelpreisträger schon vor Jahren gesagt
hatte, er ähnle einer der Masken aus Gummi, die sich Bankräuber
übers Gesicht ziehen
, nun eine ausgeweitete Maskenpflicht ausrief?

Kein Wunder, dass alle dieselben Alpträume kriegten: War man
früher vor Un-Toten geflüchtet, so waren es nun Un-Maskierte, die
einen verfolgten … Wir Kunstschaffenden freilich hatten auch dies
längst vorhergesehen. In meinen eigenen Träumen (= Büchern) z.
B. trugen die Leute, und zwar alle, seit jeher schon keine Masken.

*

Auch Einfamilienhäuser sind Menschen, und ich war nicht allein,
wenn ich am Abend Richtung Wagna joggte. Der eine blinzelte
mir, aus geröteten Bewegungsmeldern, argwöhnisch entgegen, der
andere schloss die Rouleaus vor Angst, und dieser hier, hinter
seinem Quarantänevollbart aus Thujen, knurrte mich sogar an.

Und doch, welch Glück, gesehen zu werden (oder zumindest:
beobachtet)! Und Menschen zu sehen – selbst solche, steif und von
geradezu rührend altmodischer Abgründigkeit: „Gestatten, Riedl!“
„Hopper, angenehm!“ „Na, und wer bist du?“ „Ich bin der kleine
Psycho!“ – Menschen zu sehen, also: Mensch, was für ein Glück!

*

In Frankreich hieß es: état de guerre sanitaire. Dort reimte sich
wieder alles – wie bei Baudelaire die Ästhetik des Hässlichen. Von
Flaubert und seiner noch nervöseren Poetik der Gehässigkeit ganz
abgesehen. Aber, bei aller décadence, am Ende war es dann doch
nur eine Frage, die zählte: L´état de guerre sanitaire, c´est moi?

 

Und die, wie alle FAQs, ist sociale … Und während „wir“ im
Frühjournal kaum noch ins Ausland kamen, während le village
global
so rasch wuchs wie der Ölpreis fiel, zogen die banlieues im
selben Maß, mit dem ihr body count jenen des XVIème Arr. hinter
sich zurückließ, ihren Belagerungsring enger um die/das capital€.

***

Aus der Serie „Mutationen“ von Isa Riedl:

Mehr Fotos von den Dreharbeiten in der Galerie Marenzi …

… finden sich hier!

Literarni nokturno (Radio Slovenija v. 04.05.20)

Posted in gedichte, Poèmes, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 5. Mai 2020

Gestern auf Radio Slovenija und nun online nachzuhören: Einige meiner Gedichte* in der exzellenten Übersetzung von Urška P. Černe, formidabel gelesen von Schauspieler Gregor Zorc und mit beeindruckenden Soundcollagen unterlegt.

Wer die Sendung hören möchte, klicke bitte auf diese Zeile oder obiges Bild und dann auf den Button „Poslušaj“.

Einige der Gedichte (s.u.) sind online auf Deutsch nachzulesen, die kursiv geschriebenen finden sich im dreisprachigen Gedichtband „Poèmes“ (La Traductière 2019), der bei den Buchhandlungen Bücherstube Angelika Schimunek in Graz und Draxlers Büchertheke in Leibnitz zu erwerben ist.

Ich danke Urška P. Černe ganz herzlich für Ihren Einsatz! Diese Sendung ist ganz allein ihr Verdienst.
Und ich danke Daniela Kocmut, die mich zur Lesung bei den „Slowenischen Buchtagen Maribor 2019“ eingeladen hat. Die meisten der Gedichte wurden für diese Gelegenheit übersetzt.
Hvala lepa!

 

*Die Eltern, Kein Gedicht, „Beziehungsexperten“, GroßVaterSprache, Die Sonnenblumen, An einen, den ich kannte

***

Moje prve pesmi …

In Zeilen wie diesen #1 (feat. Galerie Marenzi)

Posted in In Zeilen wie diesen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Mai 2020

20+20 Zeilen aus den Zeiten, die wir gerade erleben – Teil 1 meiner Auftragsarbeit für die Leibnitzer Galerie Marenzi.
Dazu ein in Zeiten des (eingebildeten) Lockdown-Müßiggangs übersetzter Song (Original von Conor Oberst, „Gossamer Thin“).

Produziert/kuratiert von Klaus-Dieter Hartl (Galerie Marenzi), gefilmt von Max Pratter in der Galerie Marenzi, wo eben die Ausstellung von Isa Riedl läuft, zu sehen auf dem YouTube-Kanal von Leibnitz Kult:

 

 

Der Ton ist noch nicht perfekt – hier zur leichteren Verständlichkeit bis zum Erscheinen der zweiten Folge der Text zum Mitlesen:

***

IN ZEILEN WIE DIESEN

In jenen Tagen aber sah ich ein Tier aus meiner Timeline steigen,
das hatte weder Häupter noch Hörner, trug dafür eine Art Krone –
aus Klopapier oder aus der Façon geratenem Haar. Und doch war
es zweifellos jenes, über das der sonst so unapokalyptische Dichter
Catull gemeint hatte, es habe schon könige und blühende länder

völlig vernichtet … Und auch Sie, geneigte/r Zeitzeuge/in, passen
ins Beuteschema des Tiers, auch Sie tragen womöglich schon sein
Malzeichen (auf der Stirn, in der Lunge?). Und gewiss hängt Ihnen
sein Name längst zum Ohr heraus. Er lautet: otium (= Müßiggang,
Ruhe, Lockdown: viel Zeit, um müßige [sinnlose] Dinge zu tun).

*

In Zeiten wie diesen posierten Betriebswirte in ihren Penthouses
als Der arme Poet, die Nachbarin strich ihre frisch gestrichenen
Fensterläden, und nur der Landtagsabgeordnete aus der party der
Fleißigen ging weiter aus, verließ seine Geheimfinca, wankte der
vorfahrenden Polizeistreife entgegen. Weil er das Auto für bestellte
Pizzen hielt? Ja, aber es schwebte doch auch etwas Gewichtigeres

in den Aerosolen … Ich verlachte diese Possen, neidete den Kunst-,
Kinder-, Homeofficelosen aber bald ihr Zuviel an Zeit. Und so
machte ich mich selbst an die „Arbeit“, spiegelte einen Song aus
glasklarem Amerikanisch in meinem trüben, zerkratzten Deutsch.

**

Es fuhren kaum Autos, aber wenn einen dann doch eines überholte
(in der Wagnastraße etwa, abends, beim Joggen), wurde wieder
klar, wie laut so ein Auto eigentlich ist. Und: wie sehr es stinkt.
Aber es fuhren ja kaum Autos, und wenn, dann waren es keine
echten Autos, sondern bestellte Pizzen. Pakete. Ein Taxi. Ein Igel

spazierte nachdenklich die Leitlinie entlang … Kaum Autos also,
und wenn doch eines vorbeidröhnte, überwog die Erleichterung.
Worüber? Über die alte Abnormalität: den Lärm, den Rauch! Nun
endlich konnte man (ohne dass Hunde und Lichter ansprangen:
Alarm!) zwang- und hemmungslos, vogelfrei (wie früher!) husten.

*

Nach außen hin hielten wir uns an die Vorschriften, insgeheim aber
bereiteten wir uns vor, wieder und wieder in Wasser zu ertrinken.
Dazu hatte das Mail eines berühmten Dichters geraten, das ein noch
berühmterer bald als Kettenbrief entlarvte. Ab da trugen die Wörter

Masken (Max Sessner) … Ich verstand in der Angstzeit statt: in der
Amtszeit
, tippte in der Stummung statt: in der Stimmung, las statt
ab Montag: ab Nontag. Was nun richtig war und was falsch, war,
wenn überhaupt, erkennbar nur noch beim Homeschooling. Wer
eine Maske trägt, hat Gold im Mund?
Falsch! Richtig: Wer eine
Maske trägt, kann
nicht erwarten, dass man seine Tränen sieht.

***

Ich danke für den Auftrag sowie Klaus-Dieter Hartl und Max Pratter für die gute Zusammenarbeit – bald mehr!

***

Ach ja, der Song!
Das Original stammt, wie gesagt, von Conor Oberst, heißt „Gossamer thin“ und findet sich auf den Alben „Ruminations“ und „Salutations“.
Ich habe mit 16 oder 17 erkannt, dass es völlig sinnlos ist, Songs aus dem Englischen, das ohnehin jeder versteht, 1:1 ins Deutsche zu übersetzen … In Zeiten wie diesen habe ich aber einmal eine Ausnahme gemacht.

 

SPINNWEBENDÜNN

 

Ringe um die Augen
Spuren am Arm
Seine Fans schlagen Schaum, seine Freunde Alarm
Seine Frau sagt kein Wort
Doch sie hasst´s, wenn er fort ist
Sie zählt jeden Rock in seiner neuen Gefolgschaft

Und die sind spinnwebendünn,
Alternativ, Bohèmiens
Und sie tanzen, walzen mit Stil
Sie wirbeln herum, knicksen und kichern viel
Lehnen an seinem Knie, lesen nur Poesie
Und sie widersprechen ihm nie

Sie glaubt an den Papst
Und nicht an den Teufel
Sie treffen sich in einem geheimen Hotel
Sie spielt mit seinem Haar
Und sie küsst seinen Hals
Wenn sie schreit, klingt es lustvoll, wenn sie stöhnt nur nach Angst

Und hej, was geht es mich an
Dass sie mehr als einen Mann lieben kann
Doch sie sind spinnwebendünn
vom Abgund entfernt, hängen am letzten Zwirn
Strapazieren ihr Glück, über Gebühr,
Weil man voll riskiert, wenn man liebt

Ist das eine Art Bewusstseinserweiterung
Dass mein Bier zittert in meiner Hand?
Bleibt das so? Nun, ich werd mich gewöhnen dran
Ein Blumenstrauß nur, den man neu arrangiert

Ich hab keinen Hunger, will nicht aus dem Haus
Ich denke an das, was man Therapeut weiß
Das höhere Selbst und das Es und das Ich
Und du bist wer du bist, und du bist es auch nicht

Aber ich bin spinnwebendünn
Wie der Delicate Arch, feingeschliffen vom Wind
Es steht eine Glas-Psyche am Spiel
Wirf rüber den Ziegel, mal sehen, was passiert
Denn das Hirn und der Geist sind ja nicht ganz das Gleiche
Doch sie wollen beide weg von hier

 

***

 

Fotos von den Dreharbeiten, (c) Klaus-Dieter Hartl, an der Wand Arbeiten von Isa Riedl:

Jeder Tag ist ein Gedicht („Kabul“ auf Literadio)

Posted in Poèmes by andreasundschnurrendemia on 19. April 2020

Es lohnt sich, die Serie „Jeder Tag ist ein Gedicht“ auf Literadio tatsächlich jeden Tag zu verfolgen – dann verpasst man auch nicht, so wie ich, sein eigenes Gedicht, das am 14.4. als Tagesgericht, äh, -gedicht fungieren durfte:

Wer auf den obigen Screenshot klickt, gelangt zu Literadio und kann dort zuhören, wie ich „Kabul“ vor 1, 2 Wochen an einem sonnigen Vormittag in einen Apparat hineingelesen habe.

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Wer „Kabul“ selbst lesen möchte, dem empfehle ich, meinen Gedichtband „Poèmes“ bei den oben genannten Buchhandlungen oder die Ausgabe 221 der manuskripte beim manuskripte-Webshop zu kaufen.

Wer dies getan hat, kann dann ruhigen Gewissens „Kabul“ online lesen, z. B. auf dieser zur Genüge bekannten Netzpiratenhomepage.

Übrigens:
Vom 13.-15.4. fand wohl ein kleiner, inoffizieller manuskripte-Schwerpunkt in Literadios Serie statt: vor und nach meinem Text wurden Gedichte von Rahel Mayfeld und Max Sessner gefeatured, Gedichte von beiden finden sich etwa in den aktuellen manuskripten 227.

Ich danke Daniela Fürst und dem Team von Literadio für die so freundliche redaktionelle Betreuung!

Literadio (Interview mit Daniela Fürst über „Poèmes“)

Posted in Poèmes by andreasundschnurrendemia on 11. April 2020

Jetzt auf Literadio: mein Skype-Interview mit Daniela Fürst.
Es geht um meinen Gedichtband „Poèmes“ (La Traductière 2019), Gedichte und das Schreiben im Allgemeinen, wahre Sätze, erste Emotionen, spätere Reflexionen u.v.a.m.:

HIER ZU HÖREN!

Vielen Dank, liebe Daniela! Unsere Unterhaltung hat mir viel Spaß gemacht und war nicht nur wegen der aktuellen Ausgangsbeschränkungen ausgesprochen wohltuend!
Trotzdem halte ich sie nun, beim Wiederhören, für alles andere als oberflächlich. Tatsächlich finden sich darin einige der offensten und genauesten Äußerungen zu meinem Schreiben, die ich bisher getätigt habe, scheint mir.

Das Gespräch war übrigens für die Buchmesse in Leipzig geplant, wurde „dank“ Corona jedoch ins klanglich nahe Leibnitz verlegt: Daniela nahm bei mir zuhause in meinem Arbeitszimmer Platz:

Daniela Fürst (l.), ich (r. oben)