Andreas Unterweger

„Der vorletzte Leser“

Posted in Das kostbarste aller Geschenke by andreasundschnurrendemia on 28. September 2018

Spät und ohne Worte, aber eine der schönsten „Rezensionen“, die ich je bekommen habe. Leopold Federmair und „Das kostbarste aller Geschenke“ …

 

Vielen herzlichen Dank!

(Fotos 2 und 3 natürlich von Leopold Federmair)

„Hölle Kitty“ (Poetin 25)

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 13. September 2018
Mein Beitrag zur Leipziger Literaturzeitschrift „poetin“ (vormals: „poet“), Nr. 25, Thema „Autorschaft und Elternschaft“ sind mehrere Notizen aus einer losen „Kindergeschichtengeschichten“-Sammlung mit dem Arbeitstitel Hölle Kitty.
Angesichts des Themas erinnern sich manche vielleicht auch an mein Buch Das kostbarste aller Geschenke (Droschl 2013) oder die Anthologie Mein Kind ist ein Vogerl (Edition Yara 2014), die ich gemeinsam mit Bernadette Schiefer herausgegeben habe (bzw. mein Vorwort dazu: Vaterbücher).
*
Leseprobe aus „Hölle Kitty“ in der „Poetin“:
(…)
DIE KUNST, AUF JEDEM BILD ZUALLERERST DIE KATZE ZU ENTDECKEN
(und es gibt sie, tatsächlich, auf jedem Bild: nicht nur bei Picasso, Dora
Maar au chat, sondern auch auf dem Rahmen des Fensters, das man
durch das Klofenster des Zahnarzts sieht, in einer Ecke des Wand –
teppichs, den Jeanne in Une vie von Maupassant betrachtet, und sogar,
zu mehrt!, auf dem Foto, das der Lektor von seiner »Bücherwand
Rushmore« schickt), habe ich von meinen Kindern erlernt.
(…)
AUCH DER BUB IM AUTOSCOOTER,
der – das Gesicht verzerrt und »Ich schießen euch alle nieder!« kreischend
– auf die Kinder in den anderen Autoscootern losschießt, wird
von seinen Eltern, die, wie wir, mit ihren Smartphones hinter der Bande
stehen, verzückt fotografiert.
(…)
»ICH SEH, ICH SEH, WAS DU NICHT SIEHST,
und das ist hellblau und sehr, sehr klein!«
Das Kind, wie aus der Pistole geschossen: »Österreich!«
Der Vater: lacht.
Das Kind, beleidigt: »Da, auf dem Globus!«
(…)
*
Mit bestem Dank an Katharina Bendixen für die freundliche redaktionelle Betreuung!
*
poetin nr. 25
Literaturmagazin
Herausgeber: Andreas Heidtmann
Konzept: Carolin Callies
Prosaredaktion: Katharine Bendixen
poetenladen, Herbst 2018
272 Seiten, 9.80 Euro
Beiträge von Andreas Heidtmann, Andreas Unterweger, Björn Kuhligk, Michelle Steinbeck, Ulrike Almut Sandig, Dagmara Kraus, Daniela Seel, Arne Rautenberg, Jan Volker Röhnert, Janin Wölke, Carl-Christian Elze, Ron Winkler, Nora Nora-Eugenie Gomringer, Hendrik Jackson, Christian Filips, Timo Berger, Kathrin Schadt, Walle Sayer, Francis Nenik, Soulemane Diamanka, Hiromi Ito, Elo Viiding, Kerstin Preiwuß, Nancy Hünger, Sünje Lewejohann, Max Wallenhorst, Thomas Kunst, Sophie Sumburane, Anke Stelling, Melanie Katz, Simone Scharbert, Markus Orths, Isabelle Lehn, Kathrin Bach, Mithu Melanie Sanyal, Christiane Rösinger, Christina Mohr, Hauke Hückstädt.


*

Weitere Texte aus „Hölle Kitty“ finden sich in der Anthologie „Verführung zum Staunen“ (hg. v. Friederike Schwab, Leykam 2016).

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Der Traum der Katze

Posted in Das gelbe Buch, Das kostbarste aller Geschenke, Du bist mein Meer, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 8. Oktober 2017

Heute, am 8.10.17, in der Kleinen Zeitung, aber auch morgen noch, und nicht nur für mich, mehr als schön zu lesen:

Gerhard Melzers Literaturgeschichte Nr. 16 – DER TRAUM DER KATZE. Andreas Unterweger und die schwankenden Böden der Wirklichkeit

 

„Der Traum der Katze“ als Word-Datei

Danke, lieber Gerhard Melzer.

Lieblingslieblingsrezensionen 2

Posted in Das gelbe Buch, Das kostbarste aller Geschenke by andreasundschnurrendemia on 6. Juli 2016

Meine Bücher haben das große Glück, von klugen und gebildeten Leuten gelesen zu werden, die selbst sehr gut schreiben können … Hier zwei weitere meiner „Lieblingslieblingsrezensionen“ – vielen Dank!

 

Zu „Das gelbe Buch“:

„was ihr gelbes buch betrifft – bin ich voll des reflektierenden vergnügens.

habe darin kreuz & quer gelesen, geblättert, mich immer irgendwie darin flanierend zwischen den hauptabteilungen und sonstigen kleineren kapitelgruppen recherchierend herumgetrieben .. sehr angenehmer aufenthalt in diesem gelben buch: bislang kannte ich nur das gelbe haus oder den gelben klang .. also andere, ganz besondere kunstorte der gelben art, aber der autor ist da ja, wie merkbar, in bester gesellschaft – kandinsky & klee.

was mich als leser speziell vergnüglich stimmt, ist so etwas, was man eine gesteigerte aufmerksamkeit nennen könnte, die sich bei der lektüre (schon des registers, also von hinten her!) einstellt. das ist ein gutes zeichen – ist doch aufmerksamkeit das natürliche gebet der seele (dieser malebranche-gedanke hat eine sehr eigene geschichte, taucht in celans büchnerpreisrede auf, dort benjamins kafka-lektüre referierend .. – das führt sehr weit weiter ..) – was ich sagen will, ist doch einfach: es ist ein gutes buch, dem man viele leser wünscht.“

(Herr aus Graz-Umgebung)

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Zu „Das kostbarste aller Geschenke“:

„Vor ein paar Monaten notierte ich mir ein paar plastische Sätze Mirós:
„Für mich sollte ein Gemälde Funken versprühen. Es sollte einen blenden
wie die Schönheit einer Frau oder eines Gedichts […] . Es sollte sein
wie die Steine, die die Hirten in den Pyrenäen benutzen, um sich die
Pfeifen anzuzünden. Die Kunst mag untergehen – was zählt ist die Saat,
die sie auf der Erde verteilt hat.“ In diesem Sinne hat mich das wunderbare
„kostbarste aller Geschenke“ in Gehalt und Form berührt, angeregt, so
sehr es mich auch zum Schmunzeln und Lachen brachte, auch nachdenklich
gestimmt, mir aus Bildern Filme gemacht, Assoziationen geweckt, eigene
Fragen (Sorgen) und Rätsel ausgedrückt, aufgeworfen. Vielleicht sind
Aphorismen, Fragmente, Notizen dieser Art besonders geeignet, eine
solche Spur zu hinterlassen, also im Sinne Mirós: einen fruchtbaren
Grund. Ich danke dafür, ja ich glaube, dass sich (von der
Kunst) nicht mehr (das ist ja schon so viel), nichts Wertvolleres
erwarten lässt. Übrigens steht der Fluss ganz sicher still, während wir
strömen. Ich beobachtete es über Weihnachten wieder, nur das Licht zieht
mit.“

(Dame aus der Schweiz)

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Eine Art Heimkommen

Posted in Das gelbe Buch, Das kostbarste aller Geschenke, Du bist mein Meer, Tingeltangel-Tour, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 24. Juni 2016

Besser zwei Monate zu spät als drei … Nachtrag zum Termin:
25.04., 17:15, Andreas Unterweger liest im Akademischen Gymnasium, Raum E 17. Bürgergasse 15, 8010 Graz. Eintritt frei. Mit kleinem Buffet.

Hier einige Fotos von dieser äußerst gelungenen Veranstaltung, die zum Großteil (inkl. langwieriger Terminverhandlung und Buffet!) von der Schülervertretung organisiert wurde. Reife Leistung!

Mein Dank gebührt insbes. Viktor Mutic (links), Noah Westermayer (Mitte) …

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… und Fr. Direktorin Mag. Hildegard Kribitz!

Ich habe mich sehr gefreut, im Publikum einige meiner Lehrer wiederzusehen (hier mit meinem ehemaligen Klassenvorstand Mag. Christiane Schribertschnig) …

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… aber die Tatsache, dass doch verhältnismäßig viele Schülerinnen und Schüler gekommen sind, hat mich am meisten beeindruckt. (Und das am Nachmittag! Freiwillig!) Wenn ich da an mich selbst mit 17 denke …

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Lieber nicht! In der schönen April-Gegenwart war jedenfalls auch die verantwortungsvolle Aufgabe „Büchertisch“ fest in Schülerinnenhand – und wurde von Lola Knoch und ihrer Freundin Caro hervorragend gemeistert (vielen Dank!). Ich musste also nur noch lesen …

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… und zwar jeweils den Anfang jedes meiner Bücher, garniert mit ein paar literarischen Anekdoten betreffs Schulfreunden und Lehrerfreunden. Alles in allem also eine bewegende Zeitreise …

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… ja, vielleicht sogar …

Danke, liebes Akademisches!

Kleine Zeitung und orf.at zum manuskripte-Preis

Am 07.04. erhielt ich einen überraschenden, äußerst informativen Anruf von Julia Schafferhofer, der erst ein Telefoninterview mit einer Reihe kluger, sehr genauer Fragen und schließlich unten stehenden Artikel zur Folge hatte. Vielen Dank für die gute Nachricht! Und das nette Gespräch!

Foto KLeine Z Image

(Online nachzulesen auf: http://www.kleinezeitung.at/s/kultur/4964288/ManuskriptePreis_Andreas-Unterweger_Saetze-sind-zum-Strengsein-da)

Nachdem ich gerade „Doktor Faustus“ lese, gefällt mir der Titel besonders gut. Ich weiß nicht, ob ich so eine Formulierung verwendet habe oder ob sie Julia Schafferhofers Zusammenfassung meiner bestimmt viel vageren, weitschweifigeren Antworten darstellen, aber: ja, der „strenge Satz“ des Komponisten Adrian Leverkühn ist ein Konzept, das mir ebenso reizvoll wie vertraut erscheint.

*

Und auch orf.at hat über den manuskripte-Preis 2016 berichtet. Mit Statements zu Andreas Unterberger (:-)) und von Kulturreferent LR. Dr. Christian Buchmann (danke, freut mich!).

Hier mit Link nachzulesen:

Und hier ohne Link:

Andreas Unterweger bekam „manuskripte“-Preis

Der „manuskripte-Preis“ 2016, der mit 10.000 Euro dotiert ist, geht heuer an den Schriftsteller und Musiker Andreas Unterweger. Der 1978 in Graz geborene Unterweger ist seit 2009 Mitglied der „manuskripte“-Redaktion.

Der „manuskripte-Preis“ des Landes Steiermark wird seit dem Jahr 1981 vergeben, bis 2006 jährlich, seit 2006 alle drei Jahre. Erster Preisträger war Alfred Kolleritsch, letzte Preisträgerin war 2013 Monique Schwitter.

Bereits mehrfach ausgezeichnet

Der Preis dient – wie die Zeitschrift „manuskripte“ selbst – der Förderung der jungen deutschsprachigen Literatur und wird an eine Autorin oder einen Autor für eine anerkennungswürdige literarische Leistung auf dem Gebiet der Lyrik, der Prosa, des Dramas oder des Essays vergeben.

Heuer nun geht der Preis an Andreas Unterberger: Der gebürtige Grazer hat unter anderem einen Roman und eine Novelle veröffentlicht. 2007 erhielt er den „manuskripte-Förderungspreis“ der Stadt Graz, 2010 den Literaturförderungspreis der Stadt Graz.

„Gewicht und tiefere Bedeutung“

Die Begründung der Jury: „Die Werke von Andreas Unterweger sind geprägt durch große stilistische Feinsinnigkeit und präzise Beobachtungen scheinbarer Nebensächlichkeiten, durch die rare Gabe, kleinen Dingen große Bedeutung zu verleihen. Seine Werke, oft nur aneinandergereihte Miniaturen, formen sich zu Geschichten des Vorangehens und Sich-Zurechtfindens, sie weiten das gegenwärtige Leben ins Vergangene und Zukünftige aus, sie schaffen Platz im Durcheinander der Welt durch das Namengeben aller Dinge. Seine Erzählungen, Naturschilderungen, Beziehungsgeschichten wirken fast schwerelos in ihrem Erzählton; gerade daraus ergibt sich ihr Gewicht und ihre tiefere Bedeutung.“

Buchmann: „Heimat stets sehr verbunden“

„Ich freue mich, dass die Literaturjury des Landes empfohlen hat, den manuskripte-Preis an Andreas Unterweger zu verleihen. Er zählt zu den bedeutendsten jungen Schriftstellern in Österreich, der seiner Heimat stets sehr verbunden ist und über die Grenzen hinaus ein wichtiger Botschafter des Kulturlandes Steiermark ist“, so Kulturlandesrat Christian Buchmann (ÖVP).

orf.at, 10.04.2016

Lesefest 2016 (Update)

Posted in Das gelbe Buch, Das kostbarste aller Geschenke, Du bist mein Meer by andreasundschnurrendemia on 18. Januar 2016

Es freut mich sehr, dass ich nach einem Jahr Pause wieder am Lesefest des Kulturzentrums bei den Minoriten, Graz, teilnehmen werde! Zumal es erstmals eine, wohl bewusst außerhalb des Bundeslandes angesiedelte Jury gab, um die Lesenden zu bestimmen (Univ. Prof. Dr. Martin Sexl, Literaturwissenschafter an der Universität Innsbruck, und Dr. Sylvia Treudl aus dem Leitungsteam des Literaturhauses Niederösterreich)*. Vielen Dank für die Einladung!

Am Format hat sich nichts geändert: jeder Autor liest ca. 8 Minuten selbst und stellt einen anderen 3-4 Minuten lang vor. Es ist also so ähnlich wie früher beim Weihnachswichteln.

Das Lesefest findet am 05.03. ab 14:00 im Kulturzentrum bei den Minoriten, Mariahilferplatz 3, 8020 Graz, statt.

Heuer soll ich ausnahmsweise gleich zwei Vorstellungen machen.

Im Leseblock ab 17:00 (ca. 17:36) spreche ich über den mir noch völlig unbekannten, in Tirol lebenden Schriftsteller Martin Kolozs. Ich bin gespannt.

In der Gruppe ab 18:00 (ca. 18:51?!) spreche ich über die Wiener Lyrikerin Verena Stauffer – was mich begeistert, da ich als Redakteur der manuskripte bei ihrer Endeckung erste Reihe fußfrei dabei war.

Und um Punkt 19:30. lese ich, als Erster des Leseblocks (also bitte nicht zu spät kommen), aus „Das gelbe Buch“.
Vorgestellt werde ich, das zweite Mal nach 2012, von meiner geschätzten Kollegin Natascha Gangl – freut mich!

Hier das gesamte Programm – mit so großartigen Kolleginnen und Kollegen wie Franz Weinzettl, Gerhild Steinbuch, Clemens Setz, Wilhelm Hengstler u. v. a. m.

Hier ein paar Highlights meiner vergangenen Teilnahmen:

2011: Lesung aus „Du bist mein Meer“, Einführung Erika Kronabitter

2012: Ich über Linda Stift

2014: Friederike Schwab über „Das kostbarste aller Geschenke“

2014: Song für Pollanz – ich über Wolfgang Pollanz

 

*Früher war man als steirischer Autor quasi automatisch nominiert, sobald man im Vorjahr ein Buch veröffentlicht oder einen Literaturpreis gewonnen hatte. Mittlerweile kämen nach diesen Kriterien vermutlich schon allzu viele Autorinnen und Autoren zusammen.

 

 

„Sonst kann ich nix!“ (Gespräch über das Schreiben)

Nachtrag zum Termin:
14.09.2015, 20:00, Andreas Unterweger und “Das gelbe Buch” zu Gast in Barbara Belics “Das rote Mikro”, Radio Helsinki.

Aus Freude über die von Barbara Belic so schön gestaltete Sendung (gute Fragen!, gute Musik!, guter Schnitt! usw.) – ein Transkript ihres Interviews mit mir (hier nachzuhören):

„Sonst kann ich nix!“
Andreas Unterweger im Gespräch mit Barbara Belic

Ausschnitte aus der Radiosendung „Kindheitsutopie und ein doppeltes Reisebuch “
Sendungszeit: 14. September 2015, 20 Uhr
Sendereihe: Das rote Mikro: Literatur (Radio Helsinki)
Redakteurin: Barbara Belic
Transkript: Sarah Stadler

Musik: Bob Dylan „Time Out Of My Mind“ 1987, tr 2 Dirt Road Blues + „Blood On the Tracks“ 1974, tr 2 Simple Twist Of Fate + „Modern Times“ 2006, tr 7 Beyond the Horizon + „Tempest“ 2012, tr 3 Narrow Way

Barbara Belic:
Andreas Unterweger entwirft in seinem jüngsten Werk ein Land der Kindheit, wie es schöner kaum sein könnte: mit einer kleinen Bubenschar, deren Wortführer Biber, dem Großvater, dessen Freunden und Nachbarn, der Katze Mia, einem Garten mit hohen Bäumen, einem Fluss, in dem man baden kann, und sehr, sehr viel von der Farbe Gelb. Deswegen lautet der Titel auch „Das gelbe Buch“. Die idyllische Welt der kleinen Buben ist aber nur eine Ebene des Buches.

Andreas Unterweger:
Der Erstimpuls zu dem Buch kam schon 2007, ausgelöst durch einen neuen Ort. Ich bin damals nach Niederösterreich gezogen, in ein kleines Haus an einem Fluss in einer Aulandschaft, wo ich mit einer völlig neuen Fauna konfrontiert war, mit Bibern und Waschbären, Baummadern usw. Und die erste Idee, glaube ich, war, ein Kinderbuch zu schreiben mit einem Biber als Helden. Das blieb aber eine vage Idee. Ich hab dann mein erstes Buch fertiggeschrieben und nicht mehr drüber nachgedacht. Und dann in einer schlaflosen Nacht, 2008, wo so Geräusche auf dem Dachboden waren, ein Getrippel und Gekratze und Gescharre, kam dann der erste Text, das erste Kapitel, „Alter Waschbär“, nachzuhören in der Sendung von 2012. (lacht) Auf meiner Homepage kann man es noch runterladen.

Barbara Belic:
Warum hat das dann so lange gedauert, bis dieses Buch fertiggeworden ist? Du hast ja inzwischen andere veröffentlicht.

Andreas Unterweger:
Das Buch hätte das zweite Buch werden sollen. Wie gesagt, ich hab 2008 im Spätsommer damit begonnen und war 2008 im Sommer mit meinem ersten Buch fertig. Da kamen dann auch noch wichtige Lektüreerlebnisse dazu: Richard Brautigan, „In Wassermelonen Zucker“, wo auch eine Welt entworfen wird, die irgendwie außerhalb der unseren steht, ganz absurd zum Teil und wunderschön. Mir fast noch ein bisschen zu viel Plot, das wird ja noch unglaublich spannend im zweiten Teil. (lacht) Das ist gar nicht notwendig meines Erachtens. Ja, und da hat sich die Möglichkeit aufgetan, etwas ganz Eigenartiges zu schaffen, eine Welt zu schaffen durch Sprache, eine Welt, die nicht gedeckt ist durch Autobiographie, sondern gedeckt durch gewisse Impulse des Ortes usw. Also autobiographisch ist das auf keinen Fall. Eine extrahierte Märchenkulisse ist es, die ich mir da zusammengeschustert habe und an der ich eine Riesenfreude hatte. Weiteres Futter waren noch kybernetische Aufsätze, die ich damals gelesen habe. Ich habe zwar im Großen und Ganzen nichts verstanden davon, aber ich war von den Sätzen und von der Sprache fasziniert. (lacht) Da kamen viele Tautologien usw. in das Buch hinein, Heinz von Foerster und, wie heißt er, Herr [= Ernst] von Glasersfeld, Klassiker der Kybernetik. Ja und lang gedauert hatʼs dann … Es hat einfach seine Zeit gebraucht, es ist relativ dick, es sind viele Kapitel, ich weiß nicht, insgesamt 150 Kapitel oder mehr.

Barbara Belic:
Es sind aber sehr kurze Kapitel.

Andreas Unterweger:
(lacht) Ja, kurze Kapitel, die haben oft auch eine längere Entstehungsgeschichte, manchmal. (lacht) Wir haben dann Kinder bekommen, recht bald, zumindest das erste Kind. Und mir sind dann diese Kinderbücher, also die Bücher über Kinder, dazwischengekommen. Zuerst „Du bist mein Meer“, ein Buch über die Schwangerschaft, das also wirklich fast bis zum Tag der Geburt meines ersten Kindes geschrieben wurde. Und dann das zweite Buch, „Das kostbarste aller Geschenke“, über das Leben mit dem Kind, die Veränderungen. Das waren einfach Dinge, die drängend und wichtig waren für mich, aber mit dem „Gelben Buch“ nicht so viel zu tun hatten. Aber „Das gelbe Buch“ war immer da. Also ich habe Phasen gehabt, wo ich dann nur an dem geschrieben habe. Parallel nie, also Monate an dem und dann Monate an dem. „Das gelbe Buch“ zu schreiben war einfach die größte Schreibfreude überhaupt. Also ich habe da ja wirklich eine kindliche Freude gehabt an dieser Welt und an den Dingen, die den Protagonisten zustoßen. Damals hatte ich auch viel Zeit zum Schreiben. Da waren immer so drei, vier Tage am Stück, die ich dann nur zum Schreiben hatte und wo ich ganz in die Landschaft um mein Haus eintauchen konnte. Da war ich allein im Haus, mit meinem Computer, mit der Katze, mit den Tieren rundherum und konnte das Buch, obwohl es nicht autobiographisch ist, so richtig leben. Ich habe da auch wirklich ein Mordsarbeitstempo draufgehabt für meine Verhältnisse, oft so vier Kapitel am Tag, was für mich sehr, sehr viel ist.

Barbara Belic:
Du hast jetzt über die Entstehungsgeschichte deines „Gelben Buches“ gesprochen. Das Buch, würde ich sagen, hat zwei Ebenen, was der Klappentext so beschreibt: „Poetischer Eigensinn als Kindheitsutopie, ganz ohne Rücksicht auf die ‚Aufgaben der Literatur‘ – oder“, und das ist jetzt der Punkt, den ich meine, „oder Wittgenstein als Kinderbuch gewissermaßen, angereichert mit höheren und tieferen Witzen, Fotos, Rechenaufgaben und mehreren Motti zur freien Wahl.“ Wie interpretierst du das: „Wittgenstein als Kinderbuch“?

Andreas Unterweger:
(lacht) Ja, wie gesagt, es sind gewisse Einflüsse aus eher theoretischen Texten in dem Buch drinnen, Kybernetik und zum Teil tatsächlich Wittgenstein, wobei es mir immer eher um die Sprache dieser Autoren geht, weil das sind ja auch Autoren. (lacht) Ich bin nicht so ein großer Philosoph oder Denker, um da folgen zu können weiß Gott wie weit. Aber die Sprache fasziniert mich. Dass der Wittgenstein ein großer Dichter ist, das ist eh bekannt seit der Wiener Gruppe, die auch in das Buch eingeflossen ist, zum Teil. Und das Buch, würde ich sagen, ist eben nicht nur eine Märchenwelt, in der amüsante Dinge passieren, sondern es hat durchaus einen gedanklichen Hintergrund, wie auch immer man den dann definieren will. Ein Aspekt, dem ich insofern Rechnung getragen habe, als es zwei Verzeichnisse gibt. Im Anhang gibt es so ein paar Dinge, die es normalerweise im Anhang gibt: Inhaltsverzeichnis und so was wie eine Entstehungsgeschichte und kleine theoretische Bemerkungen zum Buch. Und es gibt dann auch zwei Inhaltsverzeichnisse: das eine konzentriert sich eben auf den inhaltlichen Aspekt und das andere gliedert denselben Inhalt nach anderen Gesichtspunkten, nämlich theoretischen. Und da gehtʼs dann um Dinge wie „Identität und Differenz“ usw., immer natürlich auch mit einem Augenzwinkern zu verstehen. (lacht) Es ist kein theoretisches Buch, aber das steckt eben auch drinnen.

Barbara Belic:
Du legst in deinen Büchern immer großen Wert auch auf die äußere Form. Warum?

Andreas Unterweger:
(lacht)

Barbara Belic:
(lacht) Das tun ja nicht alle Schriftsteller.

Andreas Unterweger:
Ja, also mir persönlich ist die Form eigentlich wichtiger als der Inhalt. Wie etwas gesagt wird, ist mir weitaus wichtiger, als was gesagt wird. Das, was gesagt wird, ergibt sich dann eh aus dem, wie es gesagt wird in meiner Erfahrung. Also, Form ist mir sehr wichtig. In diesem Buch gibt es verschiedene Formspielereien. Unter anderem schauen manche Kapitel so aus wie Gedichte, würde ich sagen, wo die Zeilen alle die gleiche Länge haben und in der Mitte so eine Art Refrain immer wiederkehrt, zentral gesetzt. Es war natürlich eine Heidenarbeit, das dann beim Layouten so ins Buch rüberzukriegen. Was bei mir im Manuskript drei Zeilen waren, waren dann im Buch vier oder fünf Zeilen, und das musste man dann zum Teil neu schreiben oder umschreiben. Aber für mich stimmt das so, also die Form ergibt sich beim Schreiben für mich von selbst, und sie ist mir eine große Hilfe aus verschiedensten Gründen. Unter anderem aus dem, dass das sonst einfach ausufert. Also, wenn ich die weiße Seite vor mir hab, die ist beängstigend groß, aber wenn ich dann weiß, ok, das sind jetzt fünf mal drei Zeilen, das ist etwas, was ich schon schaffen kann: Drei Zeilen hab ich geschafft und noch einmal drei, na das, (lacht) das ist etwas, was ich kann, und es hilft mir auch beim Konzentrieren. Es ist unglaublich, wie Dinge oft zusammenschrumpfen, die zuerst auf drei, vier Seiten gehen, und dann denkt man sich „nein, das labert und labert und irgendwie, das ist es noch nicht wirklich, nicht wirklich konzentriert und nicht wirklich witzig oder pointiert. Wenn man das dann verknappt, ist es erstaunlich, wie kurz man werden kann, und es wird so viel besser. Die Sprache nimmt immer Abkürzungen – das Denken, was in dem Buch auch drinnen ist, das Denken ist etwas, in meiner Erfahrung etwas, was unglaublich langwierig ist. Man geht von einem kausalen Schluss zum nächsten, dann erklärt man wieder was und wieder, es ist ein langer Weg. Aber das Schreiben macht Kurzschlüsse, und man kann von A nach Z mit einem Satz springen, und da steckt eigentlich der ganze Weg drinnen, der dann gar nicht gesagt werden muss.

Barbara Belic:
Nach all dem, was du da erzählst, müssten dir eigentlich Haikus sehr nahe sein.

Andreas Unterweger:
Ja, das sind sie auch, ich habe große Sympathie für die Form. Als ich so zwanzig Jahre alt war, glaube ich, habe ich sogar versucht, Haikus zu schreiben. Da gibtʼs sehr schöne Versuche von Oulipo-Autoren, wenn wir schon von der Form sprechen. (lacht) Eine französische Bewegung, ich weiß gar nicht, wie aktuell sie noch ist, die nur mit Formspielereien gearbeitet haben. Der Formzwang war da ganz wichtig. Da gabʼs von der Michelle Grangaud ein schönes Experiment, die Sonette von Joachim de Bellay aus dem 16. Jahrhundert hergenommen hat und aus diesen Sonetten jeweils ein Haiku destilliert hat, wo sie nur Wörter verwendet hat, die in dem Sonett drinnen waren, und daraus hat sie dann ein Haiku gemacht. Und in dem Haiku steht, ja, oft steht das Gleiche in viel kürzerer Form drinnen, und manchmal ganz was anderes. Ein sehr schönes Experiment, über das ich einmal eine Proseminararbeit geschrieben habe. Und ich habe das dann auch probiert mit anderen Gedichten, ist lustig, aber das nur am Rande, ja. (lacht) Also vielleicht schreibe ich so was wie Prosa-Haikus zum Teil. (lacht)
Der Gegensatz zwischen Idylle und dem Sich-mit-dem-Denken-die-Welt-Verstellen oder zwischen Idylle und Philosophie, wenn man so will, ist in dem Buch eben auch insofern drinnen, als man bei den Figuren recht schön beobachten kann, dass sie ständig Probleme wälzen, wo der Leser erkennt, das sind in Wirklichkeit keine Probleme. Aber für die kleinen Buben sind es Probleme und wir wissen dann, das sind in Wirklichkeit Synonyme, tja. Also zum Beispiel das Problem mit Tomatensauce und Paradeissauce: Tomatensauce hassen sie, aber Paradeissauce ist ihre Lieblingsspeise. Das klingt vielleicht superdämlich beim ersten Mal Hören, (lacht) aber das ist belegt, also diese Dinge passieren ja wirklich bei Kindern. Man sieht dann da, wie sich die Protagonisten mit dem Denken, mit zu viel denken und zu viel Sprache die Schönheit der Welt verstellen. Also die gute Paradeissauce verstellen sie sich durch das falsche Wort. Und ich habe mir gedacht, dass man vielleicht von dieser Welt auf unsere Welt schließen kann, dass es uns vielleicht ähnlich geht, und wir uns selbst auch durch Denken und Sprache oft die Welt mehr verstellen als erhellen.

Barbara Belic:
Das sagt einer, der sich mit Sprache sehr intensiv beschäftigt. (lacht)

Andreas Unterweger:
(lacht) Gezwungenermaßen, sonst kann ich nix! (lacht)

Barbara Belic:
(lacht) Sagt Andreas Unterweger mit für ihn typischem Understatement.

B: Andreas Unterweger liest nun einige Ausschnitte aus seinem „Gelben Buch“. Er beginnt mit dem Kapitel Die Glocken von Hoboken oder Der Palast des Biberkönigs. Hoboken ist eine kleine Stadt in New Jersey und liegt am Hudson River, direkt gegenüber von Manhattan. In Andreas Unterwegers Buch ist es eine Art Sehnsuchtsort, inspiriert von einem Song von Bob Dylan, darin heißt es: „Crossing the bridge, going to Hoboken / Maybe over there, things ain’t broken“.

Mehr zur Sendung bzw. die Aufzeichnung meiner Lesung und den Teil über das schöne Donau-Buch meines Verlagskollegen Wilhelm Hengstler findet man hier.

Und wie es sich im Alltag äußert, wenn einem „die Form eigentlich wichtiger [ist] als der Inhalt“, sieht man unten:

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Metropolitane Menschenkinder (Zu: Iris Hanika, „Wie der Müll geordnet wird“

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 26. März 2015

Hier meine Rezension zu Iris Hanikas neuem Roman, deren kürzere Fassung am 22.03.15 unter der schönen Überschrift „Gänzlich unbeschützt im Weltenall“ in der Kleinen Zeitung erschienen ist.

 

METROPOLITANE MENSCHENKINDER

Iris Hanikas neuer Roman vereinigt Grant und Menschenliebe zu einem packenden Panorama, das weit über Berlin hinausreicht.

„Wie der Müll geordnet wird“ erinnert mich daran, wie es war, meinen Berliner Kollegen B. ebendort auf ein Eis zu treffen. Zur Begrüßung hieß es: „Ich hab gar keine Zeit!“, dann schimpfte er über sein Fahrrad, über „Kreuzkölln“, über Touristen (wie mich) …
B. grantelte aber auf so intelligente, witzige, ja, liebenswürdige Weise, dass wir drei Stunden immer noch eifrig plaudernd beisammen saßen. Im Freien. Im Herbst. Bei 0 Grad Celsius.

Mit Hanikas Buch mag es einem anfangs ähnlich ergehen: Antonius ist mit dem Leben fertig. Er will allein leben, „nur noch sinnlose Dinge tun“, also sortiert er den Müll in den Tonnen.
Das klingt grantig, ist aber – dank Hanikas kunstvollen Sprachspielen, die Essays über UDSSR-Literatur, Oden auf Windräder und barocke Reyen einbetten – höchst unterhaltsam!
Zudem zeigt sich bald, was den Antrieb des Suhlens im Sinnlosen ausmacht: eine in diesem Kontext erstaunliche, erstaunlich offen gezeigte Zuneigung, ja, Liebe zu den Menschen.

Erstaunlich auch die Wende in Teil zwei: Aus losen Handlungsfäden knüpft die Berliner Autorin eine packende Geschichte, Antonius´ Vorgeschichte, die mehrere Personen in ein wildes Beziehungsgeflecht stürzt.
Was wird das? Eine urbane Romanze wie ihr Bestseller „Treffen sich zwei“? Ein germanistischer Krimi, der um „das Eigentliche“, die deutsche Nazivergangenheit, kreist?
Beides – und doch etwas ganz anderes, Allgemeineres … Nachdem die Liebe, der alle zu Füßen liegen, alle kräftigst mit denselben getreten hat, senkt sich der Vorhang der Nacht über Hanikas großartiges Theatrum mundi: „und alle Menschenkinder liegen unbeschützt im Weltenall, wie sie das immer tun“.

Iris Hanika. Wie der Müll geordnet wird. Roman. Droschl 2015.

9 Gedichte (manuskripte 205)

Posted in Das kostbarste aller Geschenke, manuskripte by andreasundschnurrendemia on 29. September 2014

Mein Beitrag zu Heft 205 (!) der manuskripte:

 

DIE ELTERN

 

Ihr Schweiß / ist das Meer / der Eltern;

das Schleudern der Waschmaschine / ist die Brandung

aaaaaaader Eltern;

die Schluchzer der flohbefallenen Katze

aaaaaaadraußen, vor dem Fenster,

sind, in den Ohren der Eltern,

kreischende Möwen

aaaaaaa(„der Gesang des Meeres“).

 

Die Eltern: jeden Abend wieder

verbleiben sie / auf dem verlassenen Strand

(die Brösel auf der Holzplatte des Küchentischs

sind der Sandstrand der Eltern)

zwischen Spielzeug und Scherben

wie Treibgut

 

der jüngsten Flut.

 

Wer sie so sieht, wird kaum für möglich halten,

dass sich „die E.“

vor gar nicht allzu langer Zeit (in den 60ern),

an einer gar nicht so viel freundlicheren Küste (Desolation Island)

„gänzlich anders“ zeigten.

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaZitat:

„Sie schwimmen und tauchen vortrefflich, führen rasche Wendungen aus […], jagen eifrig

und geschickt […] und wissen selbst Wasservögel, Pinguine z. B., schwimmend zu erreichen.“

(Brehms Tierleben)

 

Nun ja. Nun schreiben wir ja nicht mehr

1866,

und fern, milchstraßenfern

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaavom Sang der Silbergischt

aaaaaaaaaaaaaader Subantarktis

aaaaaaaliegt

das wüste Land

 

der Gegenwart. Hier aber

„sind [sie] unbeholfen […]

ermüden sie in hohem Grade […]

schlottert bei jeder ruckweisen Bewegung der Leib wie eine mit Gallerte angefüllte große

Blase […]

stoßen [nur dann und wann] die Männchen ihr eigenthümliches, dem eines Rindes ähnelndes,

aber mehr gezogenes, von einem sonderbaren, aus tiefster Brust kommenden Rasseln

begleitendes Gebrüll aus […]

schweigt [aber meistens]

aaaaaaaangsterfüllt

aaaaaaaaaaaaaadie ganze Gesellschaft

und läßt

 

das unvermeidliche Geschick

 

willenlos über sich ergehen.“

(Ebda.)

 

*

 

DER VATER

 

Er ist die Mutter mit den fünf Brustwarzen

an jeder Hand, von denen keine Milch gibt.

 

Keine Religion (nicht einmal der obskure

Todes-Ritus der Drogendealer von Mexico City)

verehrt ihn als Fruchtbarkeitsgöttin.

 

Sein Bildnis hängt nicht über Hausaltären,

er kniet nicht, wie Mutter und Tante,

an der Seite des Christbaums, nein:

 

er, der Vater, bleibt im Hintergrund

(im Seitenschiff oder sonst einer Nische)

des Bewusstseins des Kindes,

 

das in seinem der Mittelpunkt ist.

(Einer muss die Fotos ja machen.)

 

 

Wenn jeder in der Kleinfamilie

(Frau und Kinder zuerst,

dann der Hund, dann die Katze,

die Schildkröten, das Meerschweinchen,

der Exfreund, die Exfreundin des Exfreunds usw.)

längst im Rettungsboot sitzt,

 

findet man ihn, den Vater,

noch im Auto (auf dem Weg nach Hause)

oder im Wirtshaus (auf dem Weg nach Hause)

oder im Stiegenhaus (den Müll runterbringend)

oder seit Stunden (Tagen? [Wochen?!])

auf dem Klo (mit dem Sportteil der Zeitung)

 

oder vielleicht auch hier, am Fensterbrett –

wo er, mit neiderfülltem Blick

auf all die, die ihm leid tun

(die Kinderlosen da draußen),

ein Gebet an sich selbst spricht,

 

das ins Leere geht.

 

*

 

DIE MUTTER

 

Sie ist der Vater, der dich nie verlässt.

 

Wer sie verletzt (Vater, Geschwister, du selbst usw.),

dem wirst du nie verzeihen.

 

Jedes Gedicht an sie

bleibt ein Fragment,

in jedem Lied, das du ihr singst,

fehlt ihre Stimme.

 

 

Ihre Hand ist das Honigbrot,

das dich am Morgen aus den Federn lockt,

und sie lächelt dich an

– später, beim Frühstück –,

wenn du ihr Finger um Finger abbeißt.

 

Am Grunde ihres Bauchs

(in dem das kollektive

Urmeer rauscht)

wartet ein Bett auf dich –

 

dereinst, wenn dir (auch dir!),

der große Jäger Nibxiktuq

die Fackel in den Rachen drischt,

 

siehst du es wieder.

 

*

 

SEDNA

 

Wenn es – wie der Perian im Roten Buch behauptet – in Wirklichkeit nur eine Straße gibt,

nur eine einzige, die „wie ein großer Strom […] an allen Türschwellen [entspringt]“, dann

muss das Gleiche (Bildumkehr!) auch für die Wege des Wassers gelten: alle Gewässer

sind in Wirklichkeit eines, ein weltumfließendes –

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaund an die Ränder des Abwaschbeckens,

in dessen Gischt du deine Hände tauchst, schlagen die Wellen des Meeres …

 

Schon ein Ikeaglas, durch den Spülmittelschaum gebohrt, gibt am Boden den Blick frei

auf die Wunder der Tiefsee: bizarre Kreaturen, Kalkkorallen, das kalte Leuchten

(Bioluminiszenz) der Teelöffel (lingua lingua?) unterm Tellerwrack …

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaUnd während du noch

nach dem Maiskolben tastest, der hier – mit Grannen und Griffeln – versunken sein soll,

während du dich, müde vom langen Stehen, immer und immer weiter nach vorne beugst,

und während deine Hand, im gummihandschuhgelben Tauchanzug, tiefer und tiefer wühlt

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaa(an Dunkles rührt … dich mit sich zieht …),

 

kämmst du bereits – in Trance wie nur je einer der Angakkuq-Schamanen –

Sedna, der Fingerlosen, Mutter aller Meeresanbeter (und ihr Untergang),

aaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaaadas lange, wallende, aphotisch schwarze Haar.

 

*

 

KATZENGRAS (1)

 

Damals war die Ebene noch eine Katze / & ihr weizen-

weiches, weizenweißes Haar / streichelten die milden

Sommerwinde / so unendlich zart wie deine Hand / meine

 

kleine weiße Perserkatze / die auf meinen Beinen ein-

geschlafen war … / Nur dein Atem war zu hören & das

leise / Schnurren einer fernen Autobahn / als ich blinzelte

 

& erstmals / dieses eine so unendlich feine / weiße Haar

an deiner Lippe sah … / Als die Erde bebte; als dein Schoß-

hund bellte; / als ich aufwachte & dennoch: bei dir war …

 

*

 

DANN WURDEN ALLE FELDER KURZGESCHOREN / die ganze Ebene

musste zum Militär / „General Winter sammelt seine Truppen / im

Schutz des Morgenfrosts, des Nebelmeers“ / schrieb ich mit

Raureif auf ein Büschel Gras / das wenig später schon, kaum

überflogen / aus deinen kalten Händen Feuer fraß … / Ja, damals

 

arbeiteten wir noch beide / für beide Seiten, nicht jeder für sich / &

jeder Wetterwechsel war ein Zeichen / geheim für alle außer: dich

& mich … / Doch als der erste Pass geschlossen wurde / & als man

Flocken auf die Dörfer schmiss / & als das Kettenfahrzeug in der

Einfahrt parkte / sprachst du plötzlich von: „Frieden!“, aber ich …

 

*

 

KATZENGRAS (2)

 

Ist das ein Auto, das die ganze Nacht / näher & näher

kommt, langsam & niedertourig / die Straße rauf auf unser

Fenster zu / die Glasfassade, hinter der wir schlafen / zittert

 

das Gras im Traum denn wirklich immer so / was rauscht da

bloß, was pirscht sich, Halm für Halm, heran / die Katze

kann es wohl nicht sein, sie schläft ja dort / im Rückspiegel

 

auf deinem Schoß … Sie schnurrt / ich kriege keine Luft

unter dem Gurt & wann / den Fuß vom Gaspedal & meine

Augen auf … / Warte nur, balde – springe ich wieder an …

 

*

 

Ich weiß nicht, was die Lichter dort

bedeuten. Neun sind´s, die nachts

 

ein Straßenstück beleuchten, den

Teilabschnitt wahrscheinlich einer

 

Autobahn, die wir nicht kennen …

 

Ich schaue immer in das gar nicht

grelle, sterngelbe Licht, bis meine

 

Augen brennen. Doch niemals

fährt ein Auto durchs Gedicht.

 

*

 

Zitronenblätter, Apfelblütenfalter.

Verwehungen von Nahefliegendem

 

wie etwa „fliegen auf etwas/jemanden“

& „einen Abflug machen“ fliehen

 

in der Luft. Zwischen uns beiden

 

Schneepollen, Birkensturm: „April, April“

tut, was er kann … Und wir? Im Treiben.

 

Was mir denn vorschwebe, fragst du.

Ich weiß nicht. Alles schwebt vor mir.