Andreas Unterweger

Das Gelbe vom Jahr

Posted in Das gelbe Buch, Dylanologie, Koffeinismus, Tingeltangel-Tour, Twitteristik, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 5. Januar 2016

Noch einmal zum Nachlesen: jene 3 Beiträge, die 2015 die meisten Zugriffe auf dieser Homepage hatten:

1. Das gelbe Buch
Alles Lesens-, Hörens- und Sehenswerte zu meinem neuen Buch, das wieder bei Droschl erschienen ist und auch 2016 noch, zumindest für ein paar Wochen, Saison haben wird (offiziell – inoffiziell kann seine Zeit, wie jede seiner Leserinnen/jeder seiner Leser wissen muss, ohnehin nie zu Ende sein).

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2. AustroBob
Ankündigung der schönen Bob Dylan-Anthologie dieses Namens, von Eugen Banauch, Alexandra Ganser und Martin Blumenau im Falter Verlag herausgegeben. Der Beitrag enthält mein Vorwort zu dem im Buch enthaltenen Ausschnitt aus „Wie im Siebenten“.
(Lesenswert auch: Austrobob 2 [mit einem Auzug aus Eugen Banauchs brillantem Essay über u.a. „Wie im Siebenten“] und Austrobob 3 [Bericht von der Buchpräsentation, bei der ich lesen und öffentlich mit so klugen Menschen wie Armin Thurnher diskutieren durfte]!).

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3. Wolfgang Bauer und die manuskripte
Mein Presstext zum Thema, geschrieben für die Pressekonferenz anlässlich der Wiederentdeckung des verschollen gewesenen und 2015 sensationell wieder aufgetauchten Wolfgang Bauer-Stücks “Der Rüssel” am 13.02.2015 im Redaktionsbüro der von meinem lieben Chef Alfred Kolleritsch herausgegebenen manuskripte.
(Der Elefant der Liebe, mein Artikel über das Stück für die Kleine Zeitung, war übrigens der vierterfolgreichste Beitrag :-)).

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Nicht so populär, aber – neben dem populärsten (s.o) und all seinen Links – 3 meiner Lieblingsdinger auf dieser Homepage:

Kaffee mit Kolleritsch

The American Notebook

Na Bumba!

2015 war jedenfalls, nicht nur statistisch betrachtet, ein gutes Jahr – ich danke allen Verlinkerinnen und Verlinkern, allen Retweeterinnen und Retweetern und, v. a., allen Anklickerinnen und Anklickern. Und ich wünsche uns allen ein ebenso gutes 2016!

 

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„Sonst kann ich nix!“ (Gespräch über das Schreiben)

Nachtrag zum Termin:
14.09.2015, 20:00, Andreas Unterweger und “Das gelbe Buch” zu Gast in Barbara Belics “Das rote Mikro”, Radio Helsinki.

Aus Freude über die von Barbara Belic so schön gestaltete Sendung (gute Fragen!, gute Musik!, guter Schnitt! usw.) – ein Transkript ihres Interviews mit mir (hier nachzuhören):

„Sonst kann ich nix!“
Andreas Unterweger im Gespräch mit Barbara Belic

Ausschnitte aus der Radiosendung „Kindheitsutopie und ein doppeltes Reisebuch “
Sendungszeit: 14. September 2015, 20 Uhr
Sendereihe: Das rote Mikro: Literatur (Radio Helsinki)
Redakteurin: Barbara Belic
Transkript: Sarah Stadler

Musik: Bob Dylan „Time Out Of My Mind“ 1987, tr 2 Dirt Road Blues + „Blood On the Tracks“ 1974, tr 2 Simple Twist Of Fate + „Modern Times“ 2006, tr 7 Beyond the Horizon + „Tempest“ 2012, tr 3 Narrow Way

Barbara Belic:
Andreas Unterweger entwirft in seinem jüngsten Werk ein Land der Kindheit, wie es schöner kaum sein könnte: mit einer kleinen Bubenschar, deren Wortführer Biber, dem Großvater, dessen Freunden und Nachbarn, der Katze Mia, einem Garten mit hohen Bäumen, einem Fluss, in dem man baden kann, und sehr, sehr viel von der Farbe Gelb. Deswegen lautet der Titel auch „Das gelbe Buch“. Die idyllische Welt der kleinen Buben ist aber nur eine Ebene des Buches.

Andreas Unterweger:
Der Erstimpuls zu dem Buch kam schon 2007, ausgelöst durch einen neuen Ort. Ich bin damals nach Niederösterreich gezogen, in ein kleines Haus an einem Fluss in einer Aulandschaft, wo ich mit einer völlig neuen Fauna konfrontiert war, mit Bibern und Waschbären, Baummadern usw. Und die erste Idee, glaube ich, war, ein Kinderbuch zu schreiben mit einem Biber als Helden. Das blieb aber eine vage Idee. Ich hab dann mein erstes Buch fertiggeschrieben und nicht mehr drüber nachgedacht. Und dann in einer schlaflosen Nacht, 2008, wo so Geräusche auf dem Dachboden waren, ein Getrippel und Gekratze und Gescharre, kam dann der erste Text, das erste Kapitel, „Alter Waschbär“, nachzuhören in der Sendung von 2012. (lacht) Auf meiner Homepage kann man es noch runterladen.

Barbara Belic:
Warum hat das dann so lange gedauert, bis dieses Buch fertiggeworden ist? Du hast ja inzwischen andere veröffentlicht.

Andreas Unterweger:
Das Buch hätte das zweite Buch werden sollen. Wie gesagt, ich hab 2008 im Spätsommer damit begonnen und war 2008 im Sommer mit meinem ersten Buch fertig. Da kamen dann auch noch wichtige Lektüreerlebnisse dazu: Richard Brautigan, „In Wassermelonen Zucker“, wo auch eine Welt entworfen wird, die irgendwie außerhalb der unseren steht, ganz absurd zum Teil und wunderschön. Mir fast noch ein bisschen zu viel Plot, das wird ja noch unglaublich spannend im zweiten Teil. (lacht) Das ist gar nicht notwendig meines Erachtens. Ja, und da hat sich die Möglichkeit aufgetan, etwas ganz Eigenartiges zu schaffen, eine Welt zu schaffen durch Sprache, eine Welt, die nicht gedeckt ist durch Autobiographie, sondern gedeckt durch gewisse Impulse des Ortes usw. Also autobiographisch ist das auf keinen Fall. Eine extrahierte Märchenkulisse ist es, die ich mir da zusammengeschustert habe und an der ich eine Riesenfreude hatte. Weiteres Futter waren noch kybernetische Aufsätze, die ich damals gelesen habe. Ich habe zwar im Großen und Ganzen nichts verstanden davon, aber ich war von den Sätzen und von der Sprache fasziniert. (lacht) Da kamen viele Tautologien usw. in das Buch hinein, Heinz von Foerster und, wie heißt er, Herr [= Ernst] von Glasersfeld, Klassiker der Kybernetik. Ja und lang gedauert hatʼs dann … Es hat einfach seine Zeit gebraucht, es ist relativ dick, es sind viele Kapitel, ich weiß nicht, insgesamt 150 Kapitel oder mehr.

Barbara Belic:
Es sind aber sehr kurze Kapitel.

Andreas Unterweger:
(lacht) Ja, kurze Kapitel, die haben oft auch eine längere Entstehungsgeschichte, manchmal. (lacht) Wir haben dann Kinder bekommen, recht bald, zumindest das erste Kind. Und mir sind dann diese Kinderbücher, also die Bücher über Kinder, dazwischengekommen. Zuerst „Du bist mein Meer“, ein Buch über die Schwangerschaft, das also wirklich fast bis zum Tag der Geburt meines ersten Kindes geschrieben wurde. Und dann das zweite Buch, „Das kostbarste aller Geschenke“, über das Leben mit dem Kind, die Veränderungen. Das waren einfach Dinge, die drängend und wichtig waren für mich, aber mit dem „Gelben Buch“ nicht so viel zu tun hatten. Aber „Das gelbe Buch“ war immer da. Also ich habe Phasen gehabt, wo ich dann nur an dem geschrieben habe. Parallel nie, also Monate an dem und dann Monate an dem. „Das gelbe Buch“ zu schreiben war einfach die größte Schreibfreude überhaupt. Also ich habe da ja wirklich eine kindliche Freude gehabt an dieser Welt und an den Dingen, die den Protagonisten zustoßen. Damals hatte ich auch viel Zeit zum Schreiben. Da waren immer so drei, vier Tage am Stück, die ich dann nur zum Schreiben hatte und wo ich ganz in die Landschaft um mein Haus eintauchen konnte. Da war ich allein im Haus, mit meinem Computer, mit der Katze, mit den Tieren rundherum und konnte das Buch, obwohl es nicht autobiographisch ist, so richtig leben. Ich habe da auch wirklich ein Mordsarbeitstempo draufgehabt für meine Verhältnisse, oft so vier Kapitel am Tag, was für mich sehr, sehr viel ist.

Barbara Belic:
Du hast jetzt über die Entstehungsgeschichte deines „Gelben Buches“ gesprochen. Das Buch, würde ich sagen, hat zwei Ebenen, was der Klappentext so beschreibt: „Poetischer Eigensinn als Kindheitsutopie, ganz ohne Rücksicht auf die ‚Aufgaben der Literatur‘ – oder“, und das ist jetzt der Punkt, den ich meine, „oder Wittgenstein als Kinderbuch gewissermaßen, angereichert mit höheren und tieferen Witzen, Fotos, Rechenaufgaben und mehreren Motti zur freien Wahl.“ Wie interpretierst du das: „Wittgenstein als Kinderbuch“?

Andreas Unterweger:
(lacht) Ja, wie gesagt, es sind gewisse Einflüsse aus eher theoretischen Texten in dem Buch drinnen, Kybernetik und zum Teil tatsächlich Wittgenstein, wobei es mir immer eher um die Sprache dieser Autoren geht, weil das sind ja auch Autoren. (lacht) Ich bin nicht so ein großer Philosoph oder Denker, um da folgen zu können weiß Gott wie weit. Aber die Sprache fasziniert mich. Dass der Wittgenstein ein großer Dichter ist, das ist eh bekannt seit der Wiener Gruppe, die auch in das Buch eingeflossen ist, zum Teil. Und das Buch, würde ich sagen, ist eben nicht nur eine Märchenwelt, in der amüsante Dinge passieren, sondern es hat durchaus einen gedanklichen Hintergrund, wie auch immer man den dann definieren will. Ein Aspekt, dem ich insofern Rechnung getragen habe, als es zwei Verzeichnisse gibt. Im Anhang gibt es so ein paar Dinge, die es normalerweise im Anhang gibt: Inhaltsverzeichnis und so was wie eine Entstehungsgeschichte und kleine theoretische Bemerkungen zum Buch. Und es gibt dann auch zwei Inhaltsverzeichnisse: das eine konzentriert sich eben auf den inhaltlichen Aspekt und das andere gliedert denselben Inhalt nach anderen Gesichtspunkten, nämlich theoretischen. Und da gehtʼs dann um Dinge wie „Identität und Differenz“ usw., immer natürlich auch mit einem Augenzwinkern zu verstehen. (lacht) Es ist kein theoretisches Buch, aber das steckt eben auch drinnen.

Barbara Belic:
Du legst in deinen Büchern immer großen Wert auch auf die äußere Form. Warum?

Andreas Unterweger:
(lacht)

Barbara Belic:
(lacht) Das tun ja nicht alle Schriftsteller.

Andreas Unterweger:
Ja, also mir persönlich ist die Form eigentlich wichtiger als der Inhalt. Wie etwas gesagt wird, ist mir weitaus wichtiger, als was gesagt wird. Das, was gesagt wird, ergibt sich dann eh aus dem, wie es gesagt wird in meiner Erfahrung. Also, Form ist mir sehr wichtig. In diesem Buch gibt es verschiedene Formspielereien. Unter anderem schauen manche Kapitel so aus wie Gedichte, würde ich sagen, wo die Zeilen alle die gleiche Länge haben und in der Mitte so eine Art Refrain immer wiederkehrt, zentral gesetzt. Es war natürlich eine Heidenarbeit, das dann beim Layouten so ins Buch rüberzukriegen. Was bei mir im Manuskript drei Zeilen waren, waren dann im Buch vier oder fünf Zeilen, und das musste man dann zum Teil neu schreiben oder umschreiben. Aber für mich stimmt das so, also die Form ergibt sich beim Schreiben für mich von selbst, und sie ist mir eine große Hilfe aus verschiedensten Gründen. Unter anderem aus dem, dass das sonst einfach ausufert. Also, wenn ich die weiße Seite vor mir hab, die ist beängstigend groß, aber wenn ich dann weiß, ok, das sind jetzt fünf mal drei Zeilen, das ist etwas, was ich schon schaffen kann: Drei Zeilen hab ich geschafft und noch einmal drei, na das, (lacht) das ist etwas, was ich kann, und es hilft mir auch beim Konzentrieren. Es ist unglaublich, wie Dinge oft zusammenschrumpfen, die zuerst auf drei, vier Seiten gehen, und dann denkt man sich „nein, das labert und labert und irgendwie, das ist es noch nicht wirklich, nicht wirklich konzentriert und nicht wirklich witzig oder pointiert. Wenn man das dann verknappt, ist es erstaunlich, wie kurz man werden kann, und es wird so viel besser. Die Sprache nimmt immer Abkürzungen – das Denken, was in dem Buch auch drinnen ist, das Denken ist etwas, in meiner Erfahrung etwas, was unglaublich langwierig ist. Man geht von einem kausalen Schluss zum nächsten, dann erklärt man wieder was und wieder, es ist ein langer Weg. Aber das Schreiben macht Kurzschlüsse, und man kann von A nach Z mit einem Satz springen, und da steckt eigentlich der ganze Weg drinnen, der dann gar nicht gesagt werden muss.

Barbara Belic:
Nach all dem, was du da erzählst, müssten dir eigentlich Haikus sehr nahe sein.

Andreas Unterweger:
Ja, das sind sie auch, ich habe große Sympathie für die Form. Als ich so zwanzig Jahre alt war, glaube ich, habe ich sogar versucht, Haikus zu schreiben. Da gibtʼs sehr schöne Versuche von Oulipo-Autoren, wenn wir schon von der Form sprechen. (lacht) Eine französische Bewegung, ich weiß gar nicht, wie aktuell sie noch ist, die nur mit Formspielereien gearbeitet haben. Der Formzwang war da ganz wichtig. Da gabʼs von der Michelle Grangaud ein schönes Experiment, die Sonette von Joachim de Bellay aus dem 16. Jahrhundert hergenommen hat und aus diesen Sonetten jeweils ein Haiku destilliert hat, wo sie nur Wörter verwendet hat, die in dem Sonett drinnen waren, und daraus hat sie dann ein Haiku gemacht. Und in dem Haiku steht, ja, oft steht das Gleiche in viel kürzerer Form drinnen, und manchmal ganz was anderes. Ein sehr schönes Experiment, über das ich einmal eine Proseminararbeit geschrieben habe. Und ich habe das dann auch probiert mit anderen Gedichten, ist lustig, aber das nur am Rande, ja. (lacht) Also vielleicht schreibe ich so was wie Prosa-Haikus zum Teil. (lacht)
Der Gegensatz zwischen Idylle und dem Sich-mit-dem-Denken-die-Welt-Verstellen oder zwischen Idylle und Philosophie, wenn man so will, ist in dem Buch eben auch insofern drinnen, als man bei den Figuren recht schön beobachten kann, dass sie ständig Probleme wälzen, wo der Leser erkennt, das sind in Wirklichkeit keine Probleme. Aber für die kleinen Buben sind es Probleme und wir wissen dann, das sind in Wirklichkeit Synonyme, tja. Also zum Beispiel das Problem mit Tomatensauce und Paradeissauce: Tomatensauce hassen sie, aber Paradeissauce ist ihre Lieblingsspeise. Das klingt vielleicht superdämlich beim ersten Mal Hören, (lacht) aber das ist belegt, also diese Dinge passieren ja wirklich bei Kindern. Man sieht dann da, wie sich die Protagonisten mit dem Denken, mit zu viel denken und zu viel Sprache die Schönheit der Welt verstellen. Also die gute Paradeissauce verstellen sie sich durch das falsche Wort. Und ich habe mir gedacht, dass man vielleicht von dieser Welt auf unsere Welt schließen kann, dass es uns vielleicht ähnlich geht, und wir uns selbst auch durch Denken und Sprache oft die Welt mehr verstellen als erhellen.

Barbara Belic:
Das sagt einer, der sich mit Sprache sehr intensiv beschäftigt. (lacht)

Andreas Unterweger:
(lacht) Gezwungenermaßen, sonst kann ich nix! (lacht)

Barbara Belic:
(lacht) Sagt Andreas Unterweger mit für ihn typischem Understatement.

B: Andreas Unterweger liest nun einige Ausschnitte aus seinem „Gelben Buch“. Er beginnt mit dem Kapitel Die Glocken von Hoboken oder Der Palast des Biberkönigs. Hoboken ist eine kleine Stadt in New Jersey und liegt am Hudson River, direkt gegenüber von Manhattan. In Andreas Unterwegers Buch ist es eine Art Sehnsuchtsort, inspiriert von einem Song von Bob Dylan, darin heißt es: „Crossing the bridge, going to Hoboken / Maybe over there, things ain’t broken“.

Mehr zur Sendung bzw. die Aufzeichnung meiner Lesung und den Teil über das schöne Donau-Buch meines Verlagskollegen Wilhelm Hengstler findet man hier.

Und wie es sich im Alltag äußert, wenn einem „die Form eigentlich wichtiger [ist] als der Inhalt“, sieht man unten:

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Was mache ich hier

Posted in Dylanologie, Im Auftrag des Herrn unterwegs, Tingeltangel-Tour, Unterweger & Stift by andreasundschnurrendemia on 15. April 2015

Nachtrag zum Termin:
16.04.2015, 20:00, Andreas Unterweger liest bei der Präsentation der Anthologie „Franziskus Unser. Literarische Positionen zum Papst“. Hg. v. Andrea Stift (Leykam 2015). ImCubus, Mariahilferplatz 3/I, 8010 Graz. Außerdem lesen: der gute Christoph Dolgan und Herausgeberin Andrea Stift.

Das war eine schöne und unterhaltsame Sache, die, u.a., so ausgesehen hat:

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Alle Fotos: (c) Leykam Buchverlag/E. Klöckl-Stadler

Und hier die ersetn 3/5 meines eigenen Beitrags zum Buch, den Andrea Stift, höchst eloquent, vorab so beschrieben hat:

„Bei Andreas Unterweger wird die Teilnahme an dieser Anthologie zur Glaubensfrage: „Was mache ich hier?“ Seine „fünf Botschaften“, deren autobiographische, belletristische und essayistische Elemente das Papstamt aus unerwarteten Perspektiven hinterfragen, bergen dann dennoch eine Art Glaubensbekenntnis: zum Schreiben.“

WAS MACHE ICH HIER
5 Botschaften

Die Glocken von St. J.

In dem Dorf, wo wir wohnen, nah bei unserem Haus, steht eine kleine Kapelle. Die Glocke des Turms, nein: Türmchens dieser Kapelle läutet dreimal am Tag: um sechs Uhr früh, zwölf Uhr mittags und sechs Uhr abends.
Wobei „läuten“ das falsche Wort ist. Es handelt sich eher um so etwas wie ein Schrillen, hysterisch, ja, aggressiv, eine Art metallisches Bellen – kein Wunder, dass der Hund unserer Nachbarn, ein ebenso diszipliniertes wie intelligentes Tier, jedes Mal wieder (also dreimal am Tag, dreimal dreihundertdreiundsechzig Komma fünfundsiebzig mal im Jahr [abzüglich Karfreitag und -samstag, unter Berücksichtigung von Schaltjahren], insgesamt somit tausendeinundneunzig Komma fünfundzwanzig mal pro Jahr [sprich: exakt siebentausendsechshundertachtundreißig Komma fünfundsiebzig mal in den sieben Jahren, die wir nun hier wohnen]) die Nerven komplett wegschmeißt, um in (nicht nur stimmlich) allerhöchster Verzweiflung in das Gejaule seines eisernen Artgenossen, der ihn aus dem hier sonst so heiteren, friedlichen Himmel heraus ankläfft, einzufallen.
Dieses Duett erreicht eine Lautstärke, gegen die sich selbst das gelegentliche Vorbeidonnern versprengter Motorrad-Nomaden molto amabile ausnimmt: Kinder schrecken aus dem Schlaf, Katzen flüchten auf Dachböden, Hasen jagen im panischen Zickzack übers Stoppelfeld, bis – nach jedes Mal aufs Neue mitgezählten einhundertvierundzwanzig Glockenhieben (das macht, nebenbei bemerkt, insgesamt neunhundertsiebenundvierzigtausendzweihundertfünf, seitdem wir hier wohnen) – der Lärmpegel abebbt, der Hund erschöpft ins Gras sinkt, der Himmel aufklart, wieder Frieden herrscht.
So viel zur Rolle der katholischen Kirche in meinem täglichen Leben.

The Chimes Of Bob Dylan

Bob Dylan liebt Glocken. Die Hinweise darauf reichen von The Chimes Of Freedom (1964) über „the sounds of those Methodist bells“ in Sara (1976) bis zu einer entsprechenden, sehr erhellenden Äußerung, von der ich leider vergessen habe, wo sie nachzulesen ist.
Jedenfalls – so meine privatdylanologische Radikalthese – ist es im Wesentlichen, sprich: in Wirklichkeit, Bob Dylans Liebe zum Klang von Kirchenglocken zu verdanken, dass dieser, geboren als Robert Allen Zimmermann, aufgewachsen in einer jüdischen Familie und danach weltweit bekannt geworden als Verfasser musikalischer Fundamentalkritik an jeglicher Art von Autorität, 1978 – aus heiterem Himmel, sozusagen – ein christliches Erweckungserlebnis erfuhr.

Die erste Botschaft, die Bob Dylan am Beginn seiner drei Alben währenden christlichen Phase verkündete, ist folgende: „Well, it may be the devil or it may be the Lord / But you’re gonna have to serve somebody“.
Dies erinnert an einen recht aktuellen Tweet von Papst Franziskus I., über den ich beim Recherchieren gestolpert bin (den Tweet, nicht den Papst): „Wenn man nicht Gott anbetet, dann wird etwas anderes angebetet. Geld und Macht sind Götzen, die oft Gottes Platz einnehmen.“ (@pontifex_de, 02.08.2014)

Zitiert der Papst etwa Bob Dylan? Nein, beide paraphrasieren das Neue Testament: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon.“ (Mt 6,24 Lut)
Die Botschaft der drei Texte ist jedenfalls ziemlich die gleiche – mit dem Unterschied, dass für den frisch erweckten Gottesdiener Dylan noch eine Erkenntnis darstellt, was für die routinierteren Franziskus und Matthäus bereits außer Frage steht.

Als John Lennon Dylans Song „Gotta Serve Somebody“ erstmals im Fernsehen hörte/sah, antwortete er, fuchsteufelswild, mit dem Song „Serve Yourself“.
Aber selbst bei diesem Gebot bin ich mir, irgendwie, nicht ganz so sicher.

Die Päpstin

Das Grimm´sche Märchen „Vom Fischer und seiner Frau“ handelt, u. a., davon, wie man Papst wird bzw. was es bedeutet, Papst zu sein. Demzufolge geht es dabei um Reichtum, sprich: um Macht.
Ilsebill, die Frau des Fischers, der den verzauberten Butt aus dem Meer gezogen und wieder zurückgeworfen hat, wünscht sich vom Fisch immer schönere (teurere) Behausungen (statt des ursprünglichen „Topfs“ [im plattdeutschen Original: „Pisspott“] erst eine Hütte, dann ein Schloss), bevor sie auf Ämter verfällt: König, Kaiser und schließlich, auf ihrem Höhepunkt (vor dem Totalabsturz, der mit dem Satz „ick will warden, as de lewe Gott!“ beginnt), ist Ilsebill für einen Tag und eine Nacht sogar – „in lauter Gold gekleidet“, „drei grosse goldene Kronen auf“, umkniet von allen „Kaiser[n] und […] Könige[n]“, die ihr „den Pantoffel küssen“, und alles in allem strahlend wie „die helle Sonne“ selbst – Papst.

Diese Karriereleiter wirkt mittelalterlicher, als sie womöglich ist – schließlich führt das Forbes Magazin Papst Franziskus I.immer noch als viertmächtigsten Menschen der Welt. Und als Verfüger über ein Vermögen von bis zu 12 Milliarden Euro, das, u. a., in allerlei Unternehmungen angelegt ist, zählt er auch zu den Top 60, 70 der Allerreichsten.
Ich weiß schon, man darf Franziskus aka Jorge Mario Bergoglio, der sich mit seinem Kreuz aus Eisen wohl tatsächlich, und wahrscheinlich auch aufrichtig, darum bemüht, ein „Papst der Armen“ zu sein, nicht mit den anderen Gestalten auf den beiden Listen (Putin, Blatter, Google usw.) in einen Pisspott werfen … Andererseits:

„Es gibt keine saubere Methode, um zu hundert Millionen Eiern zu kommen […] Der Mann ganz oben glaubt vielleicht, daß seine Hände sauber sind, aber irgendwo auf dem Weg nach unten sind Leute an die Wand gedrückt worden, ist netten kleinen Geschäften der Boden unter den Füßen weggezogen worden, so daß sie für ein Butterbrot verkauft werden mussten, haben anständige Menschen ihre Stellung verloren, ist der Aktienmarkt manipuliert worden, hat man die Bevollmächtigten der Konkurrenz gekauft wie alten Ramsch, und die Lobby-Piraten und die großen Rechtsverdreher-Firmen haben Hunderte von Riesen dafür eingesteckt, dass sie ein Gesetz unter den Tisch brachten, das vom Volk zwar gewünscht wurde, von den Reichen aber nicht, weil es ihnen den Profit schmälerte. Geld ist Macht, und Macht wird mißbraucht. Das liegt im System. Vielleicht ist´s ja das beste System, das wir haben können, aber freuen tut´s mich trotzdem nicht.“
Raymond Chandler, Der lange Abschied

[…]

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The American Notebook

Posted in Adamsologie, Cobainologie, Dylanologie, manuskripte, Mikroessays, Notizen, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 12. April 2015

Mein Beitrag zu Heft 207 der manuskripte:
„The American Notebook. Eine Art Hymne
Bordbuch meiner zweiten Reise nach Amerika, Washington, D.C., November 2014“

Der Text zum Lesen (PDF)

Der Text zum Hören: meine Lesung in „Das rote Mikro“ von Barbara Belic, mit Interview, Radio Helsinki, 13.04.15:

Fotos zum Text, in der Reihenfolge ihres Gemachtwerdens*:

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Und zum Ausklang empfehle ich diese Playlist:

Ryan Adams, Kim
Nirvana, Radio Friendly Unit Shifter
Bob Dylan, Sara
Ryan Adams, Oh My Sweet Carolina

* In der Ankündgung hieß es: “in der Reihenfolge ihres Erscheinens im Text”, das war natürlich ein Blödsinn. Die Fotos erscheinen ja nicht im Text, die Bilder des Textes sind andere, und der Text, den die Fotos bilden, erst recht.

P.S. Alle weiteren Beiträge zu meiner zweiten Amerika-Reise, mit Danksagungen (an die manuskripte, das Austrian Cultural Forum in Washington, D.C. etc.), Fotos von der Lesung, vom Kaffeetrinken, vom Weintrinken, vom Inneren des Weißen Hauses etc.

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Posted in Dylanologie, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 27. März 2015

Nachtrag zum Termin:
23.03.2015, 19:00, Präsentation der Anthologie “Austrobob. Österreichische Aneignungen von Bob Dylans Poesie und Musik” (Falter Verlag 2014). Hauptbücherei der Stadt Wien, Urban Loritz-Platz 2a, 1070 Wien.

Begrüßung: Siegmar Schlager (GF Falter-Verlag), Andreas Mailath-Pokorny (Wiener Stadtrat für Kultur und Wissenschaft)
Gäste: Armin Thurnher, Mika Vember, Markus Brandstetter, Andreas Unterweger (Podiumsdiskussion mit den Herausgebern Alexandra Ganser, Eugen Banauch, Martin Blumenau)
Lesungen: Andreas Unterweger (aus Wie im Siebenten), Bernhard Mooshammer
Musik: Bernhard Mooshammer, Markus Brandstetter, Agnès Milewski
Moderation: Eugen Banauch

So habe ich mir damals, als ich in der Schottenfeldgasse an „Wie im Siebenten“ schrieb, meinen späteren Alltag als Schriftsteller immer vorgestellt: Lesungen …

DSC_0720… an coolen Locations …

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… vor viel Publikum …

DSC_1998(C) Olivia Rathammer

… spannende Diskussionen mit geist- und prominenzreichen Zeitgenossen …

DSC_2022(C) Olivia Rathammer

… und anschließend Übernachtung in einem schönen Hotel (Am Brilliantengrund, Bandgasse, 1070 Wien) …

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… und tatsächlich ist es, zumindest an manchen Tagen, Tagen wie diesen (s.o.), auch ganz genau so gekommen!

Ich danke allen Beteiligten, insbesondere den oben auf der Bühne sitzenden für das lustige Diskutieren, Susanne Schwameis vom Falter Verlag für die freundliche Betreuung und Bernhard Mooshammer für die schöne Musik, v.a. „You Gotta Serve Somebody“.

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Austrobob 2

Posted in Dylanologie, Tingeltangel-Tour, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 4. März 2015

Vorschau auf den Termin:
23.03.2015, 19:00, Präsentation der Anthologie „Austrobob. Österreichische Aneignungen von Bob Dylans Poesie und Musik“ (Falter Verlag 2014). Hauptbücherei der Stadt Wien, Urban Loritz-Platz 2a, 1070 Wien.

Begrüßung: Siegmar Schlager (GF Falter-Verlag), Andreas Mailath-Pokorny (Wiener Stadtrat für Kultur und Wissenschaft)
Gäste: Armin Thurnher, Mika Vember, Markus Brandstetter, Andreas Unterweger (Podiumsdiskussion mit den Herausgebern Alexandra Ganser, Eugen Banauch, Martin Blumenau)
Lesungen: Andreas Unterweger, Bernhard Mooshammer
Musik: Bernhard Mooshammer, Markus Brandstetter, Agnès Milewski
Moderation: Eugen Banauch

Der ursprüngliche Termin wurde ja wegen des abenteuerlichen Grundes „Kabelbrand“ abgesagt. Armin Thurnher ersetzt Wolfgang Kos, und Mika Vember ersetzt Cornelia Travnicek.

In der ersten Ankündigung, in der mein eigener Beitrag zum Buch teilweise nachzulesen ist, habe ich vergessen zu erwähnen, dass der Initiator und Mitherausgeber des Projekts, Eugen Banauch, in seinem Essay „Gruber hört heimlich Dylan – Bob Dylan in der österreichischen Gegenwartsliteratur“ die meines Wissens erste wissenschaftliche Beschäftigung mit „Wie im Siebenten“ unternimmt. So etwas liest man natürlich gerne.

Hier zwei kurze Zitate aus Eugen Banauchs langer Auseinandersetzung mit „Wie im Siebenten“:

Über das Buch (mit schönem, schön verstecktem Dylan-Zitat zum Schluss):
Wie im Siebenten ist ein Buch über die erste große Liebe seiner Protagonisten. Es ist aber auch ein Buch über das Schreiben eines ersten Buchs; es bleibt wohl bewusst unklar, ob sich das auf einen (unveröffentlichten) Erstling, auf eine erste Fassung oder auf Wie im Siebenten ganz allgemein bezieht, also selbstreferenziell ist. So etwas bleibt in diesem Roman gerne offen, so klar und wahr er seine Sätze setzt: der Vergleich mit Richard Brautigan im Klappentext ist stimmig. Schon der Titel ist zumindest doppeldeutig: Wie im Siebenten steht sowohl für den sprichwörtlichen – hier weggelassenen – Himmel, als auch für den siebenten Wiener Gemeindebezirk Neubau. ,Neubau´ ist programmatisch zu verstehen, dafür, dass da einer sein Leben baut und seine Liebe, weil er weiß, dass das sonst keiner für ihn macht.“
Usw.

Über den Dylan-Essay im Buch:
„Unterweger schreibt direkt über Dylan, und auch wieder nicht. Er ist es ja nicht, der da schreibt, sondern Andreas, der Protagonist, dem wir in Andreas Unterwegers erstem Buch über die Schulter schauen können, wie er sein erstes Buch schreibt. Und diesem schreibenden Protagonisten ist Dylan so wichtig, dass er lange Überlegungen anstellt, warum Dylan 1964 dem Folk Movement den Rücken kehrt. Er kommt hier zu einer unorthodoxen Lesart von Dylans Gone Electric: ,Weniger wissenschaftlich (und genauer) gesagt: Es war die Liebe zu Sara Lownds, die Bob Dylan elektrifizierte.´ (115)“
Usf.

Zitate aus:

Eugen Banauch: Gruber hört heimlich Dylan – Bob Dylan in der österreichischen Gegenwartsliteratur. In: AustroBob. Österreichische Aneignungen von Bob Dylans Poesie und Musik. Hg. von von Eugen Banauch, Alexandra Ganser, Martin Blumenau.
Wien: Falter Verlag 2014.

Mit freundlicher Genehmigung des Autors – danke!

AustroBob

Posted in Dylanologie, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 27. November 2014

Ab Freitag, 28.11.14, im Handel:

AustroBob

Österreichische Aneignungen von Bob Dylans Poesie und Musik

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Hg. von von Eugen Banauch, Alexandra Ganser, Martin Blumenau.
Wien: Falter Verlag 2014.
Mit Beiträgen von Wolfgang Ambros, Reinhold Bilgeri, Michael Köhlmeier, Doris Knecht, Hans Krankl, Cornelia Travnicek, Andreas Unterweger u. a. m.

Hier bestellbar.

Mein eigener Beitrag ist der sog. „Dylan-Essay“, also Kapitel VII und VIII, aus „Wie im Siebenten“ (Droschl 2009), der folgende Hauptthese ausbreitet: „Es war die Liebe zu Sara Lowndes, die Bob Dylan elektrifizierte“ (und gleichzeitig eine Art Nachwort zu meinem eigenen Buch darstellt).
Hier meine kleine, 2012 geschriebene Vorbemerkung zur Neuauflage des Essays in „AustroBob“ (Thema war, glaube ich: Warum hat man über Bob Dylan geschrieben? O. Ä. [Ah ja, ich sehe schon, der Titel spricht Bände … [[Erst denken, dann schreiben, Andreas! Andreas!! Andreas!!!]]):

WARUM ICH ÜBER BOB DYLAN GESCHRIEBEN HABE

„Ich war richtig verheiratet, und ich habe mich richtig scheiden lassen.“ Dieser Satz, den Bob
Dylan gesagt haben soll, steht in irgendeinem der Bücher, die, unabhängig von ihren
tatsächlichen Verfassern (Benzinger, Williams etc.), unter seinem Namen in meinem
Bücherregal eingeordnet sind – und vielleicht liegt ja darin, dass Bob Dylan alles, was er
getan hat (Protestsänger sein, Rockstar sein, Countrysänger sein, gläubig sein, alt sein usw.),
richtig getan hat – „richtig“ im Sinne von wirklich, absolut: in STS-Sprache heißt so was
„Leben ohne Kompromiss“ –, der Grund dafür, dass Leute wie ich (oder Benzinger, Williams
etc.) damit beginnen, über ihn nachzudenken oder gar zu schreiben, anstatt über sich selber.

Andererseits ist Rolf Benzingers Bob Dylan ein ganz anderer Bob Dylan als der von Paul
Williams, und was meinen eigenen anbelangt (er ist die Hauptfigur des Essays, der gut zwei
Neuntel meines ersten Buchs, Wie im Siebenten, ausmacht), so werde ich den Eindruck nicht
los, er habe mit seinen Namensvettern aus dem Bücherschrank recht wenig zu tun, weniger
zumindest als mit mir – wenn schon nicht mir, dem Autor, so doch „mir, Andreas“, dem Ich-
Erzähler der anderen sieben Neuntel des Romans. (Ähnliches ließe sich natürlich auch für die
Figur namens „Franz Kafka“ in den Büchern von Brod, Camus oder Theweleit behaupten.
Oder diverse Mozarts. Oder die Jesusse von Markus, Matthäus, Lukas und Johannes. Usw.)

Aber bleiben wir bei den Dylans. Dass in Wie im Siebenten ein Teil der Handlung als
dylanologischer Essay erzählt wird, liegt vermutlich daran, dass ich im Frühling 2008, noch
mitten im Schreiben (sprich: Erleben) des Buchs, den Film I´m Not There gesehen habe – und
danach, beim Abendessen im Weltcafé, meiner damaligen Freundin (und heutigen Ehefrau)
Judith nicht jede ihrer Fragen zu Bob Dylan beantworten konnte. – Und es liegt an dem Song
Sara. Das Album, auf dem er zu finden ist (Desire), kannte ich damals zwar schon seit rund
fünfzehn Jahren, doch erst, als mir Judith begegnete, wurde mir klar, dass ich es bin, der ihn
geschrieben hat – und sie diejenige ist, von der er spricht … Und das schrieb ich dann auf.

Sara

Posted in Dylanologie, Tingeltangel-Tour by andreasundschnurrendemia on 4. Oktober 2011

Und noch ein Nachtrag zu dem Termin:
„01.10.2011, 20:00, Andreas Unterweger feat. The Literats beim Geburtstagsfest des Wiener Literaturhauses und der IG Autoren. Weitere Gastsänger: Christian Futscher, Robert Huez, Christoph Mauz. Literaturhaus in Wien, Zieglergasse 26, 1070 Wien.“

(Copyright Literaturhaus)

Links Robert Bilek, der Mundharmonika-Virtuose, rechts ich, die Schnürlsamthosen-Mimose,
nicht im Bild (aber am wichtigsten): Bob Dylan, der den wunderbaren Song „Sara“ geschrieben hat.

Refractions of Bob Dylan – Fotos

Posted in Dylanologie, Tingeltangel-Tour, Wie im Siebenten by andreasundschnurrendemia on 3. Juni 2011

Nachtrag zu dem Termin:
21.05.2011, 20:00, Andreas Unterweger liest im Rahmen des Symposions Refractions Of Bob Dylan. Cultural Appropriations of an American Icon aus „Wie im Siebenten“ und spielt ein paar Songs auf seiner schicken neuen Gitarre. Außerdem auf der Bühne: Doris Knecht und Bernd Moshammer. Anschließend Dylan-DJ (DJ Mushroom). Bunkerei, 1020 Wien.

Ich hatte selten ein so aufmerksames Publikum: vielen Dank für Eure offenen Herzen – und den schönen Abend!

Die ganze Fotostrecke (alle Bilder (c) lama.at) gibt es hier.

manuskripte 186

Posted in Dylanologie by andreasundschnurrendemia on 1. Dezember 2009

Heute, um 20:00, präsentiert Herausgeber Alfred Kolleritsch im Schauspielhaus Graz (Ebene 3) die neue Ausgabe der Literaturzeitschrift manuskripte.
In diesem Heft (Nr. 186!) finden sich großartige Texte so exzellenter AutorInnen (und freundlicher Menschen [in meinen Augen, auch wenn ich ihnen selbst oft kaum zu trauen wage, treten diese zwei Dinge, gutes Schreiben und ein gutes Herz, ja ausnahmslos gemeinsam auf …]) wie Iris Hanika, Forrest Gander oder Marcus Poettler.
Meinereiner durfte zu diesem Druckwerk eine kleine Abhandlung folgenden Titels beisteuern: What is this shit? Schlechte Kunst bei Wolfgang Bauer und Bob Dylan. Ein lockerer Essay.
Ob dieser Essay – der mich, wie „locker“ er sich auch gebärden mag, sehr viel Schweiß gekostet hat – nun gut gelungen ist oder nicht (und was dies über mein Herz aussagt …), darüber mag sich jede geneigte Leserin/jeder geneigte Leser ihr/sein eigenes Urteil bilden.
Vielleicht aber muss ein Essay zum Thema „schlechte Kunst“ ja gar nicht gut sein. Oder aber, im Gegenteil, umso besser. Oder es ist überhaupt so, wie Mae West – zumindest laut einem T-Shirt, das ich heute im Siebenten gesehen habe – gesagt hat: „Wenn ich gut bin, bin ich gut. Wenn ich schlecht bin, bin ich besser.“

Als kleines Amuse-Geule hier die Einleitung (wenn auch ohne – die eminent wichtigen – Endnoten):

What Is This Shit?
Schlechte Kunst bei Wolfgang Bauer und Bob Dylan
Ein lockerer Essay

Einleitung
Selfportrait und Das stille Schilf

„What is this shit?“ Mit diesem „denkwürdigen Einleitungssatz“ eröffnete 1970 der Rolling Stone-Kritiker Greil Marcus seine Rezension zu Selfportrait, Bob Dylans eben erschienenem zehntem Studioalbum. Obwohl oft zitiert, wurde Marcus´ Frage bis heute nicht zufriedenstellend beantwortet.
Zwar gilt Selfportrait – ein Doppelalbum mit 24, meist gecoverten Songs – dem Mainstream der Rockhistorik seither als eines der schlechtesten, wenn nicht gar das schlechteste Dylan-Album aller Zeiten. Doch was „diese Scheiße“, um bei Marcus´ Formulierung zu bleiben, tatsächlich sollte (bzw.: was es mit ihr auf sich hat), darüber gehen die Meinungen in der Dylanologie nach wie vor auseinander.

Während die einen ein „lieblos zusammengestoppelte(s) Sammelsurium“, „das Eingeständnis einer Niederlage“ oder gar „das Ende von Dylan“  beklagen, vermuten andere (wenige) einen verkappten Geniestreich.
Für zusätzliche Verwirrung sorgten die Erklärungsversuche Bob Dylans. Erstens erfolgten sie mit rund eineinhalb Jahrzehnten Verspätung (erstmals in einem Interview mit dem Rolling Stone 1984), zweitens in einer Art und Weise, die das Hitparadendenken des Pop-Diskurses heillos überforderte: „Selfportrait wurde veröffentlicht“, so Dylan etwa, „weil es mich zu der Zeit einfach störte, dass ich so im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit stand. Also haben wir dieses Album herausgebracht, um mir die Leute vom Hals zu schaffen. Sie sollten mich nicht mehr gut finden. […] Und das taten sie auch.“

Ob es nun wirklich so war, wie Dylan sagt, oder nicht – jemand (wie ich), der mit dem Schaffen des 2005 verstorbenen österreichischen Dichters Wolfgang Bauer vertraut ist, wird bei einer solchen Erklärung auf jeden Fall hellhörig. Schließlich erinnert die oben geäußerte Absicht, bewusst zu missfallen, frappant an jene irritierende künstlerische Strategie, die Bauer „schlechte Kunst“ oder „Ästhetik des Missglückten“ genannt und in seinem Gedichtband Das stille Schilf (erschienen 1969) vor- und durchexerziert hat.
Diese Gedichte Bauers sind dermaßen gekonnt schlecht gemacht, dass man sie schon wieder als gut bezeichnen muss! Neben dem beträchtlichen satirischen Potenzial (Parodie auf Leserbriefgedichte, allzu hermetische Lyrik etc.) ist Bauers verquerer Poetik auch ein utopischer Zug eigen: durch den völlig unreflektierten, unbedarften sprachlichen Gestus scheint die Sehnsucht danach, „Gefühle, Empfindungen, Absichten (…) wie im kindlichen Bewußtsein direkt und spontan entfalten zu können“ (Gerhard Melzer). Indem sie vorführen, wie kläglich dieser Versuch scheitert, wohnt den schlechten Gedichten nicht zuletzt auch ein subtiler sprachkritischer Aspekt inne.

Jemandem wie mir (mit Bauers Gedichtband vertraut, mit Dylans Äußerung konfrontiert) stellt sich damit folgende Frage: Wäre es nicht möglich, dass sich hinter dem viel gescholtenen Album Selfportrait ein ähnlich geglückt missglücktes Meisterwerk – und damit: ein Bauers „schlechter Kunst“ vergleichbares ästhetisches Konzept – verbirgt?

Und hier der ganze Text!